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Nicht völlig harmlos und unbedeutend – und schon gar nicht lächerlich

Das Beschneidungsurteil: Ein Meilenstein oder viel Lärm um nichts? Einige persönliche Gedanken zu einer aktuellen Debatte. Von Holger Fehmel.

Skulptur in der Kathedrale im französischen Chartres. Foto: Ted Drake / Flickr / CC-BY-SA

Selbstbestimmung – Seit zwei Wochen debattiert die deutsche Öffentlichkeit leidenschaftlich über Vorhäute und die Beschneidung minderjähriger Jungen. Gibt es keine wichtigeren Probleme auf der Welt, könnte man fragen. Das ist sicherlich richtig. Es gibt weit Wichtigeres. Aber es ist ein Thema, über das sich bisher kaum jemand wirklich Gedanken gemacht hat. Zu Unrecht, meiner Meinung nach. Schließlich geht es um Kinderrechte, Selbstbestimmung, Religionsfreiheit, Elternrechte und deren Grenzen, und um die Frage, wie im Spannungsfeld dieser kollidierenden Rechte eine angemessene Lösung gefunden werden kann.

Das Kölner Beschneidungsurteil hat viel Wirbel ausgelöst. Auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, in dem sich viele Menschen unterschiedlichster Religionen und Weltanschauungen befinden, hat das Urteil zum Teil sehr unterschiedliche und kontroverse Meinungen hervorgerufen. Ein schwieriges Thema. Ich wurde gefragt, wie ich als Jurist dazu denke, wie ich als säkularer Humanist dazu denke. Ich werde mich als beides äußern, vor allem aber als Betroffener.

Ich habe in den letzten Tagen viel darüber nachgedacht, habe geschwankt zwischen verschiedenen Positionen, unterschiedlichen Kommentare, zustimmende wie ablehnende Meinungen gelesen. Ich habe viel Nachdenkenswertes, sorgfältig Abwägendes, aber auch viel Übereiltes, Unüberlegtes, Unsachliches und Polemisches gelesen. Mein persönliches Fazit ist nach wie vor zwiespältig.

Von den einen wurde das Urteil als historischer Meilenstein für die Kinderrechte, das Recht auf Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit enthusiastisch begrüßt.

Von den anderen wurde es als dramatischer Eingriff in die Religionsfreiheit und das Recht der Eltern auf religiöse Erziehung ihrer Kinder gebrandmarkt. Einige sahen in dramatischer Überspitzung das jüdische und muslimische Leben in Deutschland insgesamt als gefährdet an.

Generell möchte ich allen Seiten sagen: Es ist einfach, sich auf eine Seite zu schlagen, nur deren Argumente zu sehen und der anderen Seite finstere Motive zu unterstellen. Aber so einfach ist es nicht. Ich habe den Eindruck, dass viele unter völlig verschiedenen Blickwinkeln aus auf dieses Urteil schauen. Vielleicht hilft einfach mal eine Veränderung der Perspektive. Was die einen nur unter dem Aspekt der Kinderrechte sehen, sehen die anderen nur unter dem Aspekt der Religionsfreiheit oder gar der Minderheitendiskriminierung. Und so kommt es, dass berechtigte Anliegen hinsichtlich der Rechte von Kindern auf tief verwurzelte, identitätsstiftende Traditionen treffen, denen man als demokratisch denkender Mensch auch nicht so ohne Weiteres jede Legitimation absprechen kann. Persönlich tue ich mich sehr schwer in dieser Sache. Und damit, eindeutig Partei zu ergreifen pro oder contra Verbot. Irgendwie haben beide Seiten Recht und Unrecht zugleich.

Am Schwersten tue ich mich aber mit denjenigen, die reflexartig die hässliche Fratze des Faschismus, von Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, Religionsfeindlichkeit und Diskriminierung und unschöne historische Analogien bemühten, ohne überhaupt mal einen Augenblick die Argumente der Beschneidungskritiker in Erwägung zu ziehen. Zwar ist zuzugestehen, dass einige Befürworter des Kölner Urteils in ihren Kommentaren tatsächlich solche Tendenzen erkennen ließen.

Aber dies den Kölner Richtern und den Wegbereitern dieses Urteils in der Strafrechtswissenschaft zu unterstellen, ist abwegig und unfair. Den meisten Beschneidungskritikern geht es nicht darum, die jüdische und muslimische Religion und Kultur zu diskriminieren, zu unterdrücken oder gar zu vernichten. Die meisten äußern sich in ehrlicher Empörung über ein aus ihrer Sicht überholtes und archaisches Ritual, das in das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung eingreift. Dass die Kritik in diesem Falle eine jüdische und muslimische Tradition trifft ist Zufall und richtet sich nicht im eigentlichen Sinne gegen diese Religionen und Kulturen. Die Kritik wäre nicht weniger berechtigt und notwendig, wenn dieses Ritual von der Mehrheitsgesellschaft praktiziert würde, wie dies z.B. in den USA der Fall ist.

