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"Es muss sich einiges tiefgreifend und grundsätzlich ändern"

Der Philosoph Frieder Otto Wolf zur Debatte um den deutschen Bundespräsidenten.

Bei einer Debatte über Grundlagen der Moral in der Urania Berlin im Januar 2011. Foto: Frank Navissi

Die Diskussionen um das Verhalten des Bundespräsidenten Christian Wulff (CDU) reißen nicht ab. Wulff selbst scheint fest entschlossen, sich unter allen Umständen im Amt halten zu wollen und dem Druck der vehementen öffentlichen Kritik nicht nachzugeben. Unterstützung erhält er dabei von der Bundeskanzlerin und der Regierungskoalition aus CDU/CSU und FDP.

Bereits am Mittwoch nahmen einige Vertreter säkularer Organisationen die laufenden Ereignisse als Anlass für eine Stellungnahme dazu, was sie von Staatsoberhäuptern in Deutschland nach der Ära Wulff erwarten würden. Im Interview gab nun auch Frieder Otto Wolf, Präsident des Humanistischen Verbands Deutschlands, Auskunft über seine Ansprüche und Erwartungen gegenüber künftigen Bundespräsidentinnen oder Bundespräsidenten. Er äußert sich gleichzeitig skeptisch, dass die politischen Rahmenbedingungen hier große Hoffnungen zulassen.

Herr Wolf, viele Menschen sehen den Bundespräsidenten, der sich in einen erschreckenden Clinch mit der Bild-Zeitung einließ, mittlerweile als moralisch gescheitert an. Es mehren sich auch wieder die Stimmen, die das Amt für ganz überflüssig halten. Andere befürworten eine demokratischere Auswahl. Was wäre Ihnen denn mit Blick auf künftige Inhaberinnen oder Inhaber so eines Amtes wichtig?

Prof. Frieder Otto Wolf: Von der nächsten Wahl eines Bundespräsidenten wünsche ich mir, dass sie das männliche Monopol auf die Repräsentation des Staates durchbricht und dass die gewählte Kandidatin auch deutlich macht, dass sie die Vielfalt der sexuellen Orientierungen der wirklichen Bürger dieses Landes respektiert. Ich wünsche mir, dass sie sich klar und eindeutig zur Trennung von Kirche und Staat bekennt und öffentlich ebenso klar von der historischen Legende des „christlichen Abendlandes“ absetzt und erkennbar darstellt, dass er die nicht-christlichen, jüdischen, islamischen und nicht-theistischen Traditionslinien mit aufgreift, die den in sich vielfältigen Zusammenhang der europäischen Kultur geprägt haben.

Was wäre nötig, um das auch wirkungsvoll und glaubhaft umsetzen zu können?

Wolf: Er müsste ausdrücklich an die Tradition der europäischen Aufklärung anknüpfen sowie die Bedeutung der Wissenschaften auch für unsere kulturellen und sozialen Orientierungen unverkürzt würdigen und jeder Art von Obskurantismus eine klare Absage erteilen, was auch gläubige Christen, fromme Juden und rechtgläubige Muslime durchaus leisten können.

Wulff war oder ist ein Berufspolitiker, mit einem klaren christlich-konservativen Profil. Das ist ihm mit Blick auf Medien und Politik nun wohl auch zum Verhängnis geworden, jedenfalls was die Reputation von Amt und Person betrifft. Was könnten Nachfolger leisten, was Wulff aufgrund seiner Herkunft wohl nicht leisten konnte?

Wolf: Ich wünsche mir, dass sie oder er die Vielfalt der im heutigen Deutschland zusammengekommenen kulturellen Traditionen als gesellschaftlichen Reichtum erfahrbar macht und die Aufgabe der Repräsentation demokratischer Politik auf eine Weise löst, die zum politischen Engagement einlädt und nicht durch Gedankenlosigkeit, Oberflächlichkeit und Unredlichkeit auf alle, die nicht vom tagtäglichen Politikbetrieb abgestumpft sind, abschreckend wirkt.

Was für eine Persönlichkeit müsste das sein?

Wolf: Ich erwarte hier eine eigensinnige, nicht nur gebildete, sondern aufgeklärte Persönlichkeit, die weder vom heutigen Politikbetrieb „rundgeschliffen“ noch von den Medien handzahm und unkritisch gemacht worden ist. Und denke, dass ich diese Leistung heute eher von einer Frau als von einem Mann erwarten kann, gerade weil die Frauen immer noch beim Zugang zu vielen Repräsentations- und Macht-positionen diskriminiert werden.

Ich selbst denke da grad spontan an eine Person wie Åse Kleveland, die Präsidentin des Humanistischen Verbands in Norwegen. Aber Kandidatinnen für so ein Amt gäbe es gewiss auch in Deutschland viele. Wie realistisch schätzen Sie Ihre eigenen Erwartungen denn ein?

Wolf: Angesichts des gegenwärtigen Zustandes der politisch maßgeblichen Kreise im heutigen Deutschland würde ich so jemanden leider nicht erwarten. Das ist für mich ein Zeichen mehr dafür, dass nicht nur ein wenig faul ist in unserem Staate. Es muss sich wohl tiefer greifend einiges ganz grundsätzlich verändern, damit eine demokratische Bewältigung der schwierigen Zukunftsaufgaben möglich wird, die auf uns Bürgerinnen und Bürger, auf unsere Gesellschaft und auf unser politisches Gemeinwesen absehbar zukommen.

Können Sie einige Beispiele nennen, die Sie da sehen?

Wolf: Die ökologischen Krisen werden sich nicht ohne tiefgreifende Veränderungen unserer Lebensweisen bewältigen lassen, was ohne eine bewusste politische Auseinandersetzung, die zu demokratischen Entscheidungen führt, allenfalls regressiv und durch Katastrophen durchgesetzt werden könnte. Die ökonomischen und finanziellen Krisenprozesse erfordern ebenfalls neue Formen der demokratischen Regulation, um bewältigbar zu werden, und auch die wachsende Aggressivität innerhalb und die leider zunehmende Tendenz, in der Außenpolitik auf kriegerische Mittel zurückzugreifen, wird sich ohne neue Formen demokratischer Politik nicht eindämmen und zurückdrängen lassen. Damit wir in Zukunft menschenwürdig leben können, bedarf es großer Anstrengungen, die nur in einer breit getragenen demokratischen Initiative geleistet werden können. Da sind alle Menschen guten Willens wieder einmal historisch gefordert.

Herr Professor Wolf, vielen Dank für das Interview!

Frieder Otto Wolf lehrt Philosophie an der Freien Universität Berlin, unter anderem ist er Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac.

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