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Das "Verbrechen" von Pastor Jones

Ein US-Priester hat ein Buch verbrannt. Wer trägt wirklich Schuld an der Gewalt und den Toten in Mazar-i-Sharif?

In Afghanistan kam es Ende der vergangenen Woche zu gewalttätigen Protesten aufgebrachter Muslime, unter anderem in der UN-Botschaft in Masar-i-Scharif. Schließlich gab es sogar Tote. Der Stein des Anstoßes dieser Unruhen soll im über 12.000 Kilometer entfernten Florida zu finden sein.

Terry Jones, ein Pastor einer kleinen Freikirche in Gainesville, hatte zwei Wochen zuvor in einem rituellen „Prozess“ einen Koran verbrannt. Entfachte diese Tat die kollektive Wut der Afghanen auf die US-Besatzung? Ist Pastor Jones verantwortlich für diese Todesopfer?

Zumindest indirekt scheinen einige Medien die Schuld bei ihm zu sehen. So schrieb zum Beispiel der Tagesspiegel von den „Opfern des Pastor Jones“. So eine einseitige Verurteilung ist aber mehr als fragwürdig. Was man am „Verbrechen“ des streitbaren Pastors und seiner Gemeinde sicherlich kritisieren kann ist: Die mutwillige Verbrennung von Büchern ist ein Akt, der etwas barbarisches an sich hat.

Das ist aus historischer Sicht gut erklärbar: In Zeiten, in denen Bücher die wichtigsten Informationsträger waren, deren Reproduktion mit großem Aufwand verbunden war, bedeutete die Verbrennung von Büchern, oder gar ganzer Bibliotheken, eine fast unwiederbringliche Vernichtung von Wissen.

Man denke zum Beispiel an die Vernichtung der berühmten Bibliothek von Alexandria in der Spätantike, die unter anderem im Film „Agora – Die Säulen des Himmels“ thematisiert wurde.

Im Zeitalter der Computer und des Internets hat sich das zum Glück ein wenig gewandelt. Heutzutage können Informationen auf einfachste Weise reproduziert und vervielfältigt werden. Somit ist mit der Verbrennung von Büchern heutzutage in der Regel kein unwiederbringlicher Verlust von Informationen mehr verbunden.

Tatsächlich kann man ohne weiteres Informationen über einige Fälle von Bücherverbrennungen in der jüngeren Zeit finden, die zwar absurd bis verstörend wirken – aber für das Weltgeschehen praktisch kaum von Bedeutung waren.

Unter anderem findet man Berichte über Verbrennungen von Harry-Potter-Büchern durch fundamentalistische Christen in den USA, von homoerotischer Literatur durch islamische Fundamentalisten in Ägypten und von Exemplaren des Neuen Testaments durch orthodoxe Talmudschüler in Israel.

Sehr wohl ist natürlich die Vernichtung von historischen Kulturschätzen schmerzlich. Darin waren bekanntlich die Taliban während ihrer Herrschaft in Afghanistan besonders aktiv. Das populärste Beispiel ist sicherlich die Sprengung der Bhudda-Statuen von Bamiyan. Ein weniger bekannter Fall ist die Vernichtung von Kulturschätzen der Nasir-i Khuschra Stiftung in Kabul im Jahr 1998. Dort wurden nicht nur wertvolle Originale alter persischer Literatur zerstört, sondern – man höre und staune – auch ein Tausend Jahre altes Exemplar des Korans.

Im Übrigen sind es gerade Muslime, welche die meisten Koranexemplare schänden und vernichten, wie der Autor Andreas Müller festgestellt hat. Die Koranschändung mag hier zwar aus anderen Intentionen erfolgen, dennoch oder gerade deswegen zeigt sich hier die Heuchelei von Muslimen im Umgang mit dem Koran.

