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Konfessionsfreie keine Dialogpartner

Kirchen und Politiker suchen Dialog mit Muslimen, mit Konfessionsfreien aber wird er abgelehnt. Foto: Axel Hopfmann / pixelio.de

Aiman A. Maiyzek, Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland, kritisiert die ungenügende politische Berücksichtigung der Muslime. Staat und Kirchen bemühen sich deshalb um einen stärkeren Dialog. Während mehr als jeder dritte Mensch in Deutschland konfessionslos ist, bleibt ein gesellschaftspolitischer Diskurs mit dieser Gruppe aus. Obwohl mehr als drei von vier der Konfessionslosen eine humanistische Lebensauffassung teilen.

“Wir sind ein Teil dieses Landes“, empörte sich der Generalsekretär des Zentralrates der Muslime in Deutschland (ZMD), Aiman A. Mazyek auf dem Ökumenischen Kirchentag. Laut einer Meldung des christlichen Nachrichtenportals “Idea” kritisierte Mayzek, dass die rund 3,5 Millionen Muslime der Bundesrepublik nicht ausreichend in den politischen Dialog miteinbezogen werden. Es sei ein Skandal, wenn der Islam in Deutschland weiterhin nur als Randthema in der Ausländerpolitik verortet werde.

Der ZMD hätte deshalb auch seine Teilnahme der Deutschen Islamkonferenz abgesagt, so Mayzek. Es sei eine Ressourcenverschwendung, wenn der Islam nur unter dem Thema Integrations- und Ausländerpolitik behandelt wird. Die Deutsche Islamkonferenz (DIK) wurde 2006 von CDU-Innenminister Wolfgang Schäuble initiiert und ihr Ziel ist “eine bessere religions- und gesellschaftspolitische Integration der muslimischen Bevölkerung und ein gutes Miteinander aller Menschen in Deutschland, gleich welchen Glaubens.”

Gleich welchen Glaubens? Ein vergleichbares politisches Forum für den Dialog mit Interessenvertretungen religionsfreier Menschen wie der Giordano Bruno Stiftung oder dem Humanistischen Verband Deutschlands steht indes nicht in Aussicht – im Gegenteil. “Die Organisationen der so genannten Konfessionsfreien sind nicht nur von Größe und Mitgliederzahlen her mit den großen Kirchen und Religionsgemeinschaften nicht vergleichbar”, erklärten die Parteien CDU/CSU vor der Bundestagswahl 2009. Der Humanistische Verband Deutschlands hatte angefragt, ob sie zu Gesprächen mit Vertretern von Organisationen konfessionsfreier Menschen bereit wären. CDU/CSU erteilten dem eine klare Absage, weil diese Organisationen “nicht für eine einheitliche Werteposition stünden.”

Ein fragwürdiges Urteil, wie kürzlich das Verwaltungsgericht Bremen bestätigte. Beim Streit um die Zulassung einer Schule in Trägerschaft des Bremer HVD bezweifelten Vertreter des Bildungsministeriums die eigenständige weltanschauliche Qualität des Humanismusverständnisses des HVD, einem grundlegenden Konsens im bundesweiten Verband. Walter Henschen, Mitarbeiter des Bremer Ministeriums, brachte dagegen vor, der Humanismus wäre Grundlage für Verfassung, Staat und Gesellschaft. “Alles ist davon durchdrungen”, versuchte er seine Kritik zu begründen.  Eine Verwaltungsrichterin wies diesen Einwand in der Verhandlung im Februar 2010 ab: “Wieso eine Weltanschauung keine Weltanschauung mehr sein soll, nur weil sie sich durchgesetzt hat, leuchtet mir nicht ein.” Das Urteil gab dem Anliegen des HVD Bremen statt.

