Zwischen 67 und 80 Prozent der Einwohner in den fünf deutschen Bundesländern auf dem Gebiet der ehemaligen DDR sind sogenannte “Konfessionsfreie”: Die weit überwiegende Zahl der Menschen ist somit nicht Mitglied in einer der christlichen Großkirchen. Die Philosophin Rita Kuczynski stellte deshalb die Frage: „Woran glaubt, wer nicht glaubt?“ Sie sucht nun Interviewpartner, die beim Fall der Mauer mindestens 16 Jahre alt waren. So will sie genaueres über Differenzen und Kontinuitäten weltanschaulicher Gewissheiten nach zwanzig Jahren deutscher Einheit herausfinden.
„Es begann damit, dass sich auf meiner ersten Gehaltsabrechnung im ‚Westen‘ eine Rubrik befand, die da hieß ‚Kirchensteuer‘. Das fand ich merkwürdig.“ Im Interview mit „humanismus aktuell“, einem Fachmedium des Humanistischen Verbandes Deutschland, erklärt Rita Kuczynski so erste Auslöser für ihre Neugier auf die ostdeutsche Konfessionsfreiheit. „Nicht auszuhalten“ sei für sie aber schließlich gewesen, dass in Medien und Öffentlichkeit der Begriff „Glauben“ ausschließlich in religiösen Zusammenhängen gebraucht wurde. Nachdem sie auf einer kirchlichen Veranstaltungsserie wiederholt abfällige Äußerungen über ein „atheistisches Prekariat Ostdeutschlands“ gehört hatte, begann sie sich eingehender mit der Frage nach dem Glauben der Menschen im Osten Deutschlands zu beschäftigen.

Rita Kuczynski. Foto: privat
Sie selbst wuchs in beiden Teilen Berlins auf, studierte Musik in Berlin und Leningrad. Danach absolvierte sie ein Philosophiestudium in Leipzig und Berlin und promovierte 1976 mit einer Arbeit zu Hegels Wissenschaft der Logik. Anschließend wurde sie wissenschaftliche Mitarbeiterin der Akademie der Wissenschaften in der DDR, stieg 1981 aber aus Protest aus der DDR-Wissenschaft aus. Zunächst war sie Hausfrau, später freie Schriftstellerin und unter anderem Gastprofessorin in den USA.
Rita Kuczynski stellt zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung fest, dass die Re-Evangelisierung der Menschen auf dem Gebiet der DDR bis heute weitgehend ausgeblieben ist. Trotzdem die Kirchen teils erhebliche Anstrengungen in die Entwicklung moderner Missionierungskonzepte investieren, so etwa am Institut zur Erforschung der Evangelisation und Gemeindeentwicklung an der Universität Greifswald, sind eindeutige Erfolge für die Kirchen bisher eher vereinzelt feststellbar. Für die Mehrheit lebt es sich offensichtlich sehr gut ohne an die religiösen Ideologien einer der Kirchengemeinschaften gebunden zu sein.
Kuczynski will darum herausfinden, woran die konfessionsfreien Menschen aus der ehemaligen DDR ihr Handeln orientieren. „Das heißt, welche Werte-Einstellungen sind ihnen persönlich wichtig? Was tröstet sie in schwierigen Lebenssituationen. Was sind für sie unantastbare Werte? Welchen Sinn hat ihr Leben, da sie ans ‚ewige Leben‘ nicht glauben. Wie und wo möchten sie bestattet werden?“, führt sie im Interview mit „humanismus aktuell“ einige Beispiele an. Die Überzeugungen der Ostdeutschen seien aus wissenschaftlicher Perspektive sehr interessant: „Sie glaubten meist nie an Gott und Kirche und dennoch glaubten und glauben sie“, meint Rita Kuczynski. Das Ziel der Arbeit sei, ein Buch mit dem Titel “Woran glaubt, wer nicht glaubt?” zu verfassen.
„Es wäre daher großartig“, so betont die Philosophin, wenn sie möglichst viele Menschen befragen könne. Rita Kuczynski bittet interessierte Teilnehmer deshalb, sich mit ihr in Verbindung zu setzen. Nähere Details zu ihren Kontaktdaten finden sich auf ihrer Homepage, das gesamte Interview mit vielen weiteren Informationen ist auf den Seiten der Humanistischen Akademie Deutschlands zu lesen.
Umfangreiche und aktuelle Studienergebnisse zu den weltanschaulichen Überzeugungen der deutschen Bevölkerung finden sich außerdem bei der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid).

















Zuerst sollte man zwischen Sachverhalten und Werten oder zwischen Sein und Sollen unterscheiden, wenn man die Frage nach einem Glauben aufwirft. Ursprünglich wollten Religionen auf alles eine Antwort haben; über die Entstehung der Welt und über das angemessene moralische Verhalten der Menschen.
