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Forschung diskutiert über Verschwinden von Religion

Hat Beten Zukunft? Forscher sind uneinig, ob sich die Entwicklung von Religion einfach so ausrechnen lässt. Foto: Awesome D90 / Flickr / CC-BY-SA

In neun Ländern könnte Religion bald verschwunden sein, meinten US-Wissenschaftler nach einer im März vorgestellten Studie. Eine Annahme war, dass in wirtschaftlich hochentwickelten Gesellschaften der Nutzen sinkt, den die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft mit sich bringt.

Die Hypothese der Forscher: Werden die Konfessionsfreien mehr, wird auch der Anschluss an diese Gruppe attraktiver. Wissenschaftler wie Michael Blume bezweifeln solche Modelle und verweisen unter anderem darauf, dass die Kinderzahl in religiösen Gesellschaften stets über der von konfessionsfreien Gruppen liegt.

Die Wissenschaftler Daniel M. Abrams, Haley A. Yaple und Richard J. Wiener legten eine Rechnung vor, in der auf die Entwicklung von Religionsgemeinschaften ein mathematisches Analysemodell für dynamische, nichtlineare Systeme angewendet wurde. In dieser Form hatte Abrams zuvor auch die Entwicklung von Sprachgemeinschaften in modernen Gesellschaften untersucht. Das Modell wäre zudem auch auf andere Gruppen wie Raucher und Nichtraucher, Vegetarier und Fleischesser oder Mac- und PC-Fans anwendbar, hieß es.

Das vorläufige Fazit der jüngsten Untersuchung des Forscher-Trios, das unter anderem auf Zensus-Daten aus 85 verschiedenen Regionen der Welt basierte, legte ein Verschwinden der ursprünglichen Religionsgemeinschaften in einigen Nationen nahe. In Australien, Finnland, Irland, Kanada, Neuseeland, den Niederlanden, Österreich, Tschechien und der Schweiz soll in Zukunft die Auflösung von konfessionellen Oligopolen in den gesellschaftlichen Institutionen zu beobachten sein.

Hintergrund ist, dass die Zugehörigkeit der Menschen zu Religionsgemeinschaften diesen in den entwickelten Wohlfahrtsstaaten nicht mehr ausreichend soziale, ökonomische und spirituelle Vorteile bietet. Konfessionsfreiheit ist hier nützlicher als die Mitgliedschaft in einer Kirche. Zudem wachse auch der soziale Druck auf die jeweiligen Netzwerke der Gläubigen, wenn die Zahl der Konfessionsfreien steigt.

„Die Aufklärung siegt, die religiösen Menschen sterben aus“, titelte daraufhin das Online-Magazin Telepolis und fragte gleichzeitig, „ob man den religiösen Glauben wirklich anhand physikalischer Methoden analysieren und dessen Verschwinden oder Verstärkung damit vorhersagen kann.“

Auch der Religionswissenschaftler Michael Blume von der Universität Jena kommentierte die Ergebnisse umgehend und verwies auf andere Untersuchungen, die Abrams und Co. offenbar nicht in die eigenen Überlegungen mit einbezogen hatten. Er stellte dabei zunächst fest, dass im Rahmen der Säkularisationsprozesse die in den Religionsgemeinschaften verbleibenden Menschen sich stärker von der gesellschaftlichen Außenwelt abgrenzen würden. Darauf sei unter anderem der wachsende Anteil von konfessionellen Kindergärten und Schulen zurückzuführen, so Blume.

Im Hintergrund solcher Abgrenzungen steht beispielsweise das Ziel, die Übertragung von spezifischen Glaubensvorstellungen und religiösen Lehren zwischen Eltern und Kindern zuverlässig gewährleisten zu können. Ein Ansatz, den der bekannte Religionskritiker und britische Wissenschaftler Richard Dawkins als maßgeblichen Grund für die Verbreitung und ebenfalls die Konflikte zwischen Anhängern von unterschiedlichen Theologien beurteilt.

