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Skeptiker-Versammlung mit Wehmut beendet

Vom 2. bis 4. Juni fand die XXI. GWUP-Konferenz in Wien statt.

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Bild: GWUP

Seit 1987 besteht die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), die deutschsprachige Sektion der internationalen Skeptiker-Bewegung. Sie hat es sich zum Ziel gemacht, Parawissenschaften zu hinterfragen und irrationale Glaubenssysteme zu entlarven. Fester Bestandteil eines Vereinsjahres ist die Mitgliederversammlung, die am Wochenende zum 21. Mal zelebriert wurde. Ungewöhnlich war diesmal: Die Konferenz mit dem Titel „Fakt und Fiktion“ fand außerhalb Deutschlands, in der Hauptstadt der Alpenrepublik Österreich statt – Wien.

Das Programm gliederte sich in einen Publikumstag zur Eröffnung, der sich vor allem an interessierte Nichtmitglieder wandte, gefolgt von der Mitgliederversammlung mit satzungsbedingtem Programm sowie wenigen Vorträgen und abgeschlossen von einem Sonntag mit vollem Programm zu wissenschaftlichen Themen.

„Brett vorm Kopf“ kommt gut an

Nachdem bereits im letzten Jahr der Publikumstag in Essen ein voller Erfolg war, platzten diesmal die Räumlichkeiten in Wien am Donnerstag aus allen Nähten. Ein möglicher Grund hierfür war die erstmalige Verleihung des neuen Sceptic-Awards „Das Goldene Brett vorm Kopf“. Es wurde demjenigen zuteil, der im abgelaufenen Jahr den größten Blödsinn verzapft und daran geglaubt hat: Der österreichische Journalist P. A. Straubinger sicherte sich die Negativauszeichnung für seinen Film zum Thema „Lichtnahrung“, zu dem sogar die „Bild“-Zeitung fragte: „Ist dieser Film gefährlich oder einfach nur gaga?“ Der von der österreichischen Gesellschaft für kritisches Denken (GkD) mitverliehene Negativ-Oskar sollte nach einhelliger Meinung aller Anwesenden auch in Zukunft vergeben werden.

Der Freitag stand zunächst unter dem Zeichen der vorgeschriebenen Mitgliederversammlung und richtete sich an die Vereinsöffentlichkeit. Einige interessante Fakten können trotzdem enthüllt werden: in den 24 Jahre ihres Bestehens ist die GWUP zu einem Verein angewachsen, in dem sich mittlerweile mehr als 1.000 Menschen engagieren. Zentrale Organe der Öffentlichkeitsarbeit sind zum einen die Verbandszeitschrift „Der Skeptiker“, die mehr als 2.000 regelmäßige Bezieher hat und zum anderen der GWUP-Blog, der seit Monaten auf Platz 2 der Wissenschaftsblogs ist. Auch das „Zentrum für Wissenschaft und kritisches Denken“ ist nach wie vor eine Anlaufstelle für interessierte Bürger sowie Pressevertreter. In Zeiten des Web 2.0 ist der GWUP aber auch der Sprung zu Facebook und Twitter gelungen. Großen Zuspruch erhielten so Pressesprecher Bernd Harder, Redaktionsleiterin Inge Hüsgen und Zentrums-Chef Dr. Martin Mahner.

In der Debatte um Satzungsänderungsantrag zeigten die „GWUPies“, dass sie ihre Standpunkte leidenschaftlich und trotzdem kollegial wertschätzend miteinander austauschen können. In den 30 anschließenden Vorträgen lagen Licht und Schatten nahe beieinander. Kurzweilig, methodisch sauber und interessant war dabei ein Vortrag zur Widerlegung des Mozart-Effektes.

