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#prayforjapan: Wer erklärt, wer verklärt

Foto: SeaWiFS Project, NASA/Goddard Space Flight Center, and ORBIMAGE

Seit dem letzten Wochenende vollzieht sich in Japan wohl von eines der schlimmsten Szenarien, das für viele Menschen bisher denkbar war. Erst kam das Beben, dann die Flut und schließlich die Kernschmelze in einigen nuklearen Reaktoren des hochtechnisierten und bevölkerungsreichen Landes.

Diese Katastrophe in der Katastrophe kann vielleicht bald den Titel des am besten dokumentierten Unglücks beanspruchen. Die verschiedensten Gruppen springen nun auf den anfahrenden Zug der Anti-AKW-Bewegung auf und erklären sich zu Deutern und Interpreten. Die Chancen stehen gut, dass sie damit kräftig Pluspunkte sammeln können. Es geht auch anders.

„Und deshalb ist eine Technik, die hundertprozentige Sicherheit braucht, um Katastrophen apokalyptischen Ausmaßes zu vermeiden, nicht menschengerecht“, meinte Nikolaus Schneider in seiner Sonntagspredigt zu einer Zeit, wo Spezialisten und Regierungsvertreter in Japan noch kaum eine Prognose über die Entwicklung in den betroffenen Kernkraftwerken Fukushima und Onagawa wagen.

Als Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes kann jetzt schon der Tsunami beurteilt werden, der zu der dramatischen Notlage in den betroffenen Kernkraftwerken geführt hat. Dass dieser von Menschen gemacht wurde, wird  wohl nicht einmal Nikolaus Schneider vermuten. Ob die Technik der durch den Tsunami beschädigten Reaktoren diese natürliche Katastrophe noch um einen menschengemachten Faktor verstärken wird, ist indes weiterhin offen.

Offen bleibt auch schon jetzt die Frage, warum sich führende Theologen bisher nicht gegen weitere technische Einrichtungen positionierten, die auf diese fiktive hundertprozentige Sicherheit zur Vermeidung apokalyptischer Katastrophen angewiesen sind. Eine Möglichkeit wäre hier der chinesische Drei-Schluchten-Damm.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Meteorit oder ein gezielter Anschlag die Talsperre zerstört, kann nicht mit hundertprozentiger Sicherheit ausgeschlossen werden. Bereits heute wurden über ein Dutzend Städte dafür überflutet, Millionen Menschen überwiegend zwangsweise umgesiedelt. Der Damm wurde für Erdbeben der Stärke 7 konzipiert. Allein das Gewicht des Wassers, so heißt es im knappen Absatz einer Master-Arbeit der schwedischen Universität Lund, könnte die seismische Aktivität erhöhen und Beben oder Erdrutsche auslösen.

„Jawohl wir wissen, dass wir auch ein Stück weit in Gottes Hand sind“, nahm auch noch am Samstag die Bundeskanzlerin und ehemalige Wissenschaftlerin Angela Merkel zu den Ereignissen in Japan Stellung.

Detailliertere Ausführungen über unsere Lage in der Hand ihres Gottes gab sie aber ebenso wenig preis wie Nikolaus Schneider oder Benedikt XVI., der im Gleichklang mit vielen anderen Kirchenfunktionären zum Gebet für die Erdbeben-Opfer aufrief.

Seit erste Nachrichten über den Tsunami kursierten, hält sich der Hashtag #prayforjapan auf den Spitzenplätzen der „Trending Topics“ bei Twitter – ein deutlicher Indikator, was die globale Menschheit gerade bewegt.

David Yonggi Cho, evangelikaler Priester einer „Megachurch“ und Führer einer Gemeinde mit knapp 800.000 Mitgliedern in Korea, wurde noch konkreter als hiesige Kirchenführer und interpretierte die Ereignisse als die Warnung seines Gottes. Götzenverehrung, Atheismus und Materialismus würden eine mögliche Ursache für die Katastrophe in Japan darstellen, legte er in einem Interview nahe. „Japan heute, Jerusalem morgen“, heißt es bei „WorldNetDaily“ und die „Christian Post“ zeigt sich überzeugt, dass die Häufigkeit von Erdbeben mit der Rückkehr des Jesus Christus korreliert.

