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Eine Mauer einreißen, eine andere aufbauen

Brauchen wir Wissenschaft als Mauer zwischen Menschen, die an „Gott“ glauben und Menschen, die das nicht tun? Foto: digitezedchaos / Flickr / CC-BY-SA

Der Wissenschaftler, Atheist und neue Templeton-Preisträger Martin Rees meint, Atheisten sollten ihre antireligiösen Kampagnen stoppen. Allerdings ist der Templeton-Preis eine der Auszeichnungen, ähnlich wie der Oscar oder der Friedensnobelpreis, die es als Anerkennung für die eigene Popularität gibt.

Die Templeton-Stiftung benutzt ihre Preisträger als Aushängeschild für die Botschaft, Wissenschaft und Religion wären miteinander vereinbar. Sind sie es wirklich? Eine Replik auf Martin Rees Plädoyer, dass Atheisten ihre Waffen zur Seite legen sollten.

Religion und Wissenschaft sind insofern unvereinbar, als dass Religion auf Tradition, Offenbarung und Autorität beruht, während Wissenschaft auf Erfahrung und Logik aufbaut. Was die Religion für wahr hält, das gilt ewig und was die Wissenschaft für wahr hält, das kann jederzeit widerlegt werden. Außerdem stellen Religionen Behauptungen über die Welt auf, welche im Widerspruch zu wissenschaftlichen Erkenntnissen stehen, zum Beispiel der gute Gott angesichts unverschuldet leidender Menschen und Tiere, als auch die Schöpfung jeder Art im Gegensatz zur Evolution von einer Art in andere.

Komischerweise existiert die Religion trotz dieser vielfach erläuterten Einwände noch immer, also muss das Thema komplexer sein, als es den Anschein hat. Martin Rees, britischer Astronom und Templeton-Preisträger, hat kein Problem damit, als „Stammes-Christ“ in die Kirche zu gehen, die großen Kathedralen und religiöse Musik zu bewundern.

Der Religionskritiker Daniel Dennett, der in diesem Konflikt auf der Seite von Richard Dawkins und den anderen „Neuen Atheisten“ steht, geht ebenfalls in die Kirche, weil er gerne religiöse Lieder singt. Richard Dawkins hat mehrmals auf die kulturellen Errungenschaften der Religion hingewiesen, zu seinen Lieblingskomponisten gehört Johann Sebastian Bach. Christopher Hitchens betonte den Einfluss der Religion auf Dichter wie George Herbert.

Existiert Religion überhaupt?

Parallel zu dem Streit zwischen Neuen Atheisten und Theologen fand eine Debatte unter Religionswissenschaftlern statt, die sich um die Frage drehte, was „Religion“ überhaupt ist. Pascal Boyer, einem der einflussreichsten Religionsforscher, ist schließlich der Kragen geplatzt. Er stellte fest, dass es Religion gar nicht gibt. „Viereckige Dreiecke und Einhörner mögen sehr klar definiert sein – sie existieren einfach nicht“, schrieb Boyer. Religion gehöre, „wie Äther und Phlogiston, auf den Aschehaufen der Wissenschaftsgeschichte.“ Laut Boyer werden verschiedene Ideen und Praktiken unzulässigerweise zu „Religion“ zusammengefasst und als Gesamtphänomen untersucht, obwohl sie nicht zusammenhängen.

„Religion“ ist laut Boyer nur deshalb als solche im Gespräch, weil religiöse Insitutionen wie die katholische Kirche ein Interesse daran hätten: „Für religiöse Institutionen ist es offensichtlich wichtig, zu behaupten, dass es so etwas wie Religion gibt” – welche diese Institutionen dann zu ihrem wirtschaftlichen Nutzen erklären, verwalten und so weiter. “Wenn Sie das nicht akzeptieren, dann gibt es keinen Grund für die soziale Rolle dieser Institutionen oder, fürwahr, ihre Existenz. Dies könnte erklären, warum religiöse Apologie ausnahmslos in die Disziplin der Religionsforschung (an Orten, wo sie existiert) eindringt, egal, wie heroisch die Bemühungen von ernsthaften Akademikern sind, wahre Forschung gegen diese heimtückische Invasion zu verteidigen.“

„Religion“ wäre also nur aufgrund einer religiösen Unterwanderung der Wissenschaft ein Gegenstand ernsthafter Forschung. Tatsächlich handle es sich bei der „Religion“ um eine Erfindung von Interessensgruppen. Von Menschen, die „Religion“ hegen und pflegen und damit ihren Lebensunterhalt verdienen, die in Deutschland sogar vom Steuerzahler dafür entlohnt werden, dass sie ihre Erfindung, die „Religion“, gegen alle Widerstände verteidigen. Es ist so, als gäbe es Organisationen, die mit der Pflege von Einhörnern betraut sind.

Ist alles Religion?

