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Streit um Zeitrechnung in Australiens Lehrplänen

Bischof: „Intellektuell absurder Versuch, Christus aus der Menschheitsgeschichte zu schreiben“

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Ein Ende von Jesus als Angelpunkt aller Zeiten im Lehrplan? An solchen Plänen gibt es in Australien scharfe Kritik.
Bild: wikimedia / gemeinfrei

Derzeit schreit Entsetzen aus den Seiten australischer Medien. Der Grund dafür ist die Vorstellung eines neuen nationalen Lehrplans. In diesem ist vorgesehen, die bisher üblichen Wendungen „BC“ und „AD“ zur Zeitrechnung durch neutralere und wirklichkeitsgetreuere Abkürzungen zu ersetzen. Die alte Abkürzung BC steht für „Before Christ“ und AD für „Anno Domini“, was dem auch in Deutschland üblichen „vor Christus“ und „nach Christus“ entspricht. Die Regelung sollte ab kommendem Jahr gelten. Nach scharfen Protesten wurde die geplante Einführung nun ausgesetzt. Ein Sprecher der für die Entwicklung zuständigen Organisation erklärte, die vorgesehene Anpassung entspräche zunehmend verbreiteten Gebräuchen.

Diese bestehen etwa in der Norm ISO 8601, welche für Deutschland als europäische Norm EN 28601 gilt und auf die ausdrückliche Nennung religiöser Bezüge in der Zeitrechnung verzichtet. Darin wurde ein „Jahr null“ definiert. Jahresangaben, die sich auf vor den Beginn der gegenwärtigen Zeitrechnung liegende Zeitpunkte beziehen, sollen mit einem negativen Vorzeichen gekennzeichnet werden.

In Australien sollten nun dem künftigen nationalen Lehrplan nach die religiös neutralen Begriffe „Before Common Era“ (BCE, also unserer Zeitrechnung) sowie „Common Era“ (CE, gegenwärtige Zeitrechnung) gelten. In den für die Entwicklungsstufen zwischen Kindergarten und dem 12. Lebensjahr konzipierten Schulbüchern und Unterrichtsmaterialien wären künftig diese Begriffe als Zeitangabe verwendet worden, statt wie bisher auf den umstrittenen Jesus Christus bezogenen Kürzel. Zusätzlich war noch die Verwendung des Kürzels „BP“ (Before Present, vor unserer Zeit) für sehr weit zurückliegende Ereignisse und Epochen vorgesehen.

Peter Jensen, Bischof der anglikanischen Kirche, nannte die Reform „einen intellektuell absurden Versuch, Christus aus der Menschheitsgeschichte zu schreiben.“ Die Niederkunft von Jesus Christus müsse für Datumsangaben zentral bleiben. Der Begriff “Common Era”, was soviel wie „Zeitrechnung“ bedeutet, sei hingegen bedeutungslos und irreführend, so Jensen. Ein anderer Theologe bezeichnete die angestrebte Regelung als Schande und meinte, Entwicklungen des nationalen Lehrplans streben in die Richtung einer „Säuberung“, um die Rolle des Christentums aus der Geschichte Australiens zu tilgen.

Ein Sprecher des australischen Bildungsministeriums erklärte hingegen, die Verwendung der Begriffe sei bereits weit verbreitet. Daher habe der Minister keinen Anlass gesehen, diese Änderungen für von Belang zu halten.

Kritik gab es wiederrum von der politischen Opposition: Australien sei heute das was es ist, weil es seine Fundamente im jüdisch-christlichen Erbe habe. Die im Lehrplan vorgesehenen Änderungen seien ein Kotau vor der „political correctness“ und verleugnen die Identität der Menschen in Australien, so ein Sprecher.

Im Internet mischten sich Leser in die Aufregung ein. „Mit VZ und NZ wäre ich einverstanden gewesen, vor Zombie und nach Zombie“, lautete ein lakonischer Tweet zum Streit um die Rolle des angeblich wieder auferstandenen Wanderpredigers in australischen Lehrmaterialien.

Auch in Schulbüchern in Deutschland wird noch auf die christliche Deutung der Zeitrechnung unmissverständlich Bezug genommen, während sich in wissenschaftlichen und akademischen Kreisen längst neutrale und realistischere Systeme durchgesetzt haben. Vorhaben dieser kleinen Änderung dürften schließlich einen langen Weg vor sich haben. „In Gemeinschaftsschulen werden Kinder auf der Grundlage christlicher Bildungs- und Kulturwerte in Offenheit für die christlichen Bekenntnisse und für andere religiöse und weltanschauliche Überzeugungen gemeinsam unterrichtet und erzogen“, heißt es etwa in einem Artikel der Landesverfassung Nordrhein-Westfalens. Auf dem Weg zur Umsetzung der europäischen Norm  scheinen daher sogar hier Anderungen unvermeidlich.

Die Begeisterung für entsprechende Pläne dürfte auch bei Astronomen, Historikern und im Bereich der Informatik arbeitenden Menschen nur verhalten sein. Für sie ist die ISO- bzw. EN-Norm ohnehin nicht besonders nützlich, da für sie eigene Kalendersysteme erforderlich oder gebräuchlich sind.  Informatiker benutzen etwa die Unixzeit, bei der die Sekunden seit dem 1. Januar 1970 christlicher Zeitrechnung gezählt werden. Die Debatte um die Neutralität der Kürzel an Datumsangaben wird wohl ein Streit um die Deutungshoheit von Religionen bei der Jugendbildung bleiben.

Die christliche Zeitrechnung geht nicht auf einen Zeitpunkt zurück, der historisch als gesichert gelten kann. Die Erfindung erfolgte vor rund 1.400 Jahren. Urheber war der damals in Rom lebende Mönch Dionysius Exiguus. Dem Ereignis widmete einige Monate vor der letzten Jahrtausendwende im heutigen Kalendersystem die Berliner Zeitung  einen aufklärenden Rückblick: „Die Jahrtausendwende ist also, genau genommen, schon längst vorbei“, so schließlich die nüchterne Bilanz. Hätte das wahr sein dürfen, wäre allerdings einer Menge Menschen die Vorfreude auf Millenniumspartys abhanden gekommen und der Aufhänger für viel Medien-Trubel verpufft.

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