Für mich liegt die Schönheit der Wissenschaft darin, dass es kein absolut gesichertes Wissen gibt, keine unabänderlichen Wahrheiten – nicht mal, dass es kein gesichertes Wissen gibt, ist gesichert. Eine Theorie gilt so lange als wahr, bis sie durch eine schlüssigere, elegantere ersetzt wird. Ein Wissenschaftler ist zur Neutralität verpflichtet, er muss alle vorliegenden Daten objektiv auswerten. Wenn allerdings versucht wird, den vermuteten Wahrheitsgehalt eines religiösen Glaubens wissenschaftlich nachzuweisen, werden diese Prinzipien gern absichtlich missachtet.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts versuchte ein amerikanisches Ärzte-Team unter der Leitung von Duncan MacDougall das Gewicht der menschlichen Seele zu bestimmen, indem er Menschen vor und nach dem Tod wog. Er kam im Mittelwert auf 21 Gramm mit Messabweichungen von bis zu 14 Gramm. Das Experiment wurde an Hunden und später an Mäusen wiederholt, die für diesen Zweck teils grausam getötet wurden. Das Ergebnis war, dass Hunde kein Gewicht verloren, Mäuse aber schon, es sei denn, man ließ sie in luftdichten Behältern verenden. Abgesehen von der grausamen Sinnlosigkeit dieser Experimente bleibt der wissenschaftliche Kritikpunkt, dass man nicht automatisch von einem gemessenen Gewichtsverlust auf die Existenz einer vom Körper unabhängigen Seele schließen kann. Es existieren einfachere mögliche Ursachen – wie zum Beispiel das Verdampfen von Flüssigkeit – die zunächst ausgeschlossen (falsifiziert) werden müssten.
Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften deuten darauf hin, dass die “Seele” nur an das Gehirn gebunden existieren kann, dies lässt sich aus Persönlichkeits- und Funktionsverlusten bei Gehirnschädigungen und neurodegenerative Erkrankungen ableiten. Diese Erkenntnisse stellen natürlich eine Bedrohung für ein traditionelles Weltbild dar, das sich neueren Entwicklungen nicht anpassen kann oder will. Ein Leben nach dem Tod in ewiger Glückseeligkeit ist ein schöner, tröstlicher Gedanke, aber leider recht unwahrscheinlich.
Das wahrscheinlich beste Beispiel für regelrechte Realitätsverleugnung ist die Flat Earth Society. Sie propagiert auch heute noch, in Zeitalter der Satelliten-Fotografie, dass die Erde eine Scheibe sei, weil das so in der Bibel stünde. Sie wurde 1956 gegründet, hatte zeitweise um die 2.000 Anhänger und publizierte Bücher und Zeitschriften. Seit einigen Jahren ist die Organisation im Internet aktiv und hat im Moment 263 Mitglieder. So viel dazu, dass keine Idee zu beschränkt ist – es werden sich immer noch beschränktere Anhänger finden.
Im Islam gehen einige Prediger einen ganz anderen Weg: Sie versuchen Erkenntnisse der modernen Wissenschaft im Koran zu finden – mit dem Ziel, zu beweisen, dass der Koran nicht von einem Menschen ausgedacht, sondern von Allah diktiert worden sei. Dies nimmt bizarre Formen an – so kann man beispielsweise den berüchtigten Salafisten-Prediger Pierre Vogel bei YouTube mit Hilfe eines wissenschaftlichen Aufsatzes predigen hören. Vogel liest in diesem Video (passend überschrieben mit “Wollt ihr nicht endlich glauben…”) einen Text über die Entstehung von Eisen im Inneren massereicher Sonnen vor, die bekanntermaßen in Form einer Supernova explodieren, wenn sie unter ihrer Eigengravitation kollabieren, und damit das Eisen freisetzen. Vogel betrachtete es als wissenschaftliches Wunder, dass im Koran geschrieben steht: “…wir haben das Eisen herab gesandt…”, dabei galt schon lange vor der Entstehung des Korans Eisen als “Himmelmetall”, weil beobachtet wurde, wie es in Form von Meteoriten vom Himmel fiel. Es galt als sehr wertvolles Metall und wurde als Material für Waffen verwendet. Diese Information konnte der einige Zeit als Händler tätig gewesene Mohammed durchaus auf einer seiner Reisen aufgeschnappt haben. Über die Entstehung von Eisen durch Supernovae schreibt der Koran nichts.
So lassen sich sämtliche “wissenschaftliche Wunder” im Koran mehr oder weniger einfach erklären. Sie basieren zumeist auf willkürlichen Interpretationen und zurechtgebogenen Übersetzungen, die daher kommen, dass die arabische Sprache eine sehr blumige Sprache ist, die oft mehrere Interpretations- und Übersetzungsmöglichkeiten zulässt. Siehe dazu auch Lesarten des Korans. Inzwischen haben sich einige Webseiten diesem Thema gewidmet, zu empfehlen ist anti-religion.net, wo die entsprechenden Koranstellen sowohl sprachlich als auch wissenschaftlich als Wunder widerlegt werden.
