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Feiertagskultur: ZDF pusht Käßmann

Ex-Landesbischöfin Margot Käßmann bei der Vorstellung ihres neuen Buches. Ab Oktober propagiert sie ihre religiösen Ideen im ZDF. Foto: picapp.com

Margot Käßmann, Ikone der deutschen Protestanten, tritt wieder vor ein Millionenpublikum. Obwohl konfessionsfreie Menschen die größte Bevölkerungsgruppe stellen, beherrschen weiterhin Kirchen die Feiertagsgesetze der Deutschen. Und weil immer mehr weniger Menschen die Überzeugungen des christlichen Klerus teilen, verlieren auch viele der Feiertage an Gehalt. ZDF und Kirchen haben deshalb eine Sendereihe vorbereitet, die wieder zum rechten Glauben führen soll.

„Viele Menschen in unserem Land kennen die Bedeutung der christlichen Feiertage nicht mehr. Das ist nicht nur ein Verlust an kulturellem Gedächtnis, sondern verkennt auch, dass diese Tage mit ihren Inhalten auch heute aktuell sind. Deshalb finde ich es großartig, dass das ZDF regelmäßig zeigt, was diese Feiertage heute bedeuten können“, erklärte Margot Käßmann zu ihrem neuen Engagement beim öffentlich-rechtlichen Fernsehsender.

Wahr ist, dass immer weniger Menschen den Sinngehalt der von den Kirchen bestimmten Feiertage nachempfinden können. „Christi Himmelfahrt“ etwa ist für viele Menschen heutzutage ein Synonym für betrunkene Herren und ihre Handwagen, „Ostern“ ein Familienfest mit lustigen Suchspielen und „Pfingsten“ bedeutet mit einigem Glück für viele Menschen den langersehnten Kurzurlaub zwischen Spätfrühling und Frühsommer. Die hochheiligen Termine sind aus Sicht der Kirchen zu profanen Alltagsunterbrechungen in der deutschen Gesellschaft verkommen. Das wollen sie nicht länger akzeptieren, immerhin zehren sie von der Substanz. Und jeder Feiertag nötigt Zweifelnde zur kritischen Reflektion, jeder fragwürdige Feiertag hilft Kritikern auf das Podest des Protests. Feiertage ohne gesellschaftlich verankertes Verständnis für die Begründung entbehren ihrer eigentlichen Funktion. Der „Tag der Frau“ indes ist hingegen kein echter, offizieller Feiertag. An nachvollziehbaren Gründen mangelt es zwar kaum, rund jeder zweite Mensch älter als 14 Jahre dürfte sich dazu zählen. Es passt aber nicht in die Kirchenideologie.

Margot Käßmann, Popstar am christlichen Theologenhimmel, soll nun beim fehlenden Verständnis für die traditionellen Kirchenfeste und -feiertage endlich die dringend notwendige Abhilfe schaffen. Denn die Kirchenflucht rast, die neuzeitliche Säkularisierung bedroht die Grundfesten des alten, konservativen und religiösen Deutschlands. Das ZDF hat deswegen für Feiertage im vierten Quartal dieses Jahres die Sendereihe „Margot Käßmann – mitten im Leben“ vorbereitet, ausgestrahlt ab 31. Oktober 2010. Die Landesbischöfin a.D. begleitet dabei Menschen „mitten im Leben“ und will in der Sendung des öffentlich-rechtlichen Programms deutlich machen, wie die christliche Botschaft der Jahrhunderte alten Bibel mit menschlichen Erfahrungen von heute im direkten Zusammenhang stehen könnte. Kurz: Es ist Kirchenpropaganda auf Staatskosten.

Und die christliche Botschaft lautet: Wenn jeder so leben würde wie eine Person namens Jesus Christus laut den Jahrhunderte alten Dokumentfragmenten der Kirchenleitung, würde die gesamte Menschheit in ewigem Frieden schwelgen und jeder in den “Himmel” kommen. Sogar göttliche Erlösung und das ewige Himmelreich im Jenseits nach dem Tode sind angeblich erreichbar, so heißt ja es auf alten Papierschnipseln. Das will zwar heutzutage dank Aufklärung und Wissenschaft niemand mehr wirklich glauben, ist aber Fundament der religiösen Ideologie – mit der Käßmann und die Kirche ihr Einkommen bestreiten, mitfinanziert durch rund 30 Millionen Konfessionsfreie in der Bundesrepublik. Im ZDF soll die christliche Reality-Soap nun bald praxisnah absolviert werden.

Denn sogar in der kirchenfernen Hauptstadt Berlin ist der christliche Glaube immer noch elementarer Grundstein für die gesetzlichen Feiertage: Von insgesamt neun gesetzlich verankerten Feiertagen im Land wurzeln sechs, also klare zwei Drittel, in den religiösen Dogmen der christlichen Bevölkerung – die nur einen Bruchteil der 3,4 Millionen Menschen ausmacht. Weltanschaulich und kulturell übergreifende, ganz allgemein menschlich verbindende Feiertage hingegen gibt es lediglich drei im sogenannten Schmelztiegel der Kulturen. Fakt ist: Von Schleswig Holstein bis Bayern, von Mecklenburg-Vorpommern bis Thüringen – die Kirchen haben das Zepter in der Hand zu entscheiden, wann die Menschen in Deutschland einen freien Tag haben, um zu gesellschaftliche Anker- und Höhepunkte zu feiern. Menschliche und weltliche Feiertage sind schließlich die große Ausnahme, sogar wenn nur jeder fünfte Einwohner im Land sich als Christ versteht.