Während Bundespräsident Köhler in der vergangenen Woche die Kirchen zu neuen Missions-Anstrengungen aufgerufen hatte, suchen Vertreter von katholischer und evangelischer Kirche nun weiterhin den Dialog mit Islamvertretern. “Es gebe keine Alternative zum christlich-muslimischen Dialog”, erklärte Hans-Jochen Jaschke, katholischer Weihbischof des Erzbistums Hamburg. Sein evangelischer Kollege pflichtete bei: “Nur so können Angst und Vorurteile abgebaut werden.“ Das Zusammenleben in Klarheit und guter Nachbarschaft sei Ziel des Dialogs.

Eines Dialogs mit Vertretern einer Religion, die eine Vielzahl grundlegender Werte und Ideen europäischer Gesellschaften nicht anerkennen oder respektieren. Mit Vertretern, die sich in politischen Auseinandersetzungen widerspruchslos auf eine pauschale Zahl von Muslimen in Deutschland beziehen dürfen, wie das Auftreten auf dem Kirchentag belegt. Bei den säkularen Organisationen, mit vielfach Tausenden von Mitgliedern, wird der Bezug auf die Millionen Konfessionsloser dagegen nicht anerkannt.

Humanistische Lebensauffassung unter Konfessionslosen. Quelle: fowid

Und dabei gibt auch noch andere und sehr weit verbreitete Perspektiven als nur die religiöse Sicht der Welt. “Ich führe ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben frei von Religion und den Glauben an einen Gott, das auf ethischen und moralischen Grundüberzeugungen beruht”, meinten 2007 rund 21 Prozent der deutschen Bevölkerung in einer repräsentativen Umfrage von fowid. Und stimmten somit “voll und ganz” einem zentralen Grundkonsens einer humanistisch-religionsfreien Weltanschauung zu, wie er von Vertretern des HVD und  der Giordano Bruno Stiftung geteilt wird. Sogar 56 Prozent erklärten, dass sie diese Auffassung “überwiegend” teilen würden. Und unter den Konfessionslosen teilen drei von vier Menschen eine humanistische Lebensauffassung.

Im Februar 2010 stellte schließlich ein Verwaltungsgericht fest, dass sich die Ideen und Grundsätze des religionsfreien Humanismus in der Gesellschaft durchgesetzt hätten. “Die sämtlich gegen die christlichen Kirchen erstritten werden mussten”, wie Philipp Möller, Sprecher der Giordano Bruno Stiftung, betont. Aber ein Dialogangebot an die konfessionlosen Menschen mit humanistischer Weltanschauung steht bis heute aus, sowohl seitens der Kirchen wie auch der Politik. Und sogar eigene Konferenz der Politik mit einem anderen Teil des Landes, den etwa die rund 34 Prozent konfessionslosen Einwohner stellen, ist längst nicht in Aussicht.

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Kommentar

Wer das Verhalten von Politikern und Klerus beobachtet, welche selbst heute noch die bizarre Vorstellung teilen, die europäischen Gesellschaften basierten auf christlich-religiösen und nicht etwa aufklärerisch-humanistischen Werten und Traditionen, muss die Annäherungsversuche von Kirchen und Politik gegenüber dem organisierten Islam mit Bedauern betrachten. Denn der Leitsatz scheint dort zu lauten: Der Feind meines Feindes ist mein Freund.

Während religionskritische Analysen für die kommenden Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, die Möglichkeit globaler Konflikte zwischen den Gesellschaften mit sehr unterschiedlicher Religiösität ernsthaft in Erwägung ziehen, scheint die Vorstellung einer anderen Episode, als Vorereignis, ebenfalls nicht vollkommen absurd: Die “Reintegration” der religions- oder konfessionsfreien Menschen in die religiösen Strukturen, die auch immer noch Europa prägen.