Die alten Germanen und die Römer hatten ihre Feiern und Rituale, das Christentum übernahm einige heidnische Gepflogenheiten – wie Weihnachten und Fasching – , gab ihnen einen neuen Anstrich und schon galten sie bald als Bestandteil des Christentums.

Die wissenschaftliche Methode war eine vorchristliche Erfindung und während der Rennaissance haben Forscher wie Isaak Newton sie für vereinbar mit der christlichen Lehre erklärt, was Theologen zunächst skeptisch sahen. Nachdem die Wissenschaft etabliert war, behaupteten Kirchenfunktionäre, die jahrhundertelang die freie Forschung bekämpft und nicht nur Giordano Bruno dafür verbrannt hatten, auf einmal, dass die Wissenschaft eine christliche Erfindung wäre.

Wenn das Christentum mit allem vereinbar ist und alles erfunden hat – wenn es also “alles” ist, dann ist es gar nichts. Es ist lediglich der Versuch einer Interessensgruppe, Privilegien zu erwerben, indem sie bestimmte Ideen und Rituale, die in einer Gesellschaft verbreitet sind, unter ihrer patentierten Marke zusammenfasst. Diese Interessensgruppe passt das, was man unter der Marke versteht, an die Ideen und Rituale an, die gerade populär sind. So erhält sie ihre Macht und ihren privilegierten Status.

Das Abendland, das man genauso „römisch“, „griechisch“, „aufgeklärt“, „liberal“ oder „humanistisch“ nennen könnte, wird als „christliches Abendland“ verteidigt, weil manche Menschen davon profitieren. Die allermeisten so bezeichneten Ideen sind nicht ursprünglich christlich – die Trinität ist zum Beispiel eine ursprünglich christliche Idee, die Nächstenliebe ist es nicht.

Religiöse Institutionen sind Experten im darwinistischen Überlebenskampf. Sie passen sich überall an, wissen genau, was sie tun und sagen müssen, um ihre Privilegien zu erhalten. Dabei sind sie nichts anderes als andere Unternehmen und Lobbygruppen, nur mit dem Unterschied, dass die anderen nicht behaupten, für den Schöpfer des Universums tätig zu sein.

Für die Trennung von Wissenschaft und „Religion“

Wenn Martin Rees behauptet, Wissenschaft und Religion wären vereinbar, dann sagt er, dass Kirchenfunktionäre das Recht hätten, die Wissenschaft für sich zu beanspruchen und sie in ihr Marketing-Konzept einzubauen, ohne dafür eine Gegenleistung zu erbringen, bis auf das zugegeben üppige Templeton-Preisgeld.

Mein Vorschlag wäre also, dass sich Wissenschaftler, ebenso wie Steuerzahler, möglichst nicht von Interessensgruppierungen vereinnahmen und ausbeuten lassen sollten. Gewerkschaften über Umweltschutzgruppen bis hin zu Sportvereinen, Kirchen und anderen Unternehmen – alle wollen am liebsten Geld und Privilegien von anderen Gesellschaftsmitgliedern haben, ohne sie sich zu verdienen.

Allen ist dies auch gelungen, zuerst den Kirchen, dann den Gewerkschaften, Unternehmern in Form von Protektionismus und Subventionen und heute sahnen Umweltschutzgruppen groß ab. Man muss lediglich behaupten, die Gesellschaft profitiere besonders von der eigenen Interessensgruppe. Wissenschaftler, die sich für die „Religion“ aussprechen, kommen da sehr gelegen.

Der Liberalismus, den sich Aufklärer wie John Locke und Adam Smith ausgedacht haben, besagt, dass niemand irgendwelche Privilegien bekommen sollte. Alle nehmen teil an einem fairen Spiel. Jeder ist frei, das zu tun, was ihm möglich ist, solange er anderen nicht schadet und keine Verträge bricht. Heute dreht sich die Politik dagegen fast nur darum, welche Interessensgruppe ein größeres Stück vom Kuchen, vom Geld anderer Leute, geschenkt bekommt. Und für die Kirchen ist jeden Tag Weihnachten.

Wissenschaftler und ihre Organisationen sollten sich in Zukunft zweimal überlegen, ob sie sich von Interessensgruppierungen vereinnahmen lassen oder unabhängig bleiben möchten. Forscher wie Martin Rees meinen es sicher gut, aber für religiöse Interessensgruppierungen sind sie lediglich „nützliche Idioten“. Man könnte meinen, dass gerade Wissenschaftler davon leben, ihre Ergebnisse nicht an die Kundschaft anpassen zu müssen, sondern an die Realität.

Eine Mauer können wir einreißen, nämlich die zwischen gläubigen Menschen und Atheisten; denn so verschieden, wie sie sich beizeiten zu sein einreden, sind sie nicht. Wo gläubige Menschen im Bereich ihres Glaubens an skeptischem Denken sparen, da sind Atheisten oftmals in anderen Bereichen, zum Beispiel in der Politik – man nehme diejenigen Atheisten, die einem populären Image des Marxismus anhängen – nicht notwendigerweise rational.