Religionen können die Welt nicht mehr erklären; sie haben ihr Deutungsmonopol an die Wissenschaften verloren. Wir sind aber gut beraten, wenn wir auch gegenüber den Wissenschaften kritisch sind und uns klar machen, dass es keinen archimedischen Punkt der Erkenntnis gibt. Noch Edmund Husserl war der Auffassung, dass wir nur über gesicherte Erkenntnis verfügen, wenn wir alle Erkenntnisse auf ein sicheres Fundament zurückführen können. Dies hat sich allerdings als Illusion erwiesen. Wir können uns auf genügend verifizierte Kenntnisse stützen, aber wir müssen uns damit abfinden, dass alles Wissen jederzeit grundlegend widerlegt werden kann. Dies gilt sogar für die Evolutionstheorie wie die Urknallhypothese. Vielleicht ist die Mathematik der einzige Hort des sicheren Wissens. (Sogar dies hat Russel bestritten, was ich aber nicht beurteilen kann.)
Diese bescheidene Enstellung gegenüber den Wissenenschaften ist aber keineswegs geeignet, zur Religion zurückzukehren in der Hoffnung einen festen Halt zu finden. Den gibt es nicht.
Anders liegt die Frage nach der Moral. Auch glauben Religionen, die Menschen zu einem bestimmten Verhalten zwingen zu können. Die Frage nach der Moral kann nicht verordnet werden, schon gar nicht mit bestimmten Strafen im Falle der Nichtbeachtung. Wenn wir davon ausgehen, dass Menschen befähigt sind sich des eigenen Verstands zu bedienen und dass wir in einer offenen-demokratischen Gesellschaft leben, wäre es ein Ideal, wenn wir gemeinsam über Moral debattieren würden.
Ansatzpunkte für eine Moral sehe ich im Kategorischen Imperativ. Aber es ist klar zu sagen, dass diese Überlegung vollkommen frei von Inhalten ist und nur ein formal elegantes Prinzip postuliert. (Kant, der bekanntlich den Gottesglauben schwer erschüttert hat, wollte die Religion als Ideenspender der Moral sehen. Ihm ist dabei entgangen, dass diese Moral nicht unerschütterlich fest für alle Zeiten besteht, sondern das Denkergebnis der Profeten und damit die Werturteile der damaligen Zeit dokumentiert.)
Zweitens der Eudämonismus-Utilitarismus, der insbesondere von David Hume und John Stuart Mill konzipiert wurde. Diese Moral, welche stark im Individualismus verankert ist, kann aber im Extremfall zu Ergebnissen führen, die keineswegs die Zustimmung der Mehrheit erfahren wird. (Hierzu der Fernsehfilm, Der Besuch der alten Dame, der zeigt, dass man den Nutzen vieler Menschen nicht mit dem Malus – hier der Tod – eines Individuums aufrechnen kann.
Weitere Ansatzpunkte könnten eine Verantwortungsethik von Hans Jonas, die Mitleidsethik von Schopenhauer oder die Habermas´sche Kommunikationsethik sein. (Habermas´sche Kommunikation ist doch auf die offene Gesellschaft angewiesen!!!)
Hier können wir diskutieren und uns für eine Moral einsetzen. Auf eine Moral, die nur die Wertmaßstäbe vergangener Jahrtausende zeigt, sind wir nicht angewiesen.
Interessant – quasi zeitgleich titelt die ZEIT:
WAS GLAUBEN ATHEISTEN?
Den Atheisten ist überhaupt nichts heilig! Was ist dran an diesem Vorurteil? Millionen Menschen leben heute ohne Religion. Sind sie deshalb naive Vernunftapostel? Was sie denken, womit sie hadern und worauf sie hoffen: eine Verteidigung der Gottlosen gegen ihre unermüdlichen Gegner.
Das Wertvolle an religionsfrei aufgewachsenen Menschen ist schlicht und ergreifend, dass sie ganz normal sind und nicht nur schwer verständliches Zeug redende Akademiker. Sie sind vermutlich größtenteils ohne tiefgreifendes philosphisches Hintergrundwissen und naturwissenschaftliche Kenntnisse der lebende Beweis, dass man als Mensch auch ohne Religion verantwortlich handeln und sich weltlich sozial organisieren kann.
@ pinetop
WOW !
@pinetop
Hier muss ich Ihnen einen Widerspruch aufweisen:
Sie behaupten, es gebe keine letztlich gesicherte Erkenntnis. (Wenn ich das falsch verstanden habe und Sie nur diese These wiedergegeben haben, fühlen Sie sich mit diesem “Sie” nicht selbst angesprochen.) Doch wie steht es um diese Behauptung selbst? Ist sie nicht dann die sichere Erkenntnis, deren Existenz sie bestreitet?
Zu Ihrer Kritik an Kants kat. Imperativ:
Oft muss man lesen, Kants Ethik sei rein formaler Natur bar jeglichen Inhalts. Doch möchte ich Sie an die “Zweck-an-sich” Formel erinnern:
“Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.”
Ist dies wirklich bloß ein formales Gebot ohne Inhalt?
Was denken Sie dazu?