Wulff bleibt Evangelikalen treu

Voll Gottvertrauen: Wulff und seine Frau auf dem ersten öffentlichen Ereignis nach der Wahl, dem Sommerfest des Bundespräsidenten. Foto: picapp.com
Nachdem Horst Köhler, der in seiner Amtszeit viele Konfessionsfreie mit klaren Stellungnahmen für christlichen Kirchen empörte, Ende Mai überraschend als Bundespräsident zurücktrat, wurde auch bald gegenüber dem Kandidaten Christian Wulff klare Kritik laut: Die Unterstützung der evangelikalen Missionierungskampagne „ProChrist“ sei unvereinbar mit diesem Amt. Nach der Wahl reagierte Wulff, ohne sich aber von den Fundamentalisten zu distanzieren.
Die gute Nachricht vorweg: Köhlers Neue ist auch Wulffs Neue – Pressesprecherin. Petra Diroll, die noch vor ihrem Dienstbeginn am 1. Juni 2010 den Rücktritt ihres gleichzeitig zukünftigen wie auch ehemaligen Dienstherrn Horst Köhler miterleben musste, blieb entgegen ersten Medienberichten auch nach der Wahl von Christian Wulff zum Bundespräsidenten nun vorerst mit an Bord der präsidialen Mannschaft und musste sich keinen neuen Job suchen.
So erklärte Diroll heute, dass Bundespräsident Christian Wulff seit Amtsantritt seine Mitgliedschaft bei der Missionierungskampagne der fundamentalistischen Evangelisationsbewegung „ProChrist“ ruhen lasse. „ProChrist“ ist Teil eines weltweiten Netzwerkes evangelikaler Organisationen, die offensiv, öffentlichkeitswirksam und gut vernetzt das Evangelium der Bibel propagieren. Evangelikale lehnen etwa Homosexualität als heilbare Krankheit ab, widersprechen der Evolutionstheorie und vertreten offensiv die Mission Gottesreich, weshalb sie sich auch zu einem klaren Missionsauftrag gegenüber der gesamten Menschheit bekennen. Fühlen sich Evangelikale zu Unrecht kritisiert, mündet die Mobilisierung der Mitglieder durchaus auch in extremen Drohungen gegenüber unliebsamen Journalisten.
Auf Nachfrage zu Wulffs Engagement sagte Petra Diroll nun, die ruhende Mitgliedschaft sei bei Bundespräsidenten „usus“, da dies der gebotenen Neutralität des Amtes entspricht. Diroll bestätigte weder eine Distanzierung Wulffs von der Organisation „ProChrist“ noch die Beendigung seiner Mitgliedschaft im Kuratorium, sondern verwies auf die Parteimitgliedschaft Wulffs. Diese ruhe nun ebenfalls. Wulff bleibt also Kuratoriumsmitglied von „ProChrist“ wie er auch CDU-Mitglied bleibt.
Die Bundesrepublik Deutschland wird dementsprechend nun durch einen Präsidenten repräsentiert, der seine Unterstützung christlicher Fundamentalisten lediglich aus formellen Gründen nicht wahrnimmt. „ProChrist“ aktualisierte deshalb die Internetseite ihrer zahlreichen Unterstützer, auf der Wulff nicht mehr als Kuratoriumsmitglied geführt wird. Bundespräsident Christian Wulff distanzierte sich nach seinem Amtsantritt nicht, wie zuvor gefordert, von „ProChrist“ und den äußerst fragwürdigen Positionen ihrer Mitglieder.
Dabei kritisierten Repräsentanten säkularer Organisationen Wulffs zweifelhaftes Engagement vor der Wahl massiv. „Ein Bundespräsident, der Gruppierungen unterstützt, die aufgrund religiöser Wahnideen die Evolutionstheorie leugnen und Schwulenhetze betreiben, ist völlig untragbar“, so der bekannte Philosoph und Vorstandssprecher der Giordano Bruno Stiftung, Michael Schmidt-Salomon, zur Kandidatur. Wulff sei für das Amt denkbar ungeeignet, stellte er fest. Die Stiftung initiierte deshalb eine Facebook-Kampagne, die in wenigen Tagen Hunderte Unterstützer gewann. Auch bei weiteren Vertretern humanistischer und religionsfreier Organisationen stieß Wulff auf Ablehnung.
Und auch Wulffs Rede für die christlichen Fanatiker des Arbeitskreises Christlicher Publizisten, dessen Positionen sogar von der Evangelischen Kirche Deutschland abgelehnt werden, führte zu deutlicher Kritik. Der Sektenbeauftragte der EKD befand die Zeitschrift der ACP etwa als „Schmutzblatt erster Güte“. Kurz vor der Wahl in das Amt des Bundespräsidenten, als Wulff noch Ministerpräsident war, störte ihn das jedoch keinesfalls dabei, sich für die ACP zu engagieren. Kritik daran wurde von der niedersächsischen Staatskanzlei entschieden zurückgewiesen.
