
Streit: Ist die Menschheit aus evolutionärer Perspektive zur Anbetung und heiligem Fanatismus verdammt? Foto: C Jill Reed / Flickr / CC-BY-SA
Gläubige bekommen mehr Kinder, also sind gottlose Gesellschaften im Nachteil – und sterben aus. So lautete der Tenor eines Berichts in der „Sunday Times“ vor rund zwei Wochen. Laut dem Forscher Michael Blume bringt die Evolution einen demografischen Vorteil für gläubige Menschen mit sich.
Da meldete sich auch Richard Dawkins zu Wort und meinte, Blumes Position enthalte die Annahme, nach der Kinder automatisch den Glauben ihrer Eltern annehmen. Dawkins hofft, dass diese Verbindung durchbrochen werden kann um die schrecklichen Folgen von Religionen zu reduzieren. Nun verwies Blume auf einen neuen Aufsatz eines Kollegen aus Cambridge und wartet auf Dawkins Reaktion.
Das Thema ist heiß. Denn es geht um Religion, Fertilität und Gene. In gleich mehreren renommierten Medien auf dem Planeten gab es vor kurzem eine ausführliche Diskussion, was die moderne Wissenschaft anstelle der absurden Theologien um heilige Bücher über den menschlichen Glauben, Religiosität und deren Wurzeln herausgefunden hat – und was die Menschheit daraus schließen kann.
„Für Atheisten ist es die ultimative Ironie“, so Michael Blume über wissenschaftliche Erkenntnisse, nach denen der Evolutionsprozess offenbar Menschen mit einer Neigung zur Religiosität Vorteile verleiht. Blume fand unter Bezugnahme auf Daten aus 82 Ländern heraus, dass Religionsausübung und die Zahl der Nachkommen deutlich korrelieren.
Menschen, die ihre Religion mehr als einmal pro Woche praktizierten, bringen danach mit durchschnittlich 2,5 Kindern deutlich mehr Nachkommen zur Welt als diejenigen, welche keinen religiösen Ritualen anhängen: Mit im Durchschnitt 1,7 Kindern lägen die Ungläubigen unter der notwendigen Fertilitätsrate zum Erhalt der eigenen Gruppe.
Vor allem beim Blick auf Europa sei festzustellen, dass nichtreligiöse Menschen im Schnitt nie die erforderliche Reproduktionsquote von durchschnittlich zwei Kindern erreichten, während diejenigen mit dem stärksten und fundamentalsten Glauben die meisten Kinder hätten.
Laut Blumes Forschung habe es keinen einzigen Fall gegeben, wo eine säkulare Gesellschaft, Gruppe oder Bewegung die notwendige Kinderquote erreicht habe. Das bringe auch Gefahren mit sich, so Michael Blume im Bericht der Sunday Times, welcher beim wissenschaftlichen Blogprojekt scilogs.eu veröffentlicht wurde.
Wenn säkulare Menschen zuwenig Kinder haben um ihre eigene Population zu erhalten und die religiös moderaten Gruppen zu viele ihrer Nachkommen an säkulare Gruppen verlieren, wüchsen vor allem die Gesellschaften aus religiösen Fundamentalisten.
„Diese werden dazu neigen, viele Kindern zu bekommen während sie jede ernsthafte Diskussion mit Atheisten und Andersgläubigen über Bildung, Wissenschaft, Weltanschauung und – schließlich – die Menschenrechte verweigern“, so Blume. Die unschönen Vorläufer dieses Szenarios seien bereits jetzt in Israel und den USA zu beobachten.
Zu Wort kommt auch Jessing Bering, Professor und Autor des Buches „The God Instict“. Er erklärt ebenfalls, dass säkulare und nichtreligiöse Menschen bei den Geburtenraten in dramatischer Weise den Anhängern jeder Religion unterliegen.
Da Religiosität bis zu einem gewissen Grad eine vererbbare Eigenschaft ist, sei der Glaube von Nachkommen religiöser Elternpaare nicht nur durch ihre Kultur geprägt, sondern diese wären auch genetisch anfälliger für Indoktrination als Kinder von nichtreligiösen Eltern.
Soweit die für manche Atheisten und säkularer denkende Menschen möglicherweise zunächst pessimistische Analyse der vorläufigen Fakten. Freilich kann aus dem Sein in der bisher erforschten Natur nicht ohne weiteres auf ein Sollen für die Kultur und die Zukunft der Menschheit geschlossen werden.
Jedenfalls widersprach Richard Dawkins, der sich als Evolutionsbiologe und Autor ebenfalls intensiv mit den biologischen Grundlagen von Religiosität beschäftigt hat – und dabei vor allem als entschiedener Kritiker von menschenunwürdigen und gefährlichen Ideengebäuden bekannt wurde, wie sie heute durch Theologien im Christentum oder Islam vertreten werden.
