Im „Kirchenhasser-Brevier“ rechnet der Journalist Ulli Schauen mit den beiden christlichen Kirchen ab. Beleuchtet werden ihre Finanzen, ihre Kämpfe um die Schulen, die Beteiligung der Kirchen an der Abschiebung von Flüchtlingen, die Kirchen als Arbeitgeber und viele weitere Facetten der Kirchenrepublik Deutschland.
Das Buch kostet 8,95 Euro und erschien am 6. April 2010 beim Heyne-Verlag. Es richtet sich also an den Massenmarkt. Ironie der Geschichte: Der Heyne-Verlag gehört zu Random House und diese Verlagsgruppe befindet sich im Besitz der christlich-neoliberal ausgerichteten Bertelsmann AG – wobei die zugehörige Bertelsmann-Stiftung im Kirchenhasser-Brevier ausdrücklich für ihren Religionsmonitor kritisiert wird. Die Kirchen und ihre Unterstützer verdienen also sogar am Kirchenhass.
Kleine Zugeständnisse
Für den Massenmarkt wurden ein paar oberflächliche Zugeständnisse gemacht, die nicht ins Gewicht fallen: Der Untertitel lautet „Ein verlorener Sohn rechnet ab“ und auf dem Buchrücken steht der Hinweis, Schauen sei „Spross einer Pfarrersfamilie“, als handle es sich um Aussteiger-Literatur (die keinen guten Ruf hat). Das ist aber nicht der Fall! Schauens konsequente Kritik am eigenen Vater ist nur ein Nebenschauplatz und dient der Veranschaulichung von gesellschaftlich relevanten, faktenreich recherchierten Problemen mit den Kirchen.
Ein weiteres Zugeständnis ist die große Aufschrift „Gott, was machen deine Diener?“ auf dem Buchrücken, als wäre das Kirchenhasser-Brevier reine Insitutionskritik, die auch von einem Christen stammen könnte. Tatsächlich enthält das Buch auch Religionskritik, wie man sie in den aktuellen Werken der „Neuen Atheisten“ vorfindet. Das Christentum wird als heuchlerisch und spalterisch kritisiert. Schließlich bezeichnet sich Schauen am Anfang des Buches als Agnostiker, obwohl ich das Gefühl nicht loswerde, dass er ein Atheist ist. Das war es mit den Zugeständnissen und mehr gibt es an dem Buch auch nicht zu kritisieren. Ganz im Gegenteil.
Im Folgenden ein paar Einblicke in einzelne Themengebiete des Buches:
Den Seinen gibt’s der Herr vom Staat
Die Kirchen sind reich. Alleine 2008 erhielten die protestantischen Kirchen 4,6 Milliarden Euro, die katholischen Bistümer 5,1 Milliarden. Und wir reden hier nur von den Kirchensteuern, die in Deutschland der Staat eintreibt. Die evangelische Kirche hat obendrein die nette Angewohnheit, Jahrzehnte nach dem Kirchenaustritt bei den ehemaligen Mitgliedern einen Beweis für den Austritt zu verlangen – sonst müssen die Steuern nachgezahlt werden. Betroffene haben gegen diese Praxis schon 40 Prozesse geführt. Und alle verloren.
Und wofür nutzen die Kirchen die Beiträge ihrer freiwilligen Mitglieder und von denen, die für einen kirchlichen Sozialkonzern arbeiten und darum Mitglieder sein müssen? Jedenfalls nicht für kirchliche Altenheime und Krankenhäuser, die vollständig durch Staat und Sozialversicherungen finanziert werden. In manchen Bundesländern, darunter Bayern, werden sogar kirchliche Privatschulen bis zu 100 Prozent aus Steuermitteln finanziert. Die kirchlichen Kindergärten erhalten einen staatlichen Zuschuss von großzügigen 80 bis 100 Prozent. Kirchensteuern behalten die Kirchen beinahe vollständig für sich und ihren religiösen Betrieb. Würde der Staat die steuerliche Abzugsfähigkeit der Kirchensteuern einstellen, könnte er den Anteil der Kirchen am Gemeinwesen vollständig selbst finanzieren, wie Schauen errechnet hat (S. 22).
Aber das ist längst nicht alles, was der Steuerzahler den Kirchen schenkt. Er bezahlt die Gehälter von Religionslehrern, von Bischöfen wie Walter Mixa und für Militärseelsorge. Für alte Rechtstitel und Verträge von annu dazumal erhalten die Kirchen laut einer Schätzung von Carsten Frerk 400 bis 420 Millionen Euro von den Bundesländern. Nicht einbezogen sind die Zahlungen von womöglich Tausenden von Städten und Gemeinden jedes Jahr an die Kirchen. Beispielsweise, wie im Falle von Laudenbach, für Pfarrämter, die lange nicht mehr existieren.
Dazu kommen staatliche Zuschüsse für Kirchen-Events wie den katholischen Weltjugendtag in Köln, den die Stadt mit 1,5 Millionen Euro bezuschusste, von NRW gab es eine Million Euro und vom Bundesinnenministerium 7,5 Millionen Euro. Selbst die EU ließ sich nicht lumpen und zahlte 1,2 Millionen Euro obendrauf. Rechtfertigung der Staatsdiener: Werbeeffekt und Tourismus. Das atheistische Festival „Heidenspaß statt Höllenqual“ in München erhält keine Zuschüsse aus öffentlicher Hand. Muslime auch nicht. Beliebige private Großveranstaltungen erhalten auch keine.