I. Ich stimme den Beschneidungskritikern grundsätzlich zu.

Ich bin ein strikter Gegner der Beschneidung von Jungen ohne medizinische Notwendigkeit. Es ist medizinisch unnötig, es ist unnötiger Schmerz für das Kind und die langfristigen physischen und psychischen Auswirkungen sind nicht zu leugnen.

Ich weiß wovon ich rede. Ich wurde selbst als Kleinkind beschnitten. Ich war etwa drei Jahre alt. Meine Eltern sagten mir später, es sei aus medizinischer Notwendigkeit geschehen. Ich habe gute Gründe dafür anzunehmen, dass das stimmt, jedenfalls nach damaligen medizinischen Standards. Ich mache niemandem deswegen einen Vorwurf.

Dennoch: Als Kind und Teenager war ich nicht glücklich damit. Ich fühlte mich verletzt und unvollständig. Ich hatte es nicht selber entscheiden können, ob ich das wollte. Es hat Hemmungen, ja Komplexe in mir verursacht, auch in meiner sexuellen Entwicklung. Angst vor Häme und Spott der anderen Jungen, und vor allem der Mädchen kam hinzu, auch wenn es tatsächlich nie dazu kam.

Dennoch war es für einen Jungen mit eher schüchternem und zurückhaltendem Naturell eine zusätzliche Bürde. Meine Befürchtungen diesbezüglich mögen objektiv unbegründet gewesen sein, aber sie spukten in meinem Kopf herum und waren somit für mich real. Ich gebe zu, einen jüdischen oder muslimischen Jungen, der sich in seinem Milieu bewegt, werden solche Gedanken wohl kaum plagen. Aber hier verweise ich auf die physischen Auswirkungen. Dazu gleich mehr.

Nun, man wird älter, reifer und selbstbewusster. Man merkt irgendwann, dass das ja gar nicht so schlimm ist, dass das auch kaum jemanden wirklich interessiert. Man kann damit leben, arrangiert sich damit und ja, man kann auch ohne Vorhaut ein erfülltes Sexleben haben. Ohne Frage. Dennoch bleibt bis heute das Gefühl, irgendwie verletzt und unvollständig zu sein. Und die physischen Auswirkungen sind signifikant und nicht wegzudiskutieren. Mal ganz abgesehen von dem jeden einleuchtenden Erschwernissen bei der Masturbation ist der Empfindungsverlust an der Eichel massiv. Zumal die Vorhaut für die sexuelle Stimulierung viele wichtige Nervenenden hat.

Nein, es ist kein harmloser und folgenloser Eingriff. Die Auswirkungen gehen weit über den eigentlichen Eingriff hinaus. Bitte bedenkt dies, wenn ihr Euch für diese Prozedur an Euren Kindern entscheidet. Bitte seid nicht so traditionsblind, einfach überkommene Traditionen zu übernehmen. Denkt bitte einen Moment nach!

Ich appelliere insbesondere an meine muslimischen und jüdischen Freunde, dieses Ritual ernsthaft zu überdenken. Ist das für Euren Glauben, eure Kultur wirklich so wichtig? Hat eure Religion, eure Kultur nicht viel, viel mehr zu bieten? Ist es nicht möglich, wenigstens so lange zu warten, bis die Kinder selbst darüber entscheiden können? Insbesondere meine muslimischen Freunde frage ich, steht denn irgendwo in euren heiligen Schriften, dass der Eingriff im Kindesalter vorgenommen werden muss? Und an meine jüdischen wie muslimischen Freunde geht die Frage, ob man Eure heiligen Schriften nicht auch so auslegen kann, dass ein symbolischer Akt reicht, z.B. ein kleiner Piekser, ein Einritzen? Kommt es im religiös-spirituellen Sinn nicht eher auf die Symbolik des Ritus an, weniger auf den anschließenden Zustand? Diese Fragen sind ernst gemeint, bitte denkt darüber nach. Und wenn die Beschneidung dennoch so wichtig sein sollte, dann kann sich der Junge, der junge Mann später doch noch bewusst dazu entscheiden.

II. Dennoch habe ich erhebliche Bedenken gegen ein strafrechtliches Totalverbot und bin geneigt, mich dagegen auszusprechen.

Insbesondere meine säkularen und humanistischen Freunde möchte ich zur Besonnenheit aufrufen. So sehr ich Eure Abneigung über dieses aus unserer Sicht archaische und unnötige Ritual teile, und auf eurer Seite bin, wenn es darum geht, Eltern davon zu überzeugen, von diesem Ritual abzusehen, so müssen wir dennoch hier mit höchstmöglicher Sensibilität vorgehen.

