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„Wird Selektion salonfähig?“

Debatte um vorgeburtliche Diagnostik kommt zurück.

Gesellschaft – Die Debatte um die Pränataldiagnostik kommt zurück und bringt altbekannte Fragen mit. Eine davon lautet: „Dürfen Eltern das Recht haben, die eigenen Kinder in einem frühen Entwicklungsstadium während der Schwangerschaft auf Gen-Krankheiten zu testen und sich im Fall der Fälle dagegen entscheiden, es zu bekommen?“ Die Gegner moderner Diagnosemethoden meinen: Nein.

Ein Anlass für neue Wortmeldungen war unter anderem, dass der 21. März der Welt-Down-Syndrom-Tag war. Diesen Tag gibt es seit 2006, im vergangenen November wurde er von den Vereinten Nationen offiziell anerkannt. Er soll das öffentliche Bewusstsein für die Problematik des Down-Syndroms steigern. Betroffene besitzen ein dreifaches Vorkommen des 21. Chromosoms (Trisomie 21). In Deutschland leben zwischen 30.000 und 50.000 Menschen mit dieser genetischen Abweichung.

Ein weiterer Hintergrund für die neuerliche Debatte ist, dass das Biotechnologieunternehmen Lifecodexx AG vor kurzem ein Verfahren entwickelt und vorgestellt hat, mit dem aus der Blutprobe einer schwangeren Frau das Vorhandensein einer Trisomie 21 zuverlässig ausgeschlossen oder bestätigt werden kann. Ein Vorteil des Verfahrens ist neben seiner hohen Zuverlässigkeit der Verzicht auf einen invasiven Eingriff. Bisher entscheiden sich neun von zehn Eltern dafür, kein Kind mit Trisomie 21 zur Welt bringen zu wollen.

Hubertus Hüppe, Behindertenbeauftragter der Bundesregierung, hält bereits diese Tatsache weder für ethisch noch medizinisch begründbar. Dem CDU-Politiker zu Folge müssten Eltern dazu gezwungen sein, Kinder mit Trisomie 21 zur Welt zu bringen.

Zum neuen Testverfahren für Trisomie 21 erklärte Hüppe: „Dieser Test ist nicht nur im hohen Maße diskriminierend, ich halte ihn auch für illegal. Er dient weder medizinischen noch therapeutischen Zwecken, sondern einzig und allein der Selektion von Menschen mit Down-Syndrom.“

Er verwies darauf, dass Menschen mit Trisomie 21 nicht an ihrer Erkrankung leiden würden. „Die Menschen leiden nicht am Down-Syndrom, wie oft formuliert wird. Sie leiden allenfalls an oft immer noch bestehenden Vorbehalten in der Gesellschaft“, so Hüppe.

Die Kritiker der pränataldiagnostischen Technologien verweisen weiter darauf, dass mit zunehmenden technischen Möglichkeiten der Druck auf Eltern wachse, sich gegen die Geburt eines aller Voraussicht nach derart beeinträchtigten Kindes zu entscheiden.

Zudem werde die gesellschaftliche Stellung behinderter Menschen dadurch beeinträchtigt, dass es möglich ist, vorgeburtliche Schädigungen zu erkennen und Eltern das Recht besitzen, sich gegen die Geburt eines betroffenen Kindes zu entscheiden. Sobald es möglich ist, die Geburt eines betroffenenen Kindes vorauszusehen und zu verneinen, müssten sich die Eltern der Kinder fragen lassen, warum sie das nicht auch taten. Tatsächlich erlangt die Mehrheit behinderter Menschen in Deutschland die Behinderung erst nach der Geburt, etwa durch Unfälle.

Neuen Zündstoff für die Gegner pränataler und präimplantiver Diagnosemethoden gab ein vor kurzem im medizinischen Fachblatt Journal of Medical Ethics veröffentlichter Aufsatz der australischen Philosophen und Medizinethiker Alberto Giubilini und Francesca Minerva. Der Aufsatz argumentierte dafür, dass Neugeborene den gleichen moralischen Status besäßen wie ungeborene Menschen. Aus utilitaristischer Perspektive müsste es daher auch legal sein, behinderte Neugeborene töten zu dürfen. Ausführlicher und differenziert wurde der Beitrag im Online-Magazin Telepolis aufgearbeitet.