Dazu kommen nette Serviceleistungen wie die Befreiung von Grundsteuer und privilegierten Zugriff der Kirchen auf soziale Aktionen vom Staat. Ulli Schauen nennt weitere Beispiele wie kirchliche Stiftungen und Verträge zwischen Kirchen und Ländern. Um die Bedeutung solcher Verträge zu veranschaulichen, vergleicht sie Schauen mit einem Vertrag zwischen der noch fiktiven muslimischen Zentralunion und einem Bundesland. Ein Auszug: „Die muslimische Zentralunion darf eigene Gesetze erklassen, Gebühren einziehen, eine eigene Gerichtsbarkeit für ihre Anliegen errichten. Die staatlichen Gerichte leisten Vollstreckungs- und Amtshilfe.“ Die Kirchen dürfen das alles bereits heute und irgendwann wird es sich nicht mehr rechtfertigen lassen, Muslime und Atheisten hier auszuschließen. Das wird teuer für den Steuerzahler. Oder man schafft die Kirchenprivilegien ab.
Schauen berichtet über die Hintergründe vieler der Zahlungen von Bund und Länder an die Kirchen und zeigt auf, warum sie nicht gerechtfertigt sind, darunter der Säkularisationsmythos von den bestohlenen Kirchen.
Abschiebung im Namen des Herrn
Ein eindrucksvolles Beispiel für die Verflechtung von Staat und Kirche gibt es laut Ulli Schauen in Nordrhein-Westfalen zu bestaunen (vgl. S. 60-69): Dort engagierte sich ein gewisser Hans Engel in der Synode der EKD. Er war zugleich Ministerialdirigent und für Ausländer zuständig. Landeskirchenrat der EKD war derweil Jörn-Erik Gutheil. Gutheil wollte das „Netzwerk Asyl in der Kirche“ loswerden, um selbst, zusammen mit Hans Engel, über Abschiebungen beraten zu können. Der Kirchenmann und der Staatsmann regierten quasi gemeinsam.
2009 war Gutheil, inzwischen pensioniert, für das Projekt „Abschiebebeobachtung“ verantwortlich, das von der evangelischen Landeskirche getragen und vom NRW-Innenministerium bezahlt wird: Ein Mitarbeiter begleitet Ausländer auf dem Düsseldorfer Flughafen, bis sie in die Maschine zurück ins Herkunftsland gesetzt werden. Geht es dabei nicht human zu, darf der Projektmitarbeiter das nicht an die Öffentlichkeit weitergeben, da sonst, so Gutheil, das Vertrauensverhältnis der Kirche zur Bundespolizei gestört werde.
Auf Bundesebene waren die Kirchen mit dafür verantwortlich, dass der Asylkompromiss von 1993 geschlossen wurde. Mit diesem Gesetz wurde das Asylrecht stark eingeschränkt. Wer aus einem „sicheren“ Land kommt, wird automatisch dorthin zurückgeschickt, auch wenn er dort gerade der Folter entkommen ist, wie manche Kurden aus der Türkei.
Die Kirchen und das Dritte Reich
Beide Kirchen haben mit den Nazis kooperiert, nur Einzelne protestierten, selbst das oft aus den falschen Gründen, etwa, weil sich Hitler nicht ans Reichskonkordat hielt, das der katholischen Kirche ihre Macht garantierte. Um hier nicht das ganze Buch zusammenzufassen, ein besonders eindrucksvoller Ausschnitt.
Das Stuttgarter Schuldbekenntnis vom Rat der evangelischen Kirche, das 1945 formuliert wurde, gilt heute als die große Lebensbeichte der evangelischen Kirchen. Darin wird aber keine Schuld an den Kooperationen mit den Nazis eingeräumt. Stattdessen heißt es darin: „Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruckt gefunden hat; aber wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“
Man vergleiche die Wortwahl mit der in einem Beitrag der Zeitschrift der „Bekennenden Kirche“ (von der die EKD “abstammen” will) zum Geburtstag Adolf Hitlers 1939: „Die Gestalt des Führers hat auch für die Kirche eine neue Verpflichtung heraufgeführt. Der Christ (…) vernimmt den Aufruf, im Alltag und am Sonntag treuer zu glauben, inniger zu lieben, stärker zu hoffen, fester zu bekennen.“ Im Oktober, nach dem Überfall Hitlers auf Polen, hieß es in der Zeitschrift: „Segne den Führer. Stärke alle, die im Dienst unseres Volkes stehen, in der Wehrmacht zu Lande, zu Wasser, und in der Luft und in allen anderen Aufgaben, die das Vaterland stellt.“
Beim Bremer Kirchentag 2009 sagte Kirchentagspräsidentin Elisabeth von Welck über den Kirchentagsgründer Reinhold von Thadden, der „kam aus der Tradition der Bekennenden Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus, die sich ja sehr explizit gegen den Nationalsozialismus gerichtet hat.“
„Segne den Führer“ aus Anlass von Hitlers Geburtstag und Polenüberfall – das war ja schon „sehr explizit“.
Fazit
Das Kirchenhasser-Brevier ist sehr gut geschrieben, sodass man es trotz der hohen Faktendichte auf rund 300 Seiten in kürzester Zeit durchlesen kann. Es ist für jeden geeignet, der sich über den Staats-Kirchen-Pakt in Deutschland und über die Machenschaften der Kirchen informieren möchte. Ulli Schauen belegt überzeugend und gut recherchiert, welche hohen Werte die Kirchen antreiben: Macht und Geld. Zum Buch gibt es eine empfehlenswerte Website, die sich aktuell mit kirchenkritischen Themen befasst.
Mehr Informationen: Kirchenhasser.de















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