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Köhler fordert Mission von Kirchen

Horst Köhler, höchster Repräsentant Deutschlands, hat eine Bitte an die christlichen Kirchen. Foto: Roosewelt Pinheiro / CC-BY-SA

Christen machen mobil. Während zum 2. Ökumenischen Kirchentag ein kostenlos verteiltes Buch erschien, in dem christliche Politiker beschreiben, wie Religion und der Glaube an einen Gott ihre Politik bestimmt, beziehen auch die international bedeutendsten Repräsentanten Deutschlands immer stärker Stellung für die Kirchen. Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzlerin Angela Merkel werben nun offen mit ihren religiösen Ideen. Widerspruch gab es dazu bisher kaum.

“Die Bibel ist das wichtigste Buch, das ich kenne.” Kann diese klare Empfehlung einer religiösen Schrift den Höhepunkt eindeutiger Werbung für die christliche Religion markieren, wenn sie von dem bedeutendsten Repräsentanten der Bundesrepublik Deutschland geäußert wird? Offensichtlich nicht, denn nachdem das deutsche Staatsoberhaupt, Bundespräsident Horst Köhler, im Dezember 2009 mit diesen starken Worten die Bibel empfahl, forderte er nach Medienberichten gestern die Kirchen dazu auf, sich stärker auf die kirchliche Mission zu konzentrieren. Er äußerte im Interview mit dem “Rheinischen Merkur” die Bitte an die christlichen Kirchen: “Kämpfen Sie um jeden Einzelnen.” So entschieden hatte sich wohl lange kein derart bedeutender Repräsentant der Bundesrepublik im Interesse des Missionsauftrags der Kirchen erklärt.

Nur was ist bedeutender: das Amt des Bundespräsidenten oder das der Bundeskanzlerin? Auch der Bundeskanzlerin kommt aufgrund ständiger Sichtbarkeit in den Medien und großer Kompetenzen ein ebenso hoher Grad repräsentativer Wirkung für die deutsche und internationale Öffentlichkeit zu – vielleicht sogar ein höherer. Und Angela Merkel verkündete nur einen Tag zuvor auf den Internetseiten der deutschen Bundesregierung:  “Die christliche Überzeugung muss im täglichen Leben immer wieder deutlich gemacht werden, bei all den Problemen, die uns begegnen.”

CDU/CSU: Keine Gleichbehandlung für Weltanschauungsgemeinschaften

Während in der Bundespolitik gegenwärtig bis aufs Äußerste um einen realistischen Kurs mit der Strategie in Afghanistan gerungen wird, fügte sie ihrer Botschaft hinzu: “Unsere Vorstellung vom christlichen Menschenbild, von der Würde des einzelnen Menschen, endet nicht an den Grenzen Deutschlands oder der Europäischen Union, sondern sie gilt weltweit.” Wie problematisch die Worte der Bundeskanzlerin sind, macht Philipp Möller, Sprecher der Giordano Bruno Stiftung, deutlich: “Frau Merkel nährt mit ihrer Aussage die Vermutung, der Einsatz deutscher Truppen in Afghanistan käme einem Kreuzzug des Christentums gleich.”

Scharfe Kritik äußert Möller an dem Vortrag der Bundeskanzlerin: “Sie missachtet den Umstand, dass beispielsweise Demokratie, Menschenrechte, Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie die Freiheit von Wissenschaft und Kunst sämtlich gegen Vertreter des Christentums erstritten werden mussten.” Für die Äußerungen Merkels und Köhlers hat er kaum noch Verständnis. “Sie werden der weltanschaulichen Neutralität unseres säkularen Staates nicht gerecht”, so Möller. Noch im vergangenen September, kurz nach ihrer Wiederwahl, erklärte Merkel: “Ich will die Kanzlerin aller Deutschen sein.” Während sie lediglich als Parteimitglied betrachtet werden kann, steht Bundespräsident Köhler für alle Deutschen. Und was “unsere Vorstellung” vom christlichen Menschenbild sei, verrät auch Angela Merkel in ihrer Ansprache auf den Internetseiten der deutschen Regierung nicht.

