wissenrockt.de

wissenrockt.de

Startseite » News » Für einen freien Markt der Religionen

Für einen freien Markt der Religionen

Bizarre religiöse Rituale deutscher Soldaten inmitten von Afghanistan, 2007. Speer meint, Forderungen nach Säkularität sind überholt. Foto: Bundeswehr

Der Arbeitskreis “Laizisten in der SPD” sei weder innovativ noch erfolgversprechend, meint der Politikwissenschaftler Sven Speer und er urteilt, dass dessen Forderungen “kaum die angemessene Antwort auf die Herausforderungen der Zeit” sind. Schließlich wäre eine christlich-großkirchliche Monopolisierung des öffentlichen Lebens heute nicht mehr zu befürchten, zudem wollen konfessionsfreie Menschen gar keine radikale Trennung von Staat und Religionen.

Religionsökonomen sind Wissenschaftler, die von einem religiösen Marktplatz ausgehen und von einem freien Wettbewerb der Religionen. Eine beliebte Schlussfolgerung ihrerseits lautet, dass Religionskritiker ein besonderes Interesse an der staatlichen Bevorzugung bestimmter Kirchen haben sollten, um den religiösen Markt und somit die Ausbreitung der Religionen zu unterdrücken.

Der Politikwissenschaftler Sven Speer drückt es so aus: „Unter Religionsökonomen sind es daher die Religionsaffinen, die sich für eine Trennung von Staat und Religion einsetzen, während die Religionskritiker unter ihnen die politische Unterstützung von Religion fordern – um langfristig die Religiosität in der Bevölkerung zu verringern.“ Die Religionsökonomen unterliegen allerdings einem verhängnisvollen Irrtum. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall und die staatliche Bevorzugung einer Religion (in Deutschland gibt es zahlreiche staatliche Verträge mit den christlichen Großkirchen) ist ein gewaltiger Fehler für alle, die an einer Reduzierung der Religion interessiert sind.

Das Marktmodell der Religionen ist an sich bereits fehlerhaft, da Menschen in der Regel eben nicht ihre Religion auswählen, wie sie ihre Autos auswählen. Vielmehr bleiben die meisten Menschen bei der Religion ihrer Eltern und wechseln allenfalls, wie in den USA, die Konfession oder die Gemeinde. Aktuell gibt es einen Trend, dass die Menschen in den modernen Industrienationen dem Glauben generell den Rücken kehren. Es kann durchaus zur Beantwortung von Einzelfragen Sinn ergeben, das Marktmodell anzuwenden. Die häufig vertretene Meinung von Forschern mit einer dominant religionsökonomischen Perspektive, dass ein freier Religionsmarkt die Religionen fördere, ist allerdings schlichtweg falsch.

In seinem Beitrag The Big Religion Questions Finally Solved (Free Inquiry; Dec. 2008/Jan. 2009) gibt der Religionssoziologe Gregory S. Paul mehrere Gründe an, warum dies so ist:

1. Kanada, Australien und Neuseeland haben seit zweihundert Jahren keine Staatskirche und sie sind viel weniger religiös als Länder mit einer Staatskirche. Es sind gerade die religiösesten Länder Westeuropas, die eine einzige dominante Kirche haben: Irland, Italien und Spanien.

2. In den USA korreliert ein hoher Grad von religiöser Pluralität mit niedrigen Graden von Religiosität.

3. Die religiösesten Länder der Welt sind islamistische Theokratien, wo kein freier Markt der Religionen existiert.

Für mehr Vielfalt auf dem Religionsmarkt

Ich bin in einem früheren Artikel bereits detaillierter auf das Thema eingegangen. Dort schrieb ich: “Je stärker sich die Regierung [...] in religiöse Belange einmischt, zum Beispiel durch die finanzielle Förderung der beiden christlichen Großkirchen, desto weniger zufrieden sind Gläubige mit ihrer Kirche – und desto höher ist die allgemeine Religiosität. Diesen Zusammenhang belegt eine neue Studie. Laut der in Teil 2 präsentierten Studie von Tom Rees sind die staatliche Regulierung der Religionsgemeinschaften und der geringere Pluralismus der religiöseren Länder für ganze 18 Prozent der Gesamtreligiosität verantwortlich.”

Warum einige Länder religiöser sind als andere. Bild: Tom Rees

Der absolute Wahrheitsanspruch lässt sich schließlich nur schwer aufrechterhalten, wenn man von Religionsgemeinschaften umgeben ist, die ebenso frei erfundene Dinge glauben, für die sie ebenso keine Belege vorweisen können. Der eigene Glaube kommt den Menschen eher seltsam vor, wenn nebenan die Pastafari ihr fliegendes Spaghettimonster verehren. Zudem kann durch freien Wettbewerb am Religionsmarkt garantiert werden, dass die Religionsgemeinschaften ihren sozialen Verpflichtungen nachkommen und das Geld auch wirklich für ihre Gemeinden ausgeben. Monopolisten verfahren da anders, wie wir es in Deutschland erleben dürfen.