Während in Deutschland nun Anti-AKW-Bewegungen und politische Parteien die Entwicklungen nutzten, um für den sofortigen Ausstieg aus der Kernkraft den politischen Druck zu erhöhen, bleibt die Faktenlage nach wie vor fast undurchsichtig.

Laut einer Meldung von „Deutschlandradio Kultur“ meinte dazu Florian Coulmas, Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokio in der „Neuen Züricher Zeitung“, dass die derzeitige Informationsflut für Unsicherheit sorgt. Es gebe im Zeitalter der Hyperinformation kaum noch eindeutige und zuverlässige Aussagen, heißt es. Platz für starke Worte fand sich trotzdem, noch bevor die Welt richtig informiert war.

„Die Dreckschweine von der Atom-Lobby“, titelte schon Samstagmittag ein Kommentar von Reiner Metzger, dem stellvertretenden Chefredakteur der „taz“. Aber der überschießende Impuls muss dem bei diesem Thema traditionell kritischen Medium bald selbst klar geworden sein, weshalb die Überschrift später deutlich modifiziert wurde.

Die „Kirche“ der Anti-AKW-Bewegung hatte es Metzger bis dahin aber reichlich gedankt, wie das enorme „Flattr“-Guthaben zum Artikel belegt. Mittlerweile bemüht man sich bei der „taz“ um ausgewogenere Darstellung, wie ein Interview mit einem Aktivisten aus Japan zeigt: „Noch keine Hinweise auf Vertuschung“, hieß es nun dort während man bei „telepolis“ noch heute fragte: „Werden die Super-Gaus vertuscht?“

Beim Deutschen Journalistenverband Berlin-Brandenburg schimpfte man via Twitter am Samstag, dass „ständig Pseudoexperten die Sendung zur Anti-AKW-Plattform machen“ – es an echten Informationen jedoch fehlte.

Deutlich wird also, dass nicht nur religiös und politisch motivierte Verklärungen über die Ereignisse in Japan für Unklarheit, Furcht und irrationale Impulse sorgen. Auch die rapide anschwellende Flut von Medienberichten und Meinungen im Internet trägt zur Verklärung der derzeitigen Lage bei. Oft gewinnt, wer das drastischste Szenario zeichnen kann und die Stimmungslage der Konsumenten am besten aufzugreifen weiß.

Während die „Merseyside Skeptics Society“ darauf aufmerksam machte, dass auch Fans der Homöopathie bereits versuchen, um mögliche Strahlenerkrankungen ihren Budenzauber aufzuziehen, verfassten die deutschen Skeptiker eine Zusammenfassung über die „Apokalypse der Vernunft“, mit notwendiger Aufklärung über eine „völlig verdrehte Nina Hagen, die ob der Ereignisse in Japan ihre Therapieresistenz unter Beweis stellt.“ Aber sogar die Vertreter der Astrologie nahmen sich mittlerweile des Themas an, wie der Blog „Wahrsagerscheck“ zeigte.

Ein Fakt dürfte jedenfalls sein, dass mit Hilfe der hochentwickelten Netzstruktur bis dato ungekannte Informationschancen möglich wurden. Den Stream des japanischen Senders NHK findet man mittlerweile auch bei der „Tagesschau“, der Kraftwerksbetreiber Tepco liefert der Weltöffentlichkeit jedenfalls den Versuch einer transparenten Informationspolitik. Online ließ sich sogar in Erfahrung bringen, dass die Betriebserlaubnis für Fukushima I in diesem Monat ohnehin ausgelaufen wäre.

Derweil bemühten sich Journalisten, Wissenschaftler und Blogger um sachliche und aufklärende Darstellungen rund um Funktionsweisen und tatsächliche Gefahren – man muss sie nur finden.

Der Frage, ob es immer mehr Erdbeben gibt, widmete sich der Wissenschaftler Florian Freistetter in einem ausführlichen Beitrag auf seinem Blog „Astrodicticum simplex“ und erklärte anlässlich erster Spekulationen im Netz ebenfalls, welchen Einfluss ein sogenannter „Supermond“ tatsächlich auf die Plattentektonik der Erde haben kann.

