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Wenn Bildungsminister missionieren

CDU-Bildungsminister Henry Tesch und Kirchen arbeiten Hand in Hand, um die kirchenferne Schülerschaft in M-V zu evangelisieren. Foto: Landesregierung M-V

Im kirchenfernen Mecklenburg-Vorpommern wurden vor kurzem die Gewinner eines vom Bildungsministerium unterstützten Bibelwettbewerbs ausgezeichnet, der in Zusammenarbeit mit den Kirchen organisiert wurde. Er diente zur Missionierung der Schüler; Ministerialrat und Kirchenfunktionär Ulrich Hojczyk versuchte eine öffentliche Debatte über den Wettbewerb zu unterbinden und Bildungsminister Henry Tesch (CDU) persönlich hat nun die Sieger ausgezeichnet.

Kommentar

Im Werbeflyer zum Wettbewerb erfahren die Schüler folgendes:

“Wenn Ihr die Bibel zur Hand nehmt und in ihr lest, erfahrt ihr viel über den Ursprung unseres Verhaltens, unerer Gewohnheiten und unseres Lebensablaufes. Ihr werdet merken, wie spannend es ist zu erfahren, wie stark die Bibel unser menschliches Denken und Handeln, unsere Sprache und unser Recht, unsere Wissenschaft und unsere Kunst geprägt hat. Deshalb lasst Euch einladen über die gestellten Themen nachzudenken und sie nach Euren Vorstellungen in einen Beitrag umzusetzen. Ich jedenfalls wünsche Euch hierbei sehr viele gute Ideen und viel Freude bei der Gestaltung der Beiträge.

Henry Tesch, Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur Mecklenburg-Vorpommern”

Der HVD-Landesverband kritisierte den Wettbewerb:

Als Humanisten treten wir ein für Toleranz und den Diskurs zwischen den Religionen und Weltanschauungen, jedoch auch für die Trennung von Staat und Kirche, welche von Minister Henry Tesch, hier sogar als Schirmherr auftretend, massiv verletzt wird. Zum wiederholten Male wird eine Sonderaktion zur Förderung der christlichen Religion vom Bildungsminister mitgetragen. Hiermit wenden wir uns öffentlich gegen eine hinkende, schieflastige Bildungspolitik in MV.

Der Bibelwettbewerb ruft nämlich nicht nur die Teilnehmer am Religionsunterricht auf, sondern alle Schüler. Alle andersgläubigen oder nichtgläubigen Schüler und Eltern verlieren auf diese Weise das Vertrauen darauf, dass der demokratische Staat religiös und weltanschaulich neutral ist, wie unser Grundgesetz es verlangt. Dieser Zustand ist nicht akzeptabel.

Wir halten die Bibel für einen Teil unseres kulturellen Erbes wie andere Teile des Erbes auch. Wir kennen die Bibel und sagen, Minister Tesch charakterisiert sie mit seinen obigen Worten weit überhöht, so als wäre sie wirklich das Wort Gottes. In seinem politischen Amt darf er eine solche explizite Bevorzugung des Christentums wie auch jeder anderen Religion oder Weltanschauung nicht unterstützen.

Der Blogger Matthias Krause alias „Skydaddy“ kritisierte ebenfalls den Wettbewerb und schickte daraufhin eine Anfrage an das Bildungsministerium. Darin nannte er die Ansprechperson, wie sie im Flyer zur Veranstaltung für Rückfragen genannt wird. Zitat aus dem Flyer, den man nach wie vor abrufen kann:

“für Rückfragen und Beratung zum Wettbewerb sowie

Abgabe der Arbeiten:

BILDUNGSMINISTERIUM

z.Hd. Herrn MR U. Hojczyk

Werderstraße 124

19055 Schwerin

Telefon: Frau Goldenbogen 0385/5887451

Fax: 0385/5887087

e-Mail: U.Goldenbogen@bm.mv-regierung.de

Internet: www.bm.mv-regierung.de oder

www.bildung-mv.de”

