
In Wien beliebt bei Gesundheitsbeschwerden: Zuckerkügelchen. Foto: GWUP
Blog – Die Wienerinnen und Wiener glauben gern an Hokuspokus. Laut einer aktuellen Umfrage des ORF-Programms Radio Wien sind 71 Prozent überzeugt, dass an “alternativen Heilmethoden” was dran ist. Als Skeptiker outet sich so gut wie niemand. Alternativ-”Mediziner” haben offenbar ganze Arbeit geleistet.
Homöopathie, Bachblüten, Akupunktur oder TCM – alles das gleiche und vor allem: Keine böse Schulmedizin. Innovativ, unkonventionell und gleichzeitig Zeugnis “jahrtausendealter Weisheiten”, wenn auch mitunter neu entdeckt. Mit diesen Attributen haben sie ihre diversen Hokuspokus-Praktiken versehen und die Mehrheit der Menschen glaubt es. Zumindest irgendwie. 71 Prozent der Wienerinnen und Wiener halten “alternative Heilmethoden” en gros für eine “sinnvolle Ergänzung zur Schulmedizin”. Neun Prozent halten sie gar für “besser als die Schulmedizin”. Die Skeptiker kann man in der Umfrage mit der Lupe suchen. Ganze drei Prozent haben in der Online-Studie angegeben, nicht an Hokuspokus zu glauben. 15 Prozent sind zumindest von einigen Methoden nicht überzeugt.
Die Methodik der Umfrage mag gewisse Mängel haben. Das Sample war mit 300 Menschen relativ klein. Wien hat mehr als 1,6 Millionen Einwohner. Dass sie online ausgeführt wurde, mag die Repräsentativität etwas einschränken. Es ist möglich, dass sich vorwiegend Menschen angesprochen gefühlt haben, die von “alternativen Heilmethoden” ohnehin eine hohe Meinung haben, wie ein Mitglied der Wiener Skeptiker in einer E-Mail-Diskussion in den Raum stellt. Andererseits decken sich die Ergebnisse im großen und ganzen mit vielen Umfragen, die die Homöopathen in Auftrag geben.
Beim Glauben an den Hokus Pokus der selbst ernannten Wunderheiler scheint es nicht zu bleiben. 71 Prozent der Befragten geben an, sie hätten zumindest einmal Homöopathie ausprobiert. Je etwa ein Drittel hat es mit Bachblüten und Akupunktur versucht. An der Bildung scheint es nicht zu liegen. Leute mit Matura, dem österreichischen Äquivalent des Abiturs, greifen offenbar überdurchschnittlich häufig zu Globuli und Co. Und nur zwölf (!) Prozent geben an, noch nie bewusst “alternative Heilmethoden” angewandt zu haben.
Image ist besser als Vertrauen
Das sagt mehr über das Image dieser “Heilmethoden” aus als über das Vertrauen, das die Menschen in sie haben. Sobald es um ernste Erkrankungen geht, bleiben die Befragten geschlossen lieber bei der “ach so bösen” Schulmedizin. Ganze fünf Prozent würden eine akute Lungenentzündung mit Hochpotenzen oder Räucherstäbchen auskurieren wollen. Man darf vermuten, dass das mangelnde Vertrauen in die Alternativ-”Medizin” zu einem guten Teil mitverantwortlich ist für das positive Image.
Für kleine Wehwechen oder als “Unterstützung” bei echter medizinischer Behandlung würde der Großteil der Befragten auf eine der Methoden zurückgreifen. Bereiche, in denen eine Wirkung empirisch nicht fassbar ist. Da kann man sich schnell einreden (lassen), es sei ein Erfolg gewesen, dass die Erkältung überspitzt formuliert nur sieben Tage gedauert habe und nicht eine ganze Woche, wie ein populäres Sprichwort besagt. Die Erwartungshaltung sorgt schon dafür, dass man sich erfolgreich einreden kann, die Wunderheiler hätten die Genesung beschleunigt oder erträglicher gemacht. Sofern nicht der Placebo-Effekt als Tochter der Erwartung etwas nachgeholfen hat.
Gruppendruck ist enorm
Dass einem lauter Erfolgsgeschichten begegnen, wenn man nach den Motiven fragt, liegt sicher auch am enormen Gruppendruck, der mit “alternativen Heilmethoden” verbunden ist. 61 Prozent der Befragten geben an, sie seien von Freunden und Bekannten darauf aufmerksam gemacht worden. Da funktioniert die Missionierung besonders leicht. Wie eine Wiener Skeptikerin in der Mail-Diskussion schreibt: Bei Freunden und Bekannten kommt es gar nicht gut an, wenn man “alternative Heilmethoden” in Zweifel zieht.
