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"Humanismus erlebbar machen"

Humanismus praktisch und erlebbar sein zu lassen, dafür plädiert HVD-Präsident Frieder Otto Wolf. Das Foto zeigt den Abschluss einer Jugendfeier von jungen Humanistinnen und Humanisten aus Hannover, Nürnberg und Brandenburg. Foto: JuHu Bund

In der vor kurzem erschienen Ausgabe der “diesseits”, dem Verbandsmagazin des Humanistischen Verbandes Deutschlands, nahmen sowohl der amtierende wie auch der ehemalige Präsident von Deutschlands größter Organisation konfessionsfreier Menschen ausführlich Stellung zur Lage des HVD. Im Interview nimmt der amtierende Präsident Frieder Otto Wolf zu offenen Fragen Stellung und verrät, was in seinen Augen humanistische Menschen verbindet.

Lange Zeit war es ruhig um das Bundespräsidium des Humanistischen Verbandes Deutschlands, nachdem Anfang Januar mit dem unerwarteten Rücktritt Horst Groschopps ein langjähriger Präsident des Bundesverbandes für viele überraschend sein Amt niedergelegt hatte. Im neu erschienen HVD-Verbandsmagazin “diesseits” beschreibt der nun amtierende Präsident Frieder Otto Wolf in einem zweiseitigen Beitrag unter dem Titel “Wachstumsprobleme” seine Sicht der Lage von Deutschlands größter Vereinigung religionsfreier Menschen. Wolf sieht sich dabei als Moderator in einer “Übergangssituation” mit dem “klaren Bewusstsein, dass heute schon eine Reihe von Weichenstellungen nötig sind”. Aber auch Horst Groschopp veröffentlichte mit einem “Zwischenruf” die erste öffentlichkeitswirksame Stellungnahme seit seinem Rücktritt. Während Wolf dafür plädiert, sich für einen “praktischen Humanismus” zu engagieren, schlägt Groschopp vor, sich stärker mit dem Studium und der Anerkennung des lebendigen Humanismus zu beschäftigen. Im Interview mit wissenrockt.de nahm Frieder Otto Wolf nun Stellung zu einigen offenen Fragen. Er habilitierte 1973 in Philosophie und war von 1994 bis 1999 für Bündnis 90/Die Grünen Mitglied des Europäischen Parlaments. Derzeit lehrt er an der Freien Universität Berlin.

wissenrockt.de: Vor einigen Tagen erschien die neue „diesseits“. Dort haben Sie einen zweiseitigen Aufsatz mit dem Titel „Wachstumsproblem“ verfasst. Können Sie in zwei oder drei Sätzen zusammenfassen, worin die Wachstumsprobleme bestehen?
Frieder Otto Wolf: Erstens gibt es teilweise Schwierigkeiten, unser Konzept des praktischen Humanismus in den Bundesländern mit ihren jeweils unterschiedlichen Bedingungen auszubauen. Das sind auch Schwierigkeiten unserer öffentlichen Darstellung. Wir sind in der lokalen Arbeit vor Ort ganz gut, aber in der Selbstdarstellung kommt das nicht so rüber.

wissenrockt.de: Was ist mit öffentlicher Selbstdarstellung gemeint?
Wolf: Wir als Bundesverband haben eigentlich zu ganz vielen Sachen etwas zu sagen. Aber wir schaffen es nicht, das immer rechtzeitig und deutlich genug zu tun. Das liegt im Wesentlichen daran, dass wir es noch nicht geschafft haben, die Kompetenz „vor Ort“ in den Landesverbänden tatsächlich auch für bundespolitische Angelegenheiten zu nutzen.

wissenrockt.de: Haben Sie als amtierender Präsident mit ihrer Erfahrung schon konkrete Ideen, wie man diese Probleme angehen könnte?
Wolf: Was die öffentliche Selbstdarstellung angeht, werden wir jetzt auf dem Bundeshauptausschuss die, so denke ich, richtigen Beschlüsse fassen. Wir haben auch das Ziel, uns moderner aufzustellen und angefangen, uns mit Blick auf die Kompetenzschwerpunkte in den Landesverbänden stärker zu vernetzen.