Und Dawkins, der bereits vor einigen Jahrzehnten mit eigenen Theorien neue Wege beschritten hatte, um die Verbreitung von religiösen Ideen zu beschreiben, brachte einen Einwand gegen den Beitrag über Blumes Erkenntnisse vor: Die Schlussfolgerung, dass Atheisten und andere Ungläubige der etablierten religiösen Lehren evolutionär im Nachteil gegenüber genetisch stark religiös veranlagten Menschen sind, ruhe auf einer unausgesprochenen Annahme.
Diese Annahme ginge davon aus, dass Kinder automatisch den Glauben ihrer Eltern annehmen. Davon ist Richard Dawkins nicht überzeugt und meinte: „Lasst uns hoffen, dass diese Verbindung durchtrennt werden kann.“
In seiner populären Dokumentation hatte er prägnant dargestellt, wie viele Menschen heutzutage den überlieferten und eingeübten Glauben ihrer Eltern durch eine „starke Dosis“ rationalen Denkens überwinden – während anderen Menschen das nicht gelänge, weshalb sie ihr Leben lang dem Kinderglauben ihrer Vorfahren anhängen und ihn sehr wahrscheinlich auch auf ihre Nachkommen übertragen.
Deshalb, so eine seiner Forderungen, muss die heute wieder zunehmende Indoktrination mit den abergläubischen und irrationalen Vorstellungen der Theologien eingedämmt werden.
Wichtig ist es, sich wieder auf kritisches und wissenschaftliches Denken zu besinnen, fordert Dawkins. Sonst würden die traditionellen und konservativen Religionen weiterhin Missbrauch und Gewalt gegenüber Menschen den Boden bereiten.
Michael Blume wandte gegen Dawkins Anmerkung zunächst ein, dass er niemals mit der von Dawkins kritisierten Annahme argumentiert habe. Er verwies auf einen früheren Aufsatz, wo er zur biologisch-kulturellen Evolution Stellung nahm und feststellte, dass die Verknüpfung der kulturellen Entwicklung und genetischen Evolution heute nicht mehr von der Hand zu weisen ist.
Nur ein Beispiel ist die Entwicklung der Laktoseverträglichkeit, die sich seit Beginn der neolithischen Revolution in einigen Populationen der Spezies Mensch erfolgreich durchgesetzt hatte.
Besonders spannend macht die Sache, dass Blume nun auf einen jüngst erschienen Aufsatz des Wissenschaftlers Robert Rowthorn verweisen konnte. Der Beitrag entwirft nach der Untersuchung von Religion, Fruchtbarkeit und Genen einige neue Modelle zur Verbreitung von Religiosität in menschlichen Gesellschaften.
Auf zwei Ebenen könne eine geburtenstarke Gruppe die Zusammensetzung des gesamten Genpools beeinflussen, so Robert Rowthorn: durch eigenes Wachstum und Genfluss. Wenn die meisten Nachkommen einer kinderreichen Population in der Gruppe verbleiben, wachse diese Gruppe und ihr Anteil am gesamten Genpool rapide an.
Wenn nun aber die meisten Nachgeborenen die Gruppe verließen, entstünde daraus eine Begrenzung des Wachstums. So würde aber ein Genfluss zu anderen Gruppen stattfinden, weshalb der Anteil der genetischen Dispositionen zu Religiosität im gesamten Genpool ebenfalls zunimmt.
Eine Rolle spielt ebenfalls der genetische Polymorphismus, einem in der Natur weitverbreiteten Phänomen. Im Falle der Religiosität hätten Studien festgestellt, dass es eine signifikante Varianz genetischer Dispositionen bei der Religiosität gibt.
Der Cambridge-Professor entwirft anhand seiner Erkenntnisse unter anderem mehrere hypothetische Modelle, in denen sich die gesellschaftliche Neigung zur Religiosität in den nächsten Generationen verändern könnte.
Michael Blume deutete nun aber auf den aus seiner Sicht auffälligsten Befund hin: Die Einwirkung säkularer Prozesse. Wenn ein bestimmter Prozentsatz von Menschen mit klarer Disposition zur Religiosität in jeder Generation zu einer säkularen Gruppe ohne diese Disposition überlaufe, würde sich ein schaurig realistisches Bild entwickeln.
Denn der Anteil der religiös gebundenen Personen würde zunächst zurückgehen, während die genetische Disposition zu Religiosität in nichtreligiöse und säkulare Gruppen fließt. Auf lange Sicht, so Blume, würde die Religiosität so oder so gewinnen. Da sei jetzt schon durch die Beobachtung nichtreligiöser Bewegungen zu sehen, die den traditionellen Religionen vergleichbare Rituale pflegen.
Michael Blume stellt fest, dass die Webseite der Richard Dawkins Foundation das Papier Rowthorns bisher weder Lesern noch ihren Mentoren vorgelegt habe und fragt: „Sollten sie nicht jeder Erkenntnis auf diesem Gebiet applaudieren?“















Beim Durchlesen des Artikels habe ich mich gefragt, was Blume und Co eigentlich so rauchen.
