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Die Mythen der Theisten: Too big to fail?

Der Soziologieprofessor Frank Furedi kritisiert den Atheismus, moralische Orientierungslosigkeit und glaubt zu wissen, was echte Humanisten tun müssen.

Blog – Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich auch Ungläubige wieder mal auf die Seite der Gegenaufklärung schlagen. Bereits vor fast genau einem Jahr plädierte der britische Astrophysiker Martin Rees dafür, dass Atheisten „ihre Waffen“ weglegen und den Schulterschluss mit weniger dogmatischen Gläubigen suchen sollten, um Fundamentalismus zu bekämpfen. Soweit, so legitim. Um Sprengstoffanschläge zu verhindern, muss man mit Gläubigen kooperieren.

Der Soziologe Frank Furedi, Professor an der Universität Kent, geht nun einen Schritt weiter. Anfang Februar veröffentlichte er im britischen Magazin Spiked einen Aufsatz, in dem er dem Atheismus eine Wandlung zur Religion attestierte. Novo Argumente verbreitete eine Übersetzung von Furedis Beitrag.

Während es früher eine Zeit gab, erinnerte Frank Furedi darin eingangs, in der offener Unglaube sehr gefährlich gewesen war, nähmen sich heute „Atheisten enorm ernst mit ihrer Ablehnung der Religion, und zwar mit einer Leidenschaft, die oft an mittelalterliche Kreuzfahrer erinnert“ und sie seien „in ihren eigenen Behauptungen oft genug beinahe irrational und hysterisch.“

Dieser „neue Atheismus“ beschränke sich zudem auf die Dogmen der drei großen Weltreligionen, blende aber die Irrationalität und wissenschaftlich unhaltbaren Behauptungen fanatischer Umweltschützer oder „die zahlreichen Spielarten fernöstlichen Mystizismus“, sodass er „auf das Spirituelle eine Doppelmoral anwendet.“

Es wäre wohl unvermeidlich, „dass über kurz oder lang der Kreuzzug der Neuen Atheisten zur Quasi-Religion mutieren würde“ und Furedi führt als Beleg dafür das Buch des britischen Philosophen Alain de Botton an, in dem dieser für eine Assimilation von kulturellen Elementen plädiert, die herkömmlich als Phänomene religiöser Kultur angesehen werden, aber auch aus säkularer Sicht nützlich sein könnten.

Und obwohl Alain de Botton für seine Vorschläge harsche Kritik einstecken musste, erklärte Furedi, der Atheismus sei „de facto zu einer unglaublich intoleranten und dogmatischen säkularen Religion geworden.“ Als Humanist sei er darüber erschüttert, denn es kommen die größte Gefährdung für menschliche Potentiale und „die echte Herausforderung für Humanisten heute nicht von organisierten Religionen (…) sondern von der moralischen Orientierungslosigkeit der säkularen Zivilisation des Westens.“

Das hat nun Frank Furedi als Argument dafür ausgesucht, dass die professionelle Religionskritik nach nicht einmal einem Jahrzehnt wieder die Segel streichen und sich in einen interkonfessionellen Kampf gegen das „wahre Übel“ in der Welt einreihen sollte. Und ob bewusst oder unbewusst, es kommt ja nicht groß darauf an, rollt Furedi den katholischen Bischöfen und muslimischen Ayatollahs gleichermaßen einen roten Teppich aus, auf dem sie ihre ignoranten, dogmatischen oder schier wahnsinnigen Theologien wieder zum Fundament allen Daseins machen wollen.

Es spricht Bände über die Macht der Religion, wenn ein säkularer Humanist eine moralische Orientierungslosigkeit des Westens als Anlass dafür ausmacht, den de facto winzigen säkularen Bewegungen der neueren Zeit Einhalt gebieten zu wollen und dafür die Religion, die wohl bisher umfassendsten Memplexe der gesamten Menschheitsgeschichte als eine Art zu vernachlässigbares Problem gegenüber den angeblich größeren Problemen der planetaren Gesellschaft hinstellt.

Falls jemand eine Erklärung dafür suchte, weshalb sich die Religion trotz all ihrer Mängel während der vergangenen Jahrhunderte im Sattel bzw. auf dem Thron halten konnte, liefert Frank Furedi ein zeitgenössisches Beispiel. Doch erschreckend ist nicht nur die Sabotage am humanistischen Projekt, der er damit Vorschub verschafft, sondern auch die erheblichen Fehler, die er sich bei seinem Vorstoß leistet.