Blumes und Dawkins Beobachtung scheinen somit plausibel, da sich ihre Feststellungen mit den Prozessen in säkularen Gesellschaften wie in Deutschland und Großbritannien decken. Und sogar bekanntere Politiker grenzten sich zunehmend häufiger über ihre speziellen religiösen Überzeugungen ab, um sich unter dem Druck der Säkularisierung zu profilieren. Aktuell nutzt etwa der Grünen-Politiker Winfried Kretschmann die politische Popularität zur Werbung für seine religiöse Identität.

„Vor allem aber übergehen die Wissenschaftler, dass Mitglieder von Religionsgemeinschaften durchschnittlich deutlich höhere Geburtenraten als die Konfessionslosen aufweisen und in den jüngeren Generationen daher wieder zunehmend vertreten sind“, betonte Blume nochmals in seiner Kritik an der unter einigen Atheisten hoffnungsvoll aufgegriffenen Studie über das Ende der Religion schließlich erneut.

In einem Beitrag bei den wissenschaftlichen SciLogs machte Michael Blume deutlich, dass die besagten neun Ländern eventuell vor dem Gegenteil des prognostizierten Prozesses stehen könnten. Denn Erhebungen hätten ebenfalls gezeigt, dass die säkularen Gesellschaften regelmäßig deutlich weniger Nachkommen hätten als ihre religiösen Pendants. Je konservativer oder orthodoxer die religiösen Überzeugungen, desto höher die Zahl der Kinder. In nicht- oder weniger religiösen Gemeinschaften liegt die Zahl der Kinder oft sogar bei weniger als zwei pro Paar, zeigen die Zahlen.

Als exemplarisches Gegenbeispiel führte Michael Blume die Quiverfull-Bewegung an, die ein christlich-konservatives Gesellschaftsmodell praktiziert, um möglichst viele Kinder in ihrem speziellen Glauben aufziehen zu können. Diese habe Großfamilien als kostenintensives und schwer zu fälschendes Signal der religiösen Überzeugung entdeckt, so Blume.

Die Religionssoziologie geht hier davon aus, dass viele religiös begründete Sitten und Regeln auf dem Nutzen solch eindeutiger Signale fußen, zu denen auch Nahrungs- und Bekleidungsvorschriften zählen.

Und die Rolle des unterschiedlichen Kinderreichtums spielte auch in Deutschland in ähnlichen Debatten vor einer Weile eine erhebliche Rolle. Thilo Sarrazin hatte mit seiner Prognose polarisiert, dass bestimmte Gruppen durch entsprechend demografische Effekte die traditionelle Kultur des Landes langfristig „abschaffen“ könnte. Die These führte zu erheblicher Beunruhigung in weiten Teilen der Gesellschaft.

In Folge beschworen etwa Kirchenvertreter im Klerus und der Politik vehement, dass die hiesige Gesellschaft an die Tradition einer christlich-jüdischen Identität gebunden wäre. Noch vor kurzem erregte der kirchlich gebundene Innenminister Hans-Peter Friedrich (CDU) mit der wiederholten Ansicht Protest, die islamische Religion gehöre nicht zu Deutschland.

Trotzdem wird auch in Kooperation mit Vertretern muslimischer Organisationen intensiv versucht, den Nutzen von religiös-konfessionell orientierten Netzwerken zu festigen: Während zwischen den Gläubigengemeinschaften Dialoge und Zusammenarbeit politisch gefördert und soziale Zugeständnisse gemacht werden, müssen Konfessionsfreie und nichtreligiöse Menschen oft die Ausgrenzung diagnostizieren.

Zu etwa einer staatlichen Diskussion über eine Einführung von Ethikunterricht in Österreich wurde kein einziger Vertreter einer Organisation von Konfessionsfreien eingeladen. In Deutschland bekräftige DBK-Chef Robert Zollitsch jüngst nochmals die Chancenlosigkeit entsprechender Pläne für einen integrativen Ethik-Unterricht.

Das Ziel ist offenkundig einerseits, an den Schulen die Entstehung von Schülergruppen mit attraktiveren Lerninhalten als Konkurrenz zur theologischen Unterweisung zu unterbinden. Die Mitgliedschaft zu einer religiösen Organisation kann trotz einer heute überwiegend säkularen Gesellschaft so nützlich genug erhalten werden, wenn die Überlieferung der jeweiligen Glaubensinhalte an die Kinder erfolgreich ist und die Attraktivität alternativer Gruppen niedrig bleibt.