Wissenrockt.de: Was für eine Form von Vernetzungsarbeit ist hier gemeint?
Wolf: Wir haben begonnen, mit anderen Landesverbänden darüber zu sprechen, welche Art von praktischem Humanismus für sie wichtig wäre und verschaffen uns gerade einen Überblick, wo in den einzelnen Landesverbänden die dementsprechenden AnsprechpartnerInnen aus den Arbeitsfeldern vorhanden sind. Diese sollen künftig stärker kooperieren, wie das z.B. auf dem Gebiet unserer humanistischen Jugendfeiern seit Jahren gut funktioniert.

wissenrockt.de: Im diesseits-Beitrag wurden auch Orientierungsprobleme angesprochen. Worin bestehen diese?
Wolf: Wir haben 2001 zuletzt unser Humanistisches Selbstverständnis formuliert. Aber angesichts der wachsenden Bedeutung säkularer Positionen in Deutschland haben wir da heute Konkretisierungs- und Erweiterungsbedarf. Angesichts der mittlerweile vielerorts aufkommenden Debatte über  säkulare Orientierungen und Humanismus haben wir in diesem Bereich auch Forschungsbedarf. Und den gehen wir ebenfalls gerade an.

Frieder Otto Wolf. Foto: Evelin Frerk

wissenrockt.de: Ihr Hinweis auf den Konkretisierungs- und Erweiterungsbedarf des Humanistischen Selbstverständnisses fand sich ja auch in der Erklärung zum Rücktritt Horst Groschopps. Dort wurde recht allgemein von Veränderungen gesprochen, aber welche sind denn konkret gemeint?
Wolf: Es ist ein Punkt, dass es nicht möglich ist, sich die Antworten darauf vorher auszudenken und zu implementieren. Das muss im Dialog mit den verschiedenen Gliederungen passieren und das ist ein langsamer und manchmal auch etwas komplizierter Prozess. Den Grundgedanken kann man aber schon erklären: Wir sind nicht nur eine Weltanschauungsgemeinschaft, sondern wir ziehen aus unserer Weltanschauung auch praktische und politische Konsequenzen. Und in dem Maß, wie es uns gelingt, das auch bundespolitisch einzubringen, haben wir auch ganz gute Chancen, unseren praktischen Humanismus in der bundesweiten Öffentlichkeit hör- und sichtbar zu machen. Als Beispiel kann man hier die Auseinandersetzung um die Patientenverfügung nehmen.

wissenrockt.de: Wenn man derzeit die Medien verfolgt und sich mit den Organisationen beschäftigt, die sich für einen religionsfreien Humanismus einsetzen, ist es eine vielfach sehr politische, ideologische und theoretische Debatte.  Sie sprechen nun häufig von praktischem Humanismus. Was ist damit gemeint?
Wolf: Praktischer Humanismus bedeutet vor allem, dass man an der lebenspraktischen Erfahrung der Menschen ansetzt und nicht immer nur intellektuelle Bedürfnisse befriedigt. Natürlich sind intellektuelle Debatten wichtig und wir pflegen sie auch. Aber als Humanistischer Verband haben wir ebenfalls den Anspruch, breiter die Fragen und Bedürfnisse der Konfessionsfreien aufzugreifen. Und ich denke, das ist mit diesem Angebot von praktischen Initiativen, in denen erfahrbar wird, was Humanismus bedeutet, zu leisten. Das ist etwas, was vor Ort geschieht und wo dann allmählich praktischer Humanismus sichtbar wird.

wissenrockt.de: Können Sie uns eine Handvoll von Beispielen nennen, wie in den derzeit ja noch recht unregelmäßig verteilten Organisationen des HVD praktischer Humanismus verwirklicht wird?
Wolf: Ein wichtiges Beispiel, auch wegen seiner bundespolitischen Bedeutung, ist unser Angebot der Patientenverfügungen. Diese sind ganz wichtig, um die Selbstbestimmung am Lebensende zu konkretisieren. Das ist sicherlich ein Bereich, wo wir ein brennendes Bedürfnis vieler Menschen aufgegriffen haben – und zwar erfolgreich und mit politischen Konsequenzen. Ebenso wichtig, wenn auch außerhalb Berlins und Brandenburgs noch nicht so weit verbreitet, ist der humanistische Lebenskundeunterricht an den Schulen als Alternative zum Religionsunterricht. Oder das Angebot humanistischer Schulen: in Nürnberg gibt es bereits eine solche, in Berlin und Bremen ist jeweils eine in Gründung. Auf  diesem Wege kommen wir dahin, Humanismus auch erlebbar zu machen. Auch die Aktivitäten im Bereich der Jugendfeiern und der Trauerreden dürfen hier nicht vergessen werden. Zu unseren praktischen Angeboten gehören aber auch Kitas, kulturelle Veranstaltungen, Bildungsreisen, humanistische Beratungen, Angebote im sozialen Spektrum und Sterbebegleitung. Humanismus beginnt oft damit, dass man einen Abschnitt des Lebens gemeinsam bewältigt

