wissenrockt.de

wissenrockt.de

Startseite » Aktuell » Säkulare Perspektiven entwickeln

Säkulare Perspektiven entwickeln

Michael Schmidt-Salomon: Heute sollten die Vorzüge des Denkens jenseits der Illusionen im Vordergrund stehen. Zeit der religiösen Traumata ist endgültig vorbei.

Gesellschaft – Evidenzbasiertes und ideologiefreies Denken, Orientierung an humanistischen und emanzipatorischen Werten: Das zeichnet eine säkulare Identität vornehmlich aus, meinte heute der Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, Michael Schmidt-Salomon, in einem Kommentar beim Humanistischen Pressedienst. Anlass war der Abschluss einer mehrmonatigen Veranstaltungsreihe, zu der unter anderem ein Internationaler Atheisten-Kongress in Köln und das alternative Pilgerprogramm „Heilig’s Röckle“ in Trier gehörten. Schmidt-Salomon meinte, dass die gestiegene Aktivität ein Ausdruck des gestiegenen Selbstbewusstseins der säkularen Bewegung sei.

Noch am vergangenen Dienstag hatte Spiegel Online über den vergangenen Kölner Atheisten-Kongress berichtet und dabei festgestellt, dass die Konfessionsfreien in Deutschland eine zahlenmäßig erhebliche Gruppe darstellen. „Wäre Atheismus eine Konfession, wäre sie in Deutschland die zahlenstärkste“, hieß es. Dabei wurden auch die Forderungen der Kampagne gegen religiöse Diskriminierung am Arbeitsplatz herausgestellt. Es sei nach Jahrzehnten des Widerstands seitens der dominierenden Amtskirchen heute „schön zu sehen, wie viel sich bewegt“, meinte die SPD-Politikerin Ingrid Matthäus-Maier.

Michael Schmidt-Salomon knüpfte in seinem Plädoyer für „ein neues säkulares Selbstbewusstsein“ ebenfalls daran an, dass die nichtreligiösen Menschen in Deutschland sich mehrheitlich nicht länger mit der Plausibilität von Gottesbeweisen oder den Argumenten für die Existenz übernatürlicher Wesen beschäftigten, „sondern von individuellen Selbstbestimmungsrechten, von Freiheit und Gerechtigkeit, vom Genuss des Lebens im Diesseits und den Vorzügen eines evidenzbasierten Denkens jenseits der Illusionen“ sprächen. Die Zeit der Bewältigung religiöser Traumata sei endgültig vorbei.

Er verwies auch darauf, dass der Wandel allmählich in den Medien wahrgenommen werde. Als Beispiel führte er Umfragen von Spiegel Online an, in denen sich eine Mehrzahl von Leserinnen und Leser als nichtgläubig bezeichnet hatte. Und sogar unter den Gläubigen und den Mitglieder einer Kirche gebe es große Sympathien für eine Trennung von Staat und Kirche, legten die Ergebnisse nahe: Mehr als 90 Prozent hatten sich dafür ausgesprochen. „Natürlich sind die Ergebnisse der Spiegel Online-Umfragen nicht repräsentativ für die deutsche Bevölkerung. Dennoch zeigen sie einen Trend an, der von Medienverantwortlichen und Politikern wahrgenommen werden sollte“, so Schmidt-Salomon.

Dabei verwies er auf eine Reihe von Problemen, vor denen säkulare und humanistische Organisationen auch heute noch stünden. „Fakt ist: Die deutschen Kirchen sind Multimilliarden-Konzerne, die ganze Heerscharen von Menschen dafür besolden, dass sie sich offensiv zum Christentum bekennen. Wer sich hingegen offensiv für ein humanistisch-aufklärerisches Weltbild einsetzt, der muss in der Regel mit erheblichen finanziellen Nachteilen rechnen.“

Vieles werde daher davon abhängen, „ob sich die Konfessionsfreien in den nächsten Jahren von einer Gruppe an sich zu einer Gruppe für sich wandeln werden“, betonte er. Dazu müsse auch das Profil einer säkularen Identität stärker herausgearbeitet werden. Zudem sei es bedeutend, ob zwischen den existierenden Gemeinschaften auch die Gemeinsamkeiten entdeckt werden könnten. Er zeigte sich überzeugt, dass die allermeisten konfessionsfreien Menschen in Deutschland große Gemeinsamkeiten in ihren weltanschaulichen und ethischen Überzeugungen aufweisen und daher auch in ihren politischen Interessen in vielerlei Hinsicht übereinstimmten.