Man gilt schnell als intolerant und borniert – oder als Opfer der Propaganda der Pharma-Industrie oder eines altmodischen Arztes. Es könnte ja “was dran” sein. Man kennt irgendjemanden, dem das total geholfen hat. Und gibt’s nicht auch Homöopathie für Haustiere? Die Wissenschaft weiß auch nicht alles. Wer dagegen hält, wird schnell zum Außenseiter. Mit etwas Pech auf ewig. In der Gruppendynamik siegen meist die, die am stärksten auf ihrem Standpunkt beharren. Argumente zählen da wenig. Ein Wunderheilungs-Fan mit vielen Bekannten kann mehr Menschen missionieren als ganze Skeptiker-Armeen Menschen gegen Hokus Pokus immunisieren können.
Wunderheilung funktioniert wie Lotto
Wunderheilung funktioniert wie Lotto. Man bekommt nur die (vermeintlichen) Erfolgsgeschichten präsentiert. Über Misserfolge hört man nie etwas. Gut, jemand, der Jahrzehnte Lotto spielt und nie etwas gewonnen hat, könnte zumindest Interviews geben. Ein besonders Wunderheilungsaffiner kann das im schlimmsten Fall nicht. Und selbst wenn er die Dummheit überlebt, eine Lungenentzündung mit Globuli zu kurieren, wird er selten bekennen, dass er sich geirrt hat. Erstens hat er überlebt. Das beweist in seinen Augen, dass das Zeug wirkt. Zweitens ist er selber schuld, dass es so knapp war. Er hat nicht genug geglaubt oder falsch dosiert. Falls er doch seine Zweifel an der Alternativ”medizin” bekommt, wird er sich drittens schämen. Niemand gibt gern zu, mit seiner Überzeugung gescheitert zu sein.
Ärzte und Apotheker verdienen an Pseudo-Medizin
Erschütternd ist, in welchem Ausmaß sich Ärztinnen und Ärzte an den Missionierungsaktionen der Wunderheilungsindustrie beteiligen. 38 Prozent der Befragten sagen, der Hausarzt haben ihnen den Hokus Pokus empfohlen. 18 Prozent geben einen Facharzt als Propagandisten der Pseudo-Medizin an. Bei 24 Prozent war es die Apotheke. So erschütternd die Zahlen sind, so wenig dürfen sie überraschen: Ärztinnen und Ärzte und Apotheken verdienen sich an der Pseudo-Medizin eine goldene Nase.Wenige Apotheken werben nicht mehr oder weniger aufdringlich damit, sie würden auch Homöopathie und Schüssler-Salze anbieten. Irgendein Kunde wird sich das aufschwatzen lassen. Auch als Zusatz zu einem ärztlichen Rezept.
Den Wunderheilern im weißen Kittel hilft, dass etwa nur 15 oder 16 Prozent der Bevölkerung wissen, wie Homöopathie angeblich funktioniert. Und das nach Angaben der Homöopathen. Bei Akupunktur sieht’s vermutlich noch schlechter aus. Da weiß man nur, das ist irgendwie asiatisch mit Nadeln. Bei Schüsslersalzen denkt ein durchschnittlich gebildeter Mensch eher an Meersalzextrakte und was zum Teufel sollen Bachblüten sein? Klingt nach pflanzlicher Medizin. Dass der Inhalt der Fläschchen bestenfalls beim Transport eine Blüte aus der Ferne gesehen hat, sagt einem niemand. Es steigert die Verwirrung, dass “alternative Heilmethoden” bevorzugt im gleichen Atemzug mit Naturheilkunde genannt werden. Das klingt etablierter. Und verwischt die Unterschiede zwischen Heilpflanzen mit wissenschaftlich nachweisbarer Wirkung (wobei auch die Naturheilkunde kein Unschuldslamm ist) und den Eingebungen, die irgendwer irgendwann mal zum menschlichen Körper gehabt hat, ohne auch nur ein Anatomiebuch gesehen zu haben.