Christian Wulff hielt aber auch bei der ersten Rede nach der Wahl mit seinen religiösen Überzeugungen nicht hinter dem Berg und ignorierte die zahlreichen nichtreligiösen, konfessionsfreien Menschen in Deutschland. Der Repräsentant aller Deutschen betonte stattdessen am Ende seiner Ansprache vor der Bundesversammlung: „Gott schütze unser Land.“





21:35
@Redaktion
Ihr schreibt: Der Sektenbeauftragte der EKD befand die Zeitschrift der ACP etwa als „Schmutzblatt erster Güte“.
Hm, welcher Sektenbeaufragte war das denn?
Die Zentrale in Berlin? Dort sind einige Stühle bereits still und heimlich evangelikal besetzt.
Das würd mich interessieren (e-mail Kontakt zu euch?)
So weit ich weiß – ehem. Mitglied evang. Landeskirche – stellt sich ein Teil der EKD-Regierenden hinter die evangelikale Glaubensbewegung – aus dem schlichten Grund: Der Käßmann-Kirche sterben/laufen die Leute weg.
Und eigentlich gibt nicht mehr die Evangelikalen, die sind ideologisch per Grundsatz-Papier verschmolzen mit der sog. “Charismatischen Bewegung”.
Es müsste heißen: evangelikal-charismatisch.
Vielleicht steht’s in ein paar Jahrfünften in den Sektenhandbüchern
21:27
In Ermanglung eigener guter Ideen ein Satz des alten Herrn Beruch de Spinoza, von dem ich mir wünschte, dass Herr Wulff ihn lesen würde: Welchen Altar kann sich der bauen, der die Majestät der Vernunft beleidigt?
H. M.
10:19
Hallo Katrin, falls Sie nicht mehr antworten, überlege ich mir an Ihrer Stelle, was Sie schreiben würden.
10:36
Hallo Katrin, Sie haben sicher recht, dass es ganz verschiedene Ansichten unter Evangelikalen gibt, das bestreitet wohl auch niemand.
Es ist in der Tat einfacher und plakativer, die ungemäßigten Evangelikalen, die Radikalen und Extremen aufzugreifen und zu kritisieren als die, die den von Ihnen angesprochenen Rest bilden.
Man müsste vielleicht wirklich differenzierendere Begriffe erfinden, um die Ansichten voneinander mehr zu unterscheiden. Andererseits mag es oft erforderlich sein, Sachverhalte vereinfachend darzustellen, natürlich möglichst ohne einen falschen Eindruck zu erwecken oder Informationen nicht richtig wiederzugeben. Ich finde, das setzt einfach auch eine gewisse Medienkompetenz beim Konsumenten voraus.
Nach Ihren Kommentaren zu urteilen, sehen Sie sich als entschiedene (evangelikale?) Christin, die eben nicht zu den Fundamentalisten gehört, die wissenschaftsfeindlich und homophob sind und Wahnideen verbreiten, welche Sie offenbar selbst mehr oder weniger kritisieren. Ist das richtig?
Dann eröffnet sich hier ein hochinteressantes Diskussionsfeld!
Würden Sie sich eher als wissenschaftsfreundlich oder als gläubig bezeichnen? Falls Sie diese Frage für unzulässig halten, weil Sie darin keinen Widerspruch sehen, möchte ich gerne wissen, wie Sie zur Evolutionstheorie stehen, und zur Schöfungsgeschichte.
Auch würde mich interessieren zu erfahren, wie Sie Jesus sehen. Was halten Sie von den Wunderberichten? Was von der historisch-kritischen Methode? Gibt es Bibelstellen, die Sie wörtlich nehmen, und auf welche Stellen legen Sie besonderen Wert, und was bestimmt Ihre Interpretation einer beliebigen Bibelstelle? Wie sehen Sie das Beten? Was halten Sie von der Hölle oder dem ewigen Leben?
Gibt es mehrere Wahrheiten, so dass auch miteinander unvereinbare Lehren koexistieren könnten, oder nicht?
Wie stehen Sie zur Homosexualität, oder was empfinden Sie da als wahr?
18:49
Lüge? Verschwörungstheorie? Nicht doch. Ich will doch nicht meinen eigenen Berufsstand in den Schmutz ziehen. Da haben Sie mich wohl missverstanden.
Meine Beobachtung ist: In vielen Medienberichten werden Evangelikale als homophob und wissenschaftsfeindlich dargestellt, weil es tatsächlich extreme evangelikale Gruppen gibt, auf die eine solche Bezeichnung zutrifft. Diese fallen auf und werden von den Medien aufgegriffen. Journalisten berichten nun mal vornehmlich über das, was ungewöhnlich ist und auffällt. Normales ist keine Nachricht und daher keine Schlagzeile wert.