Und während es Vertretern des Islam aus unterschiedlichsten Gründen gelingt, die Aufmerksamkeit auf ihre Interessen zu lenken und Integrationsleistungen zuerst als eine Pflicht des Staates und dessen Gesellschaft zu behaupten, sehen religionsfreie Menschen scheinbar keinen Handlungsbedarf um ihre Vorstellungen als Gegengewicht zu den kirchlichen Einflussnahmen einzubringen. Dabei ist die Freiheit von Religion, Säkularität oder die Durchsetzung einer kritisch-rationalen Vernunft anstelle einer religiös-dogmatischen Weltsicht nichts, das man als zwangsläufiges Prinzip menschlicher Gesellschaften bezeichnen könnte.

Das Interesse an einem Dialog mit den Interessenvertretungen religionsfreier Menschen scheitert nicht an der einheitlichen Werteposition ihrer grundlegendsten Ideen. Sie scheitert am mangelnden Bewusstsein religionsfreier Menschen um diese einheitliche Werteposition, sie scheitert am fehlenden Gruppenbewusstsein und sie scheitert auch an der Furcht von Angehörigen religiöser Organisationen gegenüber den Ideen eines religionsfreien, evolutionären Humanismus.

Man kann nun als Vertreter eines solchen gern weiterhin betonen wer Philosophie, Kunst und Wissenschaft besitzt, braucht keine Religion. Aber den Vertretern der Kirchen ist auch erlaubt, das Gegenteil zu behaupten. Und mit den selbstbewussten, lautstarken Freunden der muslimischen Gesellschaften an ihrer Seite – wer wird da wohl eher gehört?

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Diskussion - Bisher 3 Kommentare - Kommentar schreiben
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    Das gebetsmühlenartige Beklagen der leidigen Tatsache, dass Konfessionsfreie im politischen Geschäft nicht vorkommen, verbessert ihre Lage nicht. Sie sind zwar eine Menge Menschen, darunter viele Gläubige, aber kein Subjekt. Und dort, wo sie organisierte Subjekte innerhalb der Konfessionsfreien sind und gegen die „hinkende Trennung“ von Staat und Kirche mal eher laut, mal eher leise vorgehen, da sind sie unentschieden: Die einen wollen dazu beitragen, erste Gruppe, kirchliche Privilegien gänzlich abzuschaffen (dann stützen sie sich auf Art. 140 GG i.V.m. Art. 138 Abs. 1 WRV und das höchste an realistischen Forderungen, was ich hierzu gehört habe, ist eine Enquete-Kommission des Bundestages einsetzen zu lassen, um die Bedingungen dafür zu prüfen: wofür man ausreichend Parlamentarier gewinnen müsste); andere wollen die gleichen Privilegien, zweite Gruppe, wie sie Kirchen haben und nun Muslime scheibchenweise zu bekommen scheinen (dann stützen sie sich auf Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 7 WRV und arbeiten an einem praktischen Humanismus „von unten auf“ und einer eigenen handlungsfähigen politischen Spitze, wie sie die Krchen haben).
    Dieses zweite Konzept, für mich das bessere mit Erfolgschancen, geht wie alle neueren Grundgesetzkommentare davon aus, dass Weltanschauungen mit Religionen gleichgestellt sind, genauer: Religionsgesellschaften mit Weltanschauungsgemeinschaften. IBKA, gbs-Vereine, JWD und andere sind (jedenfalls bis jetzt) weltanschauliche Vereinigungen, auch Verbände, aber keine „Gemeinschaften“ im Sinne des Grundgesetzes. Dies ist (von einigen Freireligiösen, den Humanisten Württemberg u. a. einmal abgesehen) lediglich der HVD. Genau dies bringt ihn objektiv in eine wichtige und zugleich schwierige Rolle, die er bisher ungenügend wahrnimmt. Auf die Gründe und Folgen will ich hier nicht eingehen.
    Aber: Das im Artikel angeführte Bremer Urteil ist doch interessant, weil es sagt, dass der Humanismus eine eigene Weltanschauung ist, auch wenn er bereits die gesamte Gesellschaft und alle Bremer Schulen durchdringe (was wohl sehr übertrieben, aber meine Zukunftshoffnung ist). Es bleibt die Frage, was zeichnet dann diese Weltanschauung – diesen Humanismus – aus? Klar ist doch auch in der Logik des Gerichts – und deshalb legt der Bremer Senat ja Beschwerde ein, weil das strategische Folgen hat, die in Berlin und Nürnberg ja schon bescheiden zu besichtigen sind: Erfolge eines praktischen Humanismus verbunden mit politischen Fortschritten der Anerkennung von sich zum Humanismus bekennenden Menschen per Mitgliedschaft in oder Unterstützung, Indienstnahme usw. der Weltanschauungsgemeinschaft HVD.
    Weltanschauungen, das ist die zu begreifende Schwierigkeit bei engagierten Konfessionsfreien, sind aber per Definition eben nicht „konfessionsfrei“. Es sind Bekenntnisse, Normen, Wertvorstellungen usw.
    Um es an einem praktischen Beispiel vorzuführen, mit dem ich mich gerade beschäftige: Ordentlicher Ethikunterricht ist doch nicht konfessionsfrei, sondern sehr stark humanistisch, wenn in ihm Werte und Normen gelehrt werden – und eben nicht die „Zehn Gebote“ oder Koranvorschriften. Was unterscheidet also Humanistische Lebenskunde als Weltanschauungsunterricht des HVD von jedem Religionsunterricht auf der einen und von jedem Ethik-Unterricht auf der andren Seite? Was aber ist strukturell oder gar inhaltlich gleich? Wo also genügt „Humanismus light“ (wie es Michael Schmidt-Salomon mal formuliert hat) und wohin gehört ein bekennender Humanismus – und was sind seine Aussagen und Forderungen und welche davon kommen in welchen unserer Verbände vor und – dies vor allem – welche Strategie könnte im Interesse von Konfessionsfreien erfolgreich sein, den humanistisch bekennenden wie denen, die ihn nicht als Weltanschauung sehen, sondern in ihrem Kern nehmen, den Menschen- und Bürgerrechten. Besitz der Wahrheit allein genügt ebenso wenig wie Lamentieren.