Die Regulierung gesellschaftlicher, religiöser und politischer Freiheit durch die Regierung macht religiöse Menschen deutlich unglücklicher. Je freier eine Gesellschaft, desto zufriedener die Gläubigen, denn sie können sich genau die Gemeinde aussuchen, die ihre Bedürfnisse am ehesten befriedigt. Je mehr eine Regierung eine bestimmte Gruppierung bevorzugt, desto unzufriedener und unglücklicher werden die Gläubigen.

In Deutschland zahlen die Bürger, unabhängig von ihrer Konfession, 98 Prozent der kirchlichen Sozialkonzerne (Caritas, Diakonie, etc.) von ihren Einkommenssteuern und Beiträgen, außerdem zahlen sie die Gehälter der katholischen Bischöfe. Von ihren Kirchensteuern bezahlen die Angestellten der Sozialkonzerne wiederum einen Teil ihrer eigenen Gehälter, der Rest wird von den Kirchensteuern allgemein finanziert. Diese Praxis widerspricht zwar der grundgesetzlich verankerten Trennung von Kirche und Staat, aber das kümmert Politiker nicht.

Vielleicht könnte sich das ändern, sobald Gläubige einsehen, dass die Trennung von Kirche und Staat eindeutig in ihrem Interesse liegt. Die einzigen Profiteure der aktuellen Regelung sind nicht die Durchschnittsgläubigen, sondern wenige Bischöfe und Chefs der Kirchen, die sich aus allgemeinen Steuermitteln ein schönes Leben machen. Die Trennung von Kirche und Staat ist somit ein gemeinsames Anliegen von Gläubigen und Atheisten.

Fazit

Als ich den Beitrag von Sven Speer gegen die Laizisten in der SPD gelesen habe, glaubte ich zuerst, er wäre ein Kirchenfunktionär. Insbesondere stört mich diese Stelle: “In Gesetzen, Verfassungen und im öffentlichen Raum allgemein wollen die Initiatoren jegliche Gottesbezüge streichen und so säkulare Begründungen von Normen monopolisieren. Neutral wäre in meinen Augen, nach Formulierungen zu suchen, die offen und akzeptabel sowohl für religiöse als auch für nichtreligiöse Menschen sind.”

Es müsste doch offensichtlich sein, dass Gottesbezüge für Atheisten eben nicht akzeptabel sind! Darum sind sie ja zu streichen! Welche Formulierungen, die Gottesbezüge nicht ausschließen, aber die für religiöse und nichtreligiöse Menschen gleichermaßen akzeptabel sind, sollte es denn geben? Selbstverständlich muss im öffentlichen Raum eine Sprache gesprochen werden, die für alle verständlich ist, und diese Sprache kann nur weltlich sein, denn was auch immer manche Leute über das Übernatürliche denken – und das sind die verschiedensten Dinge –, so bezweifelt doch niemand die Existenz der natürlichen Welt!

Angesichts von Speers Beitrag Warum die Plätze im Himmelreich knapp sind, Jehovas Zeugen keinen Geburtstag feiern und Religionskritiker die politische Unterstützung von Religion fordern sieht es so aus, als würde er sich vor allem gegen eine Einschränkung der staatlichen Förderung der beiden Großkirchen richten, weil er glaubt, dass jene die Religion in Schach halte. Wie aufgezeigt wurde, ist dies jedoch falsch. Vielmehr wird auf diese Weise die Religiosität der Bevölkerung gefördert. Ein freier Markt der Religionen ist dagegen im Interesse von Religionskritikern, keinesfalls die staatliche Bevorzugung bestimmter Kirchen und Konfessionen. Soziologische Studien zeigen dies eindeutig.

Wirres aus der Theologenhochburg

Kommentar von Arik Platzek

“Weder innovativ noch erfolgversprechend” verurteilt Sven Speer, Mitarbeiter an einem sogenannten “Exzellenzcluster”, die Initiative zum SPD-Arbeitskreis zum Scheitern. Auf vollkommen falschen Annahmen fuße also das bisherige Engagement der Sozialdemokraten, will sein Urteil damit implizieren. Aber Speers Beitrag selbst entpuppt sich als Blindgänger, da er weder tragfähige Prämissen noch korrekte Schlüsse liefern kann. Warum sich die SPD 1959 von ihren “antiklerikalen” und “antireligiösen” Forderungen getrennt hat, will er zwar nicht erklären aber immer seiner Rede als Fakt voraussetzen. Warum? Es ist Rhetorik, die deutlich machen soll, die SPD hätte sich “aus gutem Grund” von ihrer vormals säkularen Haltung verabschiedet und das Ansinnen des SPD-Arbeitskreises käme somit rund 50 Jahre zu spät. Dass nur im Zuge intensiven kirchlichen Lobbyismus die SPD wie auch später die FDP ihre anfangs entschieden säkulare Haltung aufgegeben haben und deshalb gerade die Gründungsinitiative verursacht hat, stört die Logik des Beitrags, der wohl von seinem vorher festgelegten Titel her aufgebaut wurde.

