Er sprach auch von einer dramatischen Einengung der Partei und betonte die weltanschauliche Pluralität der SPD. Wo ist denn ein Gegensatz zwischen weltanschaulicher Pluralität und laizistischen Verfassungsprinzipien, den Wolfang Thierse hier deutlich machen will? Ist eine Einengung der Partei weltanschaulicher Pluralität durch den Arbeitskreis zu erwarten?
Die Einengung der Partei auf eine Kooperation und Annäherung an die Kirchen erleben wir seit einigen Jahren. Eben dieser Einengung sind viele Mitglieder nun überdrüssig und wünschen sich eine SPD zurück, die auch als Partei der Aufklärung und Humanismus jenseits christlicher Bewertungen erkennbar ist.
Wolfgang Thierse sagte auch, in vielen sozialen Fragen gebe es eine große Übereinstimmung mit den Kirchen. Er fragte: „Warum sollten wir das verleugnen oder eine künstliche Distanz schaffen?“
Gemeinsame Positionen gibt es natürlich und die soll man auch gern pflegen und in Kooperationen ummünzen, dagegen ist überhaupt niemand. So eine Aussage lenkt nur von den tatsächlichen Differenzen ab, die es eben auch gibt und die man nicht zukleistern sollte. Aber von Umgang mit Homosexualität, den schwierigen Fragen im Zusammenhang mit der Patientenverfügung, Sexualerziehung, vollwertigem Ethikunterricht für Konfessionsfreie bis zu Scheidungsrecht und Frauengleichberechtigung sehe ich noch sehr viele Fragen, in denen zumindest die Katholische Kirche (Wolfgang Thierse ist ja im Zentralrat der Katholiken) Lichtjahre von der klaren Mehrheitshaltung der Sozialdemokraten entfernt ist. Und da sollte man auch klar Position beziehen und nicht Kircheninteressen zuliebe still halten.
Die Laizisten meinen, die SPD sei oft zu wenig kirchenkritisch, sie habe eine „Schlagseite“ bekommen. Warum ist eine kritischere Haltung gegenüber den Kirchen denn überhaupt nötig?
Es geht weniger um eine Kritik an den Kirchen, außer vielleicht in den Punkten, wo sie auch mal angezeigt wäre, wie in der jüngsten Vergangenheit. Es geht mehr um eine Haltung zu verschiedensten Fragen, die man wieder unabhängiger von der Haltung der Kirchen formulieren sollte.
In vorläufigen Programm der Laizisten geht es auch um die Beteiligung der Kirchen in den öffentlich-rechtlichen Medien. Wo ist das Problem bei der Beteiligung anderer Weltanschauungsgemeinschaften in den Medien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks? Warum wäre etwa ein gleichberechtigter Zugang aller Weltanschauungs- und Religionsgemeinschaften keine Lösung?
Es gibt ja immer wieder die Vorstellung, die Antwort auf einen religiösen Pluralismus wäre eine stärkere Beteiligung aller Religionsvertreter anstelle der jetzt nur zwei großen Kirchen. Wenn die Priester all dieser Religionen in den Programmbeiräten unserer Rundfunksender sich um die Programmgestaltung bemühen und natürlich auch für jede Religionsrichtung Sondersendungen und Gottesdienstübertragungen stattfänden, wäre das nicht unbedingt eine Bereicherung. Warum sollte das die Aufgabe der öffentlichen und von allen finanzierten Sender sein? Schon die jetzige massive Subvention der Kirchen durch hunderte Stunden kostenloser Programmblöcke und tägliche Sendungen ist nicht in Ordnung. Wenn die Religionsgemeinschaften in öffentlichen Sendern missionieren und ihre Religionshandlungen übertragen möchten, sollen sie das doch einfach bezahlen.
Zahlreiche Interessen der Kirchen stehen den Vorstellungen laizistischer Genossinnen und Genossen entgegen. Gibt es aber auch Themenfelder, wo Sie das Engagement der Kirchen befürworten und unterstützen?
Wir haben gar nichts dagegen, wenn die Kirchen sich um Mitglieder bemühen, ihre Religion leben und sich auch in die Gesellschaft einbringen, ob politisch oder sozial. Nur muss dies auf einem neutralen Spielfeld staatfinden und nicht auf Kosten der Steuerzahler. Gern können und sollen die Kirchen sich mit ihren großen Geldmitteln für soziale Arbeit engagieren und wo sie Leistungen für die Gesellschaft erbringen, wie für Kindergärten oder Pflegeheime, sollten ihnen auch die gleichen staatlichen Zuschüsse und Kassenleistungen zustehen wie allen anderen Trägern.















Wolfgang Thierse als Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) und Mitglied des Cusanuswerks, das unter Aufsicht der katholischen Deutschen Bischofskonferenz steht, ist so stark involviert im Klerus, dass seine Existenzängste viel zu groß sind, gerade in seiner Partei einen Arbeitskreis für Säkulares oder Laizistisches zu unterstützen. Er vermutet den Absturz in den Atheismus, hi hi, lach, lach. Der Theologe Christoph Matschie hält den geplanten Arbeitskreis für “überflüssig” – und wir nicht nur seinen Kommentar. Beide haben nicht verstanden, dass auch das neue Drittel der Konfessionsfreien eine politische “Heimat” braucht. Warum können beide nicht über ihre Schatten springen, Anders”gläubigen” Verstärkung zu gönnen? Die Antwort ist (fast) klar: Wer den dunklen finsteren, mittelalterlichen Kirchenstrukturen folgt, wirft keine Schatten zum Hinüberspringen, weil die Sonne erst im Himmel scheint.
Not macht erfinderisch,
noch dazu, wenn man eine Marktlücke besetzt wie die Laizisten in der SPD.
Die Laizisten in der SPD werden (hoffentlich) nicht die letzten in den etablierten Parteien sein, die sich zu erkennen geben. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann sich ihre Kollegen der Grünen, Linken und der FDP statuieren und um die Gunst und die Gleichstellung der Nicht- religiösen Wähler und ihrer (humanistischen, freidenkerischen, agnostischen usw.) Vereine streiten.
Die Zeit war reif für diesen Schritt und Glückwunsch für diese offene Entscheidung gegen die ewig gestrigen. Selbst wenn sie nicht gewählt werden sollten, die Unterstützung für ihr mutiges Bekenntnis ist den Laizisten durch die Humanisten in Deutschland und anderswo sicher.