Jüdische Religion und Islam kennen übrigens weder Kirche noch Lehramt. Es gibt im Islam nur die unorganisierte Gemeinschaft der Gläubigen (umma) und einzelne Gelehrte, die Gutachten über Streitfragen (fatwas) erstellen können, deren Autorität sich immer erst aus einem komplizierten Netzwerk von Traditionen und individueller Überzeugungen ergibt. Und auch die jüdische Religion und der Islam haben eine durchaus komplizierte Geschichte, die von Widersprüchen durchzogen ist – was Wesensaussagen eigentlich ganz unmöglich macht. Das sehen nur die jeweiligen Fundamentalismen anders – auf die wir aber nicht hereinfallen sollten.
Dass übrigens „abendländisch“ geprägte Menschen, auch wenn sie selber oder auch schon ihre Eltern sich vom Christentum verabschiedet haben, mehr Probleme mit MuslimInnen als mit KatholikInnen oder ProtestantInnen haben, ist ganz verständlich. Nur sollten wir den Grund dafür nicht einfach auf der Seite der uns weniger vertrauten MuslimInnen suchen: Wir kommen einfach aus der gleichen Tradition, wie „unsere“ ChristInnen – deren Pendants aus dem Bibelgürtel der USA etwa uns übrigens schon sehr viel exotischer vorkommen dürften.
3. Menschen nicht als „Dinge“ behandeln!
Thilo Sarrazin und diejenigen, die ihm folgen – sie gefallen sich darin, den Subjektstatus für sich selber zu reklamieren, ihn aber anderen Menschen, über die sie reden, vorzuenthalten.
Das ist nicht hinnehmbar: Kein lebendiger Mensch ist einfach nur ein Bündel von objektiven bzw. objektivierbaren Eigenschaften, er steht immer auch in einem subjektiven Verhältnis zu sich selbst und zu anderen. Eine behavioristische Psychologie oder eine institutionalistische Soziologie, die einfach von dieser „subjektiven Seite“ absehen, mögen zu einzelnen Fragen interessante Ergebnisse liefern können – das brauchen wir hier nicht zu vertiefen – sie verfehlen aber jedenfalls die lebendige Menschlichkeit, über die sie zu reden vorgeben. Es ist daher wenig plausibel, von derartigen Ansätzen Aufschluss in derart subjektiv relevanten Fragenbereichen wie denen der Bildung oder auch der kulturellen Kommunikation zu erwarten.
Dies dennoch zu tun, wäre aber nur eine etwas unverständliche Verbohrtheit. Was Thilo Sarrazin aber in seinen Argumentationen tut, ist mehr und anderes – und diejenigen, die sich auf ihn berufen, sollten sich das klar machen: Er erklärt bestimmte Gruppen von Menschen, die „Unterschicht“, so wie er sie definiert, die „muslimischen Migranten“ oder auch die „Anhänger des Islam“ generell für strukturell unfähig, am demokratischen Diskurs unserer Gesellschaft teilzunehmen und schlägt daher grundsätzlich vor, nur noch über sie und nicht mehr mit ihnen zu reden.
Das verletzt ein wirklich grundlegendes Prinzip des modernen Humanismus – nämlich das Prinzip, in keiner praktischen Deliberation Menschen als bloße Dinge zu behandeln, sondern sie immer einzubeziehen und sie als eigenständige Subjekte, wo immer möglich auf gleicher Augenhöhe, zu behandeln. Dass Thilo Sarrazin dies verweigert – gestützt auf eine fehlerhafte Rezeption wissenschaftlicher Untersuchungen – hat ihm mit Recht die Kennzeichnung als „Menschenfeind“ eingetragen. Mit einem praktischen Humanismus, der auch nur minimal diesen Namen verdient, hat seine Haltung jedenfalls überhaupt nichts gemein.
Dass es in unserer deutschen, wie in allen europäischen Gesellschaften – nicht zuletzt aufgrund der verschleppten Krisenkonstellation – schwer erträgliche Spannungen und ungelöste Probleme gibt, gerade auch im Hinblick auf die Integration von Migrantengruppen, haben wir auch ohne Sarrazin schon gewusst.
Dass die Aufhetzung der traditionellen gegen die neuen Deutschen oder auch „Deutschländer“ in Krisenzeiten von mächtigen Gruppen als ein probates Mittel betrachtet wird, um von der Unfähigkeit der herrschenden Eliten abzulenken, sich den Krisenprozessen endlich ernsthaft zu stellen, ist auch nicht neu.
Dass die von Thilo Sarrazin initiierte Debatte publizistisch derart prominent gemacht worden ist, muss wohl immer noch als ein Symptom dafür gewertet werden, dass sich im gesellschaftlichen Mainstream keine Wende zum Besseren vollzogen hat. Ihr Verlauf und die rasch gezogenen ganz offiziellen Konsequenzen können aber als ein kleines Zeichen der Hoffnung gewertet werden, dass dieses Ablenkungsmittel – anders als zu Zeiten der „Asylanten“-Debatte Helmut Kohls – in Deutschland nicht länger verfängt. Diese Lagediagnose ist sicherlich unter HumanistInnen umstritten und das ist auch kein Problem. An Sündenbock-Debatten, wie sie Sarrazin in Gang zu bringen versucht hat, sollte sich aber niemand beteiligen, dem es mit dem praktischen Humanismus Ernst ist.















