
Als der Sarg in der Nachmittagshitze hinausgetragen wird, könnte man meinen, 92 Jahre Republik seien vergessen. Foto (2): koron / Flickr / CC-BY-SA
Es war, was die Wiener „a schöne Leich“ nennen. Überspitzt formuliert ist es das Lebensziel jedes „echten“ Wieners einmal so zu Grabe getragen zu werden wie Otto Habsburg. Der Pomp passte zur leicht ironischen Todessehnsucht einer Metropole, in der fast so viele Volkslieder vom Sterben handeln wie von der Liebe und vom Wein. Der Verkehr für einen Tag aus dem Stadtzentrum verbannt, der Papst, vertreten durch den Wiener Kardinal Christoph Schönborn, liest die Messe. Die Spitzen der Republik sitzen in der ersten Reihe.
Wäre es nicht der Sohn des letzten österreichischen Kaisers, der immerhin bis 1961 offiziell den 1919 verlorenen Thron beanspruchte, vielleicht würde der chronikale Charakter überwiegen. Oder allenfalls die Würdigung eines verdienten europäischen Politikers. So läuft die Zeremonie im übervollen Stephansdom zwangsläufig auf einen Bewerb Monarchie gegen Republik hinaus. Die Ehrengarde des republikanischen Bundesheeres verschwindet hinter den deutlich prunkvolleren Traditionsverbänden, gekleidet in die notorisch aufwändigen Uniformen der k.-u.-k Monarchie. Deren Heer sagen Spötter bis heute nach, es habe mehr Geld für Uniformen ausgegeben als für Waffen. Auch ein britisches Regiment ist in roten Traditionsuniformen angereist und bewacht den Sarg. Als 1919 Otto Habsburgs Vater Karl I. samt Familie ins Exil geschickt wurde, erwiesen Angehörige dieses britischen Regiments dem gewesenen Monarchen die letzte militärische Ehrenbekundung an der Endstation des Zugs. Entlang des Mittelgangs stehen Angehörige der katholischen Verbindungen des CV (Cartellverbands, Anm.) in ihren Couleurs, dahinter erinnern Angehörige (Süd-)Tiroler Schützenkompanien in ihren Trachten daran, dass weder das heutige Österreich noch die damalige Monarchie nur aus Wien bestanden. Wäre nicht der Bundespräsident als offizielles Staatsoberhaupt der Republik da, man könnte meinen, ein Kaiser würde zu Grabe getragen.
Der öffentlich-rechtliche ORF überträgt live aus dem Stephansdom, schon Stunden vor Beginn des Requiems stimmen Moderatorin Hannelore Veith und der Theologe Paul Zulehner als Co-Kommentator das mehr oder weniger staunende Publikum auf das Ereignis ein. Die legitimistisch angehauchte Trauerrede Joseph Ratzingers, vorgetragen von Christoph Schönborn, bleibt weitgehend unkommentiert. In den Augen der katholischen Kirche war Otto Habsburg immer noch „Seine kaiserlich-königliche Hoheit“ und „Erzherzog von Österreich“. Meldungen der katholischen Nachrichtenagentur kathpress, Dutzende an der Zahl, betiteln den Verstorbenen beinahe demonstrativ als „Otto von Habsburg“. Ungeachtet der Tatsache, dass in Österreich Adelstitel 1919 abgeschafft wurden. Wer sie trägt, kann mit einer Geldstrafe oder einem halben Jahr Haft bestraft werden. Es ist kein Fall bekannt, in dem das Gesetz exekutiert wurde. Die mangelnde Distanz Schönborns überrascht Beobachter wenig. Er stammt selbst aus einem Adelsgeschlecht und ist Mitglied des Elite-Ordens „Goldenes Vließ“, der von den Habsburgern gestiftet wurde.