Wenn es unvernünftig ist, zu Gott zu beten, so ist es ebenso unvernünftig, auf das Lenkrad zu schlagen, wenn das Auto nicht anspringt. Wenn religiöse Speisevorschriften irrational sind, so ist es ebenso irrational, auf „Genfood“ zu verzichten.

Statt einer Mauer zwischen Menschen, die an „Gott“ glauben und Menschen, die es nicht tun, brauchen wir eine Mauer, die Menschen davor schützt, von anderen übervorteilt und ausgenutzt zu werden, darunter eine Mauer zwischen Wissenschaft und der sogenannten „Religion“.

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Diskussion - Bisher 8 Kommentare - Kommentar schreiben
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    Es ist nicht irrational, auf Genfood zu verzichten. Monsanto, vormals unter dem Namen Dow Chemical (->Agent Orange) bekannt, modifiziert Pflanzen extra so, dass sie gegen bestimmte Pestizide, zum Beispiel das krebserregende Jodmethan, resistent sind.
    Die so modifizierten Pflanzen können dann nach Herzenslust mit Mengen dieser Pestizide behandelt werden, die unmodifizierte unweigerlich ins Jenseits befördern würden. Also werden diese Lebensmittel dann auch stärker mit Pestiziden belastet sein als vormals, als noch nicht zu genetischer Modifikation gegriffen wurde. Natürlich gelangen die Pestizide dort, wo Felder mit ihnen behandelt werden, auch ins Grundwasser, so dass auch Leute damit beglückt werden, die gar kein Genfood kaufen, aber doch trotzdem trinken möchten. Es ist auch nicht irrational, Bio-Lebensmittel zu kaufen, da der Einsatz von Kunstdüngern nachweislich die Umwelt schädigt und es zum Beispiel bei Bio-Lebensmitteln auch ausgeschlossen ist, dass für ihre Erzeugung Regenwälder abgeholzt werden.

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    Der Autor sollte sich schämen, die Arbeit von Umwelschutzbewegungen zu diffamieren.

    Er stellt die die sachlichen und begründeten Argumente von engagierten Umweltschützern auf eine Stufe mit Märchen, die von Religionen erzählt werden. Offensichtlich ist er der Meinung, dass Atheismus eine unkritsche Technikgläubigkeit einschließen muss.

    Religiöse Speisevorschriften haben nicht das Geringste damit zu tun, ob es vernünftig ist, Gentechnik auf den Feldern zuzulassen. Das eine beruht auf Märchen, das andere kann unter Umständen reale Gefahren mit sich bringen.

    WAS SOLL DAS?

    Ich möchte den Autor doch bitten, den Deckmantel der Diskussion um Religion nicht dazu zu nutzen, seine persönliche Einstellung zu Technik, Umweltschutz und Gentechnik zu propagieren.

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    “Religion und Wissenschaft sind insofern unvereinbar, als dass Religion auf Tradition, Offenbarung und Autorität beruht.”

    Das ist nur teilweise richtig, denn die sogenannte natürliche Theologie (Vernunfttheologie) arbeitet im Gegensatz zur Offenbarungstheologie mit philosophischen Argumenten, ohne sich dabei auf angebliche Offenbarungen oder “heilige” Schriften wie die Bibel oder den Koran zu berufen.

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    Gefällt mir ausgesprochen gut der Artikel, wollte ich nur mal loswerden.

    @Elvenpath und Sascha Lührs
    eine religiöse Speisevorschrift kann ja durchaus förderlich für die Gesundheit sein, genauso wie eine Vorschrift, ich esse nur “Bio”, oder ich esse kein “Genfood”. Im Alltag kann so eine Regel sehr hilfreich sein und gute Dienste leisten, trotzdem ist sie irrational und wird es wahrscheinlich auch immer bleiben. Von daher behaupte ich mal, ihr interpretiert hier mehr rein, als der Autor an dieser Stelle sagt.

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    @Celine

    Der Autor zeigt mit der Aussage: “heute sahnen Umweltschutzgruppen groß ab” wessen Geistes Kind er ist.
    Die Aussage, dass der Verzicht auf “Genfood” irrational ist, ist unter diesem Hintergrund zu bewerten.

    Ob eine religiöse Speisevorschrift echte Vor- oder Nachteile bringt, ist irrelevant. Sie entsteht unter der falschen Annahme, dass es irgendwelche Götter gibt, die dies so verlangen. Die Motivation ist das entscheidende. Und die Motivation ist im religiösen Fall ohne jegliche Substanz. Ganz im Gegensatz zu “Genfood”, den man meiden sollte, schon weil Firmen wie Monsanto den Lebensmittelmarkt monopolisieren wollen um die Preise zu diktieren.

 
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