Über den deutschen Staatsoberhäuptern herrscht ein eifersüchtiger Gott

Wie steht die Partei, der Angela Merkel und Horst Köhler angehören, dazu? “Das Grundgesetz steht nach seiner Präambel unter der Überschrift einer ‘Verantwortung vor Gott und den Menschen’, und ist in seinem Grundrechtsteil an den Zehn Geboten ausgerichtet, wie auch unsere Verfassungs- und Gesellschaftsordnung im christlichen Menschenbild wurzelt”, lautete die Interpretation von CDU/CSU auf eine entsprechende Anfrage des Humanistischen Verbandes Deutschland zur Bundestagswahl 2009. Biblische zehn Gebote, in denen es heißt: “Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation.” Göttliche Rachsucht muss das spezifisch christliche sein, woran sich christliche Politiker orientieren wollen. Menschenrechte, Säkularität und Demokratie als grundlegende Prinzipien eines deutschen Staates sind es jedenfalls nicht, wie die Geschichte Europas belegt.

Der deutsche Staat, führten CDU/CSU weiter aus, hätte “die verschiedenen Weltanschauungsgemeinschaften nicht indifferent gleich zu behandeln.” Schließlich wird festgestellt, “die Organisationen der so genannten Konfessionsfreien sind nicht nur von Größe und Mitgliederzahlen her mit den großen Kirchen und Religionsgemeinschaften nicht vergleichbar”. Und trotz der zahlreichen Veröffentlichungen des Humanistischen Verbandes und der Giordano Bruno Stiftung zu religionsfreien und humanistischen Standpunkten, stünden diese nicht für eine “einheitliche Werteposition”. Deshalb seien diese Organisationen “als Ansprechpartner für die Politik ungeeignet”, so das vernichtende Urteil.

Horst Groschopp, damals HVD-Verbandspräsident, erklärte daraufhin: “Deutlicher hätten sie es nicht ausdrücken können. Offenbar sehen sich diese Parteien nicht nur als Kirchenlobbyisten, sondern sie versteigen sich sogar zu der Behauptung, das Grundgesetz orientiere sich an den Zehn Geboten.“ Dort heißt es aber auch, “du sollst neben mir keine anderen Götter haben.” Und obwohl nicht andere Götter, sondern ein verkrustetes und überholtes System religiöser Dogmatik und groteske Skandale um die Taten kirchlicher Funktionsträger die Gläubigen zu Tausenden aus den Kirchen fliehen lassen, erteilt der deutsche Bundespräsident den christlichen Kirchen einen Missionsbefehl.

Sie sind nicht mein Präsident, Herr Köhler

Ein Kommentar von Andreas Müller

Norbert Lammert, Wolfgang Schäuble und andere führende Politiker haben jüngst betont, die deutsche Bevölkerung bräuchte das Christentum. Nun legte die Staatsspitze in Form von Horst Köhler nach. Er fordert die Missionierung seiner gottlosen und falschgläubigen Untertanen.

„Meine Bitte an die christlichen Kirchen ist: Kämpfen Sie um jeden Einzelnen. Sie haben einen Auftrag von Gott, seine Botschaft zu vermitteln [...]“, sagte Horst Köhler, der auch von Atheisten bezahlt wird, laut  einem Interview mit dem Rheinischen Merkur.

Das deutsche Staatsoberhaupt ruft zwei Sekten dazu auf, unser Land zu übernehmen, indem sie die Deutschen zu ihrer Ideologie bekehren. Während tausende Opfer des kirchlichen Missbrauchs um Anerkennung kämpfen und die Kirchen leugnen, verharmlosen und vertuschen, betont der Bundespräsident, christliche Werte hätten „mehr als 2000 Jahre getragen“. Was muss noch passieren, damit Politiker einsehen, dass sie seit dem Reichskonkordat der katholischen Kirche mit Hitler, das weiterhin gilt, unentwegt Verträge mit zwei Organisationen abgeschlossen haben, die keine Kompetenz in moralischen Fragen besitzen?

Es ist die reinste Comedy aus Absurdistan: Horst Köhler erkennt mittels seiner übernatürlichen Fähigkeiten, wer einen Auftrag von Gott erhalten hat und wer nicht: „Sie haben einen Auftrag von Gott“, weiß er über die christlichen Kirchen. Und alle müssen das glauben, denn: „Wir brauchen diese Orientierung“. Auf Demonstrationen gegen George W. Bush wurden Schilder hochgehalten mit der Aufschrift: „Not My President“. Auch Sie sind nicht mein Präsident, Herr Köhler.

Angela Merkel sagte über den gesellschaftlichen Zusammenhalt, dieser sei ein „wahrhaft christlicher Auftrag“. Wir sind ja beide Fans von Monty Python. Nichts ist spalterischer als Religion, wie man seit dem 30-jährigen Krieg, den Konflikten in Nordirland, zwischen Indien und Pakistan, einfach überall in der Welt, als durchschnittlich gebildeter Mensch wissen müsste.