Ministerialrat Ulrich Hojczyk hinterließ auf Skydaddys Blog hierauf folgenden Kommentar:

Sehr geehrter Herr Krause,
gerne ist das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur Mecklenburg-Vorpommern, 19055 Schwerin, Werderstraße 124, über seine Pressestelle bereit, Anfragen jeglicher Art zu beantworten. Es wird allerdings nicht, wie auf o.g. Webseite eine öffentliche Diskussion mit einzelnen Mitarbeitern seiner Behörde über das Internet zulassen. Als Dienstvorgesetzter von [Name der Person entfernt, MK] fordere ich sie auf, diesen Brief mit persönlicher Anrede umgehend aus dem Netz zu entfernen.

Ulrich Hojczyk
Ministerialrat, Leiter des Referates für die Angelegenheiten der Kirchen und religiösen Gemeinschaften

Natürlich besteht keinerlei Rechtsanspruch darauf, dass man den Adressaten eines Briefes, den man jemandem zuschickt, aus dem Netz entfernt, ebensowenig den Brief. Insbesondere, wenn die werte Dame als offizielle Ansprechsperson im Flyer des Ministeriums genannt wird. Klar haben einfache Mitarbeiter nicht viel zu melden und entsprechend kritisieren wir sie auch nicht. Es ist doch eher unwahrscheinlich, dass die paar atheistische Aktivisten Mitarbeiter des Ministeriums belästigen; natürlich sollten sie das nicht tun und es wäre mir neu, dass sie dies tun würden. Ulrich Hojczyk kann außerdem durchaus seiner Untergebenen als Dienstvorgesetzter untersagen, mit Atheisten im Internet zu debattieren, oder auf ihre Anfragen einzugehen, obgleich ein solches Verhalten natürlich öffentlich kritisiert werden könnte. Aber uns Atheisten hat Herr Hojczyk gar nichts vorzuschreiben! Nichts! Das ist der entscheidende Punkt. Und wenn er es trotzdem versucht, dann ist das ein Angriff auf den öffentlichen Diskurs und somit auf die Grundlagen der freien Gesellschaft.

Übrigens ist kein Mensch im Bildungsministerium auf die Kritik von Matthias Krause eingegangen, also von wegen “bereit, Anfragen jeglicher Art zu beantworten”. Vielleicht hätte man hinzufügen sollen: “…es sei denn, die Anfragen stammen von Atheisten. Die sollen schweigend akzeptieren, dass wir ihr Geld zur Missionierung ihrer Kinder einsetzen und darüber hinaus interessieren sie uns nicht.”

Wie Jörg Rings habe ich keinerlei Verständnis dafür, dass die offizielle Ansprechsperson nicht in kritischen Publikationen genannt werden soll. Wozu gibt es denn offizielle Ansprechspersonen, wenn man sie nicht offiziell ansprechen darf? Aber der eigentliche Knackpunkt ist die Aufforderung, den kritischen Brief zu löschen. Das geht nicht, öffentliche Kritik ist unser Recht und wer auf unseren Rechten herumtrampelt, der wird die Konsequenzen tragen, nämlich eine umso stärkere öffentliche Kritik.

Wie Matthias Krause korrekt feststellt, geht der Wettbewerb über eine rein kulturelle Beschäftigung mit der Bibel hinaus und hat einen missionierenden Charakter, was man unter anderem erkennen kann an der Zusammenarbeit des Ministeriums mit Kirchenfunktionären und an solchen Themen:

Schöpfung erleben
Aus der Bibel leben
Biblische Perspektive

Um die Schöpfung erleben zu können, muss es zunächst eine Schöpfung und somit einen Schöpfer geben, oder? In einem aktuellen Artikel im Neuen Deutschland heißt es zum Thema:

»Wenn jeder die zehn Gebote kennen würde, wäre vieles leichter.« Der Kirchenreferent des Bildungsministeriums, Ulrich Hojczyk, denkt dabei etwa an das Problem der Jugendgewalt.