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Diskussion - Bisher 8 Kommentare - Kommentar schreiben
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    Die Linken in Niedersachsen haben kürzlich versucht 2 weitere Feiertage durchzusetzen.
    Die Auswahl Frauentag und Kindertag fand ich allerdings auch nicht so prickelnd. das würden wieder Blumen- und Spielzeug-Verschenk-Tage.
    Besondere Ereignisse oder Personen und deren Ideen zu würdigen, halte ich für sinnvoller.
    Sinnhaftigkeit und Lebensphilosophie fehlt den Leuten. Es müssten sich aber auch weltliche Redner finden, die nicht-kirchlich begründete Themen öffentlich machen.

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    Gerade das Stichwort „Niedersachsen“ ist interessant: Am 13. August war eine Anhörung in Hannover bezgl. Des neuen Presse- und Mediengesetzes. Dabei geht es auch um die Vergabe der Sendelizenzen in Niedersachsen für regionalen privaten Rundfunk. Die Politiker hatten keine Ahnung; sie wussten auch nicht, dass unser Sender schon 13 Jahre in Niedersachsen existiert – egal! Jeder hat Redezeit bekommen; selbstverständlich auch die Kirchen, die nach Sendezeit geschrieen haben. „Humanisten, KORSO etc.“ stand leider nicht auf der Rednerliste, wenngleich auch sie etwas hätten einbringen können, zur Gestaltung der Sendezeit.

    Was ich auch damit sagen will ist: Was mir jemand in die Kamera lullert, muss ich selber nicht bezahlen, muss ich selber nicht recherchieren und muss ich selber auch nicht großartig produzieren und vorbereiten. – Gleichsam erfülle ich die im Staatsvertrag festgelegten Richtlinien. Die Kirche nutz es als Werbung; der Sender als Füllstoff; die Politik ist beruhigt, dass alles so schön klappt. Vereinfacht dargestellt – trifft es jedoch auf den Punkt. Im Übrigen: An solchen Sendern kann man sich auch ab dem 31.12 beteiligen.

    Achso: Käßmann? mmmh* – ich bin für ein Currywurst-Pommes-Mayo-Tag – Ansonsten kann ich @Ulli´s letzten Satz nur zustimmen!

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    Wenn jeder so leben würde wie eine Person namens Jesus Christus laut den Jahrhunderte alten Dokumentfragmenten der Kirchenleitung, würde die gesamte Menschheit nicht arbeiten und verhungern. Punkt. Aus.

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    Die Kirchen treten offen auf in den Medien und machen sehr gutes Marketing (CVJM: “Brunch for kids”), aber ihre politischen Vertreter verstecken sich manchmal. Vor der Wahl zum Bundespräsidenten erschien Wulff noch in der Liste der evangelikalen Misssions-Organisation Pro Christ unter den Mitgliedern des Kuratoriums. Nach der Wahl nicht mehr. Hat er seine evangelikale Gesinnung mit der Wahl abgelegt? Nein, er wird gewiss weiterhin hinter den Kulissen für diese Grundsätze eintreten. Wann bekommen die Säkularen Bürger, die relative Mehrheit der Bevölkerung endlich einen Sitz in den Landes-Rundfunkräten? Ist dieses Recht nicht einklagbar?

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    Die Monate um den Jahreswechsel versteht er vielmehr als eine Zeit der Selbstreflektion und der Gemeinschaft, während die kalte Winterzeit bevorsteht. Nicht das nahende Fest zur Geburt von Jesus Christus macht für ihn den Monat Dezember zu einer besonderen Zeit, sondern die für jeden erkennbare Tatsache, „dass die Natur zur Ruhe kommt und sich auf einen neuen Lebenszyklus einstellt.“

    Genau so ist das Weihnachtsfest (und viele der anderen Feiertage) ursprünglich ja auch entstanden: https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Julfest
    Wer sich dafür interessiert, sollte sich mal mit den keltischen/germanischen Feiertagen befassen. Die meisten der heutigen Feiertage liegen terminlich jedenfalls auffällig nah an den wichtigen Festtagen der Kelten/Germanen. Und auch die heutigen Bräuche finden sich dort wieder (z.B. Osterfeuer). Die Kirchen wollen die Feiertage dagegen natürlich viel lieber für sich selbst beanspruchen. (Und >2000 Jahre alte Quellen als Beleg sind wohl zugegebenermaßen recht schwer zu finden…)

    Fazit: Kirchliche Feiertage sind eh nur geheuchelt – dann lieber wichtige Ereignisse/Errungenschaften durch Feiertage ehren (Stichwort: Evolutionstag!).

 
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