Warum sich auch Humanistinnen und Humanisten nicht um die Sarrazin-Debatte herumdrücken können: Eine Stellungnahme des Philosophen Frieder Otto Wolf zu den grundlegenden Mängeln von Thilo Sarrazins Thesen und der Frage, weshalb sich niemand an derartigen Sündenbock-Debatten beteiligen sollte.
Die Sarrazin-Debatte ist zweifellos mehrfach ärgerlich: Das gilt sowohl für die Heuchelei der Medien, die diesen Mann erst pushen und hypen, um ihn dann öffentlich zu prügeln, als auch für die intellektuelle Unredlichkeit, mit der sie überwiegend geführt wird.
Bedauerlicherweise ist das kein Grund, diese Debatte von Seiten des organisierten Humanismus zu ignorieren. Im Gegenteil sollten wir uns als organisierte HumanistInnen in drei zentralen Punkten davon angesprochen fühlen – und selbstverständlich generell jeder Heuchelei und Unredlichkeit entgegen treten.

Frieder Otto Wolf. Foto: Evelin Frerk
Ich beschränke mich im Folgenden auf einige grundsätzliche Fragen, gehe also nicht im Einzelnen auf Sarrazins Thesen ein, sondern auf deren Machart.
In seinen immer wieder vorgetragenen und in dieser Hinsicht gar nicht missverständlichen Thesen betreibt Sarrazin erstens eine weltanschauliche Auswertung wissenschaftlicher Forschung die kognitiv und normativ mangelhaft ist, zweitens praktiziert Sarrazin eine Art von ‚Religionskritik‘, an der sich exemplarisch zeigen lässt, wie eine rational akzeptable Religionskritik verfehlt wird, und drittens berühren diese Thesen ganz grundsätzlich die Art und Weise, wie wir über und mit Menschen denken und sprechen, und zwar in einer nicht hinnehmbaren Manier.
Dass Sarrazin dies alles in der Pose des Aufklärers und Tabubrechers vorträgt – und gerade zu als Befreiung von Konformitätsdruck und mutiges Aussprechen unterdrückter Wahrheiten verkauft, macht diese Debatte nur noch ärgerlicher.
Ob Thilo Sarrazin als SPD-Mitglied tragbar und als Mitglied des Bundesbank-Vorstandes zumutbar ist, unterliegt anderen Kriterien, zu denen sich andere inzwischen schon verhalten haben. Mir geht es hier allein darum, ob er den Mindestanforderungen eines zeitgenössischen praktischen Humanismus genügt.
Diese Konzentration ist allerdings kein Grund, die Frage gleichsam zu überspringen, warum die Sarrazin-Debatte gegenwärtig in Deutschland derart hochgespielt wird. Als wache ZeitgenossInnen können auch HumanistInnen sehen, dass sich in einer (trotz guter Exportwerte für Deutschland) immer noch im Grunde ungelösten Krisensituation eine Debatte um die schlechten Gene und den bösen Willen ökonomisch schwacher (also armer und politisch wenig handlungsfähiger)– Gruppen ganz ausgezeichnet dazu eignet, von einer ernsthaften Debatte über die Ursachen der gegenwärtigen Krisenkonstellation und über Strategien zu ihrer Überwindung abzulenken.
1. Mangelhafte weltanschauliche Schlüsse aus dem Forschungsstand
In den 1950er Jahren gab es (noch) eine ganz unsägliche „Begabungsforschung“, welche es fertig brachte, aus der „objektiv messbaren“ Verteilung der ‚Begabungen’ in der Bevölkerung das dreigliedrige Schulsystem (in seinen damaligen Proportionen!) „wissenschaftlich“ zu rechtfertigen. Dem lagen einige Fehlschlüsse zugrunde, auf die auch Sarrazin jetzt wieder zurückgreift. Derartige Fehlschlüsse sind längst als solche widerlegt und daher heute einfach intellektuell unredlich. Sie ruinieren damit jeden Beitrag zu einer politischen Debatte – selbst wenn einzelne Forschungsergebnisse richtig referiert werden. Und als Baustein zu einer Weltanschauung fallen sie in die Kategorie des irrationalen Vorurteils.
Kognitiv unhaltbar ist es, aus Aussagen über für Gruppen berechenbare Durchschnitte Rückschlüsse auf einzelne den Gruppen angehörige Individuen zu vollziehen: Wenn eine Gruppe im Durchschnitt über 100 Euro Vermögen pro Kopf verfügt, lässt sich daraus nicht schließen, dass es in ihr keine Millionäre gibt. Es lässt sich auch nicht daraus schließen, dass in ihr keine Großschuldner vorkommen.
Daraus wird auch gleich ersichtlich, dass im Gruppenvergleich Vorsicht geboten ist: Daraus dass eine andere Gruppe durchschnittlich über ein Vermögen von 500 Euro pro Kopf verfügt, lässt sich keineswegs schließen, dass die reichsten Mitglieder der 500 Euro-Gruppe reicher sein müssten als die der 100 Euro-Gruppe. Denn das hängt davon ab, wie weit die Gruppenmitglieder in ihrem Vermögen auseinander liegen. Das sind einfache Gebote der Logik, die eigentlich jeder kennen müsste.















Ich denke ich habe genug gelesen auf diesen Seiten das es mich gruseln lässt: siehe auch
http://www.wissenrockt.de/2010/09/02/forscherverband-klarstellung-zu-sarrazins-gen-these/
Da die offene Verlinkung zu Seiten der Neuen Rechten und anderen Seiten hier als entspannte Moderation hingenommen wird, zeigt mir mehr als alles andere Beiträge welcher Geist hier versteckt gepflegt sein möchte.
@ liste
Es bleibt mir verborgen, warum Sie versuchen ein wenig zurückzurudern.
Ihr Anliege war deutlich, auch der Schatten der darüber liegt.
Es sollte heißen:
Da die offene Verlinkung zu Seiten der Neuen Rechten und andere fragwürdigen Seiten hier als entspannte Moderation hingenommen wird, zeigt mir mehr als alle anderen Beiträge welcher Geist hier versteckt gepflegt sein möchte.
Mitgegeben sei Ihnen und anderen Freunden von Herrn Sarrazin noch dieser aufschlussreiche Beitrag von Götz Aly über Eugenik, Juden und die SPD:
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0914/meinung/0031/index.html