Das Problem ist: Evangelikale sind keine homogene Masse. Da gibt es so ‘ne und solche. Gemäßigte, normal intelligente, vernünftige Menschen – und eben auch extreme Fundamentalisten. Das sind diejenigen, über die in Bezug auf Evangelikale am meisten berichtet wird. Daher ergibt sich ein verzerrtes Bild vom homophoben, wissenschaftsfeindlichen Fundi-Christen, das aber eben nur einem kleinen Teil einer größeren Gruppe tatsächlich entspricht.
Ich halte “evangelikal” für einen problematischen Begriff, weil er Schubladen-Denken voraussetzt. Insofern sind viele Medienschaffende meiner Ansicht nach einem Klischee aufgesessen. Und wie das bei Klischees so ist: ein Teil stimmt. Aber eben nur ein Teil. Was ist mir dem Rest?
14:46
Wo sehen Sie denn Klischees? Fernsehberichte und Reportagen anerkannter Medien wie dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder den Zeitungen und Magazinen renommierter Verlage der Lüge zu bezichtigen sei Ihnen erlaubt, ist aber doch etwas gewagt – meinen Sie, es ist alles eine riesige Verschwörungstheorie? Unsinn. Wenn nichts dran wäre an dem was hier und dort geschrieben steht, würden die Betroffenen sicherlich dagegen vorgehen…aber googeln Sie doch einmal mal selber.
Im Übrigen haben auch Sie nichts vorgetragen, was gegen die von Ihnen angeprangerten Klischees spricht.
11:04
Frage:
Könnten Sie sich nicht langsam mal ein paar neue Klischees zu den sogenannten “Evangelikalen” ausdenken und nicht immer nur stumpf das widerkäuen, was sowieso schon jeder bei jedem abschreibt? Das langweilt doch auf Dauer. “Schwulenhetze”, “Wahnideen”, “Wissenschaftsfeindlich” … das kennen wir doch inzwischen alle schon. Ein Feindbild braucht stetig neue Nahrung! Also, werden Sie mal kreativ … Ich bin gespannt, was es bald Neues zu lesen gibt!
Im Übrigen halte ich den neuen Bundespräsidenten durchaus für fähig ein Präsident für alle Deutschen zu sein, ganz gleich welche Weltanschauung sie vertreten. So viel differenziertes Denken wird er für sein Amt ja wohl aufbringen können, trotz seiner persönlichen Ansichten. So schwer ist das nun auch wieder nicht – auch wenn ihm das mancher womöglich nicht zutraut, weil er ja mal was mit den “Evangelikalen” zu tun hatte. Die haben bekanntermaßen nichts Besseres zu tun als gegen Schwule zu hetzen, Wahnideen zu verbreiten, gegen die Evolutionstheorie zu wettern und … ach, denken Sie sich doch selbst was aus.
Viele Grüße
Katrin
20:42
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01:48
Mir ist unklar, wie du Wulffs Unterstützung für ProChrist durch seine Mitwirkung an der Max-Planck-Gesellschaft rechtfertigen willst. Das eine schafft keine Pluspunkte für die er sich woanders Minuspunkte leisten könnte…die (offizielle oder inoffizielle) Unterstützung von Evangelikalen geht einfach garnicht für jemanden, der so ein Amt ausübt.
01:20
So sehr ich mich auch mit den Grundgedanken eurer Arbeit identifizieren kann und es selber nicht besser machen könnte (zum Verständnis: ich bin konfessionslos, Mitglied eines Förderkreises der gbs, Atheist), so sehr möchte ich an dieser Stelle einmal einwerfen, dass Christian Wulff neben seinem Kuratoriumssitz bei proChrist (was ich hiermit auch keinesfalls gutheißen möchte) auch ähnliche Positionen in der Europäischen Akademie der Wissenschaften (Salzburg) und der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (Berlin) inne hat und dieses hier zu Diskussion stellen. Ich denke, dass auch dieser Aspekt berücksichtigt werden sollte, da man ansonsten Gefahr läuft, eine einseitige Berichterstattung zu liefern und man Herrn Wulff dies im Zweifelsfall entweder zu Gute halten oder ihn auf die Unvereinbarkeit all dieser Aktivitäten aufmerksam machen sollte.
Ich habe bis jetzt noch keine Erwähnung dieser beiden letzteren Mitgliedschaften hier gefunden (vielleicht aus eigenem Unvermögen heraus, wofür ich hier vorsorglich um Verzeihung bitten möchte), jedoch war es mir schlicht ein Anliegen, dies (vielleicht zum wiederholten Male) mitzuteilen.
Viele Grüße
M.