Das Fazit: Sowohl die Zahl an Kindern, wie die Effektivität der religiösen Unterweisung und die Größe der jeweiligen Gruppe als auch die Attraktivität der entsprechenden Netzwerke spielen offenbar eine Rolle in der Frage, wie die Entwicklung von traditionell religiösen und nichtreligiösen Gruppen prognostiziert werden kann. Ein Ende von Formen traditioneller Religion in einigen Ländern zu prophezeien oder auch hierzulande zu erwarten, scheint sehr gewagt.

Auch Michael Blume bilanzierte daher: „Die Prognose einer linearen Entwicklung zu einer religionslosen Gesellschaft steht damit auf ebenso schwachen Füßen wie vergleichbare Hochrechnungen, die aus wachsenden Minderheiten von Muslimen linear eine umfassende Islamisierung Europas berechnen wollen. Beides ist unzutreffend, da sich religiöse Entwicklungen eben nicht einfach linear vollziehen.“

Er plädierte schließlich, man sollte die vorgelegten Modelle „als ernst gemeinte Anregung verstehen, endlich auch in der Erforschung von Religion(en) den Mut zu mehr interdisziplinären Arbeiten, Hypothesen, Modellen und Studien zu finden, wie wir sie etwa in Wirtschafts-, Umwelt- und Politikwissenschaften längst selbstverständlich erwarten. Anregungen aus Physik und Mathematik – etwa der Spieltheorie – sollten dabei hoch willkommen sein.“

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Diskussion - Bisher 2 Kommentare - Kommentar schreiben
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    Religionen werden nicht verschwinden. Viele Menschen sind für solche Einflüsse einfach veranlagt. Es wird immer welche geben, die religiösen Heilsbotschaften nachlaufen.

    Wir sollten uns deswegen nicht darauf verlassen, dass Religionen verschwinden, sondern aktiv daran arbeiten, ihren Einfluss auf den Staat und die Gesellschaft zu unterbinden.

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    Ohne mich je intensiv mit Religionswissenschaft beschäftigt zu haben, bezweifle ich die zwei wesentliche Aussagen von Blume grundsätzlich.

    Fast lächerlich finde ich sogar seine Behauptung, die ständige Zunahme von konfessionellen Kindergärten und Schulen würde aus einem Bedürfnis Religiöser, sich stärker von der gesellschaftlichen Außenwelt abzugrenzen. Ich sehe darin vor allem eine Strategie der Kirchen, mehr Einfluss auf die Erziehung zu gewinnen. Als Hinweis für die Richtigkeit dieser Vermutung sehe ich die Tatsache, dass solche Schulen und Kindergärten keinesfalls nur dort entstehen, wo große religiöse Bevölkerungsanteile Druck erzeugen könnten, sondern ebenso auch in den ziemlich religlionslosen Gebieten im Osten.

    Der erhöhten Zahl von Kindern bei Religiösen ist für mich ebenfalls kein Hinweis für künftige Zunahme von Religion. Allenfalls eine, für die Verlangsamung des Prozesses der Entgeistlichung. Es gab Zeiten, da waren nahezu alle Kinder welche von religiösen Eltern und doch nahm die Zahl religiöser Erwachsener ständig ab. Es gibt keinen Anlass zu vermuten, daran würde sich was ändern.

    Trotzdem bin auch ich der Meinung, kein Grund nun als Säkulare die Hände in den Schoß zu legen. Gerade wenn wir uns nun immer selbstbewusster und immer stärker in der Öffentlichkeit präsentieren scheint das für mich ein Indiz zu sein, die Grundaussage der Studie trifft zu: “…die Zugehörigkeit der Menschen zu Religionsgemeinschaften diesen in den entwickelten Wohlfahrtsstaaten nicht mehr ausreichend soziale, ökonomische und spirituelle Vorteile bietet. Konfessionsfreiheit ist hier nützlicher als die Mitgliedschaft in einer Kirche. Zudem wachse auch der soziale Druck auf die jeweiligen Netzwerke der Gläubigen, wenn die Zahl der Konfessionsfreien steigt.”

 
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