wissenrockt.de

wissenrockt.de

Startseite » Allgemein » Mehr Freiheit für die Menschen

Mehr Freiheit für die Menschen

PZ Myers plädierte auf der vergangenen Atheisten-Konferenz in Köln dafür, dass Atheismus als eine Philosophie des sozialen Liberalismus auftreten sollte. Von Dominic Röltgen.

Gesellschaft – Auf der internationalen atheistischen Tagung in Köln, die Ende Mai stattfand, diskutierten die Teilnehmer über die atheistische Perspektive in Europa und weltweit. Und dem US-amerikanischen Evolutionsbiologen Paul Zachary Myers nach sollte der Sinn der atheistischen und säkularen Bewegung nicht das Hochhalten der Wissenschaft per se sein, sondern die Ausweitung und das konsequente Ausleben sozialer Gerechtigkeit.

Doch was sind das eigentlich für Menschen, die sich bei einem Atheisten-Kongress treffen? Werden atheistische Vereine wirklich von verschrobenen Leuten mehrheitlich vom Stereotyp des Physik-, Mathematik-, Informatik- oder Philosophiestudierenden gegründet, und haben sie vornehmlich ebenso verschrobene Leute als Mitglieder in ihren Reihen?

Und überhaupt: Wozu sollen atheistische Vereine gut sein? Sind sie nicht ein Widerspruch in sich? Erwecken ihre Gründer und Mitglieder doch damit, dass sie ihre antireligiöse und gottverneinende Grundeinstellung in ein organisiertes Programm packen, den Eindruck, ziemlich ähnlich dogmatisch zu handeln und zu denken wie ihre Erzfeinde, die organisierten Religionen.

Zugegeben, die Spekulationen, welcher angebliche Typ Mensch denn wahrscheinlich Mitglied in einer atheistischen Vereinigung ist, sind regelmäßig  polemisch und klischeebeladen. Aber vielleicht gerade deshalb auch dennoch in vielen Köpfen verankert – und bestimmt nicht nur in religiösen Kreisen. Denn Klischees entstehen oft schließlich erst dadurch, dass sie ein Fünkchen an „Wahrheit“ aufgreifen und dieses überzeichnen.

Deshalb zeigte sich PZ Myers während seines Vortrags auf der „Internationalen atheistischen Tagung“  sehr erfreut darüber, dass die Bewegung sich in den letzten zwei Jahrzehnten von einem Haufen verschrobener weißer Kerle, sogenannten „cranky white guys“, hin zu einer sehr heterogenen und multikulturellen Gruppe entwickelt habe.

Die dreitägige Tagung war laut Veranstalter der bisher größte Event dieser Art in Deutschland. Der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten und die Atheist Alliance International luden ein, die Giordano-Bruno-Stiftung kooperierte. Insgesamt mehr als 200 Menschen kamen.

Bunt gemischtes Publikum im Kölner Comedia Theater. Foto: © Evelin Frerk

Doch um gleich Entwarnung zu geben: Es waren ganz normale Leute. Menschen wie du und ich, also vor allem: ganz unterschiedliche Personen. Da war der etwas bullige junge Mann mit der Glatze und dem liebenswürdigen Gesicht. Er trug ein rotes T-Shirt mit dem Aufdruck „Non-Believers giving Aid – do good, for goodness sake“.

Da war der Mann mittleren Alters, der mir an der Bar erzählte, dass er leider keine Karte mehr bekommen habe und darum nur an der Preisverleihung des „Sapio“-Awards teilnehmen könne, welcher separat im Rahmen der Tagung verliehen wurde.

Und da waren Shinta Quist aus Indonesien und der pakistanische Arzt und Freidenker, Younes Sheikh. Sheik erzählte freimütig seine Geschichte, nach der er aus seiner Heimat fliehen musste, weil islamische Fundamentalisten auf die Logik seiner Behauptung, der Prophet Mohammed könne erst im Alter von 40 Jahren zum Muslim geworden sein, da dieser erst in diesem Alter anfing den Glauben an Allah zu verbreiten, äußerst verstimmt reagierten. In einem fingierten Prozess wurde er der Blasphemie für schuldig befunden und verbrachte zwei Jahre in einer Todeszelle, bevor er nach einer Überprüfung des Urteils wieder freigelassen wurde.