Sie lassen völlig außer acht, daß religösgeprägte Gemeinschaften zugleich patriachalische Gesellschaften sind, in denen Frauen wenig zu sagen, in denen offiziell der Zugang zu Verhütungsmitteln erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht wird. Ebenso wird den Menschen das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung verweigert. Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen.
Hier wird m. E. mal wieder versucht, machtpolitisch orientierte Positionen mit Biogolismus zu erklären. Wie seinerzeit halt, daß die Monarchie Gott gewollt sei. Jetzt soll sie in den Genen festgelegt sein oder wie?
Das ist wieder einmal eine Situation, in der zuerst zu klären ist, welche Weltanschauung Blume und Co haben, bevor sich mit deren Aussagen auseinandergesetzt wird. Denn dann fällt es leichter, die Motivation für ihre Interpretation von Beobachtungen, nachzuvollziehen und dagegen zu argumentieren.
Man darf trotz allem nicht den Fehlschluss begehen, von der Existens von Religiosität, ob man sie nun als evolutionären Vorteil gelten lässt oder nicht, auf die Existenz eines Gottes zu schließen. Selbst die Tatsache daß es über eine Milliarde Katholiken auf der Welt gibt, ist kein Beweis dafür daß es auch wirklich einen Gott gibt, geschweige denn ausgerechnet einen christlichen. Letzteres schwingt bei solchen Betrachtungen ja unterschwellig immer mit als eine der grundlegendsten Fragen der Menschheit überhaupt.
Nüchtern betrachtet ist es wirklich eine große Ironie, daß ausgerechnet der menschliche Hang zu Religiosität die Ausbreitung und den Fortbestand unserer Spezies befördert haben soll. Aber die echte Ironie erschließt sich erst in der umgekehrten Betrachtung – alle religiösen Fundamentalisten, welche ja wie dargelegt die meisten Kinder bekommen und somit am intensivsten ihre Gene weitergeben, werden mit Sicherheit wenn man sie mit dem Thema konfrontiert vehement abstreiten, daß wenn man die in dem Artikel vorgestellten Gedankengänge annimmt, ihre Religiosität am Ende nicht mehr als ein evolutionärer Vorteil ist. Mit anderen Worten – Religiosität wäre bloß ein weiterer von unzähligen Beweisen dafür, daß Darwin recht hatte. Womit sich Fundamentalisten, die Darwin und im Grunde alles ablehnen was nicht mit ihren jeweiligen Schöpfungsmythen vereinbar ist, im Grunde selbst ad absurdum führen.
Wie kann man auf Evolution verweisen, um eine Sache als positiv darzustellen, die die Nicht-Teleologie der Evolution, eine ihrer wesentlichen philosophischen Konsequenzen, ablehnt? Kann die Evolution ihre eigene Tatsache widerlegen, indem sie denjenigen einen Vorteil verschafft, die sie im Kern ablehnen?
Will man begründen, dass so ein bisschen mehr oder weniger Wahn noch keinem geschadet hat?
Auch wenn es einen solchen allgemeinen evolutionären Vorteil von Religion für Individuen geben sollte, ist das etwas zu kurz gedacht. Wer nur auf Quantität schaut, kann nicht so auf Qualität achten, weil er vielleicht nicht so intelligent oder verantwortungsvoll ist.
In der Natur zeigen die Lebewesen erstaunliche Fähigkeiten, aber Bewusstsein und vor allem Religiosität scheint nicht so verbreitet zu sein. Evolutionär betrachtet sind Religionen bisher viel zu kurz existierend als dass man Religionen von dieser Seite her beurteilen können wollte. Da ist ein Blick in die kulturelle Geschichte des Menschen eher geeignet.
Zitat aus dem Artikel: “nach denen der Evolutionsprozess offenbar Menschen mit einer Neigung zur Religiosität Vorteile verleiht.”
Wenn sich religiöse Menschen besser fortpflanzen können, dann haben sie das in erster Linie dem wissenschaftlichen Fortschritt zu verdanken, und nicht ihrem Glauben.
Ich musste schmunzeln als ich diesen Artikel las.
Ich glaube Gott auch. Mehr fällt mir dazu nicht ein.
@Marlene: ja Gott hat bestimmt geschmunzelt als er den Artikel gelesen hat. Er hat sonst nichts zu tun – er muß sich ja dem Artikel widmen. Die vor Hunger sterbenden Kinder in Afrika sind egal. Obwohl er ja aber allwissend ist und ja schon im voraus wissen musste das dieser Artikel in der Form so erscheint. Und da er allmächtig ist hat er es auch nicht verhindert das der Artikel erscheint. Geschmunzelt hat er bestimmt trotz der für ihn ja vorhersehbaren Lustigkeit dieses Artikels. Jaja.