
Der Weihbischof Andreas Laun bezog nicht zum ersten Mal in fragwürdiger Weise zu Themen in der öffentlichen Diskussion Stellung. Foto: picapp.com
Nach der Katastrophe auf der Duisburger Loveparade waren Interpreten der Ursachen und Hintergründe schnell gefunden. Das Unglück, bei dem mindestens 21 Menschen ihr Leben verloren, ist zweifelsohne durch menschliches Versagen verursacht worden. Religiöse Menschen fühlen sich bemüßigt und berufen, Überlegungen zur Theodizee, mit besonderem Blick auf die Toten der Loveparade, öffentlich anzustellen. Sie lieferten ein unfreiwilliges Plädoyer für den Laizismus.
Kommentar
Diese Einlassungen könnten als vollkommen belanglos für die nichtgläubigen, in diesem Fall nichtchristlichen Menschen, als lediglich für die christliche Zielgruppe relevant betrachtet werden, wenn die einzige öffentliche Trauerfeier nicht in der Salvatorikirche mit Beiträgen von Bischof Overbeck und Präses Schneider stattgefunden hätte. Die Örtlichkeit, eine Kirche, und die in dieser Gesellschaft immer noch selbstverständliche, kaum hinterfragte Bestellung von christlichen Trauerrednern der beiden Großkrichen, machen die Reaktion der Großkirchen auf das Unglück zu einem öffentlichen Interesse.
Es stellen sich die grundlegenden Fragen, warum eine öffentliche Gedenkfeier in einer Kirche stattfinden muss? Ein neutraler Raum, der Nicht-Christen (ob religiös oder nicht) ebenso gerecht werden würde wie Christen, wäre sicherlich zu finden gewesen. Wieso werden christliche Trauerredner bestellt? Waren alle Opfer und ihre Angehörigen entweder Mitglied der evangelischen Kirche oder der katholischen Kirche? Die Antwort, die ich nicht weiß, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit in Anbetracht der großen nicht-christlichen Bevölkerungsgruppe „nein“ lauten. Warum wurde kein weltlicher Trauerredner bestellt? Da ein weltlicher Trauerredner das Augenmerk auf die beendeten Leben und nicht auf religiöse Lehren richtet, hat ein solcher Redner das Potential, allen Trauernden und den Opfern gerecht zu werden.
Beide, Overbeck und Schneider, hatten immerhin den Takt, den Unglückstod nicht zu einer Strafe Gottes zu erklären, sondern sprachen lediglich von Gottes nicht-endender Liebe und Treue und auch davon, dass das Gottvertrauen der Menschen nicht durch eine solche Katastrophe rissig werden solle, und sie sprachen vom Jenseits. Inwieweit Worte von Gottes auch nach dem Tod nicht-endender Liebe den Hinterbliebenen, wenn sie nicht sehr christlich geprägt sind, Trost spenden können, sei dahingestellt.
Das Randphänomen Eva Herman kann für diese Diskussion als unbedeutend betrachtet werden: sie vertritt keine Organisation, war nicht an der Trauerfeier oder den Rettungsaktionen beteiligt und ich gehe davon aus, dass ihr Urteil für weite Teile der Gesellschaft, die durch das Unglück direkt oder indirekt Betroffenen eingeschlossen, absolut irrelevant sein dürfte.
Von Interesse dürfte die Reaktion Bischof Launs sein. Zwar war dieser nicht als Seelsorger oder Trauerredner beteiligt, da er nicht nur ein Mitglied, sondern ein öffentlicher Vertreter der katholischen Kirche ist, die sich durch ihr öffentliches Engagement wie zum Beispiel bei der Trauerfeier als Organisation einbringt und einmischt und zudem generell solange von öffentlichen Interesse sein dürfte wie die Großkirchen durch die Allgemeinheit mitfinanziert werden.
Zwar hat Herr Laun auf seine erste, viel kritisierte Stellungnahme, die sich keineswegs nur mit Gedanken zur Theodizee befasst, eine weitere Darstellung veröffentlicht, welche aber nicht wirklich auf die Kritik eingeht.
In seiner ersten Einlassung gesteht Laun den Opfern und den Hinterbliebenen Mitgefühl zu, aber stellt danach sofort klar und fest die „Love-Parade“ und Teilnahme an ihnen sind, abgesehen von ihrem abstoßenden Erscheinungsbild, objektiv eine Art Aufstand gegen die Schöpfung und gegen die Ordnung Gottes, sind Sünde und Einladung zur Sünde“ (aus dem auf kath.net zur Verfügung gestellten Text) und warnt vor einem Schönreden der Loveparade, gefolgt von weiteren Ausführungen über die biblische Einstellung zu einem strafenden Gott.
