
Für die Abgeordneten in Schleswig-Holstein ist die Bibel noch das Buch der Bücher. Aufgeklärte Ideen finden kaum Zuspruch. Foto: al1912 / CC-BY-SA
Im Landtag Schleswig-Holstein gab es eine Debatte um den Ethik-Unterricht. Ellen Streitbörger von der LINKEN stellte fest, dass der bisherige Religionsunterricht einen „ausgrenzenden Charakter“ hat, dem entgegenzuwirken ist. Zuspruch kam dabei von der SPD.
Rolf Fischer plädierte dafür, konfessionsfreien Schülern ebenfalls ein Angebot zu machen. Die CDU lehnt die Pläne ab, sie hält das Nebeneinander von Philosophie und konfessionellem Unterricht für die beste Lösung.
Ende Juni brachte die Fraktion der LINKEN einen Antrag ein, der einen weiteren Vorstoß auf dem Weg zu einem zukunftsweisenden Unterrichtsmodell in Bezug auf Weltanschauungen bedeutet. Gefordert wurde, die konfessionelle Gleichbehandlung der Schülerinnen und Schüler in öffentlichen Schulen zu gewährleisten.
Damit einher geht die Feststellung, dass dies der weiter bestehenden Ungleichbehandlung konfessionsfreier Schülerinnen und Schüler bedeutet. Die LINKE fordert, einen gesetzlichen Rahmen für ein Schulfach in Form einer Ethik-Religionskunde zu entwickeln, der nicht nur alle Glaubens- und Religionsgemeinschaften sondern ebenfalls die religionsfreien Weltanschauungen gemeinsam berücksichtigt.
„Das gesellschaftliche Zusammenleben in Schleswig-Holstein ist maßgeblich vom Zusammenleben unterschiedlichster Glaubens- und Religionsgemeinschaften sowie Weltanschauungen geprägt“, heißt es im Antrag. Ellen Streitbörger stellt fest, dass sich die komplexe kulturelle Vielfalt weiterhin nicht in den Unterrichtsfächern an öffentliche Schule niederschlage.
Ihrer Auffassung entspricht der konfessionell an evangelische oder katholische Glaubensrichtungen gebundene Unterricht nicht dem Gebot des Grundgesetzes. Die gegenwärtigen gesetzlichen Rahmenbedingungen, so die Antragbegründung, können den Anspruch an einen integrierenden Unterricht nicht erfüllen.
CDU: Religion ist Grundlagenfach für Persönlichkeitsentwicklung und –findung
„Hier gibt es eine ganz offensichtliche Verletzung der staatlich garantierten negativen Religionsfreiheit“, findet Streitbörger und kritisiert, dass ein „anderer Unterricht im gleichwertigen Sinne“, wie etwa Ethik-Unterricht, nicht angeboten wird.
Die Fraktion bemängelt, dass zukünftig ab der fünften Klasse Schülerinnen und Schülern ohne oder anderer Konfessionen der Philosophie-Unterricht als „anderer Unterricht“ erteilt werden soll.
Das mache die unzureichende Berücksichtigung anderer Glaubens- und Religionsgemeinschaften deutlich, welche durch einen gemeinsamen und integrativen Unterricht aller Jugendlichen zukünftig aufgehoben werden kann.
Bereits 2007 gab es eine ähnliche Debatte im schleswig-holsteinischen Landtag. CDU und FDP beklagten damals zunehmenden Unterrichtsausfall durch die sinkende Zahl der Religionslehrer an den Schulen. September 2007 gab es in Schleswig-Holstein 1.885 evangelische und 337 katholische Religionslehrer, darunter 35 evangelische und 130 katholische Pastoren.
Die CDU forderte, dem Schulfach größere Aufmerksamkeit zu widmen. Die christdemokratische Landtagsabgeordnete Todsen-Reese stellte damals heraus, Religion sei ein “Grundlagenfach für Persönlichkeitsentwicklung und –findung von Jugendlichen.”
Angelika Birk, Abgeordnete der Grünen warnte damals davor, Religionsunterricht dazu zu benutzen, “Kinder an das religiöse Erbe ihrer Eltern zu binden, oder sie überhaupt für ihr Leben endgültig religiös zu prägen”. Sie meinte, Ziel müsse ein bekenntnisfreier Religionsunterricht sein.
SPD-Abgeordneter: Konfessionsfreie größte weltanschauliche Gruppe in Deutschland
Laut den Angaben des Bildungsministeriums in Schleswig-Holstein waren 2007 rund zwei Drittel der schleswig-holsteinischen Schüler evangelisch, fünf Prozent waren katholisch und rund 25 Prozent sind konfessionsfrei. Der Unterrichtsplan sieht für konfessionell gebundene Schüler zwei Wochenstunden bekenntnisgebundenen Religionsunterricht vor, ohne religiös-konfessionelle Bindung ist Philosophie als Ersatzunterricht vorgesehen.