Wenn sich die Konfessionsfreien endlich als eigenständige politische Kraft begreifen würden, „würde es nicht lange dauern, bis es keine religiöse Diskriminierung am Arbeitsplatz mehr gäbe, keine weltanschauliche Manipulation der Kinder in den Schulen, keine Verweigerung von Selbstbestimmungsrechten am Lebensende.“

Externe Links
Datenschutzinformation
Diskussion - Bisher 7 Kommentare - Kommentar schreiben
  •  

    “Michael Schmidt-Salomon knüpfte in seinem Plädoyer für „ein neues säkulares Selbstbewusstsein“ ebenfalls daran an, dass die nichtreligiösen Menschen in Deutschland sich mehrheitlich nicht länger mit der Plausibilität von Gottesbeweisen oder den Argumenten für die Existenz übernatürlicher Wesen beschäftigten, „sondern von individuellen Selbstbestimmungsrechten, von Freiheit und Gerechtigkeit, vom Genuss des Lebens im Diesseits und den Vorzügen eines evidenzbasierten Denkens jenseits der Illusionen“ sprächen. Die Zeit der Bewältigung religiöser Traumata sei endgültig vorbei.”

    Ich finde es interessant, dass auf der einen Seite ein “ideologiefreies” Denken gefordert wird, während auf der anderen Seite die Kriterien für eine Ideologie voll erfüllt sind: Das sogenannte “evidenzbasierte Denken” schüttet nämlich das Kind mit dem Bade aus, wenn theologisches und philosophisches Denken in einen Topf geworfen werden. Die Auseinandersetzung (!) mit “Gottesbeweisen” gehört in die Tradition der Selbstvergewisserung der Vernunft ebenso, wie die Bemühung um die Begründbarkeit der eigenen Rede. Die Begriffe “Autonomie”, “Freiheit” und “Gerechtigkeit” sind, gerade weil sie philosophische “Super-Begriffe” sind, stets in der Gefahr, ideologisch aufgeladen und missbraucht zu werden – das meint: die alleinige Behauptung, dass es einem doch um die Umsetzung von dergleichen ginge, rechtfertigt gar nichts, sondern muss sich selbst dem Verdacht aussetzen, sie allein aus strategischem Kalkül zu nennen. So kann man auch behaupten und begründen, dass die “Vorzüge eines evidenzbasierten Denkens jenseits der Illusionen” gerade das sind: eine geschickt aufgebaute Begründungsillusion. Dabei muss man nicht die für Philosophen typische “Früher-war-alles-besser”-Keule herausholen, sondern man kann schlicht daran erinnern, dass ein Denken, das nur noch setzt und seine eigene Setzung nicht immer wieder hinterfragt (was ist Evidenz? Was meint hier “basieren”? Wie lassen sich Evidenz und Illusion, Wissen und Nicht-Wissen unterscheiden), selbst zu dem wird, was es zu überwinden suchte. Andersherum formuliert werden hier unter dem Deckmäntelchen der Forderung nach säkularem Denken Dinge miteinander verbunden, die zunächst unverbunden nebeneinander stehen: Die Reflexion auf Menschenrechte, Freiheit und Gerechtigkeit ist selbst notwendig metaphysisch und kann nur kritisch vollzogen werden (eine gesetzte Freiheit ist keine); ein atheistisches Denken muss nicht dazu führen, dass man “evidenzbasiert” durch die Welt geht, sondern darf sich auch noch und immer wieder der Berechtigung versichern, dass “evidenzbasiert” nicht in Wirklichkeit “interessengeleitet” und “machtstabilisierend” bedeutet; wer nach der Relevanz eines Denkens fragt muss zunächst einmal angeben, wofür etwas relevant sein soll und anhand welcher Kriterien er/sie Relevanz und Irrelevanz unterscheidet (zum Thema: Gottesbeweise). Solange bei “wissenrockt.de” nur der Wille zur Überwindung eines religiösen Paradigmas und nicht auch noch der Wille zur Kritik der eigenen Vernunft zur Schau gestellt wird, solange bin ich eher geneigt, die Forderung nach einem “ideologiefreien Denken” als Anzeichen genau dafür zu nehmen: einer Ideologie, deren Motive un(auf)geklärt und populistisch irgendwo zwischen falsch verstandenem Individualismus und antireligiöser (und nicht einfach nur atheistischer) Parteinahme vor sich hin schmurgeln. Nicht überzeugend.

