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Rezensiert: Brevier für Ungläubige

24. Juli 2010 13:30 4 comments Von Andreas Müller

Der Philosoph Edgar Dahl legt mit seinem neuesten Buch eine witzige und aufschlussreiche Aphorismensammlung vor, die aufzeigt, was Geistesgrößen und andere Personen des öffentlichen Lebens von der Religion allgemein und vom Christentum im Speziellen gehalten haben. Zusätzlich enthält der Band eine biografisch-philosophische Einleitung über den Gottesglauben und ein Nachwort, in dem die Religiosität wissenschaftlich erklärt wird.

Ungläubige landen in der Hölle, wenn Papst Benedikt XVI. Recht hat, und diese tatsächlich existiert. Aber das ist kein Problem, denn wir würden uns „in der Hölle in weit besserer Gesellschaft befinden als im Himmel“, wie man im Vorwort erfährt. Die Idee zum Aufhänger von Edgar Dahls Aphorismensammlung stammt von Mark Twain („Die Abenteuer des Tom Sawyer“), der sagte: „Was das Klima betrifft, würde ich den Himmel bevorzugen; doch was die Gesellschaft anbelangt, ziehe ich die Hölle entschieden vor.“

In der Einleitung erzählt Edgar Dahl von seiner Kindheit in der DDR und der gleichgültigen, aber keinesfalls feindseligen Haltung der Ostdeutschen zum Glauben. Mit acht oder neun Jahren hat Dahl eine Kinovorstellung verpasst und schlich sich stattdessen in eine Kirche, wo Christen die Eucharistie feierten. Dahl erschauderte bei der Vorstellung, dass die Gläubigen den Leib von Jesus zu essen und sein Blut zu trinken vorgaben. Über den Horrorklassiker „Rosemary’s Baby“ und über Dostojeqskijs Romane ist Dahl bei der Religionsphilosphie gelandet und er hat schließlich Theologie, später Philosophie studiert. Er interessierte sich während seines Theologiestudiums für die Fundamentaltheologie, deren Aufgabe darin besteht, den Glauben mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu vereinbaren, oder ihn als vereinbar erscheinen zu lassen. Gerade die schlechten Argumente der Fundamentaltheologie auf Basis idealistischer Philosophie wie jene von Hegel und Heidegger ließen Dahl zum Religionskritiker werden.

Nach einer Zusammenfassung der wichtigsten „Gottesbeweise“ und ihrer Widerlegung geht es zu den Aphorismen. Alphabetisch geordnet findet man hier Schriftsteller, Komiker, Philosophen, Wissenschaftler, Politiker, Sportler, Filmemacher und andere Prominente. Entsprechend unterschiedlich fallen die Kommentare aus. Woody Allen zum Beispiel sagte: „Für Sie mag ich ein Atheist sein, doch für Gott bin ich die loyale Opposition“ und der Radfahrer Lance Armstrong stellte lapidar fest: „Wenn es einen Gott gäbe, hätte ich noch zwei Eier.“ Marlene Dietrich sagte: „Wenn es tatsächlich so etwas wie ein höchstes Wesen gibt, muss es verrückt sein“ und der oftmals von theistischen Evolutionisten herangezogene Biologe Theodosios Dobzhansky erkannte durchaus die Ungereimtheiten beim Versuch, den christlichen Glauben mit der Evolution zu versöhnen: „[A]us der Sicht Gottes scheint es eine vollkommen sinnlose Unternehmung zu sein, Millionen von Arten ex nihilo zu schaffen und dann die meisten von ihnen aussterben zu lassen.“

Besonders das Nachwort ist sehr aufschlussreich. Darin erklärt Edgar Dahl die Religiosität als evolutionäres Nebenprodukt wie die rote Farbe des menschlichen Blutes: Wir neigen von Natur aus zum kausalen und intentionalistischen Denken, wir neigen also dazu, rationale Akteure hinter jedem Geschehen anzunehmen. Ebenso neigen wir zum Animismus, also zur Annahme, tote Objekte wären belebt, und zum Dualismus, zur Trennung von Verstand und Körper. Schließlich ist bei uns ein finales und teleologisches Denken eingebaut: Wir glauben tendenziell, dass alles einen Zweck hat, der sich auf uns bezieht und der für uns von Bedeutung ist.

Erst nach einer kritischen Auseinandersetzung mit unseren Denkgewohnheiten können wir uns vom Aberglauben lösen. Insofern hat eines der Mottos der Giordano Bruno Stiftung einigen Wahrheitsgehalt: „Glaubst du noch oder denkst du schon?“. Die Erklärung ist plausibel und entspricht dem aktuellen Forschungsstand. Ich hätte allenfalls ergänzt, dass wir besonders unter Stress und hoher persönlicher Anspannung dazu neigen, in unsere instinktiven Denkmuster zurückzufallen, denn gerade diese Tatsache erklärt die unterschiedliche Präsenz der Religiosität in unterschiedlichen Gesellschaften.

Kritik

Das berühmte Zitat „Ist Gott willens, aber nicht fähig, die Übel zu verhindern? Dann ist er nicht allmächtig. Ist der fähig, aber nicht willens? Dann ist er nicht allgütig. Ist er sowohl fähig, als auch willens? Woher kommen dann die Übel?“ kommt drei Mal in dem Buch vor und es stammt nicht von Epikur, wie allgemein angenommen und auch hier behauptet, sondern von einem unbekannten Philosophen der skeptischen Richtung. Außerdem sind ein paar kleine Leichtsinnsfehler  vorhanden. Ansonsten ist an „Wer zur Hölle will schon in den Himmel?“ nichts auszusetzen.

Fazit

Die Zitate sind gut ausgewählt und Einleitung sowie Nachwort sind beide sehr aufschlussreich. Wer sich für eine religionskritische Aphorismensammlung interessiert, liegt hier goldrichtig. Das amerikanische Vorbild „The Quotable Atheist“ von Jack Hubermann war recht erfolgreich und einen ebensolchen Erfolg wünscht man „Wer zur Hölle will schon in den Himmel?“.

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