Die Trennlinien in Österreich sind seit jeher unscharf. Da überrascht es wenig, dass sogar die Bundespolizeidirektion Wien im Titel einer amtlichen Mitteilung über die Straßensperren am Freitag von „Otto von Habsburg“ spricht. Eher ein Fehler, der im weiteren Text der Aussendung nicht mehr vorkommt. Auch einer der ORF-Kommentatoren ertappt sich bei der Live-Übertragung beim „Otto von…“ und korrigiert sofort auf „Otto Habsburg“. Zumindest diesen Teil der Trennung hält der ORF strikt ein. Aufgeweicht dadurch, dass eine „Expertin für alle europäischen Adelshäuser“ auch im Studio Platz nehmen darf. Die katholische Kirche, der die Familie Habsburg über Jahrhunderte treu ergeben war, treibt den Widerspruch auf die Spitze. Als der Leichnam zwei Tage vor dem offiziellen Begräbnis im steirischen Wallfahrtsort Mariazell aufgebahrt wird, bekommt die dort verehrte Marienstatue auf Wunsch der Familie eine Krone aufgesetzt. Die hatte Ottos Gattin Regina Habsburg der Basilika 1951 gespendet. Es ist ihre Hochzeitskrone. Angesichts der Tatsache, dass aus Sicht der katholischen Kirche die Mariazeller Marienstatue die „Magna Mater Austriae“ ist, erhält diese Geste beachtliches Gewicht. Ob das eine politische Aussage ist oder ob man sich des schalen Beigeschmacks nicht bewusst war, wird vermutlich nicht ganz zu klären sein.
Im Stephansdom klingt beim Begräbnis die Kaiserhymne an. „Gott erhalte, Gott beschütze“. Deutschen wird die Melodie bekannt sein. Nach der Weise der Haydn-Hymne wurde das „Lied der Deutschen“ getextet, dessen dritte Strophe deutsche Bundeshymne ist. Der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) zeigt keine Berührungsängste. Im ORF-Interview meint er: „Es ist eine Frage des Respekts, hierher zu kommen“. Die Hymne sei eine Entscheidung der Familie gewesen.
Offiziell ist es kein Staatsbegräbnis. Allein, dass die Spitze der Regierung, der Wiener Bürgermeister und zahlreiche internationale Vertreter im Stephansdom sind, lässt das leicht vergessen. Und es sind nicht nur Vertreter von Adelshäusern oder Monarchien wie das schwedische Königspaar und der Fürst von Liechtenstein. Die Regierungen von Georgien und Mazedonien schicken Vertreter. Der tschechische Außenminister Karl Schwarzenberg spielt eine Doppelrolle. Seine Vorfahren waren während der Donaumonarchie Vertreter eines bedeutenden Adelsgeschlechts und stellten einige Feldherren. In Wien gibt es unter anderem einen Schwarzenberg-Platz im Stadtzentrum und eine Schwarzenberg-Kaserne. Der ehemalige österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) verneigt sich vor dem Sarg – wie schon beim Requiem in München. Seine Partei verbindet seit der Ersten Republik ein komplexes Verhältnis zu Vertretern der ehemaligen Kaiserdynastie. Schwankend zwischen Sympathie für Monarchismus, Bekenntnis zur Republik und dem Versuch, die Angehörigen der Familie in die eigene christkonservative Politik einzubinden. Otto Habsburgs Sohn Karl etwa war einige Jahr lang EU-Parlamentarier für die ÖVP. Sein Vater vertrat die bayrische CSU. Die Kosten für die Hunderte Polizisten, die die Teilnehmer beschützen und die Straßen absperren, trägt der Steuerzahler.
Ganz klar ist der Unterschied zwischen diesem Begräbnis und einem offiziellen Staatsbegräbnis nicht. Wie schon 1989, als Österreichs letzte Kaiserin, Zita, Otto Habsburgs Mutter beigesetzt wurde. Auch damals übertrug der ORF live. Auch damals waren Spitzenpolitiker der Republik anwesend. Einen ähnlichen Aufwand hat es in den vergangenen 30 Jahren nur beim Begräbnis des Bundespräsidenten Thomas Klestil gegeben. Der war wenige Tage vor dem Ende seiner zweiten Amtszeit verstorben – und erhielt tatsächlich ein Staatsbegräbnis.