Ebenso überzeugte Edzard Ernsts kritischer Vortrag zur Alternativmedizin, wobei hier natürlich der Prominentenstatus des Vortragenden ein weiterer Pluspunkt war. Der uninspirierte Vortrag einer Medizinanthropologin hingegen hatte zumindest einen Vorteil: Der gelangweilte Konferenzteilnehmer konnte ohne schlechtes Gewissen den Vortragsraum verlassen und im Foyer verblüffenden Zaubertricks ebenso beiwohnen, wie er verschiedene Bücher zu skeptischen und humanistischen Themen erwerben konnte.

Durch Inhalte überzeugt

Der Samstag schließlich war voll uns ganz Fachvorträgen gewidmet, wobei ein weites Spektrum von Themen abgedeckt wurde: „On Being Scientist“, „Handy-Mythen, „Statistricks“, „Quo Vadis, Parapsychologie?“ und „Erdbebenmaschinen“. Interessant war dabei das große Interesse, dass das Thema angeblich schädlicher Handyeinflüsse immer noch Unsicherheit bei vielen Menschen auslöst (nicht zuletzt durch Meldungen aus dem Umfeld der WHO).

Interessant auch, wie Prof. Andreas Hergovich von der Universität Wien erklärte, dass seiner Meinung nach zwar nach wie vor nichts für die Existenz parapsychologischer Phänomene spricht, er aber trotzdem eine größere Offenheit im Umgang mit zunehmend methodologisch sauberen Studien einforderte.

Insgesamt präsentierte sich die GWUP als selbstbewusste Organisation, die zunehmend den Weg in die Breitenwirkung sucht und personell gut aufgestellt erscheint. Mit Spannung darf die internationale Jubiläumskonferenz zum 25-jährigen Bestehen in Berlin im Jahre 2012 erwartet werden. Auf dem Parkett fanden sich dabei Spekulationen, ob vielleicht Richard Dawkins als Referent zu gewinnen wäre.

Auch das Experiment einer Konferenz auf nichtdeutschem Parkett darf als erfolgreich bestanden bewertet werden, oder wie es ein Konferenzteilnehmer aus Dortmund auf den Punkt brachte: „Ich spüre so ein Ziehen in mir, ich befürchte, das ist Wehmut. Wehmut darüber, dass die Konferenz zu Ende ist. Und das zeigt mir, dass es hier etwas ganz Besonderes gewesen sein muss!“

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    Ich habe am GWUP-Kongress 2011 in Wien teilgenommen, ich bin GWUP-Mitglied und ich möchte den Bericht durch ein paar Beobachtungen und Eindrücke ergänzen.

    (1) Ich habe die Verleihung des Sceptic-Awards „Das Goldene Brett vorm Kopf“ mit gemischten Gefühlen verfolgt. Andere haben es offenbar auch. Da war zu viel verbale Vernichtungsakrobatik, ausgeübt an relativ harmlosen Opfern, zu wenig sachliche Argumentation. Es spricht jedoch für die GWUP, dass sie Herrn Straubinger (und den beiden anderen Kandidaten) die Gelegenheit geboten hat, ihre Stellungnahmen abzugeben; Herr Straubinger vor allem hat diese Gelegenheit nicht ungeschickt genutzt.

    (2) Die Vorträge waren mit der erwähnten Ausnahme gut bis sehr gut. Der meines Erachtens beste Vortrag wurde im Bericht nicht erwähnt: Herrn Bergers didaktisch, rhetorisch und inhaltlich glänzender Vortrag über stets raffinierter werdende statistische Tricks, einen Pseudo-Effekt als wissenschaftlich zweifelsfrei erwiesen zu verkaufen.

    (3) Zwei grobe Schätzungen, die beunruhigen: (a) höchstens 15% der Personen, die am Kongress teilgenommen haben, waren weiblich; (b) höchstens 15% der Personen, die am Kongress teilgenommen haben, waren unter 30.

    Nachbemerkung: Im ersten Viertel des Berichts steht, am Sonntag hätte es Vorträge gegeben; der Kongress endete jedoch am Samstag. Lässt sich das vielleicht korrigieren? Und bei der Gelegenheit auch gleich der sinnstörende Tippfehler in ‚uns‘ im letzten Viertel beseitigen?

 
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