Das Motiv, das anscheinend hinter seinen Ausführungen steht, ähnelt einem, das sich im Rahmen der heute allgegenwärtigen Finanzkrise häufig zeigte. Denn zwar waren gravierende Mängel der Bankenwirtschaft maßgeblich ursächlich für die entstandenen Desaster, aber den Untergang zentraler Institutionen könne das nicht rechtfertigen:

„Too big to fail“, so hieß das Konzept, mit dem diese in Schutz genommen und mit der die Allgemeinheit für das Versagen von Einrichtungen und Systemen haftbar gemacht wurde, von denen sie entweder zuvor nie etwas gehört hatte, deren Praktiken sie missbilligte und mit denen sie nichts zu tun haben wollte.

Nicht nachvollziehbare Argumente, sondern vor allem die Angst gegenüber einem Zusammenbruch diente als politische Legitimation der „Rettung“, als Vorwand zur Unterstützung von Institutionen, die versagten und von einer Kultur, die sich mit Hilfe der Irrationalität von Menschen bereichert und es noch heute tut. „Too big to fail“ ist für Furedi offenbar auch der Memplex der Theisten. Vielleicht deshalb nimmt er die Atheisten unter Beschuss, wenn er über gravierende Mängel in der Moralmaschinerie von Zivilisationen des Westens nachdenkt.

Frank Furedi bedient sich dabei ebenfalls dieser Angst vor dem Zusammenbruch. Obwohl Soziologieprofessor, zeigt er jedoch einen erschreckenden Mangel an Verständnis für das, was Religion ausmacht. Denn neben den unzähligen Funktionen, die sie besitzt, ist die Lieferung moralischer Orientierungsmaßstäbe von erheblicher Relevanz.

Und so bleibt es den Mutmaßungen überlassen, warum er die sich auch in der Säkularisierung zeigende Unfähigkeit der Religion, im Zuge von technologischen, wissenschaftlichen, rechtlichen und sozialen Fortschritten eine plausible, widerspruchsfreie Angebotspalette zur moralischen Orientierung zu entwickeln, ausgerechnet gegen die Atheisten vorbringt.

Im Widerspruch dazu investierte die Religion stets erhebliche Mittel in das Ziel, die Entwicklung von der Realität entsprechenden Angeboten zur moralischen Orientierung zu verhindern, selbst unter Inkaufnahme einer populär werdenden Akzeptanz für das Fehlen von logischer Konsistenz und Empirie oder dem Gebrauch hysterischer Polemik.

Tatsächlich haben die traditionellen Religionen, insbesondere die monotheistischen, es bis heute mit Ausnahme einiger liberaler Kreise nicht geschafft, die eigene Moral überhaupt als nur ein Angebot zu verstehen, weshalb sie in Deutschland auf das Recht pochen, die Indoktrination von Kindern und Jugendlichen in einem pflichtweise zu besuchenden Religionsunterricht betreiben zu dürfen oder hysterisch polemisieren, wenn die Politik mal nicht ganz zu ihren Theologien passt.

Und wenn es eine moralische Orientierungslosigkeit der säkularen Zivilisation des Westens gibt, wie sie sich in der Ausbeutung von Gesellschaften in anderen Regionen, dem Missbrauch der nichtmenschlichen Lebewesen in der Ernährungs- und Unterhaltungsindustrie, der groben Ignoranz gegenüber Kausalitäten und Konsequenzen widerspiegelt: Dann findet diese einen maßgeblichen Quell bis heute in der Verquickung von religiöser, politischer, kultureller und wirtschaftlicher Macht sowie philosophischer und moralischer Rückständigkeit, die so viele Atheisten und Humanisten zum Einsatz motivieren und wegen deren Phänomene Menschen jedes Glaubens erschrecken und andere leiden. Vera Pegna, Vertreterin der italienischen Atheisten- und Rationalistenorganisationen UAAR , betonte auf einer OSZE-Konferenz im September 2011, dass niemand aufwacht und sich aus dem blauen Himmel heraus entscheidet, Katholiken zu hassen.

Frank Furedi übersieht auch, obwohl Soziologieprofessor, die Verbindungen und Gemeinsamkeiten zwischen den säkularen Organisationen, die sich gegen die Irrationalität und wissenschaftlichen Unhaltbarkeit der Theologien stellen und derjenigen Vereine, die die Geschäftemacherei mit den Substituten einzudämmen versuchen, weshalb der Vorwurf der Doppelmoral unter Atheisten gleich zweifach danebengeht: Denn jede hochentwickelte Kultur bringt Spezialisierungen mit sich; auch Richard Dawkins hat weder den Anspruch gezeigt, als „Schweizer Taschenmesser“ für die Übel in der Welt verstanden werden zu wollen, noch behauptet, dass allein die Religion die Wurzel allen Übels sei.

