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Fünf Christen gegen einen Humanisten

Wieviel Kirche braucht das ZDF? Die Besetzung machts deutlich: Fünf Christen auf einen Humanisten. Andreas Lob-Hüdepohl, Gebhard Fürst, Nikolaus Schneider, Wolf von Lojewski, Humanist Philipp Möller, Karin von Welde und Thomas de Maizière (v.l.) Bild: ZDF

“Zwei Drittel aller Einwohner gehören den christlichen Kirchen an. Die Caritas ist der größte Arbeitgeber in Deutschland.” Drastische Lügen, die Innenminister und Christ Thomas de Maizière unwidersprochen zum Besten gab. Wahr ist: mit rund 4,5 Millionen Beschäftigen ist der öffentliche Dienst größter Arbeitgeber bundesweit und es gehören lange nicht mehr zwei Drittel der Einwohner einer christlichen Kirche an. Nur Fakten zählen nicht im ZDF, zur Zeit des Ökumenischen Kirchentages.

Wer bei der ZDF-Diskussion um die Grundsatzfrage “Wieviel Kirche braucht Deutschland?” am gestrigen Abend eine kritische Debatte erwartet hatte, wurde enttäuscht. Stattdessen wurde die Diskussionsrunde auf dem zweiten ökumenischen Kirchentag in München dominiert von Prahlerei über die angebliche Unverzichtbarkeit der christlichen Werte und Sozialdienste, sowie von oberflächlichen Vorschlägen über innerkirchlichen Reformbedarf. Der einzige Religionskritiker in der Runde, Referent der Giordano Bruno Stiftung und der Bus-Kampagne, Philipp Möller, durfte zwar einige wenige Impulse gegeben. Zu einer kontroversen Diskussion kam es jedoch zu keiner Zeit.

Die fünf christlichen Diskutanten hatten sich den CDU-farbig orangenen Schal des Kirchentags umgeworfen, so dass Möller sich nicht nur argumentativ, sondern auch rein optisch deutlich von den anderen unterschied. Der Moderator Wolf von Lojewski gab sich nach einer pompösen Einführungsansprache jede erdenkliche Mühe, kontroverse Diskussion im Keim zu ersticken. Er begann die Diskussionsrunde mit  zusammenhangslosen Interviewfragen an die Teilnehmer, wobei kein Raum für den Austausch von Argumenten gelassen wurde. Auch Fragen aus dem Publikum wurden gegen Mitte der Sendung nur sehr kurz als Tendenzen angeführt. Die meisten jener Fragen drehten sich um die Missbrauchsfälle, es gab aber auch ein großes Interesse an Philipp Möllers ketzerischer These, man könne Werte auch religionsfrei begründen .

Die beiden Kirchenmänner Bischof, Gebhard Fürst und EKD-Vorsitzender Nikolaus Schneider, berichteten ausgedehnt allerlei Trivialitäten, beispielsweise  über die „Zuverlässigkeit Gottes“ (Schneider) und die Bedeutsamkeit des Zölibats, den Fürst „nicht missen“ will. Minutenlang erklärt Bischof Fürst rührselig, dass er tausende Briefe an aus der Kirche Ausgetretene geschrieben haben will. Der Theologe Andreas Lob-Hüdepohl plädierte (wie alle anwesenden Theologen) für mehr Beteiligung von Laien an der Kirche, was beim Publikum gut ankam. Ansonsten war er mit noch mehr leeren Floskeln um sich als seine Kollegen und erklärte, der Glaube und das Vertauen in Gott mache Mut. Schließlich verkündete er stolz, dass er eine konfessionslose Dozentin an seiner Uni eingestellt hätte, die trotzdem loyal der Kirche gegenüber sei. Die protestantische Hamburger Kultursenatorin Karin von Welk verteidigte daraufhin das Christentum als direkte Grundlage für unsere abendländischen Werte wie Freiheit, Verantwortung, Solidarität und Toleranz. Nur die katholische Amtskirche müsse sich jedoch ändern und mehr Ökumene solle stattfinden.