Für Birgit Kelle, unter anderem Autorin für den Kopp Verlag, bedeutet das Testverfahren ein „Todesurteil für alle betroffenen Kinder“ – obwohl niemand bislang gefordert hatte, alle betroffenen Kinder zu töten. In einem weiteren Beitrag für das Online-Magazin The European erinnerte sie auch an den Aufsatz von Giubilini und Minerva, wobei sie auf die Ehrung des ebenfalls aus Australien stammenden Philosophen und Tierrechtlers Peter Singer durch die Giordano-Bruno-Stiftung im vergangenen Jahr hinwies. Kelle fragte: „Scheint dort einfach die Sonne ein bisschen zu heiß, oder wird Selektion gerade generell salonfähig?“

Eberhard Schockenhoff, Moraltheologe an der Universität Freiburg und Mitglied im Deutschen Ethikrat, stellte fest, dass vorgeburtliche Diagnostik ein Schritt in die selektive Medizin ist. Er meinte, eine humane Gesellschaft müsse dagegen auf Inklusion statt Selektion setzen und sprach sich gegenüber dem Deutschlandradio für ein totales Verbot von Tests auf Trisomie 21 aus.

Schockenhoff meinte auch, dass es zu rechtfertigen sei, Eltern eine solche Information vorzuenthalten – obwohl diese ihr gesamtes Leben für und mit solch einem betroffenen Kind führen müssen: „Das ist ethisch vertretbar, weil die Eltern ihrerseits ja kein Recht dazu haben, über das Leben ihres Kindes zu disponieren und über das Leben ihres Kindes eine Entscheidung zu fällen, die dieses daran bindet, ob sie es annehmen, ob es ihren selbst gesetzten Erwartungen und Vorstellungen entspricht.“

Verteidiger des Rechts auf Anwendung moderner Diagnoseverfahren und der Entscheidung gegen ein Kind mit Trisomie 21 verweisen auf das Selbstbestimmungsrecht der Eltern und die Tatsache, dass ein Embryo oder Fötus bis zu einem gewissen Entwicklungsstadium kein empfindungsfähiger Mensch ist. Die von Seiten der Kritiker verschiedentlich eingenommen Einstufung als „Mensch“ rührt aus religiösen Vorstellungen oder willkürlichen Entscheidungen her, die angesichts der komplexeren Wirklichkeit aber kein Fundament für einen umfassenden rechtlichen Maßstab bilden können.

Ende Januar berichtete eine Episode des Wissenschaftsmagazins nano auf 3sat über das neue Diagnoseverfahren sowie das Leben von Menschen mit der Diagnose Trisomie 21.

Maßgeblich scheidet sich die Debatte weiterhin an der Prognose einer massiven Ausweitung entsprechender Testverfahren sowie der Frage nach der Stellung behinderter Menschen in unserer Gesellschaft. Es wird auch weiter davor gewarnt, dass zukünftig das Recht auf die Wahl des Geschlechts oder der Augenfarbe zum Alltag werden könne.

Im Streit um das Verbot der Präimplantationsdiagnostik im vergangenen Jahr betonten jedenfalls auch die Befürworter wie die Giordano-Bruno-Stiftung unmissverständlich, dass kranke und behinderte Menschen die volle Unterstützung der Gemeinschaft verdienen, Krankheit und Behinderung jedoch nicht. Und dabei sollte es weiterhin bleiben.

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Diskussion - Bisher 3 Kommentare - Kommentar schreiben
  •  

    Der evolutionären Selektion verdankt das Leben auf der Erde seine Existenz, ohne eine natürliche Selektion gäbe es auch uns Menschen nicht.

    Was die fehlende Selektion auf Grund unserer humanen sozialen Systeme (die unabdingbar gewünscht und richtig sind ) nun für die gesamte Menschheit genetisch bedeutet muss noch diskutiert werden.
    Letztendlich über den Zeitraum mehrerer Generationen einen genetischen Verfall verbunden mit zunehmenden Zivilisationkrankheiten, dieser Prozess ist ja bereits beobachtbar.