Ist das so? In den zehn Geboten heißt es:

Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation;

Ist es besonders zuträglich, Gott als gutes Beispiel zu nehmen und sich an den Kindern und Kindeskindern derjenigen zu rächen, die anderen Göttern dienen? In den zehn Geboten werden Frauen als Besitz von Männern dargestellt und mit Sklaven und mit Rindern gleichgesetzt:

Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, seinem Rind oder seinem Esel oder nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.

Soll es etwa beitragen zur Reduzierung der Jugendkriminalität, wenn wir uns Sklaven halten und wenn wir unsere Frauen wie Tiere behandeln?

Wie wäre es, wenn Sie mal Ihr eigenes Heiliges Buch lesen würden, Herr Kirchenreferent, bevor sie es atheistischen Schülern aufnötigen? Wir wollen keine primitiven Ergüsse von ungebildeten Wüstenvölkern, die vor ein paar tausend Jahren gelebt haben und die laut dem Alten Testament, in dem auch die zehn Gebote stehen, ihre ungehorsamen Kinder öffentlich steinigen und Schwule erschlagen sollten.

Kein Wunder, dass das Ministerium versucht hat, eine kritische Debatte zu unterbinden. Am Ende hätten die 3/4 der Mecklenburger, die konfessionsfrei sind, noch gegen den Wettbewerb protestiert, bei dem ihre Kinder christlich indoktriniert wurden. Im Neuen Deutschland heißt es weiter:

“Hojczyk reagiert etwas genervt auf den Humanistischen Verband: »Das ist ein Verband von 15 bis 20 Leuten, die immer nur meckern, aber nichts entgegenzusetzen haben.« Es sei wichtig, dass allen Schülern ermöglicht werde, die christliche Prägung unserer Gesellschaft zu verstehen, betont der Kirchenreferent.”

Es gibt also nicht viele organisierte Atheisten im HVD-Landesverband, darum darf man auf den Rechten der großen Mehrheit der Mecklenburger herumtrampeln und ihre Kinder mit ihren eigenen Steuergelder missionieren. Alles klar! Für unsere politischen Repräsentanten, die Staat und Kirche nicht unterscheiden wollen, hatte die Geschichte trotz der erfolglos unterbundenen Kritik auf kleinen Atheistenblogs ein Happy End:

“Kultusminister Henry Tesch (CDU) hat am Mittwoch die Sieger des diesjährigen Schüler-Bibelwettbewerbs ausgezeichnet. Vor rund 600 Schülern auf dem Marktplatz von Waren (Müritz) vergab Tesch Preise in vier Altersgruppen. Die ersten Preise gingen an die Evangelische Johannes-Schule Langhagen, die Klasse 6 der Kooperativen Gesamtschule Dorf Mecklenburg, die Klasse 8b der Don-Bosco-Schule Rostock und an Isabelle Henning von der Berufsschule Rostock.”

Auf der Website des Ministeriums gibt es die ganze Liste der Preisträger. Die Kinder haben so wissenschaftliche Arbeiten über den Einfluss der Bibel auf unsere Kultur erstellt, wie zum Beispiel eine Videodokumentation zum Thema „Jesus damals – Jesus heute“, ein Schöpfungsbuch mit dem Titel „Schöpfung erleben“, den Entwurf einer Zeitungsseite für die Ausgabe der „Neuen Kirchen Zeitung“ im Erzbistum Hamburg, den Predigtaufsatz „Sinn des Lebens“ und mehr derartige kulturwissenschaftlichen Analysen. Jeder sieht natürlich sofort, dass es sich hier keineswegs um eine Beschäftigung mit der Bibel aus neutraler Perspektive zu Gunsten der Bildung der Kleinen handelt, wie das Ministerium versucht uns vorzuspielen, sondern dass hier eindeutig religiöse Zwecke am Werk sind!

Lieber Herr Tesch, lieber Herr Hojczyk, veralbern kann ich mich alleine und eine kritische Berichterstattung wird es weiterhin geben, solange Politiker und Kirchenfunktionäre kaum zu unterscheiden sind.

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