Auf der anderen Seite haben viele Muslime Vorstellungen vom Koran, die man getrost als Wahnvorstellungen und Aberglauben bezeichnen kann. So beschwerten sich zum Beispiel vor einigen Jahren im britischen Leicester Muslime darüber, dass in der städtischen Bibliothek die Exemplare des Koran im Regal unterhalb der Bibel und anderen gewöhnlichen Büchern standen.

Daraufhin wurden sämtliche heilige Bücher in der Bibliothek in den oberen Regalen platziert. Abgesehen von der Dreistigkeit dieser Forderung stellt sich hier die Frage, ob diese Verehrung von heiligen Büchern denn nicht eine Form von Götzendienst ist. Bekanntlich ist nach islamischer Lehre die Anbetung von Götzen die denkbar schwerste Sünde. Das ist wiederum ein deutliches Zeichen, dass der Islam seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird.

Die gewaltsamen Ausschreitungen in Afghanistan sind also unter anderem auf einen bizarren Mix aus religiösem Wahn, Aberglauben und Heuchelei zurückzuführen. Pastor Terry Jones hier allein die Schuld für die unschuldig Gestorbenen zuzuweisen, wäre mehr als fahrlässig.

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Diskussion - Bisher 10 Kommentare - Kommentar schreiben
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    Verstörend wirken nur die Reaktionen auf Bücherverbrennungen. Und die Behauptung, dass wer Bücher verbrennt auch Menschen tötet, halte ich für Unsinn. Bereits die Philosophen David Hume und Hans Reichenbach wollten schlechte Bücher verbrennen, und ihnen kann man eine menschenverachtende Gesinnung wirklich nicht nachsagen.

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    Die Welt ist verrückt, doch wo ist die Zentrale?

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    @ pinetop

    „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.” (Heinrich Heine, Siehe auch http://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BCcherverbrennung#Heinrich-Heine-Zitat)

    Für sich allein stehend und aus dem Zusammenhang gerissen wäre dieses Zitat ein klassisches Beispiel für die Verwechslung von Korrelation und Kausalität. Die meisten Fälle von organisierten Bücherverbrennungen gab es wohl unter menschenverachtenden Regimen. Dennoch ist nicht jeder, der Bücher verbrennt, automatisch ein Völkermörder.
    Heinrich Heine verwendete diesen Satz in einem historischen Stück über die spanische Reconquista. In diesem Zusammenhang lag er mit seinem Zitat erwiesenermaßen richtig.

    Das mit David Hume und Hans Reichenbach interessiert mich. Welche Bücher wollten sie verbrennen? Hast du Zitate von ihnen auf Lager?

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    Also, mit Hume kann ich dienen, er benennt aber kein konkretes Buch und er fordert auch nicht direkt zu Bücherverbrennungen auf.

    Der Schluss des letzten Kapitels seiner “Enquiry Concerning Human Understanding” lautet:

    “Wenn wir, von diesen Prinzipien überzeugt, unsere Bibliotheken durchgehen, welche Verwüstung müssten wir anrichten! Nehmen wir irgend ein Buch zur Hand, z. B. über Theologie oder Schulmetaphysik, so lasst uns fragen: Enthält es eine abstrakte Erörterung über Größe und Zahl? Nein. Enthält es eine auf Erfahrung beruhende Erörterung über Tatsachen und Existenz? Nein. So übergebe man es den Flammen, denn es kann nichts außer Sophisterei und Blendwerk enthalten.” (Übersetzung aus der deutschen Reclam-Ausgabe)

    Ob er da jetzt wirklich für Bücherverbrennungen eintritt, weiß ich nicht. Es ist ja schließlich als Konditional formuliert. Wenn man diese Prinzipien bis zum Ende durchzieht, dann müsste man…

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    @ Martin Perz
    zu Hume. Das hat Max schon geklärt.
    zu Reichenbach. Der Aufstieg der wissenschaftlichen Philosophie. Die Frage (= Einleitung oder Vorwort), Berlin, ohne Jahresangabe (etwa 1952)

 
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