  •  

    Nichts neues, auch Schmidt-Salomon hat sich schon dazu geäußert:

    http://www.schmidt-salomon.de/muench.htm

    Falls die Umlaute nicht dargestellt werden: Die Kodierung ist ISO-8859-1, steht leider nicht im Quelltext drin.

  •  

    Natürlich ist das nichts Neues; dazu müssen Sie nur mal die “Kritik der reinen Vernunft” in die Hand nehmen…
    Ich habe mich auf obenstehenden Text bezogen. Dass Schmidt-Salomon sich über das Münchhausen-Trilemma geäußert hat ist schön, allerdings zeigt sich auch in diesem Text derselbe Unfug:

    “Es gibt in der Tat nur einen Weg, dem Sumpf zu entkommen, und der liegt in der (zeitweiligen) Aufhebung der normalerweise bindenden, rationalen Begründungszwänge, d.h. in der Inanspruchnahme eines willkürlich gesetzten Dogmas. Die kritische Frage: Geht das da noch mit rechten Dingen zu?, ist in diesem Fall nicht angebracht. Der Sumpf der Letztbegründungen ist – und damit müssen wir uns wohl abfinden – so etwas wie die “twilight zone” der Philosophie, hier gelten andere Gesetze als auf anderem philosophischen Terrain, hier ist die Schwerkraft der rationalen Argumentation aufgehoben.”

    Die Argumentation des von Ihnen verlinkten Textes ist (und das ist vor allem für den Kontext hier interessant) strukturgleich mit theologischen Theoriearchitekturen: Zuerst wird eine rationale Sackgasse (ein Paradoxon, eine Antinomie, ein “unbegründbarer Grund” o.ä.) angenommen und dann wird an die Stelle dieser scheinbar dogmatischen Verfasstheit der “twilight zone” ein eigenes Dogma gesetzt. Bei den Theologen ist es Gott, bei Schmidt-Salomon ist es halt eine “humanistische Basis-Setzung”. Diese Setzung ist überdies normativ, so dass nicht klar ist, ob nicht ein Fehlschluss vom Sein aufs Sollen vorliegt – nur durch den negativen Aufweis einer “Schranke der Vernunft” im Trilemma ist nämlich noch nichts positiv gesetzt! Wie wenig dann das Studium bei Hans Lenk gebracht hat, das sieht man an diesem Satz: “Diese Setzung kann als basales Axiom nicht bewiesen, nicht begründet werden.” Eine Begründung ist kein Beweis – und selbstverständlich ist beim Aufstellen philosophischer Thesen eine Begründung vonnöten, auch wenn etwas unbeweisbar ist (zudem: “basales Axiom” ist doppelt gemoppelt und offensichtlich begründet er es ja doch: nämlich indem er das Trilemma anführt. Er widerspricht sich also mehrfach selbst). Die “Transformation” von der “Zielvorgabe” ins “Zieldienliche” ist damit ebenfalls selbst unbegründbar (warum sollte ich das denn tun? Und das folgt eben nicht mehr aus einer bloß negativen Feststellung!). Interessant ist fernerhin der Zusatz “zeitweilig”: Wer bestimmt denn nach welchen Kriterien, wann die Zeit für die Aufhebung gekommen ist? Wann wird sie zurückgenommen (was ja bedeutet: Wann wird die “Schranke” wieder als solche akzeptiert und nicht mehr willkürlich dogmatisiert?)

    Eine Erkenntnis S.-S.’s lässt sich festhalten, muss jedoch präzisiert werden: “Am Anfang aller Erkenntnis steht die Willkür.” Damit liegt er insofern richtig, als dass am Grunde der Setzung – die Setzung selbst liegt. Damit ist immer schon etwas gesetzt, was man dann als Kontingenz oder eben Willkür interpretieren kann. Aber: Um zu diesem Gedanken zu kommen – muss bereits etwas gesetzt sein! Hier liegt der Denkfehler von S.-S.: Die Setzungen, die er selbst vorgenommen hat, bestimmen sein Denken, nicht irgendein abstraktes Prinzip, das keine reflexive Dimension besitzt. Insofern ist die Argumentation von S.-S. in ihrem (Ab-)Grund irrational – q.e.d.
    Das war allerdings keine Kunst, sondern er sagt es selbst: “Die Humanistische Basis-Setzung ist – und hier unterscheidet sie sich nicht von irgendwelchen anderen weltanschaulichen Grundüberzeugungen – nichts weiter als ein unbegründetes Dogma.” Ebendies habe ich gemeint, als ich sagte, dass hinter der modernen Rationalismusbegeisterung ein irrationaler Kern steckt. S.-S. ersetzt ein unbegründetes (und, wichtiger, als “unbegründbar” behauptetes!!!) Dogma (Gott) gegen ein anderes (HBS). Da sind mir die Pastafarians lieber; die erkennen wenigstens die Ironie ihres Dilemmas. Eine Lösung? Noch einmal die Ressourcen der Philosophie bemühen, um die Werte, die S.-S. für unbegründbar hält, zu begründen! Wer das für unmöglich hält, der ist in meinen Augen ebenso zynisch wie ein religiöser Fundamentalist (oder er hat eben nicht gründlich (!) genug nachgedacht)

