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Indien: „Wunder“ enttarnt, Gläubige aufgebracht

Blasphemie-Vorwürfe, Anzeigen und Haftbefehl nach Entzauberung von vermeintlichem Wunder in einem katholischen Tempel.

Sanal Edamaruku.

Religion – Der indische Bürgerrechtler Sanal Edamaruku, Präsident der Indian Rationalist Association, sieht sich derzeit „Blasphemie“-Anklagen ausgesetzt. Es heißt, er könnte jeden Augenblick inhaftiert werden. Der Anlass: Er deckte vor kurzem ein „Wunder“ auf,  bei dem angeblich heiliges Wasser vom Fuße einer Kruzifix-Statue vor der römisch-katholischen „Basilika unserer guten Dame von Velankanni“ tropfte. Der Tempel nahe der Südspitze Indiens, der einer sogenannten Marienerscheinung gewidmet ist, wird als „Lourdes des Ostens“ bezeichnet und von jährlich mehr als zwei Millionen Pilgern besucht.

Vor geraumer Weile begann zeitweise etwas Wasser vom Fuße der Jesus-Statue zu tropfen. Die Nachricht davon verbreitete sich innerhalb der Bevölkerung in Windeseile und Tausende Gläubige pilgerten zur Basilika, um diese aus ihrer Sicht „heilige Flüssigkeit“ in Behältern aufzufangen.

Sanal Edamaruku entzauberte das vermeintliche Wunder schließlich Mitte März 2012 in aller Öffentlichkeit, in dem er vor laufenden TV-Kameras ein Leck im Abwassersystem als Ursache aufzeigte. Durch den Kapillareffekt gelangte das Wasser in die Figur, welches dann an anderer Stelle wieder austrat. Eine große Enttäuschung für die Gläubigen, aber eine noch größere für die Vertreter der Kirche.

Kontrovers und heikel wurde es, als Sanal Edamaruku im Fernsehen während einer Diskussion mit drei katholischen Kirchenvertretern den Vorwurf formulierte, dass die Kirche die Erfindung von „Wundern“  betreibe und zudem durch massive PR-Aktionen vermarktet. Die Kirchenvertreter forderten Edamaruku darauf hin auf, seine Aussagen zurückzunehmen und sich zu entschuldigen. Dieser blieb jedoch bei seiner Position, worauf die Gläubigen ihm damit drohten, ihn wegen „Blasphemie“ anzuzeigen.
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Dazu ist es nun auch gekommen, denn bisher sollen drei Anzeigen gegen Sanal Edamaruku bei verschiedenen Polizeistationen eingegangen sein, die auf seine Verurteilung nach dem indischen Strafgesetzbuch zielen. Vor zwei Tagen erhielt Sanal Edamaruku einen entsprechenden Anruf, in dem ihn die Polizeibehörde zum Erscheinen aufforderte, so dass er mit den Vorwürfen konfrontiert und in Haft genommen werden kann. Rationalist International hat nun deshalb den Juristen und Menschenrechtsexperten N.D. Pancholi mit seiner Verteidigung beauftragt. Mehr Informationen über den Fall stellt die Webseite von Rationalist International zur Verfügung.

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Diskussion - Bisher 6 Kommentare - Kommentar schreiben
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    und ausgerechnet in Deutschland fordern einflußreiche christliche bzw. kirchliche Gruppierungen heute die (Wieder-)Einführung eines Blasphemieparagrafen im Strafgesetzbuch – und berufen sich dabei auf die Präambel des Grundgesetzes (“Achtung vor Gott”).

    So schnell kann’s gehen – auch ohne “böse” Salafisten oder Scientologen, um die sich Verfassungsschutz wie CDU ja hingegen besonders gern kümmern…

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    Warum Einführung? So etwas gibt es doch schon (§166StGB).

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    So wie es sich für mich darstellt, ist nicht die Entmagisierung der Statue der Grund für diese Anzeigen, sondern seine Aussage während des TV-Auftrittes.

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    @Schorse: Richtig, sorry: habe ich selbst überlesen, denn ich hielt den 166 allen Ernstes für lange gestrichen bzw. mein eigene alte Ausgabe des StGB hier für “veraltet”. begriffe wie “Beschimpfungen” o.ä. waren und sind afaik für die Formulierung von Gesetzen schlicht ungeeignet.

    Richtiger ist wohl, das die Verbände die “durchgreifende Verfolgung” gewährleistet bzw. Verstöße wieder kräftiger geahndet haben wollen, vor allem aber “öffentlichen Frieden” mit “religiösem Frieden” gleichgesetzt sehen wollen (was m.E. ein erheblicher Unterschied ist).

    Aber das macht die Sache aber letztlich auch keineswegs besser…

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    @Joe: Laut Artikel wurde wegen “Blasphemie” und eben nicht üble Nachrede vs Verleumdung angezeigt – demnach ging es auch nicht um eine solche.

    Wenn Kirchen solche Wunderprojekte / -unternehmungen aktiv dulden bzw. fördern, an dem sie nicht zuletzt gleich verschiedentlich partizipieren, dann muß man auch fragen können ob da ein gewerbliches Interesse dahintersteht ggf. sogar eine Täuschung im Geschäftsverkehr vs Betrug vorliegt. Behauptet man das allerdings wider besseren Wissens, dann ist das ohne Blasphemie strafbar.

 
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