Speer verschweigt bei seinem nonchalanten Hinweis, auch “ein großer Teil anderer nichtstaatlicher Einrichtungen” werde vom Staat unterstützt, dass diese sich im Gegensatz zu den Kirchen weder ein diskriminierendes Arbeitsrecht mit zwangskonfessioneller Ausrichtung einräumen dürfen noch die Erfüllung öffentlicher Aufgaben als Werbefläche für eine bestimmte Religion missbrauchen. Schließlich phantasiert er sogar von einer “zeitgemäßen demokratischen Finanzierung von Religionen und Weltanschauungen” als die moderne Leitidee, auf welche beide Großkirchen Deutschlands in Zeiten rasenden Mitgliederschwunds nur gewartet hätten. Er warnt schließlich vor dem “Versuch, säkulare Deutungen zu monopolisieren” und man ist überrascht, dass er sich nicht noch für die Abschaffung der säkularen Mathematik oder die Einführung nichtsäkularer Deutungen im Biologieunterricht einsetzt.

Wirklich verquer wird es jedoch erst im letzten Abschnitt. Er stellt in Frage, dass konfessionsfreie Menschen überhaupt eine Trennung von Staat und Kirchen wollen und meint, dass säkulare Forderungen mit geringerer Religiosität der Gesellschaft weniger attraktiv werden. Wahr ist wohl, dass beispielsweise diskriminierungskritische Forderungen weniger oft geäußert werden, wenn eine Gesellschaft weniger Diskriminierung empfindet. Warum nun aber, um den Vergleich zu ziehen, den Menschen einer diskriminierungsfreien Gesellschaft die Idee einer diskriminierungsfreien Gesellschaft weniger attraktiv scheinen sollte wie auch seiner Auffassung nach konfessionsfreien Menschen die Idee eines säkularen Staates nicht attraktiv scheint, bleibt genauso wenig schlüssig wie die Behauptung Speers, dass die säkularen Vereinigungen einer Fehleinschätzung unterliegen.

Denn die Einschätzung der säkularen Organisationen – und das hat Speer nicht verstanden – zielt nicht auf eine kirchengleiche Assimilation aller Konfessionsfreien, sondern auf die Vertretung von Interessen. Weshalb Speer daraus, dass viele ostdeutsche Konfessionsfreie weniger als ihre westdeutschen Mitbürger in explizit säkularen Interessenvertretungen organisiert sind, sodann gleich schließen will, dass das Anliegen des Laizisten-Arbeitskreises schon jetzt zum Scheitern verurteilt ist, weiß man wohl nur an Speers Arbeitsplatz, der Theologenhochburg Münster. Und dass es den Menschen im finanzschwachen Ostdeutschland sogar egal sei, wenn sie erfahren, wer und warum mit ihren Steuermitteln reichlich beschenkt wird, darf in Münster ruhig weiter geglaubt werden.

Datenschutzinformation
Diskussion - Bisher 3 Kommentare - Kommentar schreiben
  •  

    Herzlichen Dank für die interessanten Stellungnahmen! Besonders spannend fand ich die Versuche, meine religiös-weltanschauliche Perspektive und meine Ziele einzuordnen. Um das Rätsel zu lüften, habe ich die Gretchenfrage nun in meinem Blog beantwortet (http://religionspolitik.blogspot.com/2010/06/die-gretchenfrage-und-meine-antwort.html). Die Diskussion um die politische Ökonomie der Religion und die Laizisten in der FDP werde ich in den nächsten Tagen aufgreifen.

  •  

    Ach du meine Güte. Wenn solche uninfomrierten Texte wie die auf dem Blog Herrn Speer das Ergebnis von Excellenz in den Wissenschaften sind, dann ist wohl vieles faul am Wissenschaftsstandort Deutschland. Lieber Herr Speer: Bitte schauen Sie doch genauer hin seien Sie in der Ahnungslosigkeit nicht gar so meinungstark. Man könnte ja sonst meinen, Sie vermischen Ihr FDP-Funktionärstum mit Ihrer Wissenschaft…

  •  

    @xyz: Der Vorwurf der Parteilichkeit ist lächerlich. Schauen Sie sich bitte die Positionen der FDP und die innerparteilichen Debatten in der FDP zur Religionspolitik an. Dann stellen Sie ganz schnell fest, dass sich meine Position sehr deutlich von der der FDP unterscheidet. Zum Vorwurf der Uninformiertheit kann ich leider nichts sagen, da er nicht begründet wird.

 
Zuschauer
Schaufenster