  •  

    @D. Pascal: Du schreibst viel, mir ist aber nicht ganz klar, was du eigentlich sagen willst.

    Zwar kenne ich Schmidt-Salomon nicht persönlich, aber ich halte ihn nicht für einen Fundamentalisten. Diese behaupten nämlich, die absolute Wahrheit gefunden zu haben – Schmidt Salomon behauptet dies nicht, er weist eben darauf hin, dass diese ideologischen Denkstrukturen am Münchhausentrilemma scheitern. Zwar lässt sich das Münchhausentrilemma nicht beweisen (weil der Beweis selbst am Münchhausentrilemma scheitern würde), aber alle bisher untersuchten Ideologien scheitern daran.

    Widerlegen ließe sich das Münchhausentrilemma schon, wenn man eine Letztbegründung liefern kann. Du scheinst ja zu wissen, wie das geht:

    “Eine Lösung? Noch einmal die Ressourcen der Philosophie bemühen, um die Werte, die S.-S. für unbegründbar hält, zu begründen! Wer das für unmöglich hält, der ist in meinen Augen ebenso zynisch wie ein religiöser Fundamentalist (oder er hat eben nicht gründlich (!) genug nachgedacht)”

    Ich halte ethische Werte für unbegründbar. Man muss sie auch nicht begründen. Ich verhalte mit nicht deswegen ethisch, weil irgendein philosophisches Prinzip oder ein strafender Gott mich dazu zwingt, sondern weil ich mich ethisch verhalten will; andere sollen es mir gleich tun, damit wir in einer Gesellschaft leben können, in der unsere Interessen geschützt sind. Wer möchte schon gerne bestohlen, verletzt oder getötet werden?

    Generell gibt es einen Primat des Verstandes. Wir sind menschliche Wesen, und das bestimmt unser Denken, durch die Gesetze der Logik, die man nicht beweisen kann (weil man dafür eine Logik braucht, die man wieder beweisen müsste usw.). Genauso wenig können wir sie widerlegen, weil wir dafür auch eine bewiesene Logik benötigen. Wir können nicht denken, ohne zu denken, wir sind zum Denken und damit zum Denken auf menschliche Art und Weise gezwungen. Der Mensch steht zwangsläufig im Mittelpunkt, das macht ja den Humanismus aus, Schmidt-Salomon vertritt hier einen evolutionären Humanismus, weil er die Entwicklung des Menschen auf einen evolutionären Prozess zurückführt. Hätten wir uns anders entwickelt, dann hätte wir dieses Problem vielleicht gar nicht, weil es bei der anderen Denkweise (oder Art der Existenz) gar nicht auftritt. Wir können uns jetzt frustriert in eine Höhle hocken und warten, bis uns ein Engel die absolute Wahrheit ins Ohr flüstert, oder unseren Verstand gebrauchen, um Erkenntnisse erlangen, wenn auch mit dem Bewusstsein, dass diese nur relativ sind.

  •  

    “Schmidt Salomon [...] weist eben darauf hin, dass diese ideologischen Denkstrukturen am Münchhausentrilemma scheitern.”

    Das Münchhausen-Trilemma wurde in dieser Form (!) von Hans Albert formuliert. Als Lösungsalternativen für philosophische, d.h. logisch letztbegründende Aussagensysteme sind die drei Alternativen: dogmatische Setzung, infiniter Regress und petitio principii seit Aristoteles bekannt. Sie fixieren nicht etwa die Grenzen irrationaler Argumentation (wie die Setzung von Ideologien i.S.v. Weltanschauung), sondern die Grenzen rationaler (!) Argumentation. Eine Ideologie führt gerade nicht (!) in das Trilemma, weil sie eine dogmatische Setzung durchführt (inwiefern dann die dogmatische Setzung einer “evidenzbasierten” Argumentation eben auch eine Ideologie ist, darüber lässt sich trefflich streiten). Diese drei Alternativen sind, gemeinsam mit dem Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch (und seinen Umformuliuerungen, dem Satz der Identität und dem Satz des ausgeschlossenen Dritten), die logischen “Schranken” in denen wir uns bewegen.

