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Bischöfe, Pastoren und Bibelzitate: Hexenjagd in Nigeria

Leo Igwe berichtete im ABC-Interview über den Kampf gegen Hexenglauben in Afrika.

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"Operation: Tötet die Hexen" - Werbeplakate für die Hexen-Jagd von afrikanischen Pastoren.
Bild: privat

Die unglaubliche Arbeit von Leo Igwe, IHEU-Vertreter und zugleich Repräsentant der Skeptikerbewegung im mittleren Afrika, erhält offenbar mittlerweile auch in Australien einige Aufmerksamkeit. Leo Igwe versucht unter anderem, in Afrika Kinder und Frauen vor dem Hexenglauben zu retten. wissenrockt.de berichtete bereits über einige von Igwes Erlebnissen mit korrupten Sicherheitsbehörden oder seine Erfolge. Gestern nun sprach Lindy Burns, Moderatorin beim Lokalradio des australischen Senders ABC, mit Leo Igwe über seine Arbeit in Nigeria.

Geld, Macht, Kontrolle sind gängige Motive zur Instrumentalisierung des Hexenglaubens in Afrika, so Igwe im Interview. Die Mittel zum Ziel sind Beschuldigungen, Ausbeutung und Erpressung – von fast jedem gegen jeden. Der Hexenglaube selbst ist zwar ein Produkt von Vorstellungen, die auch in den naturreligiösen und okkulten Traditionen der einheimischen Kulturen wurzeln. Maßgeblich verantwortlich für heutige Hexenverfolgungen sind aber anderen Faktoren.

„Pfingstkirchen, christliche Heils- und Freikirchen, charismatische Erweckungs- und Erneuerungsbewegungen, aber auch islamische und islamistische Glaubensbewegungen sind auf dem Vormarsch. In den Gemeinden pfingstlerischen und charismatischen Ursprungs werden Glossolalie, Exorzismen und Heilungsriten praktiziert. Im Einflussbereich der Pfingstkirchen gilt Hexerei als Werk des Teufels. Die Kirche verspricht den Sieg über die Dämonen- und Geisterwelt. Am Ende können auch Hexen erlöst werden, wenn sie Reue zeigen. Mit ihrem Wunder- und Dämonenglauben stehen die afrikanischen Pfingstgemeinden dem Urchristentum gewiss näher als moderne Europäer mit ihrer rationalisierten Weltsicht.“ Das schrieb der „Strassenkinderreport“ im Januar 2011 in einem Bericht über die Lage der Hexenkinder in Afrika.

Leo Igwe. Foto: Arnfinn Pettersen / Flickr / CC-BY-SA

Nicht nur bitterste Armut und die damit verbundene Unbildung, die Angst vor AIDS oder Malaria und der tiefverwurzelte Glaube an Magie führen zur Verdächtigungen der Menschen, sich des Hexenhandwerks zu bedienen. Leo Igwe berichtet, in welch obskuren Varianten die gefährlichen Anschuldigungen existieren: „Wenn junge Menschen sterben und es alte Mitglieder in einer armen Familie gibt, wird behauptet, die Alten verweigern sich, zu sterben und würden ihre Seelen mit den Jüngeren tauschen.“ Ursachen für solche Beschuldigungen sind durchaus auch die materielle Not, da sie im Falle von etwa dramatischer Lebensmittelknappheit als Vorwand zur Verstoßung oder Tötung des Familienmitglieds dienen können. Und woanders, wenn Alte sterben, werden wiederrum die Jüngsten dafür verantwortlich gemacht.

Dabei gebe es in Nigeria Gesetze gegen solche Anschuldigungen, berichtet Igwe weiter. Versagen von Justiz und Politikern, Verlogenheit und tiefverwurzelter Aberglaube führen jedoch zu einem Mangel an Willen, diese Gesetze auch durchzusetzen.„Sogenannte“ Bischöfe und Priester benutzen den Hexenglauben, um ihre Interessen in der Gesellschaft zu verwirklichen.

„Es muss unheimlich frustrierend für die christliche Bevölkerung sein, wenn der Name ihres Herren in dieser bestimmten Weise benutzt wird“, meinte Lindy Burns im Interview. Leo Igwe erklärte, dass der traditionelle Glaube der Menschen an das Hexenhandwerk nicht einfach aufgegeben wurde. „Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen“, lautet das dann oft zur Verteidigung vorgebrachte Bibelzitat. Einheimische Naturreligion trifft biblische Schriften: „Sie benutzen nun diesen Satz, um etwas zu rechtfertigen, das tatsächlich zum traditionellen Glauben und traditionellen Praktiken gehört“, stellte Igwe zur unheiligen Verquickung von zwei Formen heiklen Aberglaubens fest. Vor allem in den pfingstlerischen Gemeinden sei die wörtliche Interpretation der Bibeltexte verbreitet und daher handeln die Gemeindemitglieder auch im wörtlichen Sinn, so Igwe.

Vor allem von diesen Bewegungen wird zugleich die Religion als Schutz vor Hexerei beworben, heißt es in einem UNICEF-Bericht vom letzten Jahr. „Bischöfe“ und „Pastoren“ beschuldigen aus ökonomischen Motiven und der eigenen Reputation wegen Kinder der Hexerei, um anschließend den Familien einen Exorzismus feilzubieten – aus Geldmangel werden die Kinder dann von ihren Eltern verlassen, um nicht mit in den Kreis der Verdächtigen zu geraten. Die Kinder werden im Ergebnis vergewaltigt oder von anderen Menschen als Arbeitssklaven eingespannt.

Nur mit Unterstützung der relativ kleinen Organisationen von Humanisten und Skeptikern wird der Hexen-Glaube in Nigeria und anderen afrikanischen Ländern aber nicht zu packen sein. Das hat auch Leo Igwe verstanden. Im Interview warb er deshalb dafür, die britische Organisation „Stepping Stones Nigeria“ zu unterstützen. Dort heißt, dass man Organisationen jeder Konfession einbinden möchte. Angesichts des Treibens von pfingstlerischen Kirchen ruft „Stepping Stones Nigeria“ aber die Angehörigen aller Glaubensrichtungen dazu auf, gemeinsam den Kampf für den Schutz unschuldiger Kinder zu unterstützen.

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