Rolf Fischer von der SPD erklärte schon 2007, dass grundsätzlich kein Schüler von der Schule abgehen dürfe, ohne grundlegende Kenntnisse über die christliche Religion und die anderen Weltreligionen erworben zu haben. Werte und Pluralität müssten zudem in allen Unterrichtsfächern vermittelt werden.
„Es ist uneingeschränkt anzustreben, dass junge Menschen möglichst breite Kenntnisse über religiöse und nicht religiöse Wertesysteme erwerben, denen sie selbst nicht angehören“, sagte Fischer heute im Landtag zum Antrag der LINKEN. Gegen die implizite Forderung, den Religionsunterricht ganz abzuschaffen, sprach er sich „ausdrücklich“ aus.
Richtig stellte er allerdings fest, dass die konfessionsfreien Menschen heute bereits die größte weltanschauliche Gruppierung in Deutschland darstellen. Für ihn sei es nicht akzeptabel, „wenn die Abmeldung vom Religionsunterricht weniger der weltanschaulichen Überzeugung der Jugendlichen, sondern der Aussicht auf eine Freistunde entspringt.“
Fischer forderte daher, für diejenigen Schülerinnen und Schüler, die keinen konfessionsgebundenen Religionsunterricht wahrnehmen ein paralleles Schulfach zu bieten.
Klare Ablehnung von CDU und FDP
Die Rückmeldungen aus den Fraktionen waren gemischt. Klare Ablehnung gab es erwartungsgemäß von der CDU, deren Abgeordnete Todsen-Reese sagte: „Durch das Nebeneinander von Philosophie und konfessionellem Unterricht wird Schleswig-Holstein der Pluralität gerecht. Es werden keinesfalls – wie von den Linken behauptet – Schüler anderen Glaubens oder Konfessionslose ausgegrenzt.“
Die FDP sprang der Kritik seitens der CDU bei und Jens-Uwe Dankert fragte, „Wie soll sicher gestellt werden, dass über alle Weltanschauungen und Religionen kompetent aufgeklärt wird?“ Deshalb gab es gegenüber der „Vermischung“ religiöser und weltanschaulicher Inhalte Ablehnung von der Partei.
Differenzierter äußerten sich die Grünen. „Das Thema unterliegt dem gesellschaftlichen Wandel. Viele Kinder haben mittlerweile einen bi-nationalen und bi-religiösen Hintergrund. Deshalb sollte die Debatte behutsam und nicht in der Rhetorik des Kulturkampfes geführt werden“, so Anke Erdmann.
Große Unterstützung gab es dagegen vom südschlesischen Wählerverband SSW: „Es gibt berechtigte Zweifel, ob das Modell des konfessionell gebundenen Bekenntnisunterrichtes weiter durchexerziert und auf weitere Konfessionen ausgeweitet werden sollte“, sagte Anke Spoorendonk.
Scharfe Kritik an Votum über Antrag
Der Antrag der LINKEN wurde schließlich vom klar christlich-konservativ dominierten Parlament abgelehnt, eine breite Mehrheit votierte gegen die Pläne weltanschaulich- und konfessionell ausgerichtete Unterrichtsinhalte nachhaltig zu modernisieren und der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation anzupassen.
Diese klare Ablehnung wurde von einigen Rednern massiv kritisiert. Sie forderten, dass eine vertiefende Ausschuss-Überweisung notwendig gewesen wäre.















Bekenntnisorientierter Unterricht ist ärgerlich, aber leider kaum zu beseitigen. Aber wie soll denn das Angebot für konfessionsfreie Schüler aussehen? Die haben doch, wenn ich richtig gelesen habe, Philosophie.
Ich befürchte, dass konfessionsfreie Schüler durch die Hintertür einer neuen Bevormundung ausgesetzt werden sollen. Eine intensive Beschäftigung mit der Philosophie wirkt wie eine Immunisierung gegen Religionen. Und dazu bedarf es nicht einmal der Philosophen aus dem rationalisischen Traditionsstrang.
Philosophie sorgt für eigenständiges Denken, selbst wenn die Philosophen Schopenhauer, Husserl oder Arendt heißen.
Hallo,
der Philosophieunterricht ist nicht als Ersatz für einen weltanschaulichen/religionskundlichen Unterricht geeignet, weil er nur einen Teilausschnitt des gesamten Themas behandelt. Soll ein Philosophieunterricht ernsthaft einen weltanschaulichen Unterricht ersetzen, muss er so erweitert und verbessert werden, dass es im Prinzip auf die gleichen Inhalte hinausläuft – welchen Namen das Kind schließlich trägt, ist dabei nur eine Nebensache!
Wird der Religionsunterricht “aufgeweicht” , werden die Religionen früher oder später von den Schulen abwandern . Ähnlich den Koran-Schulen werden Bibelschulen entstehen und ihr könnt euch vorstellen welcher Mist den Kindern da Beigebracht wird . Ähnlich wie in den USA , könnten die Kinder die Religionsunterricht ohne Staatliche Kontrolle bekommen , gegen Rationales Denken und Pluralität immunisiert werden .