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„Manchmal ist Polemik durchaus gerechtfertigt“

Ulrich Berger, Forscher und Autor beim Blog „Kritisch gedacht“, im Interview vor der Vaterschaftspause.

Berger: "Über die Existenz von Außerirdischen in UFOs kann man meiner Meinung nach nicht ernsthaft diskutieren, sondern nur polemisch." Foto: privat

Ulrich Berger ist Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er forscht unter anderem auf dem Gebiet der Spieltheorie. Berger ist nun aber auch frischgebackener Vater von Zwillingen und verabschiedete sich deshalb nach Jahren vorübergehend von seinem vielgelesenen Blog „Kritisch gedacht“, der seit drei Jahren bei den populären ScienceBlogs angesiedelt ist. Grund genug, nach Ideen zur skeptischen Kindererziehung zu fragen und kurz auf die Arbeit der letzten Jahre zurückzublicken.

Fast vier Jahre haben Sie jetzt an einem vielgelesenen und vieldiskutierten Skeptiker-Blog gearbeitet. Nun nehmen Sie sich eine Auszeit. Werden Sie wiederkommen?

Prof. Ulrich Berger: Auf jeden Fall. Es werden nun zwar ein paar Wochen kommen, in denen ich in der Richtung nicht viel tun werde. Vielleicht schreibe ich auch zwischendurch etwas, wenn mir der Sinn danach steht und ich gerade Zeit habe. Später werde ich sicher wieder regelmäßig bloggen, wenn auch vielleicht nicht in der gleichen Frequenz.

Skepsis und Kindererziehung – wie passt das zusammen? Können wir hier in Zukunft Beiträge erwarten? Das wäre ein bisher selten behandeltes Thema.

Berger:  Das ist ein bisschen schwierig. Ich will jetzt nicht versprechen, dass man von mir in der Richtung etwas erwarten kann. Kindererziehung ist ein breites Thema und ich bin absolut kein Experte auf dem Gebiet. Über Hinweise und Ratschläge zur evidenzbasierten Pädagogik wäre ich dankbar. Soviel ich weiß, ist es aber auf diesem Gebiet relativ schwierig, zu gesicherten Erkenntnissen zu kommen. Das liegt auch daran, dass man aus naheliegenden Gründen nicht leicht randomisierte Studien mit Babys oder Kleinkindern in diesem Bereich machen kann.

Im Bereich der skeptischen, evidenzbasierten Pädagogik existiert Ihrer Meinung nach also noch eine Marktlücke?

Berger: Ich habe mich noch nicht eingehend darüber informiert, ob es da etwas gibt. Das werde ich aber noch nachholen. Ich kann mich an einen „profil“-Artikel  aus dem vorletzten Jahr erinnern, in dem der amerikanische Neurowissenschaftler Steve Petersen die unstrittigen Erkenntnissen der Erziehungswissenschaften ironisch so zusammengefasst hat: „Sperren Sie Ihr Kind nicht in den Schrank, lassen Sie es nicht verhungern und schlagen Sie ihm nicht mit der Bratpfanne auf den Kopf.“ In der Hinsicht scheint es also nicht sehr vielversprechend, sage ich mal.

Haben Sie ansonsten schon grundlegende Beschlüsse zur Kindererziehung gefasst?

Berger: Grundsätzlich habe ich natürlich vor, meine Kinder zum kritischen Denken zu erziehen. Das ist klar. Ich hoffe, ihnen von Anfang an eine gesunde Skepsis beibringen zu können.

Gibt es da vielleicht schon einen Eltern-Tipp, wie man das machen könnte?

Berger: Ich fände es etwas vermessen, jetzt schon Tipps abzugeben. Denn ich habe gerade erst angefangen Vater zu sein und hoffe vielmehr, von anderen in der Richtung ein paar Tipps bekommen zu können.

Mal angenommen, Sie gehen mit den Kindern zu einem Arzt und dieser schlägt Aconitum D3 als Therapiemittel vor. Was geschieht dann voraussichtlich als nächstes?