wissenrockt.de: Die Kirchen und Mitglieder haben in der Hinsicht ein sehr breites Spektrum an Angeboten, mit denen sie sich den Menschen auf den verschiedensten Ebenen zuwenden. Wo muss der HVD in ihren Augen verstärkt aktiv werden?
Wolf: Alles, was Bildung angeht, von der Kinderkrippe bis zur Hochschule, sollte ein wichtiger Schwerpunkt sein. Aber nicht nur, indem man dort interessante Inhalte vorschlägt, sondern in der Form konkreter Angebote. Weitere große Bereiche sind das Feld der Beratung, die Möglichkeiten von gemeinsamen Feiern und Selbstdarstellung als inhaltlich orientierter Gruppe. Das sind Bereiche, in denen es nach meiner Überzeugung einen enormen Bedarf und große Chancen gibt. Und wir haben inzwischen in vielen Bundesländern die Kapazitäten, diese Chancen wahrzunehmen.

wissenrockt.de: Gerade die Kirchen setzen sehr stark auf karitatives und kulturelles Engagement. Was gibt es nun im HVD für Möglichkeiten, die hier eine nennenswerte Alternative darstellen?
Wolf: Im Berliner Landesverband zum Beispiel ist die soziale Arbeit ein wichtiger Teil des Verbandes.Wir sind in Berlin am sozial-politischen Ratschlag beteiligt, der verschiedene einschlägig engagierte Organisationen im Kampf gegen Verarmung und soziale Ausschließung zusammenbringt.
Ich denke, soziale Einrichtungen sind ein wichtiges Feld. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man darauf verzichten kann. Man muss dafür aber schon ein gewisses Maß an Kompetenz aufgebaut haben, um sich in dem Bereich dauerhaft und sinnvoll etablieren zu können. Das sollte in allen Bereichen gelingen, aber die von mir zunächst genannten Bereiche sind die, die unmittelbarerentfaltet werden können und daher auch zu entfalten sind.

JuHu-Chef Florian Noack stellte fest: "Es ist ehrenamtlich kaum machbar" Foto: privat

wissenrockt.de: Wie kann man zu der Kompetenz kommen, die hier benötigt wird? Gerade kleinere Landesverbände haben vielfach die Schwierigkeit, die entsprechenden Schlüsselpositionen zu besetzen. Die Kirchen sind in der Lage, ihre Vertreter zu bezahlen und macht es für viele  Menschen einfach zur Frage einer beruflichen Entscheidung. Die Verbandsarbeit läuft in der Regel ehrenamtlich.  Welche Möglichkeiten sind da nun abzusehen?
Wolf: Ein breit aufgestellter Humanismus ist rein ehrenamtlich nicht umzusetzen. Das heißt, die Arbeit im Ehrenamt, die bei uns gut funkioniert, muß durch hauptamtliche, bezahlte Kräfte unterstützt werden. Das gilt für den gesamten Bereich der freien Träger, aber auch einen weiteren Bereich in der Sozial- und Kulturpolitik mit einem Recht auf  staatliche Unterstützung. Humanistische Feiern beispielsweise sind mit Einnahmen verbunden. Vor allem im Osten Deutschlands gibt es einzelne Regionalverbände, die davon leben. Zu praktischem Humanismus gehört immer auch die Perspektive, die Arbeit zu professionalisieren und nach Möglichkeit Einkünfte zu generieren.