Fast nur eine Randnotiz: Dass Frank Furedi den sogenannten „neuen Atheisten“ vorwirft, sich einer ungenauen Sprache zu bedienen oder einen dogmatisch-polemischen Stil zu pflegen, obwohl die alten Theisten niemals damit aufgehört haben, enthält zwar die legitime Frage nach der Waffengleichheit, ist aber als die Art von Anklage formuliert, bei der die Unschuld erst noch bewiesen werden muss. Ein Atheismus mit Bügelfalte, als freundlich mahnender, ewig zurückhaltender Lektor für die Lügengeschichten des Klerus – das scheint sich Furedi zu wünschen.

Man kann nicht bestreiten, dass es mitunter den Argumenten und Aussagen der Anhänger von Richard Dawkins und anderen prominenten Religionskritikern an Stichhaltigkeit und Differenziertheit fehlt. Was man aber bestreiten muss ist, dass diese Mängel ebenso unredlich und untolerierbar sind wie die in den Aussagen der Anhänger der Religionen.

Denn unterzieht man die Ausführungen auf beiden Seiten genauerer Prüfung, sind bei den Aussagen von Atheisten natürlich Irrtümer, Fehlschlüsse, fragwürdige Interpretationen oder auch schlichte dumme Erklärungen zu finden.

Wirft man jedoch einen Blick auf die Aussagen bei den Wortführern in den Religionen finden sich hier fast nur Aussagen, die angesichts wissenschaftlicher Erkenntnisse und im Lichte der großen Vielfalt legitimer philosophischer Standpunkte sich häufig als so falsch, so bizarr und so unhaltbar darstellen, dass man sie als nicht mehr als bloße Lügen oder auch als Zeugnis von Schwachsinn bezeichnen muss.

Und das ist es dann auch, was die von Furedi kritisierten Atheisten machen. Einige Humanisten tun es ebenfalls, während andere schweigend an Alternativen arbeiten. Einige säkulare Humanisten, wie Furedi, schlagen sich hingegen auf die Seite der Theologen, Bischöfe und Päpste und behaupten zu wissen, was „echte Humanisten“ angesichts der moralischen Orientierungslosigkeit eines säkularen Westens zu tun hätten.

Doch auch seine Feststellung, dass früher die Atheistinnen und Atheisten sich im Gegensatz zu heute als Demokraten, Sozialisten, Kommunisten oder Rationalisten bezeichneten, geht daneben. Denn sie tun es bis heute, schon weil aufgrund der moralischen Orientierungslosigkeit der vermeintlich säkularen Zivilisationen des Westens zu oft Amt oder Würde denen verschlossen bleiben, die sich ganz offen und selbstbewusst Atheisten nennen. Sowohl in Deutschland wie auch in den Vereinigten Staaten gilt der „Atheismus“ in der Identität von Menschen am besten als Privatsache, sofern das politische Mandat, das berufliche Fortkommen oder der familiäre Friede erhalten oder nicht gefährdet werden soll.

Es kann eine Zeit kommen, wo das anders sein wird und Bischöfe oder Ayatollahs anfangen, die Ursachen für den Widerstand gegen ihre Religionen in ihrer eigenen moralischen Orientierungslosigkeit zu suchen. Bis dahin sollten sich säkulare Humanisten aber davor hüten, denjenigen Atheisten, die sich mit (schlechten) Argumenten gegen schlechte Argumente der Theisten stellen, mit noch schlechteren Argumenten in ihr Handwerk zu pfuschen.

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Diskussion - Bisher 3 Kommentare - Kommentar schreiben
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    Gute Replik auf einen ärgerlichen “Versöhnungs”versuch. Danke.

    Es bleibt zu hoffen, dass er mit seinem Vorstoß nicht allzu viel Publikum bekommen wird. Nach die Kirchen werden ihn gern als Referenz nehmen.

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    Manche würden alles tun oder sagen, um ein bißchen Aufmerksamkeit zu bekommen. Oder ein paar Bücher zu verkaufen. Und “Atheisten-Bashing” ist halt in Deutschland keine schlimme Sache und bekommt viel Applaus.

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    Sehnt sich Furedi nach jener Zeit, als es gefährlich war offen Unglauben zu zeigen? Während der institutionalisierte Glauben in Jahrhunderten auf den Menschenrechten herumgetreten hat, empört sich diese Pappnase, wenn Menschen, die eben nicht glauben, offen ihre Meinung sagen.

 
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