Ist der Youcat eigentlich eher von progressiveren oder konservativen Auffassungen geprägt?
Kubitza: Er ist knochenkonservativ, auch wenn er jugendlich daherkommt. Man wird ja wohl keine Zugeständnisse gegenüber Jugendlichen erwarten, wenn man Protestanten, Juden, Muslimen und anderen Religionen schon aus katholischer Prinzipienreiterei nicht entgegenkommt. Ein Gespräch mit Jugendlichen wird vorgetäuscht, tatsächlich hat sich der sichtbare Ausdruck ihres Einflusses im Youcat wohl auf die Auswahl der Bilder im Youcat beschränkt. Die katholische Kirche definiert Dogmen, sie diskutiert sie nicht. Selbst die modern erscheinende Farbe „Gelb“ des Youcat ist das Gelb des Vatikans.
Sie kennen den christlichen Glauben so gut wie viele andere Theologen und sind auch mit aufgeklärteren Glaubenshaltungen vertraut. Nun werden im Youcat die Jugendlichen mit Fragen wie „Darf man Maria anbeten“ oder „Wie wird das sein, wenn Christus uns und die ganze Welt richtet?“ beschäftigt. Das sind schon mehr als Flausen, Sie sprechen ja selbst von Verführung. Kommt das dort aber nicht schon einem Wahn nahe?

Dr. Heinz-Werner Kubitza
Kubitza: Religiöse Systeme haben natürlich auch einen Wahncharakter, wer wollte das bestreiten, wenn er an die bunte Vielzahl sich oft auch noch gegenseitig ausschließender Religionen denkt. Natürlich sind Gläubige zum Irrtum verdammt. Doch der Youcat ist für mich eher Ausdruck von Hilflosigkeit. Historische Forschung und neuzeitliches Denken haben den Bau der protestantischen Kirchen derart erschüttert, dass der Katholizismus ein ähnliches Schicksal unbedingt vermeiden will. Er verfällt deshalb in die Strategie so zu tun, als wäre alles beim Alten und in sich stimmig. Und eben das versucht er Jugendlichen unterzujubeln. Er sehnt sich innerlich nach der Ruhe eines romantischen Katholizismus des 19. Jahrhunderts, und ist dabei doch gleichzeitig immer auf der Flucht vor einer aufgeklärten Weltsicht und nur dem Anhauch von Kritik. Ein erbärmlicher Zustand.
Glauben Sie, dass Ihr Buch nun der ungeheuren Verschleuderung von Ressourcen durch die Hunderttausenden Freiexemplare des Youcat wirklich etwas entgegen setzen kann?
Kubitza: Natürlich kann es das nicht. Schon die Hauptadressaten, Jugendliche, die religiöser Indoktrination ausgesetzt sind, wird es kaum erreichen können. Und einer Ideologie wie der der römischen Kirche mit mehr als einer Milliarde Gläubigen kann es sehr egal sein, was irgendwelche Kirchenkritiker in Europa oder den USA von sich geben, wo doch das Wachstum auch des katholischen Aberglaubens gerade in anderen Kontinenten liegt. Jeden Tag, so las ich kürzlich, kommen 30.000 Christen weltweit hinzu, freilich nicht alle Katholiken. Doch soll man deshalb die Flinte ins Korn werfen? Solange Unsinn verbreitet wird, ist Vernunft umso nötiger.
Sie schreiben etwa zur 40. Frage (Kann Gott alles? Ist er allmächtig?), dass sich der Katholizismus für seine unseriösen Methoden schämen sollte. Haben Sie denn Katholiken getroffen, die das tun?
Kubitza: Es gibt sehr viele sympathische Katholiken und natürlich habe einige von Ihnen auch persönlich kennengelernt. Rom ist ja ein Schaufensterkatholizismus, der aber leider in der katholischen Kirche doch das Sagen hat. Viele Katholiken leiden an ihrer Kirche. Sie sind bestürzt über die römischen Verlautbarungen, die Intoleranz, die Unversöhnlichkeit mit anderen Religionen, die himmelschreiende Missachtung der Frau, die undemokratischen Strukturen, das „von oben herab“, die Selbstgerechtigkeit von Oberhirten wie Meisner oder Mixa. Sie leiden an menschenverachtenden Dogmen, einer mittelalterlichen Verkündigung, der wissenschaftlichen und intellektuellen Rückständigkeit. Doch sie schaffen es nicht, sich von dieser Kirche zu lösen. Wie die Jugendlichen, die jetzt mit dem Youcat rekrutiert werden sollen, sind auch sie einst erfolgreich mit diesem religiösen Virus infiziert worden, und werden ihn nun nicht mehr los.