Beim „New Scientist“ kann man sich den Überblick über eine „seismische Chronik“ der Region um Japan aus den vergangenen 111 Jahren verschaffen, ein interaktives Flash-Applet ist ebenfalls integriert. „Spiegel Online“ ließ, technisch absolut up-to-date, ebenfalls bemerkenswerte Bilder sprechen, um die Lage in Japan zu illustrieren und informierte über das deutsche Messnetz für Radioaktivität.

Bei Bildchen kann es freilich nicht bleiben, um die Vorgänge in Japan zu verstehen. „Leider ist es sehr schwierig, an gute Informationen zu kommen. Gerade die deutschen Medien scheinen begierig Greenpeace-Meinungen zu verbreiten. Diese überschlagen sich seit gestern in ihrer Schwärze und scheinen grad den Weltuntergang herbei zu schreien“, stellte der Physiker Jörg Rings fest und hielt der Hysterie eine glaubhaftere Quellensammlung entgegen. „Panikmache ist fehl am Platz und die Instrumentalisierung für Anti-Atomkraft-Stimmung ist absolut daneben“, so Rings.

Joe Dramiga setzte sich bei den „WissensLogs“ mit den gesundheitlichen Risiken für die japanische Bevölkerung nüchtern auseinander und erklärte nochmal, ab wann Radioaktivität wirklich gefährlich werden kann. Sachliche Darstellungen waren dabei nicht auf Blogs beschränkt, wie die „Neue Züricher Zeitung“ in einem Hintergrundartikel zum Kernkraftwerk Fukushima deutlich machte.

Christian Jung, wie Freistetter ein Autor bei den „ScienceBlogs“, verwies auf den „seriösen“ Artikel des in Taipeh lebenden Journalisten Klaus Bardenhagen, der über die Auswirkungen auf die Debatte um Kernkraft in Taiwan berichtete – dort steht man der Kernenergie offenbar ebenfalls wenig ängstlich gegenüber.

„Warum ich nicht wegen der nuklearen Reaktoren in Japan verängstigt bin“ – Besonders erfolgreich im Netz war der Beitrag des Physikers Josef Oehmen vom MIT in Boston, dessen Aufsatz im kurzfristig eingerichteten Blog „Morgsatlarge“. Mit seinen an den vorliegenden Fakten orientierten englischsprachigen Ausführungen zur Funktionsweise von Reaktoren, Sicherheitssystemen und seiner Lageeinschätzung konnte er punkten, wie die Empfehlung von Florian Freistetter und anderen verdeutlichten.

Beim Magazin „Discover“ widmete man sich auch der Frage, wieso es leicht noch hätte schlimmer kommen können und will so deutlich machen, weshalb Technik eher ein Segen als eine Gefahr darstellt. Heinz Oberhummer, ebenfalls renommierter Physiker, empfahl einen anderen Eintrag bei den Blogs des wissenschaftlichen Fachmagazins „Nature“.

„Fukushima ist nicht Tschernobyl“, stellte jetzt Wolfram König, Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, in einem Interview fest und erklärte, warum.

Und bei der Aufklärung blieb es vielfach nicht, denn einige der engagierten Blogger und Journalisten haben ihre Darstellungen mit der Feststellung verbunden, dass Gebete niemandem helfen – außer vielleicht dem Betenden. In einem Eintrag des Blogs vom Magazin „Discover“ findet sich daher eine repräsentative Liste von Möglichkeiten, finanzielle Unterstützung für die erschütterte japanische Gesellschaft zu leisten.

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Diskussion - Bisher 2 Kommentare - Kommentar schreiben
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    „… so fürcht ich doch seit Tschernobyl, uns steht noch Tschernobyl bevor.“ … ein Lied zu einem leider sehr aktuellen Thema:

    DR. FAUST

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    Gerade entdeckt; ein Beispiel für „Wie-lasse-ich-junge-Menschen-mit-realen-Fragen-im-Dunkeln-und-Zweifel-stehen“: Angst, Fragen, Zweifel von Prof. Wolfgang Huber, traurigerweise in der KinderZEIT (leider ein Beispiel für den redaktionellen Kurs der ZEIT)
    Die Kommentare auf diesen widersprüchlichen und unkausalen Beitrag strafen den Autor ab – vor allem beeindrucken mich die an der Wirklichkeit orientierten Appelle von Jugendlichen, AKWe abzuschalten, welche gar nicht erst auf die wirren Erklärversuche von Huber eingehen.