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Warum kann Wissenschaft nicht einfach überzeugend sein?

Der amerikanische Wissenschaftsjournalist Jonah Lehrer meint, dass der Paradigmenwechsel bis zur breiten Akzeptanz der Evolution noch viel Zeit benötigt.

Aufklärung – Die ganz überwiegende Mehrheit der Menschen in den USA glaubt nicht an die wissenschaftliche Evolutionstheorie. Das zeigte vor kurzem eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup. Noch bedenklicher als die Erkenntnis, dass 75 Prozent der US-Bevölkerung offenbar kreationistische Vorstellungen haben, war die Konstanz, mit der sich die Ansichten in den letzten 30 Jahren gehalten hatten.

Den Ergebnissen zufolge stieg der Anteil der Menschen, welche der wissenschaftlichen Evolutionstheorie zustimmen, um nur sechs Prozentpunkte seit dem Jahr 1982. Der Anteil der Anhänger von Formen einer Schöpfungsgeschichte nach biblischer Lesart war quasi konstant geblieben.

Doch woran liegt es, dass die Bevölkerung des Landes trotz Wissenschaftspopularisierung und vielen neuen Erkenntnissen bei der Erforschung der Evolution so ausdauernd an den unhaltbaren Vorstellungen über die Entstehung des Lebens festhält?

Der Wissenschaftsjournalist Jonah Lehrer hat versucht, sich den Ursachen für das Problem zu nähern. Im US-Magazin The New Yorker beschäftigte sich Lehrer mit der Frage, warum Menschen die Erkenntnisse der Wissenschaften nicht so einfach annehmen. Als eine Ursache für die extrem langsam fortschreitende Akzeptanz der wissenschaftlichen Evolutionstheorie führte Jonah Lehrer an, dass die Vermittlung von wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht nur eine Frage des Erlernens neuer Theorien ist.

Vielmehr sei stattdessen erforderlich, dass die Schüler und Studierenden instinktive Haltungen gegenüber der Wirklichkeit und ihre falschen Ansichten so abzulegen lernen, wie „eine Schlange ihre alte Haut abschüttelt“.

Dabei verwies Lehrer unter anderem auf eine neuere Studie aus der Kognitionspsychologie, deren Ergebnisse vor kurzem veröffentlicht wurden. Diese hatte Belege dafür gefunden, dass wissenschaftliche Erkenntnisse zuvor intuitiv entwickelte Ansichten nicht ersetzen, sondern nur unterdrücken.

Den Autoren Andrew Shtulman und Joshua Valcarcel nach widersprachen ihre Forschungsergebnisse der weitverbreiteten Auffassung, dass Lernende als „unbeschriebene Blätter“, die begierig auf die neuesten Erkenntnisse sind, in den naturwissenschaftlichen Unterricht kommen.

Eine Reihe von Untersuchungen mit 150 Schülerinnen und Schülern zeigte, dass selbst seit langem wissenschaftlich abgesicherte Aussagen („Der Mond umkreist die Erde“ oder „Die Erde umkreist die Sonne“) zu signifikanten Verzögerungen bei der Zustimmung führten, wenn sie intuitiv erworbenen Ansichten widersprachen.

Weitere Versuche mit Schülern, bei denen Physikunterricht ein Hauptfach darstellte, zeigten in ihrem präfrontalen Kortex für die Unterdrückung unerwünschter Vorstellungen typische Prozesse, wenn sie über zwei unterschiedlich große Objekte sagen sollten, ob sie gleich schnell fallen oder nicht.

Den physikalischen Gesetzen nach ist das der Fall, während eine seit der Antike verbreitete intuitive Auffassung über die Fallgeschwindigkeit war, dass Objekte mit unterschiedlicher Masse auch unterschiedlich schnell zu Boden fallen. Erst mit Galileo Galileis Untersuchungen der Fallgesetze wurde die Grundlage für ein Umdenken geschaffen.

Selbst wenn die Fakten und ihre Erklärungsmodelle also vollkommen bekannt und akzeptiert sind, würde der früher vorhandene Glauben immer noch nachwirken. „Wir verlernen niemals unsere falschen Intuitionen gegenüber der Welt. Wir lernen nur, sie zu ignorieren“, zog Jonah Lehrer ein Fazit aus den Beobachtungen.

Was die Evolution betrifft, widerspricht die Theorie hier oft gleich auf doppelte Weise: Den naiven Intuitionen über die Beschaffenheit des Lebens, denn eine Beobachtung von biologischer Evolution innerhalb einer menschlichen Lebenszeit ist unter gewöhnlichen Umständen extrem selten.

Zum anderen steht die Evolution auch mit den religiösen Überzeugungen im Widerspruch, denn das Verständnis für die Evolution setzt unter anderem voraus, ein Verständnis für kaum fassbare Zeiträume zu entwickeln – und dort ist kaum Platz für einen übernatürlichen Schöpfer, für den die Menschheit eine besondere Rolle spielt.