Wer ließe sich mit Ihrem Buch wohl am ehesten erreichen? Und meinen Sie, es macht Sinn, es einem schon Gläubigen zu schenken oder sollte man es am ehesten an noch unentschiedene Menschen weitergeben?
Kubitza: Mein Wunsch wäre es, dass zumindest einige Jugendliche den Youcat und mein Buch parallel lesen, und so vielleicht eine Diskussion zustande kommt. Oder vielleicht einzelne Fragen daraus z.B. im Religions- oder Ethikunterricht parallel gelesen werden. Die katholische Kirche kann daran jedoch kein Interesse haben. Denn wenn man Jugendlichen klar macht, dass der Youcat an vielen Stellen fragwürdig ist, dann würden sie vielleicht auch kritisch gegenüber anderen Stellen im Youcat werden. Doch die Kirche ist schon seit der Antike mehr am Glauben als am Denken interessiert.
Wüssten Sie eigentlich spontan ein Buch, das noch schlechter als der Youcat ist?
Kubitza: Der Youcat ist nicht schlecht, er ist gefährlich. Ich bin sicher, dass ihn viele auch konservative Katholiken für sehr gelungen halten. Er wird aus deren Sicht seinen Zweck erfüllen und weltweit Zigtausende von Jugendlichen in die Bahnen ihrer rückständigen Religion leiten.
In „Verführte Jugend“ schreiben Sie zur Kirche, „ihr ganzer Leib ist brandig“. Was ist hier mit Leib gemeint?
Kubitza: Das ist ein Bild, das beschreiben soll, dass die fragwürdigen Stellen der katholischen Dogmatik nicht nur an unbedeutenden Stellen sitzen. Den Jugendlichen aber wird vorgegaukelt, es sei alles in bester Ordnung. Der Zustand des Patienten wird ihnen mit voller Absicht verheimlicht. Dies geschieht nicht aus Rücksicht, sondern aus kalter Berechnung.
Der Bundespräsident ist auch Katholik, soweit wir wissen. Haben Sie ihm mal ein Exemplar zukommen lassen oder glauben Sie, das nützt nichts?
Kubitza:Er hatte sich ja einst für die evangelikale Pro-Christ-Vereinigung eingesetzt. Da könnte er schon was lernen aus meinem Buch. Doch er dürfte gerade andere Probleme haben.
Herr Dr. Kubitza, herzlichen Dank für das Interview und ein frohes Fest!
Verführte Jugend: Eine Kritik am Jugendkatechismus Youcat will vernünftige Antworten auf katholische Fragen geben und widmet sich den Kernthesen des katholischen Glaubens. Das 206 Seiten starke Buch erschien 2011 im Tectum-Verlag und kostet 12,95 Euro.
















In den sechziger Jahren – meiner Schulzeit – war der Religionsunterricht doch genauso schädlich! Da stand im “Cantate orate”, vom Unterrichtsministerium zugelassen: “Wenn du gestorben wärest, wärest du in das Fegefeuer oder gar in die Hölle gekommen.” Dann wurden bedrückend viele Sünden aufgezählt: Unschamhaftes denken, reden, ansehen, über die Kirche und heilige Personen schlecht reden, an einer Glaubenswahrheit zweifeln, glaubensfeindliche Schriften lesen, Reden gegen den Glauben ohne Widerstand anhören, Sektenversammlungen besuchen, kirchliche Vorschriften betreffs verbotener Bücher übertreten, nichts für Gott und die Ausbreitung seines Reiches auf Erden tun und viele andere Sünden, seitenweise. Von schulischen Autoritäten empfohlen waren auch Bücher wie “Die drei Hirtenkinder von Fatima” mit einer grauenvollen Höllenbeschreibung. Heute ist es eben der “Youkat”, womit man die kirchliche Beeinflussung der Jugend betreibt. Ich mag ihn gar nicht lesen, denn ich ahne schon, was da ungefähr drinnen stehen wird!
Dem Opus Dei begegnete ich in den siebziger Jahren. Das Hauptwerk des Gründers, des jetzt heiligen Josemaría Escrivá,”Der Weg”,kam mir mehr oder weniger wie die römisch-katholischen Lehrbücher meiner Schulzeit vor. Es ist jetzt online. Es wurde in den dreißiger Jahren verfasst und es ist darin eine gewisse römisch-katholische Kampfstimmung zu spüren. Ob sich diese im “Youkat” – siebzig Jahre später – fortsetzt?
200’000 Kirchenabgänger pro Jahr in Etuschland sind offensichtlich nicht genug; das sollte sich verdrei- oder besser, vervierfachen, weltweit. Dann haben diese vatikanischen Irrlichter auch weniger Geld für derart hirnrissige Publikationen. Es ist schon ein ernsthaftes gesundheitliches Problem: Wie stoppt man endlich diese kollektiven ekklesiogenen Neurosen?
