wissenrockt.de

wissenrockt.de

Startseite » Allgemein » Kein Platz für Evolution in Südkorea?

Kein Platz für Evolution in Südkorea?

Eine Breitseite gegen die Wissenschaft: Ministerium gibt Kreationisten nach und lässt Belege für Evolution aus Schulbüchern streichen.

Unbequemer Beleg: Archaeopteryx soll aus Südkoreas Lehrbüchern verschwinden. Foto: Luidger / Wikimedia / CC-BY-SA

Religion – Die jahrzehntelange Missionsarbeit christlicher Kirchen in Südkorea trägt nun Früchte. Wie die Wissenschaftsfachzeitschrift Nature am Dienstag berichtete, hat das nationale Ministerium für Kultur, Wissenschaft und Technologie im letzten Monat entschieden, dass die Darstellung von Belegen für die Evolution aus Schulbüchern gestrichen werden soll.

Hintergrund war eine Kampagne der Society for Textbook Revise (STR), mit der die Sicht der Schüler auf die Welt „korrigiert“ werden solle.

Die Organisation zählt eigenen Angaben nach unter anderem Biologieprofessoren und Lehrer für Naturwissenschaften zu ihren Mitgliedern.

Wissenschaftler zeigten sich entsetzt über den Schritt, der ohne Anhörung durch Experten umgesetzt wurde und die Mehrheit der Schulbuchverlage betrifft. Das Ministerium habe einfach ein Schreiben an die Verlage verschickt, berichtete der Evolutionsforscher Dayk Jang von der Staatlichen Universität Seoul.

Einer 2009 durchgeführten Umfrage nach glaubt etwa ein Drittel der Bevölkerung nicht an die Evolution. Von den Gegner der Evolutionstheorie meinten 41 Prozent, es gebe nicht genug wissenschaftliche Beweise, 39 Prozent führten die Widersprüche zu ihrem Glauben an und 17 Prozent meinten, sie nicht zu verstehen.

Im Bericht von Nature heißt es, die Ursachen für die Ablehnung der Evolution in Südkorea seien unklar. Joonghwan Jeon, Experte für evolutionäre Psychologie an der Kyung Hee Universität in Yongin, sah aber einen Teil des Widerstands im „starken Christentum“, das es im Land gibt. Denn zwar bezeichnet sich fast die Hälfte der Menschen im Land als nichtreligiös, aber mittlerweile haben die christlichen Gemeinschaften einen Anteil von rund 30 Prozent.

Auch Lutz Drescher, Ostasienexperte beim Evangelischen Missionswerk in Südwestdeutschland (EMS), stellte zur Missionsarbeit im Land fest: „In Südkorea hat das Christentum in den letzten Jahrzehnten ein rasantes Wachstum erlebt. Mehr als ein Viertel der insgesamt 48 Millionen Südkoreaner sind heute Christen.“

STR zielt nun auch darauf, weitere Inhalte aus den Schulbüchern zu entfernen, welche die Evolution des Menschen illustrieren sollen. Der Wissenschaftler Jeon sagte gegenüber Nature, dass dabei für kreationistische Gruppen typische Strategien angewendet werden, um die Lehre der Evolutionstheorie selbst anzugreifen. Dazu gehört es unter anderem, neuere wissenschaftliche Erkenntnisse gegen ältere Hypothesen auszuspielen.

Um die Fehlerhaftigkeit der Evolutionstheorie zu zeigen, werden beispielsweise neuere Entdeckungen hervorgehoben, nach denen Archaeopteryx nicht der einzige Vorfahr aller heute lebenden Vogelarten gewesen ist. Das widerspricht zwar nicht der Evolution, kann aber Zweifel an den Theorien der Wissenschaften unter unaufgeklärten Menschen sähen.

Hinter der Organisation STR steckt die Korean Association for Creation Research (KACR), die an der Suche nach Belegen für kreationistische Mythen gemäß dem biblischen Schöpfungsbericht arbeitet. Ein Anliegen, dass in Deutschland unter anderem die Studiengemeinschaft Wort und Wissen verfolgt, deren Angehörige in der Vergangenheit für diese Arbeit bereits mit hohen Auszeichnungen der Bundesrepublik, wie etwa Verdienstorden, geehrt wurden.

Das größte Problem in Südkorea sei, so Dayk Jang von der Universität in Seoul, dass es im Land zu wenig Wissenschaftler gebe, die Experten für Evolution sind. Es gebe nur fünf bis zehn Evolutionswissenschaftler, welche die Theorie in Schulen und Hochschulen vermitteln.

Jang versuche nun, eine Gruppe aus Spezialisten für Evolutionstheorie ebenso wie Theologen, welche die Evolution akzeptieren, zu bilden. So soll der Kampagne von STR begegnet werden, damit die Vermittlung des Verständnisses für Evolution in Schulen und Öffentlichkeit verbessert werden kann.

Und nicht nur in Südkorea oder den USA besitzt die Evolutionstheorie eine erhebliche Gegnerschaft, die sich aus religiösen Motiven speist. Zuletzt erregte die Türkei großes Aufsehen, als eine Regierungsbehörde eine Sperrliste für das Internet in Kraft setzte, die Seiten mit den Worten „Darwin“ oder „Evolution“ blockiert.

Der Paläontologe Russell Garwood rief wegen der fortgesetzten Bestrebungen, die Erkenntnisse der Wissenschaft zu unterminieren, vor kurzem dazu auf, die Evolutionstheorie zu verteidigen. Garwood meinte, gegenüber den Versuchen der Kreationisten, sich auf jede vermeintliche Lücke in der Evolutionstheorie zu stürzen, könnten und sollten Wissenschaftler Widerstand leisten.

Datenschutzinformation
Diskussion - Bisher 2 Kommentare - Kommentar schreiben

 
Zuschauer
Schaufenster