    “Zwar lässt sich das Münchhausentrilemma nicht beweisen (weil der Beweis selbst am Münchhausentrilemma scheitern würde), aber alle bisher untersuchten Ideologien scheitern daran.”

    Hier liegt nun genau die Unterscheidung, die mir auch bei S.-S. gefehlt hat: Das Trilemma lässt sich nicht beweisen deswegen, weil es den Sinn von Beweisen erst ermöglicht! Es lässt sich aber begründen, dass das Trilemma gezeigt werden kann. Und das setzt S.-S. und übrigens auch Albert als gegeben voraus.

    “Ich halte ethische Werte für unbegründbar. Man muss sie auch nicht begründen. Ich verhalte mit nicht deswegen ethisch, [...] weil ich mich ethisch verhalten will; andere sollen es mir gleich tun, damit wir in einer Gesellschaft leben können [...]”

    1. Wenn Du etwas für unbegründbar hältst, dann musst Du das begründen, wenn ich das nicht nur für eine dogmatische Meinung von Dir halten soll. 2. Du musst unterscheiden zwischen eigenen Motivationen und rationaler Begründung. Wenn Du Dich ethisch verhältst, dann kann es sein, dass wir beide einen unterschiedlichen Begriff davon haben, was das bedeutet. 3. Wenn andere es Dir gleichtun sollen, dann musst Du begründen, warum sie das tun sollen. Genau das unterscheidet Philosophie von Wissenschaft und Religion: Der Versuch, die eigene Behauptung zu begründen, so weit es eben geht. Der alleinige Verweis auf philosophierende Pädagogen, die mal ein bisschen Logik der Popper-Schule studiert haben, reicht mir nicht.
    Umkehrung: Ich behaupte, dass sich ethische Werte durchaus begründen lassen, nämlich durch die rationale Einsicht in die Tatsache, dass sonst Barbarei droht (Kant, Adorno), durch die rationale Einsicht darin, dass ich, wenn ich frei bin zu handeln und das noch erkennen kann, ich das auch tun soll nach einem Maßstab, der die Gesellschaft betrifft (Kant) und durch die rationale Einsicht, dass, wenn ich überhaupt so etwas wie voluntaristische Ansprüche (“ich will…”) vor anderen äußern können will, ich ein Mindestmaß an Gerechtigkeit bereits vorausgesetzt habe (Rawls). Hier geben keine “Prinzipien” etwas vor, sondern schlicht die Vernunft, die nach der Einsicht ihrer Grenzen nun ihre positive Setzungskraft noch reflektiert. Nix anderes macht auch S.-S.: Er setzt positiv etwas. Aber er begründet es nicht, bzw. knüpft seine Setzung nicht geltungslogisch an z.B. Freiheit (Kant), Gerechtigkeit (Rawls) oder Menschenrechte qua Geburt.

    “durch die Gesetze der Logik, die man nicht beweisen kann (weil man dafür eine Logik braucht, die man wieder beweisen müsste usw.”

    Der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch muss nicht bewiesen werden. Nur wer immer noch auf einen Gottestandpunkt hofft (den er sich wohl vorstellt, wenn es um Letztbegründung geht) kommt nämlich in das Trilemma. Der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch sagt nicht nur etwas, sondern indem er etwas sagt, setzt er sich selbst. Man kann ihn nicht konsistent verneinen. Das halte ich auch für eine Letztbegründung, die im übrigen genau der Einsicht in die Kontingenz entspricht, die auch S.-S. bemerkt: die Kontingenz meiner eigenen Rede.

    “Schmidt-Salomon vertritt hier einen evolutionären Humanismus, weil er die Entwicklung des Menschen auf einen evolutionären Prozess zurückführt. [...][Oder] unseren Verstand gebrauchen, um Erkenntnisse erlangen, wenn auch mit dem Bewusstsein, dass diese nur relativ sind.”

    Ersteres halte ich für Ideologie. Zweiteres halte ich für die einzige Lösung (auch wenn ich dem Relativismus nicht zustimme). Ich denke, dass Ersteres und Zweiteres nicht zusammenpassen. M.E. führt S.-S. Zweiteres auf Ersteres zurück und das lässt ihn ideologisch argumentieren. q.e.d. (demonstrandum hier: “zeigen”)

 
Zuschauer
Schaufenster