Besteht nur das Problem, dass manche Leute vielleicht noch ein bisschen mehr wissen als nur das; woraus sie eine mangelnde Bildung desjenigen herleiten könnten, der das nicht weiß, was sie wissen, und die nur das wissen, was Frieder Otto Wolf weiß. Allgemein gesprochen.
Ich denke nicht, daß Herr Sarrazin eine Sündenbockdebatte angestoßen hat. Er hat mit seinen Fähigkeiten der Statistikanalyse versucht Zusammenhänge zu belegen, die Sie nicht sehen.
Ich denke er darf das. Ausserdem lasse ich mir von Ihnen nicht den Mund verbieten.
Sie sitzen ganz sicher nicht oben drauf auf dem Humanismus.
Menschen nicht als Dinge behandeln. Genau. Tiere übrigens auch nicht, aber das nur nebenbei.
Wenn wir jedoch über *menschliche Eigenschaften* reden, seien es die durchschnittlichen einer großen Gruppe oder die spezifischen eines Individuums (was keinesfalls gemischt gehört, da hat Herr Wolf recht), dann sind diese Eigenschaften in dieser diskursiven Situation – Dinge. Nichts anderes.
Ebenso wie ein Urologe mit mir *über* meine Prostata reden kann, kann ein Psychotherapeut mit mir *über* meinen Narzissmus reden.
Der Urologe spricht nicht *mit* der Prostata, der Therapeut nicht *mit* dem Narzissmus und Herr Sarrazin nicht *mit* den postulierten Eigenschaften einer bestimmten Personengruppe. Es darf zweifellos nicht nur die Perspektive auf das Objekt geben, aber gleichermaßen nicht nur die Perspektive auf das Subjekt.
Polarisierungen erleben wir im derzeitigen medialen Spektakel zur Genüge, sowohl was die Wiedergabe der Thesen aus Herrn Sarrazins großenteils ungelesenem Buch als auch die Positionen der Gegenseite betrifft, die sich zu einem Gutteil vorauseilend im Lager der “Guten” verorten möchte.
*Über* Eigenschaften von Gruppen zu sprechen sollte möglich sein, *mit* beliebigen Menschen aus beliebigen Gruppen, und das bitte ergebnisoffen. Herr Wolf sagt völlig zu Recht “… unhaltbar ist es, aus Aussagen über für Gruppen berechenbare Durchschnitte Rückschlüsse auf einzelne den Gruppen angehörige Individuen zu vollziehen.” Genau deshalb sollten wir über die berechenbaren Durchschnitte reden dürfen.
Herrn Sarrazins Thesen mögen fragwürdig sein – aber dann lasst uns sie inhaltlich zerpflücken, mit geeigneten Belegen. Er führt bestimmte Zahlen und Statistiken an, möglicherweise selektiv. Wenn es andere gibt, her damit.
Danke für die saubere Analyse!
Ich finde es schön, endlich eine Seite zu lesen, die nicht nur nicht nachplappert, Sarrazin „habe ja doch irgendwie recht“, sondern ihn sauber wiederlegt.
Das auf den Versuch zurückzuführen, aktuelle Probleme zu verdecken (z.B. dass es der Wirtschaft wieder besser geht und die Millionäre in der Krise *Gewinne* gemacht haben, dass davon aber bei den normalen Beschäftigten nichts ankommt) finde ich auch wichtig. Es reiht sich schön in die Meldungen von leeren Ausbildungsstellen ein („wir haben niemanden gefunden, der unseren Ansprüchen genügt“ – eine völlig inhaltsfreie Aussage, solange die Ansprüche nicht genannt werden).
Was ich mir noch wünschen würde sind mehr Verweise im Text (oder Referenzen) für diejenigen, die gerne weiterlesen würden :)
Na, das war ja ein schön anmaßender Rundumschlag: Alle, die nicht so denken wie ich, sind ungebildete Volltrottel.
Mich würde schon mal interessieren, Herr Wolf, ob Sie das Buch gelesen haben. Ich fand es nämlich schwierig, ein Exemplar zu gekommen. Lieferzeit 1-2 Wochen.
Und dass Herr Sarrazin, egal wie man zu seinen Thesen steht, von Journalisten gezielt zu Aussagen über genetische Sachverhalte verleitet wurde, ist durchaus denkbar, oder?
Aus der bisherigen Debatte in den Medien kann ich mir noch kein Urteil bilden. Und nicht zu Urteilen zu hasten, das gehört auch zum Humanismus, Herr Prof. Wolf.