Caritas und Diakonie seien essenzielle Stützen des Sozialsystems. „Die Kirche bleibt und das Christentum erst recht“, antwortete Bundesinnenminister Thomas de Maizière auf die Frage, ob er nicht in seinem Job in Religionsfragen neutral sein müsse. Wahr ist, dass kirchliche Einrichtungen in der Regel zu über 95 Prozent von Steuergeldern finanziert werden, häufig auch mehr. Die Frage, warum Kirchenmitarbeiter trotz dieser massiven Förderung durch staatliche Mittel weniger Rechte als gewöhnliche Angestellte hätten, wurde nicht in die Diskussion miteinbezogen. In Bezug auf die Missbrauchfälle sollten die Medien laut de Maizière  weniger „schadenfroh“ sein, sondern ihre Kritik mit „mehr Demut“ vortragen. Fundamentalkritik am Christentum sei ohnehin überflüssig.

Philipp Möller, Sprecher der Buskampagne und Giordano Bruno Stiftung. Foto: Evelin Frerk

Philipp Möller konterte, stets sachlich und prägnant: „Ethik ist ein Vertrag der unter Menschen geschlossen wird“. Er nannte schlicht „Menschlichkeit“ als Motivation ethischen Handelns. Religion sei Privatsache. Weiterhin  kritisierte Möller den „rechtsfreien Raum innerhalb des Rechtsstaates“, den sich die Kirchen zur Vertuschung der Missbrauchsfälle geschaffen hätten, sowie die „Zwangskonfessionalisierung“ von Angestellten in kirchlichen Tendenzbetrieben. Die von de Maizière und anderen umschwärmten Sozialdienste Caritas und Diakonie würden nur zu zwei Prozent von den Kirchen finanziert, den überwiegenden Teil trägt der Staat.

De Maizière übernahm die Leitung bei der Verteidigung  gegen Möllers Argumente. Er  meinte, andere Betriebe wie Zeitungen und Gewerkschaften seien doch auch Tendenzbetriebe.  Der EKD-Vorsitzende Schneider nannte die rechtlichen Privilegien der Kirche eine „Konsequenz aus den Erfahrungen der totalitären Zeit  in Westdeutschland“. Tatsachen wurden einfach umgekehrt und Zusammenhänge nicht erläutert.

Als Möller erklärte, eine Krankenschwester habe keinen Verkündigungsauftrag und könne als Muslimin oder Konfessionsfreie genauso gute Arbeit leisten, ging ein lautes Raunen durchs Publikum. Jenes hatte zuvor meist noch zögerlich für Möller geklatscht, insbesondere bei seiner Kritik an der Vertuschungspolitik der Kirche. Die beiden Geistlichen standen zwar zu, dass Atheisten auch human handeln können. Essenziell für die soziale Arbeit sei laut Bischof Müller aber die „Sensibilität für das Heilige“ im Menschen,  für welche nicht-kirchliche und damit durch-ökonomisierte Sozialdienste keinen Raum lassen würden.

Christlicher Schauprozess im Zweiten

Kommentar von Andreas Müller

Angekündigt waren drei Christen in einer Diskussion mit einem jungen Kirchenkritiker. Bekommen haben wir fünf Christen gegen einen. Und das vom ZDF, einen öffentlich-rechtlichen Sender, den  auch Atheisten mit ihren Rundfunkgebühren finanzieren.

Die kleine Privatarmee aus fünf geschulten Verteidigern des organisierten Wahnsinns hätte ebenso keine Chance gehabt gegen die Argumente eines einzelnen jungen Kirchenkritikers, schlussfolgerte das ZDF – wohl berechtigt. Also durfte Philipp Möller nur ein paar Sätze sagen, während die Kirchenvertreter – darunter der deutsche Innenminister Thomas de Maizière – ihre Lebensgeschichte erzählten.

So musste das ausgesehen haben, damals bei der Inquisition. Die einzig denkbare Steigerung zu diesem Schauprozess wäre es gewesen, Möller unter Folter zum Geständnis zu bewegen, dass der Atheismus wirklich an allen Übeln der Welt schuld ist.

Obwohl, doch: Das christliche Publikum hat einen Weg gefunden, wie es sich noch ein bisschen mehr wie eine stumpfsinnige Masse von Fanatikern aufführen könnte, ohne handgreiflich zu werden: Ein empörter Aufschrei ging durch die Schafsherde, als Philipp Möller sagte, dass atheistische und muslimische Krankenschwestern ihre Patienten ebenso gut behandeln wie Christen. Unerhört!

