
Bereits kurz nach dem Bekanntwerden des Rücktritts in Thüringen gab es eine Reaktion seitens der Bundesverbandsleitung.
Die Pressemitteilung des Humanistischen Verbandes Deutschlands verkündete “Neustart des HVD in Thüringen”, als nach einem Bericht von wissenrockt.de am Montag bekannt wurde, dass der Thüringer Landesvorsitzende Siegfried R. Krebs unter Äußerung massiver Kritik an den Verbandsspitzen sein Amt niedergelegt hatte. Nun schildert der stellvertretende Vorsitzende des HVD in Mecklenburg-Vorpommern seine Sicht zu den aufgeworfenen Kritikpunkten. Die Reaktion von Krebs empfindet er als “überzogen”.
Der amtierende Präsident des Bundesverbandes, Frieder Otto Wolf, drückte in der Meldung zuerst sein Bedauern über die Entscheidung von Krebs aus. Wolf nahm aber auch Bezug auf dessen Rücktrittsbegründung, in welcher der ehemalige Landesvorsitzende erklärt hatte, dass mit dem Rücktritt von Horst Groschopp offenbar geworden sei, “dass der HVD keine bundesweite Organisation ist und dass maßgebliche Kräfte dies auch nicht wollen.” Das wies HVD-Präsident Wolf zurück und meinte, wenn “unterstellt wird, die alten und großen Landesverbände des HVD wären nicht daran interessiert, den HVD als Bundesverband zu stärken, entspricht das nicht der Wahrheit.” Er bezeichnete diese Äußerungen als Angriff auf die “nachhaltige und nicht immer einfache Aufbauarbeit des HVD.”
Die Erklärung des Bundespräsidiums strich heraus, dass der Landesverband Thüringen als solcher nach dem Rücktritt nicht in Frage stünde. „Bisher spricht nichts dagegen, dass es weiter geht“, bestätigte auch Yvonne Lautenschläger, welche den Landesverband nun vertritt. Bei vielen Mitgliedern sei eine abwartende Stimmung wahrzunehmen. Sie betonte, dass die Lage von Besonnenheit geprägt ist und weist daraufhin, dass die weitere Diskussion Zeit in Anspruch nehmen wird.
Siegfried R. Krebs hatte bei seinem Austritt aus dem Deutschen Freidenker-Verband (DFV) Anfang 2008 ähnlich heftige Vorwürfe wie bei seinem Rücktritt in der letzten Woche geäußert. In den Auszügen aus seiner damaligen Rücktrittserklärung, die derzeit noch beim Humanistischen Pressedienst verfügbar ist, folgerte Krebs: “Der DFV ist daher als solcher dem Untergang geweiht.” In seiner letzten Erklärung nannte er den HVD eine “leere Fassade” – ein drastisches Urteil über das Engagement zahlloser ehrenamtlich tätiger HVD-Mitglieder.
Trotzdem werden auch in anderen Landesverbänden des HVD einige der von ihm genannten Probleme gesehen. Alexander Rabe ist stellvertretender Vorsitzender des HVD in Mecklenburg-Vorpommern und teilt Kritikpunkte, die Krebs in seinem Rücktritt angesprochen hatte. Die Reaktion von Siegfried R. Krebs empfindet er als “überzogen”.

Foto: privat
wissenrockt.de: Ist es wahr, dass maßgebliche Kreise einen Bundesverband nicht wirklich wollen?
Alexander Rabe: Bisher ist mir nichts davon bekannt.
wissenrockt.de: Wie erklärt sich dann der Vorwurf des ehemaligen Landesvorsitzenden in Thüringen?
Rabe: Das ist schwer zu beurteilen und mir im Augenblick nicht möglich. Vielleicht gibt es solche Tendenzen, aber es kann dann ja nicht die Mehrheit sein. Vor allem, weil die jungen Landesverbände für einen Bundesverband sind.
wissenrockt.de: Siegfried R. Krebs hatte noch vor rund drei Wochen im Interview kritisiert, der HVD sei zu schüchtern und müsse mehr politische Stellungnahmen veröffentlichen, um eindeutiger Stellung zu beziehen. Stimmt das?