Verschwörungstheorie hilft
Und natürlich hilft die gute alte Verschwörungstheorie. Die Pharmaindustrie ist abgrundtief böse und abgrundtief gierig (und tut einiges, um diesen Eindruck zu bestätigen) und die Mediziner sind abgrundtief dumm. Zusammen arbeiten sie seit Jahrzehnten an Plänen, wahlweise die Menschheit zu knechten oder ihre Taschen zu füllen. Oder beides. Dass Naturwissenschaftler borniert sind, wissen wir seit der Schule und haben die nicht die Atombomben gebaut? Wenn jemand mehr oder weniger geheimes Wissen gegen diese Leute aufbieten kann, hat er automatisch Recht. Ein aufrechter Held der Befreiung der Menschheit von Dogmen. Dass hinter Alternativ-”Medizin” ebenfalls handfeste ökonomische Interessen stecken, verschweigt man lieber. Das könnte das Bild stören. Dann könnte vielleicht jemand weniger gern an Wunderheilung glauben.















Ich habe irgendwie das Gefühl, dass die eher politisch linke Einstellung der Menschen im gebildeten Millieu dafür verantwortlich ist. Alles was mit Kapitalismus, Philanthropismus, Nationalsimus oder Amerikanismus zu tun hat und sich nicht Ökologie, Multikulturismus, Sozialismus, etc. in Einklang bringen kann, bekommt automatisch das Prädikat Böse aufgedrückt. So kommt dann heraus: Atomkraft ist böse, 9/11 waren die Amerikaner selber, Evolutionspsychologie ist böse, weil sie Unterschiede zwischen Mann und Frau sowie verschiedenen Ethnien darstellt, westliche Medizin, weil imperialistisch ist auch böse und Genetik ist auch böse.
Wann wird in den Schulen endlich mal Wissenschaftstheorie gelehrt und nicht so einen Mist wie Ethik.
Ich könnte dir jetzt eine sehr, sehr lange Replik schreiben. Ich denke aber, dein ganz offensichtlich nicht rationales Feindbild lässt sich am einfachsten mit der Tatsache entkräften, dass der Autor dieses Beitrags, also meine Wenigkeit, ein ausgewiesener Linker ist, der in Kapitalismus und Nationalismus wenig positives sieht. Deswegen halte ich 9/11 nicht für eine amerikanische Verschwörung und Atomkraft für einen verdammt teuren Irrweg – mit böse hat das nix zu tun. Das Moralisieren überlass ich den Rechten.
Wie du mit der Evolutionsbiologie wissenschaftlich haltbare Unterschiede zwischen den Ethnien konstruieren kannst, wirst mir erst beweisen müssen.
Also: Beschäftig dich mal mit Erkenntnistheorie, dann reden wir weiter.
Herr Baumgarten Sie scheinen die Weißheit mit Löffel gegessen zu haben.
Relativ kurz gefasst hat man doch im Grunde 3 Möglichkeiten als Patient:
1. man vertraut der Schulmedizin und deren Pharmaindustrie mit ihren Heilversprechen
2. man vertraut dem jahrtausend alten Wissen der Alternativmedizin
3. man weiß wie sein Körper funktioniert und vertraut IHM und tut alles dafür, dass er optimal funktioniert
und das, werter Herr Baumgarten sollten Sie jeden Menschen selbst überlassen und die Welt mit Ihren Glaubensgrundsätzen (an was auch immer) verschonen.
Weisheit. Es heißt Weisheit, das nur nebenbei.
Punkt 1: Kein vernunftbegabter Mensch vertraut der Pharmaindustrie hundertprozentig. Jeder vernunftbegabte Mensch hinterfragt die Aussagen seines Arztes auf Plausibilität. Viele medizinische Untersuchungen und Behandlungen sind unnötig, manchmal sogar schädlich, etwa wegen Nebenwirkungen.