Dabei weiß doch jeder, dass Christen einer überlegenen Rasse angehören, deren Natur menschlicher ist als die menschliche Natur von Un- und Andersgläubigen. Die Empathie von Christen gegenüber ihren Artgenossen muss also höher sein als die vom dreckigen Rest. Nikolaus Schneider und Gebhard Fürst bestätigten in ihren ellenlangen Beiträgen noch einmal, dass Christen die lieberen Pfleger sind. Natürlich gibt es dafür überhaupt keine Belege.

Mitarbeiter in christlichen Krankenhäuser werden dank des „Dritten Weges“ zunehmend wie Dreck behandelt. Von Überstunden geplagte, unterbezahlte, unterdrückte und gedemütigte Krankenschwestern werden kaum besser arbeiten als alle anderen.

Die Giordano Bruno Stiftung setzt sich dafür ein, dass es öffentliche Hinrichtungen von Nicht-Christen im deutschen Fernsehen nicht mehr geben wird. Auch Ihr Engagement ist gefragt.

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Diskussion - Bisher 16 Kommentare - Kommentar schreiben
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    De Maizières Verlgeich von Zeitungen und Gerwerkschaften zu kirchlichen Arbeitgebern als ebengleiche Tedenzbetriebe ist ja, gelinde gesagt, dreist. Dass Zeitungen nicht vom Staat finanziert werden und Gewerkschaften genau die Arbeitnehmerrechte stärken, welche von kirchlichen Betrieben nicht gewährt werden (“Gott kann man nicht bestreiken”), ist eine mindestens so “banale Erkenntnis”, wie De Maizière im Bezug auf sein Argument meinte, wenn man von Arbeitnehmern verlangt nicht “gegen” ihren eigenen Betrieb zu sein. Klar, eine konfessionslose Krankenschwester in einer kirchlichen Einrichtung arbeitet grunsätzlich mit dem Ziel der Geschäftsschädigung.

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    Theoretisch hat Möller recht. Aber man erlebt immer wieder, dass christliche Mitarbeiter oft bescheidener, netter, weniger “großfressig” sind. Wie kommt das wohl, frage ich mich oft. Geben wir zu: Krankenschwestern, sind nicht unbedingt große Philosophen, die ihr Tun täglich hinterfragen. Auch christliche eigentlich nicht. Aber durch die häufigere Konfrontation mit moralischen Fragen (sonntägliche Predigten, Gebete, Gewissenserforschung, Singen etc.) sind sie irgendwie weicher, haben mehr Benehmen, ein offenes Ohr, sind näher dran am Leid der anderen. Kurz gesagt: bildungsferne Christen sind mir tausendmal lieber als bildungsferne Atheisten, letztere können ganz schön vulgär sein. Vielleicht ist es das, worauf die Christen in der Runde hinauswollten, dass “der Draht nach oben” den Menschen verändert, ((auch wenn es ein Draht ins Nichts ist, eine Illusion.))

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    religiöse sind von ihrem betbudenbetreiber genauso abhängig, wie ein fixer von seinem dealer

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    @monika ulbrich

    Haben Sie dazu auch eine Quelle? Oder beruht ihre Ansicht nur auf persönlicher Erfahrung?

    Denn meine sähe dann so aus, dass z.B. im Pflegebereich die wirklich hart arbeitenden, bescheidenen Pflegerinnen aus Osteuropa kommen und die deutschen meistens zu faul und langsam sind. Aber das ist natürlich auch nicht objektiv.

    (Davon abgesehen bezweifel ich doch, dass es gerade die Krankenschwestern und Pflegerinnen sind, die die sehr leeren Kirchen beim Gottesdienst füllen.)

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    Die Hilfsbereitschaft für fremde / kranke / alte Menschen halte ich auch nicht für naturgegeben. Für die eigene “Sippe” mag sie noch vorhanden sein. Darüber hinaus aber ist doch ein zusätzlicher Appell notwendig, der allerdings nicht gottbegründet sein muss. Für manch einen sinds die Worte der christlichen Nächstenliebe, für andere vielleicht der tägliche kluge Spruch vom Abreißkalender, die aufbauen, die pflegerische Arbeit einfühlsam zu erledigen. Leider kommt Aufbauendes von humanistischer Seite eher weniger, als ob man befürchtet zu religiös-sentimental zu werden. Motivieren ist aber eher Psychologie und nicht Religion.

 
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