Herr Kubitza hat schon so viel Schändliches seiner katholischen Religion erkannt. Dass kindliche Indoktrination systhematisch von allen Religionen dieser Erde zum Kinderfischen benutzt wird, ist ein alter trauriger Hut. Ein alter paradoxer Hut ist auch, dass selbst scheinbar kluge Gläubige sich nicht von ihren Religionen verabschieden können. Sie sehen all die Lügen und das Betrügen, aber warum steigen sie nicht aus? OK, jeder muß seinen Kühlschrank füllen und seine Miete zahlen. Aber so kommt menschlicher Fortschritt eben nur schneckenschnell voran.
Ein bisschen komisch kommt mir vor, dass Herr Kubitza sich so zu wundern scheint, dass die Kirche (um nicht zu sagen die römisch-katholische Ideologie) gerade schon bei den Kindern anfängt, sie in ihrer Weise zu beeinflussen. Es ist doch so, dass die Vertreter dieser Lehre dies im guten Glauben tun. Sie müssen die Kinder retten, ihre Seele vor der Gottesferne wegbringen, hin zum Guten, zum Wahren, zum Einzigen. Eine Formulierung wie “der Kinder habhaft werden” vermag das Fatale einer Gehirnwäsche auszudrücken, aber aus Sicht des Glaubens an das Gute ist jede Hinführung zum Guten natürlich gut.
Ich vermisse die konkrete Benennung, was denn nun so schädlich am Glauben sei. Herr Kubitza legt aus seiner Sicht dar, dass der Glaube eine Ideologie ist. Und weil eine Ideologie gefährlich ist, ist es auch der Glaube. Aber warum eigentlich? Weil die beeinflussten Menschen nicht mehr aus ihr herausfinden? Aber warum sollten sie das tun müssen, wenn es doch gut ist zu glauben?
Zitat: “…und dass sie [die Kirche] eigentlich gar nicht wahrhaben will, wer Jesus nach Ausweis der Forschung wohl wirklich gewesen ist.”
Darin besteht doch gerade der Glaube. Herr Kubitza scheint im Grunde davon auszugehen, als könne der Glaube etwas an der Realität und den Menschenrechten Orientiertes sein. Als müssten alle Gläubigen liberal und aufgeschlossen sein.
@rdawkins
Zitat: “Ein alter paradoxer Hut ist auch, dass selbst scheinbar kluge Gläubige sich nicht von ihren Religionen verabschieden können.”
Hier wäre es sehr interessant und aufschlussreich, warum das so ist: Die Intelligenz wird für die Immunisierung gegen Kritik aufgewendet, anstatt die Kritik anzuwenden. Die Gründe wiederum dafür sind vielfältig und bestimmt sehr persönlicher, intimer Natur.
Hier sind auch die Gründe dafür zu suchen, warum es die katholische Kirche oder zumindest so etwas Ähnliches wohl immer geben wird.
@Monika Ederer-Mosing
Sie fragten “Ob sich diese im “Youkat” – siebzig Jahre später – fortsetzt?”
Ja und Nein. Ja, weil die Menschen immer Wege finden, ihren Aberglauben zu pflegen. Nein, weil die Verkleidung des Aberglaubens im YouCat wohl nicht mehr dieselbe ist wie vor siebzig Jahren, sondern sie ist immer der Gesellschaft (dem “Zeitgeist”) angepasst. Eine Ideologie bedient sich immer Immunisierung gegen Kritik. Die Kritik ändert sich je nach Gesellschaft und Stand der Wissenschaft. Die Schwerpunkte und Themen, mit denen sich die Gesellschaft beschäftigt, ändern sich ebenfalls, Stichwort Kultur.
Heutzutage ist etwa die Erklärung der Menschenrechte durch die UNO 1948 en vogue. Deshalb betont der Glaube gerne, dass er die Wurzel der Menschenrechte ist. Weil er ja das einzig Gute ist. Der YouCat ist sehr darauf aus, die Lehre in dieser Weise modern und human zu erscheinen zu lassen. Das ist einerseits sehr schwer, weil eine Ideologie wie der Glaube im Grunde alles andere vertritt als wissenschaftliche Offenheit, Realitätsbezogenheit, Vernunft und Skeptizismus.
Andererseits ist es aber sehr einfach für ein aus Immunisierung gegen Kritik bestehendes System, sich den Anschein von konkreter Humanität, von Wahrheit und Vernunft zu geben. Vor allem wenn es viele kluge Köpfe vereinnahmt und jahrhundertelang gewachsen ist.