Meine Lieblings-Pseudowissenschaftler sind jedoch die bibeltreuen Kreationisten, weil deren Gedankengebäude schon beim kleinsten Logik-Windhauch zusammenbrechen. Man hört die erstaunlichsten Theorien: Die Erde ist 6000 Jahre alt und Gott hat die Dinosaurierknochen in den Boden eingelagert, sodass die Menschen etwas zum Staunen haben – oder eine weitere Variante, dass die Menschen bis zur Sintflut mit Dinosauriern zusammengelebt haben wie bei der Familie Feuerstein, wie es in einem Creation Museum in den USA dargestellt wird. So etwas zu glauben ist natürlich einfacher als die Radiokohlenstoffdatierungsmethode zu verstehen. Obwohl man sich als bibeltreuer Christ schon mal fragen müsste, warum nirgendwo in der Bibel Dinosaurier erwähnt sind. Man könnte es sich zum Beispiel in Form spezieller Speisevorschriften vorstellen: “Nur diejenigen von allen gepanzerten Riesenechsen dürft ihr essen, die euch nicht vorher selber fressen.” (Leviticus 11)
Es versteht sich von selbst, dass es sich um eine riesige, weltweite Verschwörung von Wissenschaftlern handelt, die behaupten, das menschliche Genom entschlüsselt zu haben, und dass es zu 98,8 Prozent mit dem von Schimpansen übereinstimmt. Genau so ist es natürlich eine Lüge, dass man das Alter des Universums mit Hilfe von Weltraumteleskopen bestimmen könnte – die Sterne wurden ja erst nach der Erde geschaffen, deswegen kann das Universum gar keine 13,7 Milliarden Jahre alt sein, sonst hätte es ja in der Bibel gestanden.
Kann – um es mit Volker Pispers zu sagen – ein Mensch, dessen IQ auch nur leicht über seiner Körpertemperatur liegt, wirklich so etwas glauben?
Vernunftbegabte Gläubige sehen die Schöpfungsgeschichte als Metapher und können die Evolutionstheorie durchaus mit ihrem Weltbild in Einklang bringen. Es schien, als hätte sich diese Diskussion schon vor Jahrzehnten in Europa erübrigt, doch auch bei uns gewinnen die evangelikalen Fundamentalisten Grund. Die Evolutionstheorie wird nun nicht zuletzt deshalb angezweifelt, weil aus den USA das Signal kommt, es sei OK, der Bibel zu vertrauen statt der Wissenschaft. Im Zuge einer politischen Bewegung zur Anerkennung des Intelligent Designs, die zum Unterrichten dieser Sichtweise in Schulen führen sollte, musste man es so aussehen lassen, als wäre der Kreationismus eine Wissenschaft. Deshalb existieren einige Hypothesen, die den Kreationismus zu stützen versuchen, im Kern jedoch als widerlegt gelten (siehe dazu auch Wikipedia) und selbst in den USA einer kritischen Prüfung vor Gericht nicht standhalten konnten.
Die Evolutionstheorie ist die beste Theorie, die wir im Moment haben. Nur weil die Evolutionstheorie (noch) nicht alles restlos erklärt und noch nicht alle Missing Links gefunden sind, heißt es nicht, dass automatisch die Schöpfungslehre die wahrscheinlichere Theorie ist, weil sie, statt alles zu erklären, gar nichts erklärt. Sie führt nur eine weitere Unbekannte in die Gleichung ein und nennt sie “Gott”.

Kreationisten, die meinen, die Evolutionstheorie widerlegen zu müssen, sollten sich aber trotzdem folgendes überlegen: Wenn es tatsächlich eine lenkende, übernatürliche Kraft geben sollte, dann muss es nicht zwangsweise der Gott aus der Bibel sein. Genau so könnte es Brahma, Zeus, Odin, oder einer der anderen abertausenden Götter der Menschheitsgeschichte sein, oder ein unpersönlicher Gott, oder sogar außerirdische Raumfahrer, die die ersten Einzeller im Urmeer ausgesetzt haben. Oder nach meiner persönlichen Überzeugung: Ein fliegendes Spaghettimonster. Arrrr!















Nicht zu vergessen: Die katholischen Geozentriker.
http://www.galileowaswrong.com/galileowaswrong/
http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,720007,00.html
schöner Artikel ;)
Ich kann kaum glauben, dass es Personen gibt, die sowas ernst meinen.
“…es sei OK, der Bibel zu vertrauen statt der Wissenschaft.”
Aber Errungenschaften der Wissenschaft wie Radio, TV, Internet, Megaphone, Bücher, Autos etc., das benutzen sie noch so gerne um ihren Blödsinn zu verbreiten!
Ich hätte da ne Alternativtheorie zur Religion allgemein: Ähnlich wie Intelligent Design und Intelligent Falling habe ich mit unterbezahlten Juristen die Theorie der “Intelligent Religion” entwickelt. Nach IR sind ALLE Religionen auf der Welt eine Erfindung Gottes, der herausfinden will, ob IRGENDJEMAND den Bullshit glaubt, den er sich ausgedacht hat als er gerade das LSD erschaffen hatte. Und wer an den scheiß glaubt, bekommt nach den Tod ne fiese Headnut ins GESICHT! BÄNG!
Ich verlange, dass diese Alternativtheorie an deutschen Schulen statt Religionsunterricht behandelt wird!