Rabe: Der Bundesverband ist zu zurückhaltend. Wenn er in einem Jahr lediglich eine Handvoll Pressemitteilungen veröffentlicht, ist das ein bedauernswerter Zustand. Dabei gibt es gerade auf Bundesebene ständig Gelegenheiten, sich zu positionieren. Der Bundesverband greift auch oft nur Sachen auf, die in den Medien ohnehin schon behandelt wurden oder werden. Aber gerade bei solchen Äußerungen wie denen des Bundespräsidenten Horst Köhler, da sollte das HVD-Präsidium Stellung beziehen.
wissenrockt.de: Wie steht es um die innerverbandliche Transparenz?
Rabe: Die Kommunikation muss auf jeden Fall viel besser werden. Sowohl im Bundesverband wie auch seitens aller Landesverbände. Das funktioniert derzeit einfach nicht. Denn es kann nicht sein, dass einige Landesverbände nicht erfahren, wenn bestimmte Gremien tagen und was dabei heraus gekommen ist. Aber auch von den anderen Landesverbänden muss mehr Information kommen, damit wir uns vor Ort auf die Ideen dort einstellen können. Man könnte schließlich so besser zusammenarbeiten.
wissenrockt.de: Es wurde die Behauptung laut, dass die neuen Landesverbände nur Alibi-Verbände wären, um sich Bundesverband nennen zu können. Stimmt das?
Rabe: Ich glaube schon, dass die repräsentative Wirkung dem Bundesverband und den Landesverbänden nicht unwichtig ist. Aber ich bin überzeugt, dass der HVD auch aktive Landesverbände will. Damit dort vor Ort dadurch Angebote im Sinne eines praktischen Humanismus entstehen können.
wissenrockt.de: Wie ist es mit dem Vorwurf, dass der Bundesverband kleinere Landesverbände nicht unterstützen würde?
Rabe: In Mecklenburg-Vorpommern gab es im Bereich der Information sehr viel Hilfe, damit wir uns in die Themen einarbeiten können. Aber es muss auch Geld bereitgestellt werden, damit für die neu gegründeten Vereinigungen wenigstens die Grundausstattung für ein Büro vorhanden ist. Da sollte der Bund endlich Wege finden, um einige Mittel abzugeben. Und auch bei der Arbeit an der Einführung eines allgemeinverbindlichen Schulfaches Lebenskunde-Ethik-Religion wie hier in Mecklenburg-Vorpommern, brauchen wir diese Unterstützung, um öffentlichkeitswirksam aktiv zu werden. Ein Teil kann natürlich vom Landesverband bereit gestellt werden, aber der Rest muss eben vom Bundesverband kommen.
wissenrockt.de: Also fehlt vor allem die Unterstützung und politische Aktivität? Wo liegen die Gründe dafür?
Rabe: Ich nehme an, der Bundesverband weiß noch nicht, was er genau will, weil er sich noch in einem Findungsprozess befindet. An vielen Stellen ist nach meinem Gefühl auch der föderale Gedanke noch nicht angekommen. Und ein Grundsatz lautet dabei eben, dass der Starke den Schwachen hilft. Gerade mit Blick auf den Bundesverband können wir sagen: Nicht nur fordern, sondern bitte auch fördern. In jedem der oben angesprochenen Bereiche.
wissenrockt.de: Wie denn?
Rabe: Wir brauchen vor allem Menschen, die sich voll und ganz auf ihre Arbeit konzentrieren können. Es ist sehr schwierig, eine Stelle gut auszufüllen, wenn man gleichzeitig noch in zwei oder drei anderen Tätigkeiten engagiert ist. Das kann ein herausforderndes Berufsleben sein, unser amtierender Präsident Frieder Otto Wolf beispielsweise ist ja in erster Linie Lehrkraft an der Freien Universität Berlin. Das gilt aber auch für weitere Ämter, die man übernommen hat. Und das betrifft die Arbeit in den Landesverbänden genauso.
wissenrockt.de: Kann denn Verbandsarbeit kein Hobby sein?