Datenschutzinformation
Diskussion - Bisher 11 Kommentare - Kommentar schreiben
  •  

    Ich finde es schade, das der Event es letztlich nicht zusammenbrachte, eine richtungsweisende wie zumindest grundlegende Arbeitsgrundlage für eine solche Initiative, “Verein”, Interessengruppe oder was auch immer zusammenzubringen – dabei gäbe es genug Verbindendes, vor allem aber Konkretes, was als solche geeignet wäre.

    Das vordringlichste Thema für die “Gottlosen” bzw. Nichtreligiösen, die sie als solche von anderen mehrheitlich differenziert, ist zB die Gleichstellung aller Bürger vor dem Gesetz, woran wir Deutschen mehr um mehr zu arbeiten haben – konkret also den Abbau von Religionsprivilegien wie die Herstellung der Wahlfreiheit für Eltern und Bürger – die Trennung von Staat und Kirche.

    Stattdessen ist man sich lediglich “einig”, das man “mehr soziale Gerechtigkeit” haben bzw. erreichen will – ein von der Gruppe der Atheisten mindestens ebenso unabhängiger wie unklarer Zusammenhang, ja Sachverhalt. JEDE politische Partei, ja JEDE politische Strömung hat letztlich nichts anderes zum Ziel – wobei die Gegensätzlichkeit der Vorstellung darüber mehr als bezeichnend ist, sich nie und nimmer auf einen gemeinsamen Nenner bringen ließe, der auch nur einen Mikrometer darüberhinaus reichen könnte.

    Weniger hätte wohl kaum bei rauskommen können – schade um den ehrenhaften Versuch…

  •  

    Es ist ein naheliegender Versuch Liberalismus und Atheismus zu verbinden. Den Liberalismus kann man nicht wie eine klassische Ideologie begründen. Liberalismus als Appell an die Fairneß, wie man dies von John Rawls kennt, erscheint nur rührend. Vielmehr kann man den Liberalismus nur indirekt begründen, nämlich durch die Ablehnung von allen Dogmen. Und damit sind natürlich auch alle Religionen gemeint. Schließlich ist die Verteidigung der Freiheit auch nötig, wenn es gegen die Machtanmaßungen der Religionen geht.
    Aber was den sozial verpflichteten Liberalismus angeht stößt man auf erhebliche Schwierigkeiten. Über grobe Ungerechtigkeiten wird man schnell Einigkeit herstellen können. Aber was sozial gerecht ist, und dies auch noch im Detail, darüber werden immer die verschiedensten Auffassungen bestehen.

  •  

    Liberalismus hat heute leider keine Konjunktur und diejenigen, die ihn nicht wollen, haben es geschafft schon den begriff Liberalismus negativ zu besetzen, ja sogar zum Unwort zu diffamieren – bestes Beispiel: “Neoliberalismus”.

    Liberalismus schließt soziales Miteinander keineswegs aus – wie vielfach behauptet – nein er schließt ihn sogar erheblich ein, schon weil der Mensch ein soziales Wesen ist und kaum (wie auch gern behauptet) in “Einzelkämpfermentalität” besser agieren wie überleben könnte.

  •  

    Politische Propaganda hat es sogar geschafft einen Begriff in sein Gegenteil zu verkehren. Begründer des Begriffs “Neoliberalismus” war der Soziologe und Nationalökonom Alexander Rüstow. Er forderte einen sozial verpflichteten Liberalismus in Abgrenzung zum Paläoliberalismus eines Ludwig von Mises. Dass Neoliberalismus heute als Ideologie eines besonders grausamen Raubtierkpitalismus verstanden wird, ist das Ergebnis dauerhaft durchgehaltenen Lügens.

  •  

    Danke für den ergänzenden Diskurs zum Term “Neoliberalismus”… ß)

 
Zuschauer
Schaufenster