wissenrockt.de: Bei der Diskussion um die finanzielle Ausstattung hatten einzelne Landesverbände, vielmehr gerade kleinere, kritisiert, dass die finanzielle Unterstützung zu gering sei. Wenn dem so ist, woran liegts?
Wolf: Das Problem ist simpel. Der Bundesverband hat nicht das Geld, um Landesverbänden mit mehr als einer Anschubfinanzierung unter die Arme zu greifen. Für eine kontinuierliche Unterstützung all der kleinen Verbände ist der Etat des Bundes nicht geeignet. Nun gibt es einige, die meinen, man könnte die finanziellen Mittel einzelner Landesverbände zentralisieren, um so etwas zu realisieren. Das wirft zwei Probleme auf: Verfügbare Mittel sind in den Landesverbänden in der Regel zweckgebunden, weil sie bestimmte Aufgaben übernommen haben. Es ist nicht möglich, dieses Geld zweckentfremdet zugunsten anderer Landesverbände zu verwenden. Außerdem wäre es auch problematisch, das intensive Engagement einzelner Verbände dadurch zu schwächen, dass man ihnen nun die erwirtschafteten Überschüsse wegnimmt. Eine Umverteilung innerhalb des Verbandes, die die Starken schwächt, führt nicht notwendigerweise dazu, dass die schwächeren Verbände auch stark werden. Es kann auch dazu führen, dass man eine Vereinsbürokratie subventioniert, welche die eigene Tragfähigkeit in der Praxis vor Ort nicht herstellen und verankern kann. Und das ist kein weiterführender Weg.

wissenrockt.de: Wie kann man sich denn vor Ort verankern, sofern man sich nun gerade auf Orts- oder Kreisebene zusammengeschlossen hat?
Wolf: Das ist nicht wirklich vom grünen Tisch aus zu entscheiden. Die Initiativen, die sich zusammengefunden haben, müssen sich von vornherein überlegen, welches Konzept eines praktischen Humanismus sie entwickeln können. Natürlich braucht ein dauerhaft existierender Verband ein Konzept, dass sich trägt und Einkünfte generiert, um nicht nur ein Zuschussgeschäft zu bleiben. Etwa “Rüstzeiten”, Besinnungsseminare oder “Zukunftswerkstätten”, sind eine ganz niederschwellige erste Möglichkeit, etwas in Angriff zu nehmen. Es ist also ganz wichtig, sich darüber  zu verständigen, was man gemeinsam als Initiative in Angriff nehmen kann und will. Gemeinsame Feiern, Jugendfeiern, Namens- und Trauerfeiern, das ist sicherlich ein Bereich mit niedriger Eingangsschwelle und wo man mit dem richtigen Konzept relativ rasch Leute findet, die diese Angebote wahrnehmen.
Dabei ist es nicht notwendig, das Rad jedes Mal neu zu erfinden, deshalb sprach ich vorhin von der Vernetzung. Wenn man weiß, was man machen will, gibt es immer Menschen in anderen Landesverbänden, die in diesem Bereich schon viel Erfahrung haben. Die kann man mit Gewinn befragen, um so leicht zu einem tragfähigen Konzept zu kommen. Und das wollen wir verstärkt organisieren, um so konkrete Angebote möglich zu machen.

wissenrockt.de: Bis wann soll so etwas organisiert werden?
Wolf: Bis zum Ende des Jahres sollte man hier etwas erwarten können. Dann werden wir einen guten Überblick haben.  Wir sind jetzt schon dabei, mit den Landesverbänden darüber zu reden, was sie wirklich wollen. Es geht schließlich nicht darum, eine komplizierte Maschinerie zu installieren, sondern es geht einfach darum, im Gespräch mit den Menschen dann konkrete Angebote zu machen.

wissenrockt.de: Im Beitrag der diesseits wurde auch Unterschiede zwischen Ost und West angesprochen – welche sehen Sie?
Wolf: Es gibt eigentlich zwei große Unterschiede. Erstens gibt es im Osten eine ganz beträchtliche Abneigung, sich zu organisieren, und das macht natürlich organisierten Humanismus etwas kompliziert. Und zum anderen gibt es im Osten eine Selbstverständlichkeit an säkularen Orientierungen, die dem Humanistischen Verband eigentlich große Chancen eröffnet. Das heißt, im Osten müssen die Menschen konkrete Angebote finden, die Idee der Dienstleistung muss noch stärker herausgearbeitet werden, ohne dass gleich eine Mitgliedschaft eine Rolle spielt. Wenn das klappt, gäbe es auch große Chancen, die Menschen zu erreichen.