    Kranke und behinderte Menschen verdienen die volle Unterstützung der Gesellschaft, jedoch muss die Bedeutung der Selektion für die langfristige Arterhaltung unserer Spezies durchaus sachlich wissenschaftlich erörtert werden können und muss sich in poltischen Entscheidungen wiederfinden.

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    Gut, dass es dieses nicht-intrusive Verfahren mittlerweile gibt!

    Man wird es erfreulicherweise nicht verbieten können, da die Mutter nur ein wenig von ihrem Blut spendieren muss, was sie gern tun wird, wenn sie etwas über den Fötus in ihrem Bauch erfahren will. Und wenn es hier verboten wird, dann wird es sicher ein Land geben, in dem diese Information zu ermitteln ist – das Internet macht es sicher möglich. Und wenn das unzuverlässig ist, ist das ein gutes Argument, es hier zuverlässig anzubieten.

    Der Fötus vor dem dritten Monat, also noch legal abtreibbar, ist natürlich (noch) kein Mensch. Und selbst wenn der Gesetzgeber hier schon einen Menschen sähe, so ist offenbar hier die Abwägung mit den Interessen der Mutter noch hinreichend wichtig, um eine Abtreibung straffrei zu lassen.

    Warum sollte das anders sein, wenn man ein wenig mehr über den Fötus weiß? Gerade dann kommen ja auch Interessen der Mutter in die Waagschale, die vorher nicht faktenbasiert bestimmbar waren. Der möglicherweise abgetriebene Fötus jedenfalls hat sicher noch kein Bewusstsein, sicher keine Fähigkeit, Leid zu empfinden. Damit kann er keine Person sein. Punkt. Alles andere ist beliebiges Gerede ohne Bezug zur konkreten Realität.

    In dem Film wird von einer Hebamme mit sentimentalem Unterton bedauert, dass man immer weniger einfach geschehen lässt und schicksalhaft annimmt. Aber wenn das ein gutes Ziel wäre, dann sollten wir vielleicht die Arztbesuche ganz einstellen? Oder wo ziehen wir die Grenze? Bei Kräutertees? Oder bei Glaubuli in höchster Potenz? Oder beim Handauflegen? Oder dürfen Ärzte dann doch noch etwas tun, das wirkt? Bis wo aber darf das dann gehen? Für mich ist die entscheidende Grenze klar: Es muss die persönliche Autonomie des Patienten zu 100% respektieren – und Zellhaufen, die noch lange nicht Person sind, fallen dabei einfach nicht ins Gewicht, es sei denn über die Emotionen, die Personen mit ihnen verbinden. Diese Zellhaufen für „potenzielle“ Personen zu erklären, das ist fromme Metaphysik – wenn man mal auf Phantasien, die nicht in der konkreten Wirklichkeit wiederzufinden sind, verzichtet, bleibt davon nichts übrig.

    Wir sind Menschen, gerade dadurch, dass wir unseren Grips verwenden, um unser aller Leben, auch das unserer Kinder, besser zu machen. Und Behinderungen sind dabei nur ein (nicht mal so zentrales) Partialthema, das wir längst schon menschlich lösen und in Zukunft lösen werden, das sich aber am besten emotional aufladen lässt – von frommen Lobbyisten.

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    Und dann beim abermaligen Lesen: „Todesurteil für alle betroffenen Kinder“ – welche Kinder? _Kein_ Kind sieht sich einem Todesurteil ausgesetzt. Ganz im Gegenteil hat jedes Kind Anspruch auf möglichst gute Förderung.

    Das ist die Art von Propaganda, mit der man frommen Humbug durchsetzen will, den wir zugegebenermaßen noch alle in den Knochen haben – unser Empfinden funktioniert noch so, dass wir auf solche Propaganda anspringen.

    Das Gewohnte und von allen Geteilte ist vertraut und angenehm, das ist aber nicht unbedingt das Vernünftige.

 
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