Am besten wäre es, jemand bestellt unseren politischen Führern eine schöne Limousine und fährt sie ins palmenreiche Saudi Arabien. Dort können sie erleben, wie eine Gesellschaft aussieht, in der Gott das Sagen hat. Hier in Deutschland dagegen herrscht die Freiheit. Es wird Zeit, dass auch unsere gewählten Repräsentanten das einmal anerkennen.

Mehr Informationen: Humanistischer Pressedient über die “Deutsche Christenrepublik”

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Diskussion - Bisher 14 Kommentare - Kommentar schreiben
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    Als ich diesen Bericht überflog fragte ich mich, welche Missionierung die großen Kirchen denn durchführen wollen. Etwa so wie Karl der Große der Andersgläubige mit dem Schwert bekehrte? Wenn sich eine Missionierung auf die Bibel beziehen sollte, inwiefern sind diese Kirchen nach zwei Weltkriegen, nach Millionen von Abtreibungen, nach Unterdrückung und Verbreitung der Heiligen Schrift durch Wort und Tat überhaupt imstande etwas zu vermitteln, dass sie selber nie praktiziert haben?

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    Interessant wirds beim Amtseid des Bundespräsidenten. In der Bibel steht ihr sollt nicht schwören. Vermutlich gibt es Bibeln für Politiker wo dieser Passus fehlt. Die Bundespräsidentedition quasi.

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    Artikel und Kommentar sprechen mir aus dem Herzen. Leider befürchte ich jedoch, dass unsere Kritik an den Äußerungen von Horst Köhler außerhalb “humanistischer” Kreise kaum wahrgenommen wird. Die meisten Personen in meinem Bekanntenkreis, die ich auf das Interview ansprach, stellten – so sie überhaupt davon gehört hatten – die darin vertretenen Positionen nicht in Frage.
    Auf der Website des Bundespräsidenten gibt es ein Gästebuch, in dem Bundesbürger sich mit Kommentaren direkt an ihn wenden können. Wenn sich hier eine ganze Reihe einschlägiger kritischer Kommentare ansammeln würden, könnte dies zumindest ein Denkanstoss für Horst Köhler sein.

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    Ich stelle mir grad den medialen Aufschrei vor, wenn Grandmasta Köhler ein Scientologe wäre. Und wenn er die Lüge verbreiten würde, dass Pressefreiheit, Gleichberechtigung und Toleranz scientologische Werte wären.

    Sind sie nicht.

    Christlich sind diese Werte aber ebensowenig.

    Nur darf man hierzulande ungestraft vergessen, dass alle geltenden Freiheiten mit viel Blut und Toten GEGEN sämtliche Kirchen durchgesetzt werden mussten.

    Für Holocaust-Leugnen kriegt man eins auf den Deckel. Für Inquisition-Nicht-Erwähnen kriegt man Applaus. Pfui!

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    Weltanschauliche Partnerschaft!

    Bisher habe ich zum Kirchentag folgende Gedanken und Wünsche:

    Damit mehr von der so sehr gewünschten Gemeinsamkeit entstehen kann, ist es unerlässlich, im Sinne der christlichen Nächstenliebe wirkliche Partnerschaft zu praktizieren, was praktisch bedeutet:
    1. Die katholische Kirche muss ihre arrogante Meinung zurückziehen, dass die evangelische Kirche eigentlich gar keine richtige Kirche sei – und sich aufrichtig für diese Diskriminierung entschuldigen!
    2. Die sicher sehr wünschenswerte Integration und Gemeinsamkeit mit dem Islam ist nur möglich, wenn Christentum und Islam auf ihrem extrem unpartnerschaftlichen Absolutheitsanspruch verzichten, jeweils die allein wahre und gültige Religion zu sein und als solche anerkannt zu werden.
    3. Die Forderung, in Zukunft statt “Christi Himmelfahrt” einen ökumenischen “Schöpfungstag” zu feiern, schließt die sehr vielen Menschen aus, die nicht an eine Schöpfung glauben. Daher ist es partnerschaftlich notwendig, einen weltanschauungsneutralen und wissenschaftlich fundierten “Tag der Evolution” zu schaffen, den alle(!) Menschen gemeinsam feiern können.

    Alle Menschen sollten sich gegenseitig in ihrer Suche nach Sinn auf gleicher Augenhöhe treffen und anerkennen:
    Katholiken und Protestanten, Christen und Muslime, religiöse wie nichtreligiöse Menschen!

 
Zuschauer
Schaufenster