In seiner zweiten Einlassung weist der Bischof den Vorwurf weit von sich, die Toten be- oder verurteilt zu haben und beklagt sich, dass seine Kritiker ihn verurteilen und sich moralisch über ihn stellen. Des weiteren wendet er sich explizit an die Atheisten unter seinen Kritikern, um diese daran zu erinnern, dass sie sich über ihrer Meinung nach Nichtseiendes aufregen.
Aus atheistischer Perspektive kann ich den Bischof beruhigen, die überwältigende Mehrheit der Atheisten aus Überzeugung fürchten nicht den biblischen Gott und seine Strafen; können sich aber sehr wohl über die tatsächlichen Äußerung einer realen Person ärgern und empören, zumal wenn diese Äußerungen, wenn sie auch sehr wahrscheinlich einer realistischen Grundlage (Gott) entbehren, dazu geeignet sind, psychisch weniger stabilen Menschen, die womöglich noch Angehörige der Opfer sind, Schuld und Scham einzureden. Der Verlust eines geliebten Menschen ist schwer zu verkraften, insbesondere für Eltern, die sich leicht Vorwürfe machen können, dass sie ihr (wenn auch mittlerweile erwachsenes) Kind nicht ausreichend beschützt haben. Stellungnahmen, wie sie der Bischof (der in manchen Teilen der Nation aufgrund seines Amtes immer noch unbegründeter Weise hohes Ansehen genießt) veröffentlicht, könnten dazu beitragen, dass sich diese Eltern noch heftigere Vorwürfe mache.
Die Argumentation Launs, dass er niemanden verurteilt habe, dafür aber verurteilt werde, dürfte kaum Bestand haben. Laun selber betitelt die Erscheinung der Loveparade als „abstoßend“, etwas was durchaus wertend verstanden werden kann, um danach die Teilnahme an der Loveparade nach objektiven (also nicht seinen eigenen) Kriterien zu verurteilen. Die objektiven Richtlinien die Laun bemüht, dürften entweder in der Bibel und/oder dem katholischen Katechismus zu finden sein. Der Vollständigkeit halber sei hier nur angedeutet, dass beide Werke keinerlei objektive Wahrheit verkünden und zudem in ihrer subjektiven Wahrheit noch interpretiert werden müssen, um zu Launs Ergebnis zu gelangen.
Der Vorgang der Interpretation der Bibel und/oder des Katechismus ist ein subjektiver Vorgang, der zu subjektiven Ergebnissen führt und von daher gibt es keinerlei Gründe sich mit dem Vorwand der objektiven Richtwerte vor Kritik abschotten zu wollen und den Kritikern dann noch mangelnde Fairness vorzuwerfen.
Bischof Laun hat in einem Recht. Nämlich darin, dass die Bibel voller Beispiele von göttlichen Strafen ist, und auch wenn ich nicht an das glaube, was die Bibel verkündet, so erinnere ich die Menschen, die glauben, dass die Bibel objektive Werte vorgibt, daran, dass selbst der fromme David es ungerecht gefunden haben soll, als Gott andere Menschen wegen seiner, Davids, Verfehlungen gestraft haben soll (2 Samuel 24:17).
Die Taktlosigkeiten des Bischofs kann man am besten als unfreiwilliges Plädoyer für mehr Säkularisierung und Laizismus sehen. Eine vollkommene Trennung von Staat und Glaubensgemeinschaften würde solchen Meinungsäußerungen nicht vorbeugen (was auch nicht intendiert wäre), sondern würde solchen Einlassungen den Stellenwert einräumen, den sie tatsächlich haben: den einer privaten Meinung.















Vielen Dank, Kerstin Rindt, für diesen hochinteressanten Artikel. Es ist in der Tat fragwürdig, wenn nach solchen Katastrophen bestimmte religiöse Gruppierungen den Ton angeben. Die Christen werden zu “Kriegsgewinnlern” – sobald es funkt und knallt, schwärmen sie aus. Als das Ausmaß der Katastrophe in Duisburg deutlich wurde, haben die Kirchen sofort ihre seelsorgerischen Kapazitäten erhöht. Niemand wird einem Religiösen in dieser Situation undankbar sein. Und genau das ist so perfide. Wir brauchen Fachpersonal ohne Gehirnwäsche; und keine Seelsorger, deren Kreuz den Verletzten und Schockierten ins Gesicht baumelt. Mir ist klar, dass auch manche Seelsorger eine gute psychologische Asubildung genossen haben; aber es wäre wünschenswert, wenn mehr professionelle Psychologen rekrutiert würden. Ein weiterer Punkt ist, dass nach der Tragödie in Duisburg sofort der Papst medialen Raum bekommen hat. Überall war zu lesen und zu hören, dass er für die Opfer betet. Darauf, auf die Berichterstattung und auf das Beten, kann man getrost verzichten.