Um die Theorie der Evolution zu verstehen, müssen daher die meisten Menschen eine relativ anspruchsvolle Aufgabe bewältigen: Ein Verständnis für deren Prozesse und Verhältnisse entwickeln, was eine Menge Wissen über Fakten erfordert, die zu intuitiv erworbenen Ansichten und auch religiös bestimmten Perspektiven teilweise im krassen Widerspruch stehen.

„Natürlich ist die zusätzliche mentale Arbeit nicht immer angenehm“, so Jonah Lehrer dazu. Es habe einige hundert Jahre gebraucht, bis die Erkenntnisse der Kopernikanischen Revolution zum Wissen der Mehrheit gehört habe und bei der gegenwärtigen Entwicklung nehme er an, die „darwinsche Revolution“ braucht wenigstens in Amerika genauso lange.

Doch wenn ein fundamentaler Prozess wie die Evolution nicht verstanden wird oder Menschen hinter der Entstehungsgeschichte aller Dinge übernatürliche Kräfte vermuten, bringt das leicht eine Reihe von Ansichten mit sich, die einem nüchternen Blick auf die Lage der Dinge entgegenstehen. Das kann zu Problemen führen. Ein paar Themen werden auf den folgenden Seiten präsentiert. Klicken Sie sich durch!

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Diskussion - Bisher 5 Kommentare - Kommentar schreiben
  • Monika Ederer-Mosing
     

    Das ist ja auch der Grund, warum ein vernünftiges Gespräch selten gelingt. Hat man eine Information sorgfältig nachgeprüft und teilt sie anderen mit, handelt man sich damit meist nur Beschimpfungen ein.

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    Die Bedeutung und die Richtigkeit der Evolutionsgeschichte kann doch nicht daran gemessen werden, wie überzeugend sie auf einen bereits (religiös) verbeulten Menschen wirkt.
    Lehren Sie einen von Religionen unberührten Menschen die beweisbaren Erkenntnisse der Evolution und danach konfrontieren Sie ihn mit der üblich gelehrten Schöpfungsgeschichte – er wird in lautes Gelächter ausbrechen!
    Zu beobachten bereits heute unter Kindern in atheistischen Familien.
    Es gibt keine falschen Intuitionen. Selbst Kindern ist logische Beweisführung auf dem Weg der Bildung überzeugend.
    Das Schlüsselwort ist Bildung. Den Wert einer Gesellschaft darf man ruhig an dem Kriterium messen, welche Hindernisse diese Gesellschaft dem Wissenserwerb in den Weg legt oder wie bequem sie am Glauben festhält.
    (Schließlich ein uraltes, bewährtes Machtinstrument)

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    [...Vielmehr sei stattdessen erforderlich, dass die Schüler und Studierenden instinktive Haltungen gegenüber der Wirklichkeit und ihre falschen Ansichten so abzulegen lernen, wie „eine Schlange ihre alte Haut abschüttelt“...]

    Da haben wir doch das Problem. Wie mein Vorredner richtig feststellt, ist nicht der Wert oder Nichtwert neuer Erkenntnisse das Problem, sondern die hintervötzige Art, mit der Religionen über Emotionen (anstatt über Ratio) bleibende Überzeugungen hinterlassen, die jeglicher (auch späterer) Vernunft und Erkenntnis die Basis entziehen.
    Ein weiterer Irrglaube ist, Lebensregeln (Moral) nicht auch rational intelligent vermitteln zu können. Alle Regeln sind ohnehin erst unter evolutionären Bewährungs-Prozessen entstanden und ändern sich genauso konstand, wie das Leben selbst.

    Die Schüler sollten also gar nicht erst lernen müssen, “festgeschraubten” religiösen Unfug abzulegen, sondern sollten von vornherein davon verschont bleiben! Die beschriebenen Haltungen sind nicht “instinktiv”, sondern vorsätzlich emotional (und dümmlich kitschig) platziert worden von dieser Macht, der Kirche!

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    [Die ganz überwiegende Mehrheit der Menschen in den USA *glaubt* nicht an die wissenschaftliche Evolutionstheorie ...]

    Bitte in diesem Zusammenhang nicht von “glauben” sprechen. Es geht doch vielmehr darum, dass die beobachtbaren Fakten so viel mehr für die Evolutionstheorie sprechen als für eine übernatürliche, den Lauf der Natur regelnde Instanz.

    Ich will ja versuchen, nicht einfach etwas Anderes zu glauben, sondern Glauben durch möglichst abgesichertes Wissen zu ersetzen – in dem Bewusstsein, dass das sehr mühsam ist.

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    Emotionen. Was es braucht sind Emotionen. Reine wahre Fakten überzeugt nicht, das prägt sich nicht ein. Für so etwas braucht es Emotionen. Deswegen machen es sich unredliche Leute und Organisationen natürlich gern zunutze statt auf Aufklärung auf Emotionen zu setzen um so Leute für ihre Sache zu gewinnen.
    Allein schon bei den heutigen Nazis. Mit “Todesstrafe für Kinderschänder” gehen sie konträr zu dem was die Wissenschaft sagt, geht aber damit eben auf die emotionale Schiene und können so eben Leute für ihre Sache gewinnen.

 
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