Rabe: Wenn es wirklich um Leitungspositionen geht, dann ist das nicht möglich. Und es darf auch nicht als Hobby aufgefasst werden, wenn man wirklich etwas erreichen will. Ansonsten aber kann das natürlich ein Hobby sein, wenn man sich ehrenamtlich in einer Jugendgruppe oder in sozialen Einrichtungen engagiert. Verbandsarbeit ist sogar ein schönes Hobby, nur an einigen Stellen reicht das eben nicht aus.
wissenrockt.de: Und mit Blick auf den HVD, macht die Arbeit da Spaß?
Rabe: Ich bin davon überzeugt, dass die Ideen und Konzepte des HVD sehr gut sind. Und gerade weil sie qualitativ hochwertig sind, macht es Spaß die Konzepte umzusetzen oder daran zu arbeiten, dass die Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden. Aber er braucht als Interessenvertretung auch unbedingt mehr Selbstbewusstsein.
wissenrockt.de: Viel Selbstbewusstsein findet man bei der Giordano Bruno Stiftung. Wozu braucht es der HVD?
Rabe: Was dem HVD fehlt ist eine Leitung, die sich klarer positioniert. Wenn man versucht, in Stellungnahmen nur Allgemeinplätze zu bedienen, dann resultiert daraus kein klares Bild, von dem was der HVD ist und von dem was er will. Wir hatten gerade zwei Austritte hier im Land, die unter anderem damit begründet wurden.
wissenrockt.de: Wie soll man dabei das Verhältnis des HVD zur Giordano Bruno Stiftung sehen? Die sich ja häufiger klar positioniert, was auch nicht selten zu Kritik seitens der HVD-Vertreter führte.
Rabe: Die Giordano Bruno Stiftung ist gegenwärtig die Speerspitze in der öffentlichen Debatte hierzulande. Und sie ist wirklich großartig in dem was sie tut, gerade auch durch klare oder provokante Positionen. Und das kann der HVD teilweise gar nicht leisten, er hat in erster Linie noch andere Aufgaben und versteht sich nicht nur als Denkfabrik. Der HVD muss praktischen Humanismus verwirklichen.
wissenrockt.de: Wie sollte also das Verhältnis zwischen beiden Organisationen sein?
Rabe: Ich empfinde den HVD und die Giordano Bruno Stiftung nicht als konkurrierende Organisationen, sondern beide als hervorragende Komplementäre einer Sache. So, dass eigentlich das gesamte Spektrum für religionsfreie Menschen abgedeckt ist. Das geht von der knallharten Religionskritik über Humanismusdiskurse bis zur seelsorgerischen Unterstützung in existenziellen Fragen.
wissenrockt.de: Und eine Empfehlung an die Thüringer würde derzeit wie lauten?
Rabe: Dass niemand im Vorstand ernsthaft die Auflösung des Landesverbandes in Betracht zieht, auch wenn ein engagierter Vorsitzender natürlich nicht leicht zu ersetzen ist. Und die Thüringer Verbandsmitglieder sollten aber auch ganz klar darlegen, was sie selber erwarten. Und das betrifft eigentlich nicht nur Thüringen, sondern alle und besonders die kleinen Landesverbände. Ansonsten wünsche ich gerade den Thüringer Humanistinnen und Humanisten, aber auch allen anderen, viel besonnene Gelassenheit. Die Aufgaben, die noch vor uns liegen, muten vielleicht riesig an. Manche scheinen jetzt noch vielleicht sogar unüberwindbar. Aber gerade wenn man sich schon engagiert hat, sollte man nicht nur immer auf den Berg vor einem schauen. Sondern sich auch öfter mal das Stück ansehen, dass schon hinter einem liegt.















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