Nicht in ganz Österreich wird der Trubel hingenommen. Die Sozialistische Jugend kritisiert Bundeskanzler Faymann dafür, dass er am Begräbnis teilnimmt. Kritische Meldungen über die Plattform Twitter füllen die Zeitungen. Die konservative „Presse“ etwa schreibt: “sind jetzt schon alle deppat geworden? Otto von Österreich? Wir sind eine Republik!!!!!!!!!” – so lautete der Kommentar der Twitter-Nutzerin mit dem Pseudonym Rubberinchen. “kaum dreh ich auf wirds echt tiaf: der pinke pfaffe spricht die leut mit ‘erzherzog’ und ‘kaiserliche familie’ an”, schrieb der User JuanesSteiner. Von anderer Seite wurde die Inszenierung der Trauerfeierlichkeiten als unzeitgemäß kritisiert. “sorry aber das ganze ist so 18hundert irgendwas”, twitterte mikeyork1.“ Selbst Menschen, die mit dem Toten sympathisieren, stehen dem Trubel etwas skeptisch gegenüber. „Damit wird die Monarchie endgültig zu Grabe getragen“, versucht einer, einen Kritiker zu versöhnen. „Nächste Woche ist alles wieder vergessen.“ Kommentar eines Straßenbahnpassagiers, der über die Verkehrssperren informiert wird: „Trottel.“ Selbst im Kondolenzbuch finden sich zynische Anmerkungen: „Lieber Otto. Wir werden der Familie Habsburg stets ein mahnendes Andenken bewahren. Schön, dass du warst. Gut, dass du gegangen bist“, schreibt ein Wiener. Er ist offenbar gekommen, um sich zu überzeugen, dass Otto Habsburg wirklich tot ist.
Als der Sarg in der Nachmittagshitze hinausgetragen wird, könnte man meinen, 92 Jahre Republik seien vergessen. Nach Meldungen des ORF säumen 10.000 Schaulustige den endgültig letzten Weg des Großteils der sterblichen Überreste Otto Habsburgs in die Kapuzinergruft. Die Tiroler Schützenkompanien feuern Ehrensalven in die Luft. Es geht streng nach Zeremoniell, vorbei an den Prachtbauten des imperialen Wien, unter anderem an der Hofburg, dem ehemaligen Sitz der Kaiser. Heute hat dort der Bundespräsident seinen Amtssitz. Nach all den Zwischenstationen des Begräbnisses in München und Mariazell ein Höhepunkt und Beinahe-Ende. Am nächsten Tag wird der Trubel aufgewärmt, als Otto Habsburgs Herz in Ungarn bestattet wird.
Die Flugbilder, die der ORF aus Wien überträgt, lassen ahnen, wie dicht die Menschen stehen. Familienangehörige, Österreichs letzte Monarchisten, Kirchenvertreter. Menschen, die mit Otto Habsburgs europapolitischen Positionen sympathisieren. Und normale Wiener, die das Spektakel nicht verpassen wollen. Schlachtenbummler der Friedhöfe, könnte man sie nennen. Wer begraben wird, ist egal. Hauptsache, prunkvoll. Es gibt nichts Wichtigeres als „a schöne Leich‘“.















Meine Güte, wieviel Aufwand, um sich über den Gebrauch oder Nichtgebrauch des “von” zu echauffieren! Und wenn dem Erzherzog von Österreich wirklich nur die “letzten Monarchisten” das Geleit gaben, dann braucht sich doch niemand aufzuregen, oder?
Gesetz ist Gesetz und dieses hat auch einen guten Grund. Es ist einem republikanischen Staatswesen nicht zuträglich, wenn Privilegien nach Abstammung existieren – und sei es nur, wenn sie in alten Titeln symbolisch weiterleben. Es steht dir frei, das österreichische Gesetz für falsch zu halten und das zu artikulieren. Offen den Bruch eines aus deiner Sicht ausländischen Gesetzes fordern, kannst du natürlich auch tun. Nur wundere dich dann nicht, wenn du nicht ernst genommen wirst.
Überhaupt ist es eine eigenartige Argumentationslinie der Monarchisten, mit pseudolegistischen Argumenten auf längst abgeschaffte Staatsformen und Privilegien zu bestehen, sprich: von anderen ständig zu fordern, sich an (längst abgeschaffte) Gesetze zu halten, selbst aber bei jeder Gelegenheit bestehende Gesetze zu missachten.
Otto Habsburg etwa besaß die deutsche, die österreichische, die ungarische und die kroatische Staatsbürgerschaft. Ein normaler Staatsbürger, der vielleicht um ein vielfaches internationaler denkt als Otto Habsburg, hat schon bei einer Doppelstaatsbürgerschaft Probleme. Ein eindeutiges Privileg also. Die Pflichten, die damit einhergingen – damit nahm er’s lockerer. Als österreichischer Staatsbürger war es ihm grundsätzlich verboten, einen Adelstitel zu führen – war ihm egal. In Deutschland tat er’s trotzdem. Kein Problem als dt. Staatsbürger – als Österreicher allerdings war ihm das auch in D nicht gestattet.