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Eine erfolgreiche Breitseite gegen die „Nicht-Wissenschaft“

Stelldichein der Superstars des Skeptizismus: Der Weltskeptikerkongress begeisterte mehrere hundert Besucher.

Foto: Mark Benecke

Event – Am Sonntag ging in Berlin der 6. Weltskeptikerkongress (WSCO) zu Ende. Die inhaltlichen Schwerpunkte der internationalen Tagung, die von der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) ausgerichtet wurde, setzen Themen wie Kreationismus, Paramedizin, Parapsychologie und Philosophie des Skeptizismus.

Schon am Donnerstag vor dem eigentlichen Kongressbeginn wurde ein Publikumstag durchgeführt. Für alle Interessierten, die etwas über die Skeptiker-Bewegung erfahren wollten, sollte das auf einfache und günstige Weise möglich sein.

Den obligatorischen Science Slam im Hörsaal der Kaiserin-Friedrich-Stiftung gewann dabei verdient der Biologe Jason Dunlop mit seinem Vortrag „Wie alt ist Opa Langbein?“, in dem er höchst enthusiastisch der Frage nachging, seit wann Weberknechte unsere Erde bevölkern.

Die Stimmung beim bis auf den letzten Platz ausverkauften Slam war gelöst. Man spürte: Hier war die sichere Organisationshand von Julia Offe, Urgestein der Science Slams, aktiv gewesen.

Internationales Publikum

Am Freitag eröffnete GWUP-Chef Armadeo Sarma die Konferenz offiziell mit einer klaren Breitseite gegen die sogenannte „Alternativ-Medizin“ und führte aus, dass es eigentlich nur „Wissenschaft“ und „Nicht-Wissenschaft“ gäbe.

Die Vertreter von Pseudowissenschaften, so Sarma, flüchteten hingegen in Begriffe wie „westliche Wissenschaft“ oder „fernöstliche Medizin“.

Der offensive Einstieg kam nicht überraschend und traf perfekt den Nerv der knapp 300 Teilnehmer, die sich zum Kongress unter dem Motto „Promoting Science in an Age of Uncertainty“ in der deutschen Hauptstadt eingefunden hatten.

Interessant war zu sehen, dass es tatsächlich Skeptiker aus vielen Teilen der Welt zum WSCO gezogen hatte. Natürlich machte die Community aus Deutschland, Österreich und der Schweiz die Mehrheit der Teilnehmer aus, doch fanden sich auch Skeptiker aus den Niederlanden, Großbritannien, Schweden, Polen, dem fernen Indien, Nigeria und der USA in dem gut klimatisierten, wenn auch etwas eng bestuhlten, Raum.

Von der Südhalbkugel kamen aber, wie leider bei den meisten Konferenzen, nur wenige Besucher. Möglich, dass die Kosten schlicht und ergreifend zu hoch waren, ebenso ist aber denkbar, dass der Skeptizismus und die zugehörige gesellschaftliche Bewegung dort noch nicht so wie auf der irdischen Nordhalbkugel Fuß gefasst haben.

Altersmäßig war das Publikum bunt durchmischt, ein Mittelwert ist schwer zu benennen, wird aber wohl um Mitte bis Ende Dreißig gelegen haben. Zwar gab es auch einige jüngere Skeptiker, doch waren dies nicht so viele, wie noch im letzten Jahr in Wien – die Kosten dürften hier dann doch gegen Berlin ausschlaggebend gewesen sein.

Angenehm war definitiv, dass alle Anwesenden frei von Standesdünkel oder Affektiertheit waren. So gab es viele unkomplizierte Gespräche, bei denen niemand sauer war, wenn nach fünf Minuten der Gesprächspartner gewechselt wurde. Unkompliziert, diese Skeptiker. Und zumindest unter ihres Gleichen: sehr gelöst.

Hochkarätige Referenten

Dabei zu sagen, die Vortragenden seien „gut ausgewählt“ gewesen, wäre eine Untertreibung. Es gab ein wirkliches Stelldichein der Superstars des Skeptizismus: Eugenie Scott und James Alcock sind unumstößliche Größen der Bewegung, Ray Hyman und als Mainact James Randi, zwei ihrer Gründerväter, die nicht nur vom Podium dozierten, sondern auch zu  kleinen Einzel- und Pausengesprächen bereit waren.

Neben ihnen gab es viele weitere Referenten, die stets versuchten, ihre Themen den Anwesenden anschaulich und interessant zu erklären, was der überwiegenden Mehrheit gelang. Sehr positiv waren zudem die beiden Umstände, dass auch Blogger und Frauen als Vortragende vertreten waren.

Beide Merkmale sind nicht in irgendeinem „politisch korrekten“ Quotensinn  als „gut“ zu bezeichnen, sondern deswegen, weil sie ein gutes Spiegelbild der skeptischen Bewegung gaben, das im letzten Jahr in Österreich noch zu kurz gekommen war.

Eine Rangfolge in die gehaltenen Vorträge zu bringen ist schwierig bis unmöglich, da die Einschätzung meist mit dem subjektiven Interesse an der Thematik der Präsentation Hand in Hand geht.
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Die benannten Superstars einmal außen vor, sollte man aber auch in Zukunft jede Möglichkeit nutzen, Vorträgen von Holm Hümmler, Kyle Sturgess, Benedikt Mataner oder Tomasz Witkowski zu lauschen, während man seine Wohnung, zumal an einem regnerischen Tag, nicht unbedingt für Sven Ove Hansson oder Dittmar Graf verlassen muss. Aber Geschmäcker sind ja bekanntlich unterschiedlich.

Aktuelle Themen

Was die Vortragenden in ihren Beiträgen durchleuchteten, war ein Querschnitt durch die Themen, die aktuell im skeptischen Fokus stehen. Während bei Kreationismus, Alternativmedizin und Parapsychologie sehr konkrete Fragestellungen bearbeitet wurden, gingen die Themenblöcke zur Gefahrenwahrnehmung sowie zur Pseudowissenschaft eher generellen philosophischen Fragen nach.

Hyman und Randi hatten zudem den Luxus, einen Teil ihrer lebenslangen Erfahrungen mit der Esoterik Revue passieren lassen zu können, was beide mit amüsanten Magie- und Zaubertricks garnierten. Für die bekennenden Humanistinnen und Humanisten Publikum besonders interessant waren die Ausführungen zum Kreationismus und Islam, wobei eine Studie zeigte, dass die Türkei unter den islamischen Ländern dasjenige ist, in dem es eine besonders starke Ablehnung der Evolutionstheorie gibt.

Dies geht, eigentlich ziemlich kontraintuitv, mit einer Begeisterung für Technik und Wissenschaft allgemein einher, die deutlich größer als in Deutschland ist. Generell zeigt sich weltweit, dass Kreationisten paradoxerweise zwar ihr jeweils heiliges Büchlein als maßgeblich in der Frage der Evolution ansehen, ansonsten aber durchaus Fans der Wissenschaft sein können.

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