Punkt 2: Das “jahrtausendealte Wissen” ist selten ein paar Jahrtausende alt. Homöopathie stammt aus dem 19. Jahrhundert (einige Überlegungen gab’s schon im 18.), die tibetische “Medizin” ist auch erst seit ein paar hundert Jahren irgendwie systematisiert. Die indische und chinesische “Medizin” sind älter aber auch keine paar Jahrtausende. Die meisten Methoden sind weitaus jünger, als einem weisgemacht wird. Zudem fußen die meisten dieser “Medizinen” auch nach eigenen Angaben nicht auf Empirie (oder zumindest dem Versuch darin) sondern auf irgendwelchen vorgeblichen göttlichen Eingebungen oder sonstigen Dogmen wie Harmonie und Symmetrie, also im wesentlichen auf ästhetischen Vorstellungen, wie die Welt zu funktionieren hat. Die chinesische “Medizin” etwa hat in wichtigen Bereichen (Säftelehre) im wesentlichen die gleichen Prinzipien wie antike oder mittelalterliche Vorstellungen im Westen. Die gelten heute – zu Recht – als unwissenschaftlich und als bestenfalls medizinhistorisch wertvoll. Als Behandlungsbasis dienen sie nicht. Warum soll man solche Vorstellungen plötzlich wieder als wertvolle Diagnose/Behandlungsmöglichkeiten sehen, nur weil sie von wonandersher wieder auftauchen?
Keine dieser Alternativ”medizinen” hat zustandegebracht, was die moderne Medizin geleistet hat: Die Verdoppelung der menschlichen Lebenserwartung. Einen besseren Beweis kann es nicht geben.
Was Punkt drei betrifft: Wenn das gut funktionieren würde mit der Kenntnis des eigenen Körpers gebe es keine Ärzte, Shamanen oder was weiß ich. Darauf kann man eigentlich nicht sinnvoll antworten.
Das alles hat mit “Glaubenssätzen” nichts zu tun. Das sind Fakten. Aber ich verstehe schon, dass man sie lieber nicht kennt. Sie stören die eigenen Vorurteile.
Zitat:Die chinesische “Medizin” etwa hat in wichtigen Bereichen (Säftelehre) im wesentlichen die gleichen Prinzipien wie antike oder mittelalterliche Vorstellungen im Westen. Die gelten heute – zu Recht – als unwissenschaftlich und als bestenfalls medizinhistorisch wertvoll. Als Behandlungsbasis dienen sie nicht.Zitatende
Das Sie sich da mal nicht irren. Ein gutes Beispiel, wo die von Ihnen allzu hochgelobte “Wissenschaft” auf den Erkenntnissen der Jahrtausend alten TCM zurück gegriffen hat, waren die Langzeitflüge der Russen in den 70ziger bzw. 80ziger Jahren. In Verbindung mit moderner Messtechnik und auf Basis der TCM (Meridian- bzw. Elementenlehre) halten die Russen den Rekord von 437 Tagen Langzeitflug im All. D.h. der Gesundheitszustand der Kosmonauten lag in den Händen der alten Chinesen. Unglaublich, aber das ist FAKT – um mit Ihren Worten zu sprechen. Sie können davon ausgehen, dass die Russen (damals die Sowjets) die Letzten waren, die Erkenntnisse/Fakten außerhalb der „Wissenschaft“ für richtig befunden haben. Normalerweise hält kein Mensch es so lange im All aus. Zum Vergleich, die Amerikaner halten es nur ein paar Tage im All aus, weil sie nach schulmedizinischen Gesichtspunkten betreut werden.
zu meinen 3.Punkt nochmal – das hat was mit bioLOGISCH (in Wissenschaftskreisen auch Biologie genannt) zu tun – kann jeder Biologe ihnen erklären, wie eine menschliche Zelle funktioniert. Das Wissen ist bekannt, nur die Verbreitung und das Anwenden im Alltag würde einigen Industrie- bzw. Berufszweigen ihre Daseinsberechtigung in Frage stellen. Mein Interesse für den 3.Weg beruht auf schlechte Erfahrungen mit der Schulmedizin und deshalb habe ich mich für den 3.Weg in Verbindung mit der Alternativmedizin entschieden. Da kann mir die „Wissenschaft“ die „Geschichte vom Pferd“ erzählen – persönliche Erfahrung sticht wissenschaftliche Erkenntnisse.
Sie, Hr.Baumgarten, schwören auf die Wissenschaft mit ihren Erkenntnissen – was sind eigentlich wissenschaftliche Erkenntnisse? Im Prinzip ein ständiger Abgleich mit unserer unvollkommenen Anschauung über die Natur und statt vorrangig nach immer neuen Erkenntnissen zu forschen, sollte man vorhandene Erkenntnisse sinnvoll und ohne kommerziellen Hintergedanken anwenden.
Viele wissenschaftliche Studien, Forschungen haben einen kommerziellen Hintergrund und dienen einzig und allein der Vermehrung des Geldes der Auftraggeber. Das alles im Namen der Wissenschaft.