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    Das heißt aber wohl kaum, dass Öffentlichkeitsarbeit, die wir hier betreiben, überflüssig wäre. Wie soll man Politiker und sonstwen überzeugen, wenn man es nicht versucht?

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    Der Weg, die Privilegien der Kirchen auch für Humanistische Gruppen in Anspruch zu nehmen, halte ich nun wieder für grundfalsch.
    Zum Einen wird es nie möglich sein, dies wirklich zu erreichen. Welche humanistische Gruppe hat denn noch die Chance, KdÖR zu werden? Daran sind nun mal einige Privilegien gebunden.
    Zum Anderen sind viele dieser Privilegien, z.B. die Befreiung vom Betriebsverfassungsgesetz, einfach grundfalsch und müssen abgeschafft werden.
    Zum Weiteren ist die Ausbreitung der Kirchenprivilegien für Staat und Kommunen überhaupt nicht finanzierbar. Das sind nur die wichtigsten Argumente, die mir auf die Schnelle einfallen.

    Um funtionierende Leitungsstrukturen zu schaffen sind nun, weiß Monster, keine Kirchenprivilegien nötig. Dazu reicht auch der e.V.

    Der HVD hilft mit seiner Taktik nur, den Kirchen ihre Privilegien zu halten und, wie gerade erst auf die Kritik von Philipp Möller zur unbedeutenden Selbstbeteiligung von Caritas und Diakonie an ihren Ausgaben, auf Gleichbehandlung zu verweisen. Ganz deutlich wurde da rübergebracht: Wir nehmen ja nur die gleichen Rechte wahr, wie auch der HVD und werden nicht mehr gefördert, als andere auch. Auch wenn das so nicht stimmt, es hilft in der Öffentlicheit einen völlig falschen Eindruck weiter aufrecht zu erhalten: den große Uneigennützigkeit und Unverzichtbarkeit der Kirchen im sozialen Bereich.

 
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