Berger: Im direkten Gespräch wäre ich sicherlich nicht auf Konfrontation aus. Vermutlich würde ich die Stirn runzeln, nach evidenzbasierten Maßnahmen fragen und klarmachen, dass ich nicht begeistert davon bin, meine Kinder mit Placebos behandeln zu lassen. Tatsächlich habe ich so etwas schon bei meinem Kinderarzt erlebt. Er ist der einzige Kinderarzt, der bei uns in Gehweite ist, und wie fast alle setzt er auch Homöopathie ein. Nicht von ihm selbst, aber von seiner Assistentin bekamen wir schon homöopathische Mittel empfohlen.

Werden Sie weiter diese Praxis aufsuchen?

Berger: Ich werde vorläufig weiter zu diesem Arzt gehen. Sollte ich aber den Eindruck gewinnen, dass dort massiv auf Homöopathie gesetzt wird, so muss ich mir sicher einen Wechsel überlegen. Natürlich ist es schon auch eine Frage der Bequemlichkeit, ob man mit Zwillingen den Kinderarzt in Gehweite hat oder nicht.

Zurück zu Ihrem Blog. Wissen Sie, wie viele Beiträge Sie schon veröffentlicht haben?

Berger: Ich habe nachgeschaut und es sind bisher ungefähr 220 Beiträge, also etwa einer pro Woche.

Gelingt es, im Rückblick einen oder zwei persönliche Favoriten herauszustellen?

Berger: Im letzten Herbst hat uns sehr der Film über die Lichtnahrung von P.A. Straubinger beschäftigt. Da habe ich als einer der ersten eine Filmkritik geschrieben, die sehr gut angekommen ist, sehr oft verlinkt wurde und weitere Kritiken inspiriert hat. Das kann man vielleicht hervorheben. Ansonsten gibt es einige Beiträge, bei denen ich mir viel Mühe gegeben habe, welche aber zu vergleichsweise wenigen Reaktionen geführt haben. Mein Dreiteiler über die „Humbug-Connection“ etwa hat kaum Resonanz erzeugt. Andere Blogposts habe ich einfach so spontan herunter getippt und trotzdem haben sie lange Diskussionen angeregt und sind dutzendfach verlinkt worden. Mit manchen Themen kann man die Kommentatoren offenbar irrsinnig reizen. Vor einigen Monaten schrieb ich über einen emeritierten Professor aus Linz, der zum „Einstein-Leugner“ mutiert ist, nachdem er die Gültigkeit der speziellen Relativitätstheorie mit einem Experiment widerlegt zu haben meinte. Er und ein paar andere liefern sich seit Monaten eine Kommentar-Schlacht zu diesem Blogbeitrag. Da sind schon über 1.000 Kommentare aufgelaufen.

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Diskussion - Bisher 2 Kommentare - Kommentar schreiben
  •  

    insgesamt ein interessantes interview, aber was mir als erziehungswissenschaftler dann doch aufstößt, ist die frage nach evidenzbasierter pädagogik bzw. der hinweis auf die „ironische zusammenfassung der unstrittigen erkenntnisse“ der erziehungswissenschaft. leider werden nämlich hier wieder stereotype reproduziert, die für erziehungswissenschaftler einfach ärgerlich sind.

    steve petersen verweist auch in seiner „zusammenfassung“ nicht auf die unstrittigen ergebnisse der erziehungswissenschaft, sondern darauf, dass bestimmte neurologische prozesse auch unter schlechten bedingungen ablaufen.

    zur evidenzbasierten pädagogik habe ich bei „kritisch gedacht“ zwei literaturhinweise aus der sozialpädagogik hinterlassen, insbesondere geht es dabei auch darum, dass man dieses konzept entsprechend diskutieren muss.

  • Christian Alexander Tietgen
     

    Seine Kinder sollte man mit Bauchgefühl erziehen. Wenn man sich Wort für Wort an die Vorgaben irgendwelcher Experten hält, sind die Kinder bestimmt nicht zufrieden.