wissenrockt.de: Gerade in den ostdeutschen Bundesländer sind die Verbände bisher am schwächsten repräsentiert. Ist der Eindruck vom großen Potential nicht möglicherweise ein Irrtum?
Wolf: Das kann man natürlich nicht so genau wissen. Aber ich denke, mit der Erkenntnis, dass man die Menschen nicht so leicht für eine Organisation gewinnen kann, muss man ihnen eben Dienstleistungen anbieten. Das ist so noch nicht ausreichend angekommen. Und es ist ja nicht nur Größe der Mitgliedschaft, die zählt, auch die Zahl derjenigen, die man mit seinen Angeboten erreicht, ist relevant.

wissenrockt.de: Man kann unter den politisch interessierteren Humanisten eine Vielzahl von Diskussionen beobachten, was bedeutet Humanist oder humanistisch eingestellt zu sein. Was meinen Sie denn, heißt es, Humanistin oder Humanist zu sein. Was verbindet sie?
Wolf: Wir leben in Zeiten, in denen sich sehr viel ziemlich bedrohliche Entwicklungen zuspitzen, durch die humane Minima gefährdet werden – Hunger, Armut, militärische Gewalt nehmen weltweit zu und neue Gefährdungen spitzen sich weiter zu. Da ist es nötig, das sich Menschen zusammenfinden, die hier gegensteuern wollen. Und eine humanistische Orientierung ist in dieser historischen Lage vor allem der entschlossene Wille, diesen Tendenzen zur Barbarei und zur Katastrophe zu widerstehen. Das ist durchaus möglich, auch in einem sehr breiten politischen Spektrum – von den Sozialliberalen bis zur radikalen Linken.

wissenrockt.de: Auf der politischen Ebene sieht man vielfach Bestrebungen religiöser Menschen, sich zu vernetzen. Was nun säkulare Menschen betrifft, findet man in den Parteien eher selten gleichlaufende Prozesse.
Wolf: Soweit ich es überblicken kann, gibt es inzwischen in den Parteien links von Mitte überall Versuche, solche Zusammenschlüsse zwischen säkular orientierten Menschen zu stiften, um sich innerhalb der Partei als Arbeitsgruppe zusammenzufinden. In der SPD existieren mittlerweile drei solcher Initiativen. Es ist nicht unsere Aufgabe, so etwas zu koordinieren, aber es zeigt, dass es einen Bedarf gibt. Und ich bin der Meinung, man kann darauf vertrauen, dass diese Aktivitäten in den Parteien in guten Händen sind.

"Anchorman" der Giordano Bruno Stiftung: Michael Schmidt-Salomon. Foto: A.P.

wissenrockt.de: Ab und zu wird ein Gegensatz zwischen Giordano Bruno Stiftung und Humanistischem Verband herausgestellt. Stimmt der Eindruck?
Wolf: Ich finde, das ist ein falscher Eindruck. Es gibt eine Differenz. Die Giordano Bruno Stiftung kümmert sich um weltanschauliche Grundsatzdiskussionen und der Humanistische Verband verwirklicht praktischen Humanismus. Das ist eine unterschiedliche Aufgabenstellung. Ansonsten gibt es sicherlich etwa zwischen mir und Michael Schmidt-Salomon Differenzen darüber, was wir für praktischen Humanismus halten. Aber das ist keine Differenz zwischen Giordano Bruno Stiftung und HVD. Und Michael Schmidt-Salomon ist ja auch HVD-Mitglied und steht mit seinen Auffassungen im Verband nicht allein.

wissenrockt.de: Gibt es denn Unterschiede, die abgebaut werden sollten oder gehören sie zu dem notwendigen Diskurs?
Wolf: Ich habe mit meinem Beitrag im vergangenen Jahr, den ich als Privatperson geschrieben habe, ziemlich viel Streit ausgelöst. Aber das finde ich normal und es gehört zu einer lebendigen intellektuellen Debatte dazu. Leider streitet man sich manchmal auch ziemlich unsachlich. Das finde ich nicht toll, aber man kann es vielleicht nicht immer vermeiden. Man kann den Streit nur in dem Sinne sinnvoll machen, indem man sich darum kümmert, dass er geführt wird. Wir werden die öffentliche Debatte etwa mit Schmidt-Salomon bis Ende des Jahres organisieren und das betrachten wir – und zwar von beiden Seiten – als Beitrag zur Pflege dessen, was wir als gemeinsamen intellektuellen Raum brauchen.

