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„Wir lachen nicht, wenn es ein wirklich Glaubender ist“

Amardeo Sarma berichtet wenige Tage vor Beginn der Konferenz "Fakt und Fiktion" in Wien über die Arbeit der Skeptiker.

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Amardeo Sarma (3.v.l.) mit Mitgliedern des Executive Committee for Skeptical Inquiry.
Bild: Committee for Skeptical Inquiry

Amardeo Sarma ist Vorsitzender der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) und der europäischen Skeptiker-Dachvereinigung ESCO. Zuletzt erlangten die Skeptiker mit ihrer homöopathiekritischen Aktion 10^23 weltweit Aufmerksamkeit. Im Interview resümiert Sarma die Kampagne und legt dar, warum der Umgang mit unbelegten medizinischen Methoden mehr kritische Stimmen als zuvor benötigt. Sarma, der auch zum international arbeitenden Committee for Skeptical Inquiry (CSI) gehört, erklärt worüber er lachen kann und warum sich skeptisches Denken schon in der Jugend und im Alltag trainieren lässt. Er und viele andere Skeptiker lassen sich demnächst bei der Skeptiker-Konferenz „Fakt und Fiktion“ in Wien treffen.

War die letzte 10^23-Kampagne zur Homöopathie ein Erfolg?

Sarma: Ja, es war ein Erfolg. Wir konnten weltweit mit einer gemeinsamen Aktion aufgetreten und das Thema in den Vordergrund stellen. Wir konnten darstellen, was Homöopathie wirklich ist, im Gegensatz zum Image der Homöopathie. Im letzten Jahr gab es ja schon 10^23 Aktionen, aber in diesem Jahr war es globaler und gerade in Deutschland konnten wir Menschen in vielen Städten für eine Teilnahme mobilisieren. Es war auch mit Blick nach außen der Erfolg, der aus realistischer Sicht zu erreichen war. Wir sind zufrieden.

Ein Mitglied meiner Familie, bar jeder abergläubischen Sozialisation, berichtete kürzlich glaubhaft von großartigen Therapieerfolgen mit traditioneller chinesischer Medizin. Muss ich mir Sorgen machen?

Amardeo Sarma: Tatsächlich besteht oft der subjektive Eindruck von großen Erfolgen. Es ist ein Ergebnis der Evolution und unserer Wahrnehmung. Und das ist nicht neu! Wenn man die Tradition der europäischen Medizin wie etwa den Aderlass betrachtet, stellt man ja fest, dass der Glauben an den Erfolg bei Ärzten und Patienten rund mehr als 1000 Jahre lang gehalten hat. Viele glauben, dass eine Therapie hilft. Die Frage, ob das wirklich so ist, kann man nur in sauberen, objektiven, so genannten Doppelblindversuchen klären: Ist es nur ein anderes Gefühl oder hat es wirklich eine Änderung am Krankheitszustand gegeben? Bei vielen alternativmedizinischen Behandlungsmethoden lässt sich immer wieder feststellen, dass es keine über den Placebo-Effekt hinausgehenden Effekte gibt. Dass der Einzelne beeindruckt ist und meint, dass er oder sie geheilt worden ist, kann verschiedene Ursachen fern jeglicher medizinischer Wirkung haben. Wenn es innerhalb der regulären Schwankungen einer vielleicht chronischen Krankheit einem dann wieder besser geht, neigen Menschen dazu, ihre Lieblingsbehandlung als die entscheidende anzusehen, auch wenn sie nur Begleitmusik einer Genesung gewesen ist.

Die Frage ist noch offen. Wie geht man als skeptischer Mensch an solche Beschreibungen am besten heran, wenn man auch um die problematischen Aspekte dieser nicht schulmedizinischen Therapien weiß?

Sarma: Sofern es zu der speziellen Methode, die angewandt wurde, Untersuchungen gibt, kann man darüber informieren. Und wenn jemand unbedingt an alternativmedizinischen Behandlungen festhalten will, kann man zumindest darauf hinwirken, dass eine notwendige reguläre Behandlung nicht versäumt wird. In einem solchen Versäumnis stecken gesundheitliche Risiken bis hin zum Tod. Und darüber hinwegsehen kann man nur so lange, wie eine alternativmedizinische Behandlung  – siehe Aderlass – nicht selbst schädlich ist.

Gerade wurde sowohl über traditionelle wie auch über alternativmedizinische Behandlungsmethoden gesprochen. Ist es ein Problem, wenn zwischen den verschiedenen Bereichen nicht ausreichend stark differenziert wird? Vielfach ist zu beobachten, dass traditionelle wie etwa naturheilkundliche und alternative – Beispiel Homöopathie – Ansätze einfach miteinander vermischt werden. Müsste man da nicht klarer trennen?

Sarma: Ja, wir sollten trennen, aber anders. Anstatt verschiedene Etiketten in den Vordergrund zu stellen, sollte man zwischen wirksamer Medizin und Methoden oder Produkten, die eine Wirksamkeit nur vortäuschen, unterscheiden. Sobald sich die tatsächliche Wirkung einer vorher alternativmedizinisch genannten Behandlung belegen lässt, gehört das zur Medizin. Punkt! Die Auseinandersetzung sollte sich nicht um die Frage drehen, ob es „konventionelle“, „traditionelle“ oder „alternative“ Medizin ist. Entscheidend ist, ob die Wirksamkeit belegt ist. Das sollte im Mittelpunkt stehen, nicht die Marketing-Etiketten. Es gibt auch unter den sogenannten traditionellen Verfahren wirksame Mittel, die aber längst Teil der sogenannten „Schulmedizin“ geworden sind. Wenn man erkennt, dass etwas funktioniert, dann benutzt man es einfach.

Vorausgesetzt, man hat sich soweit wie möglich über Wirksamkeiten informiert. Wo sollte man trotzdem nochmal aufmerksam werden, wenn ein Familienmitglied große Begeisterung für nicht schulmedizinische Therapien entwickelt hat?

Sarma: Die Gefahr besteht einerseits darin, dass die alternativen Methoden überschätzt werden. Wer Familienmitglieder hat, sollte immer wieder auf die fehlende Wirksamkeit hinweisen. Vielleicht werden sie irgendwann nachdenklich. Wir sollten auch nicht vergessen, dass manche Methoden Stoffe verwenden, die eine meist ungeprüfte pharmakologische Wirkung haben. Es ist nicht immer wie bei der Hochpotenz-Homöopathie, welche soweit verdünnt ist, dass da nichts mehr drin ist. Eine vorhandene pharmakologische bzw. biologische Wirkung muss nicht unbedingt positiv sein, nur weil das Etikett „natürlich“ drauf steht. Auch in der traditionellen chinesischen oder indischen Medizin werden Substanzen eingesetzt, die gefährlich sind.

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