Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse witterte in ihrem Programm einen “kämpferischen Atheismus”, der Thüringer SPD-Chef und Theologe Christoph Matschie beurteilte sie als in jeder Hinsicht überflüssig: die Laizisten in der SPD. Ein roter Teppich wurde den sozialdemokratischen Laizisten bisher jedenfalls nicht ausgerollt. Nils Opitz-Leifheit, Sprecher des künftigen Arbeitskreises, nahm im Interview zur Entwicklung in den letzten Wochen Stellung. Reaktionen von Kirchenangehörigen auf die Initiative bezeichnet er als “aggressiv”.
Das Hamburger Abendblatt schrieb von der „Gretchenfrage“, vor welcher die Genossinnen und Genossen in der SPD nun stünden. Treffen solche Beurteilungen zu?

Laizisten-Sprecher Nils Opitz-Leifheit
Nils Opitz-Leifheit: Eine Gretchenfrage fragt ja nach einem Bekenntnis, vor dem man sich am liebsten drücken würde. Die alte Tante SPD hat in den letzten Jahren immer mehr Nähe zu Kirchen und Christen gewonnen, das kann man ja durchaus als nützlich und sinnvoll ansehen. Aber nun steht sie tatsächlich vor der Gretchenfrage, ob sie ihre ethische Grundlage auch noch aus Humanismus und Aufklärung bezieht, oder sich ihre moralische Grundlage vollends aus christlichen Bezügen zu holen. Und Christen behaupten ja gern, es gäbe gar keine anderen.
Der Thüringer SPD-Landesvorsitzende Christoph Matschie beurteilt den geplanten Arbeitskreis als in jeder Hinsicht „überflüssig“. Was sind in Ihren Augen die Gründe für solch harsche Absagen eines SPD-Landeschefs, obwohl gerade in einem Land wie Thüringen die konfessionsfreien Menschen in einer deutlichen Mehrheit sind?
Diese doch etwas unsachliche Überreaktion zeigt vor allem, wie bitternötig unser Arbeitskreis inzwischen ist. Angesichts der konfessionsfreien Mehrheit in Thüringen möchten wir ihm aber gern dabei helfen, diese Menschen wieder stärker anzusprechen und für die SPD zu gewinnen, als der Theologe Christoph Matschie das offenbar tut.
Wolfgang Thierse warnte sogar vor dem Versuch, aus der SPD eine atheistische, anti-kirchliche Partei zu machen. Sehen Sie das als begründete Sorge gegenüber Ihren Zielen oder als Panikmache?
Die Sorge ist völlig unbegründet, denn wir wollen ja lediglich aus der derzeitigen praktisch kritiklosen Haltung gegenüber den Kirchen und ohne jede Berücksichtigung der Interessen der Konfessionsfreien eine ausgeglichene Vielfalt machen. Die SPD ist als große Volkspartei gut beraten, wenn auch letztere sich in der SPD und ihrer Politik wiederfinden. Zudem sind bei uns ja auch Christen, Moslems und andere Religiöse als Mitglieder dabei, schon allein das zeigt, dass es uns nicht um eine Bekämpfung von Kirchen geht, sondern um einen weltanschaulich neutralen Staat. Und ein solcher sind wir ja eigentlich nach dem Grundgesetz, dies wird nur nicht genügend beachtet.
Sind die sozialdemokratischen Genossinnen und Genossen, welche laizistische Ideen befürworten, „anti-klerikal“ eingestellt? Und steht Laizismus denn für einen kämpferischen Atheismus, wie Wolfgang Thierse meinte?
Der „kämpferische Atheismus“ ist eigentlich ein typisches Wortungetüm des Papstes, es ist lächerlich, uns so zu titulieren. Das soll sicherlich nur von einer sachlichen inhaltlichen Debatte ablenken. Wer in einer weltanschaulich pluralistischeren und immer stärker entkirchlichten Gesellschaft fordert, dass der Staat sich hierzu neutral verhalten soll, wie z.B. in Frankreich oder den USA, der ist nicht kämpferischer Atheist, sondern einfach nur auf der Höhe der Zeit. Aggressiv sind höchstens die Überreaktionen mancher frommer Menschen auf die neue selbstbewusste Haltung der Konfessionsfreien.

















Wolfgang Thierse als Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) und Mitglied des Cusanuswerks, das unter Aufsicht der katholischen Deutschen Bischofskonferenz steht, ist so stark involviert im Klerus, dass seine Existenzängste viel zu groß sind, gerade in seiner Partei einen Arbeitskreis für Säkulares oder Laizistisches zu unterstützen. Er vermutet den Absturz in den Atheismus, hi hi, lach, lach. Der Theologe Christoph Matschie hält den geplanten Arbeitskreis für “überflüssig” – und wir nicht nur seinen Kommentar. Beide haben nicht verstanden, dass auch das neue Drittel der Konfessionsfreien eine politische “Heimat” braucht. Warum können beide nicht über ihre Schatten springen, Anders”gläubigen” Verstärkung zu gönnen? Die Antwort ist (fast) klar: Wer den dunklen finsteren, mittelalterlichen Kirchenstrukturen folgt, wirft keine Schatten zum Hinüberspringen, weil die Sonne erst im Himmel scheint.
Not macht erfinderisch,
noch dazu, wenn man eine Marktlücke besetzt wie die Laizisten in der SPD.
Die Laizisten in der SPD werden (hoffentlich) nicht die letzten in den etablierten Parteien sein, die sich zu erkennen geben. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann sich ihre Kollegen der Grünen, Linken und der FDP statuieren und um die Gunst und die Gleichstellung der Nicht- religiösen Wähler und ihrer (humanistischen, freidenkerischen, agnostischen usw.) Vereine streiten.
Die Zeit war reif für diesen Schritt und Glückwunsch für diese offene Entscheidung gegen die ewig gestrigen. Selbst wenn sie nicht gewählt werden sollten, die Unterstützung für ihr mutiges Bekenntnis ist den Laizisten durch die Humanisten in Deutschland und anderswo sicher.