wissenrockt.de: Es wurde kürzlich kritisiert, der HVD sei zu schüchtern und müsse mehr politische Stellungnahmen veröffentlichen um klarer und eindeutiger Position zu beziehen.
Wolf: Wir hatten längere Zeit keine wirkliche Öffentlichkeitsarbeit auf Bundesebene. Im Moment sind wir dabei, uns hier wieder aufzustellen und unsere Öffentlichkeitsarbeit zu professionalisieren. Ich sehe es allerdings so, dass wir überall nur dort sinnvoll Stellung nehmen können, wo wir wirklich etwas wissen und sagen können. Zurzeit sehe ich relativ wenig Sinn, dass sich das Präsidium zum politischen Allrounder entwickelt, und irgendwie zu allem seinen humanistischen Senf dazu gibt, ohne wirklich inhaltlich verankert zu sein.

wissenrockt.de: Es wurde auch angesprochen, dass die Transparenz in der Verbandsarbeit nicht ausreichend ist. Woran lag das denn?
Wolf: In Strukturen wie denen des HVD ist es äußerst schwer, Transparenz herzustellen oder von allen als ausreichend empfundene Kommunikationswege zu installieren. Das ist eine Frage der Kapazitäten, der Schwerpunktsetzung, der personellen Kontinuität. Der Bundesverband verfügt über keinen Apparat, sondern nur eine Teilzeit-Verwaltungsstelle. Auch die Teilzeit-Generalsekretärin, mit der versucht worden ist, diese Lücke zu schließen, konnte das strukturell gar nicht leisten. Und das kleine Präsidium arbeitet rein ehrenamtlich. Zum Teil ist es aber auch ein Projektionseffekt, denn wenn man irgendwo in der Diskussion ist, denkt man leicht, überall würde intensiv diskutiert. Und dann entwickeln sich die lustigsten Verschwörungstheorien. Aber es ist leider oft auch so, dass im HVD auf Bundesebene doch nicht diskutiert wird. Im derzeitigen Präsidium von vier Personen gibt es natürlich wichtige Diskussionen, aber die sind doch eher selektiv und selten. Uns fehlt oft einfach die Zeit dazu angesichts dessen, was das laufende Geschäft verlangt. Auch zwischen den Geschäftsführern gibt es Diskussionen, aber die haben andere Themenschwerpunkte. Diskussionen außerhalb von Bundesdelegiertenversammlung und Bundeshauptausschuss gibt es in organisierter Form eher nicht. Von daher ist es nicht so, dass es Diskussionen im Geheimen gäbe, sondern die Diskussionen finden eher unstrukturiert statt, auf den verschiedensten Ebenen. Aber daran wollen wir arbeiten, um auf Bundesebene in Zukunftswerkstätten und gemeinsame Beratungen mit Landesverbänden ein Mehr an Diskussionen erzielen. Und wenn es uns gelungen ist, mehr bundespolitische Kompetenz aus den Landesverbänden zu nutzen, dann gibt es auch mehr Stellungnahmen. Die Verbreitung ist dann kein wirkliches Problem.

wissenrockt.de: Welche Möglichkeiten gibt es für die Menschen, welche sich für den politischen oder praktischen Humanismus in Deutschland interessieren, diese Diskussionen mit nach zu vollziehen?
Wolf: Erstens natürlich in erster Linie im eigenen Landesverband, mit den dort vorhandenen Medien. Zweitens, davon erwarte ich einiges, wird es durch die Neuaufstellung von „diesseits“ mit einer Internetcommunity zusätzliche Möglichkeiten geben, sich in die Kommunikation einzuschalten. Da gibt es dannso etwas wie den Status eines Users oder auch eines Fans, um sich auf dem Laufenden zu halten. Und wenn man nicht in einem Bundesland ist, wo es einen aktiven Landesverband gibt, kann man auch im Bundesverband Mitglied werden und so an der Kommunikation teilnehmen.

wissenrockt.de: Am Ende kurz noch die Frage, was Sie in der letzten Zeit angenehm berührt hat. Gibt es etwas, worüber Sie sich gefreut haben?
Wolf: Ich habe mich gefreut, wie positiv in den Landesverbänden die Anfragen des Präsidiums während der letzten Wochen aufgenommen wurden, in denen es darum ging, was sie wollen und wie man ihnen helfen könnte. Zu sehen, wie viel Engagement vor Ort existiert, das fand ich erfreulich.

wissenrockt.de: Herr Wolf, vielen Dank für das Gespräch.

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