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Diskussion - Bisher 48 Kommentare - Kommentar schreiben
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    Naja, ganz so einfach ist das auch nicht, denn wenn es sich um nichtreligiöse (genauer gesagt „anerkannt religiöse“) Beweggründe handelt, bei denen Eltern ihren Kindern Schäden zufügen, dann ist nicht nur die Gesellschaft sondern sind auch Jugendämter, Gerichte usw. schnell dabei in Familien einzugreifen bzw. Eltern vor ihren Eltern „schützen“ zu müssen. Die gesamte Debatte ist doch schon dabei bigott…

    Warum sollten wir ausgerechnet dort besondere Entrechtungen tolerieren, wo diese einzig einer religiösen Überzeugung oder „Tradition“ entsprechen? Vor wenigen Jahren war es in Deutschland noch „Tradition“ – und die Beteiligten wollten natürlich auch nur „das Beste“ Kinder mit Gewalt, mit Prügel oder Folter zu maßregeln – erst Verbote haben hier Klarheit geschaffen.

    Ein Mediziner, der sich in seinem Eid allein der medizinischen Gesundheit des Patienten verpflichtet, dürfte es ebenso schwer haben hier eine Körperverletzung auf Wunsch der Eltern durchzuführen. Denn Tradition hin oder Glaube her – mit Gesundheit hat solch ein Eingriff auch wenig zu tun, was zumindest der Arzt wissen dürfte.

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    ..ach übrigens: Das Verprügeln von Kindern ist ebenso religiöse Tradition wie Teil der Bibel: „wer seinen Sohn liebt, der züchtigt ihn…“

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    Du schreibst „Dennoch müssen wir respektieren, dass andere Menschen diesen Glauben haben.“

    Nein, müssen wir nicht. Wir müssen tolerieren, das andere Menschen solche archaischen Weltanschauungen haben. Das ist in einer offenen, freiheitlichen Gesellschaft selbstverständlich. Respekt sollte man dem aber nicht zollen.

    Aber selbst die Toleranz muss Grenzen haben. Es kann nicht sein, das die körperliche Unversehrtheit eines Menschen zurückstehen muss, wenn es um archaische Rituale geht.

    Allerdings wird wahrscheinlich eine gesetzliche Regelung nichts nützen, weil Eltern zur Befriedigung ihrer religiösen Riten dann entweder einfach dagegen verstoßen werden oder die Operation im Ausland machen lassen. Irgendwer wird sich schon finden, der das macht, und das Kind kann sich ja rechtlich erst viele Jahre später wehren. Und ob das dann tatsächlich noch passiert?

    Gesetze bringen nichts, wenn die Gesellschaft sie nicht akzeptiert. Und die Akzeptanz eines Beschneidungsverbots sehe ich zur Zeit leider nicht.

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    Ein Verzicht auf gesetzliche Verbote setzt voraus, dass es in der muslimischen und jüdischen Minderheit die Bereitschaft, den Willen und die bloße Fähigkeit zum Umdenken gibt. Die bisherigen Diskussionen geben nicht den geringsten Anhaltspunkt, dass im Dialog solches erreichbar wäre.
    Ich bin nicht bereit, unsere prinzipiell seit 60 Jahren bestehenden, aus guten Gründen verfassten Gesetze – auch wenn sie erste seit kürzerer Zeit auch für Kinder durchgesetzt werden – zu übergehen und auf die lange Bank zu schieben. Reformation schädlicher, religiöser Traditionen erfolgt erfahrungsgemäß und historisch unzählige Male bewiesen immer erst auf konkreten Druck einer klarer denkenden Mehrheit. Religionsvertreter heften sich mehrheitlich gerne den Orden an die Brust, sich über Jahrhunderte und Jahrtausende NICHT zu verändern.
    Abschaffung der Sklaverei, Frauenrechte, Wahlrechte, Kinderrechte, Religionsfreiheit. All das sind immens wichtige Errungenschaften, die allesamt von der Religion aufgehalten und bekämpft wurden. Und die Gründe für das Festhalten an der Beschneidung sind kein bisschen besser als für das Festhalten an der Sklaverei.
    Ich bin nicht bereit, beim überflüssigen Verletzen von Kindern wieder so lange ein Auge zuzudrücken, bis in zwei, dreihundert Jahren auf steten Druck umgedacht wird. Wir müssen auch endlich mal dazulernen, dass endlose Toleranz gegenüber nicht respektierenswerten Traditionen naiv ist und nur den bigotten Hardlinern nützt.

 
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