“Mir ist klar geworden, wie viel Unheil und Leid die Religionen im Laufe der Jahrtausende über die Menschen gebracht haben und immer noch bringen. Damit meine ich nicht nur das viele Blutvergießen durch religiös motivierte Kriege, Inquisition, Folter, „Hexen“- und „Ketzer“-Verbrennungen usw., sondern auch die christliche Körperfeindlichkeit, Lustfeindlichkeit, Frauenfeindlichkeit, Intelligenzfeindlichkeit usw., durch die Unglück über die Menschen gebracht wird. Mit ihrem Gerede von irgendeinem „jenseitigen Leben“ verhindern die Religionen, dass sich die Menschen ausreichend um Glück bringende Verhältnisse im Diesseits bemühen”, urteilt ein Allgäuer Jurist.
Und eine 39-jährige Informatikerin aus Berlin empfiehlt schließlich: “Besonders den Gläubigen empfehle ich, sich mehr mit den Hintergründen ihres Glaubens ehrlich auseinander zu setzen. Sie können ja weiterhin an einen Gott glauben, wenn sie das Bedürfnis haben. Aber dieser Gott ist mit ziemlicher Sicherheit nicht der, den die Kirchen lehren.” Oder etwa der, von dem Politiker wie Wolfgang Schäuble und Norbert Lammert sprechen.
Politiker und ihr religiöser Wahn
Ein Kommentar von Andreas Müller
Der iranische Diktator Mahmud Ahmadinedschad rief seinen Anhängern zu: „Zweifelt nicht daran, alle Menschen sehnen sich nach einem islamischen Weltstaat, und dieser Staat wird bald kommen.“ Auch christliche Politiker in Deutschland scheinen genau zu wissen, wonach sich alle Menschen sehnen. In der Aufsatzsammlung „Damit ihr Hoffnung habt“ von der Konrad-Adenauer-Stiftung schreibt zum Beispiel der Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble laut dem evangelikalen Magazin pro: „Trotzdem brauchen wir Religion, weil religiöse Werte für unser individuelles und gemeinschaftliches Leben von Bedeutung sind und uns Orientierung geben“.
Keinen Führer keinen Gott
Gerne hätte Herr Schäuble sagen können, dass er Religion braucht. Dann wüsste ich zumindest, wen ich von meiner Kandidatenliste für die nächste Wahl streichen kann. Aber was er als Repräsentant der gesamtdeutschen Bevölkerung – die laut einer repräsentativen FORSA-Umfrage von 2007 zur Hälfte aus säkularen Humanisten besteht – nicht sagen kann, ist dass WIR Religion bräuchten. Ich brauche keine Religion, Herr Schäuble. Ich brauche Religion so sehr wie einen Schlag auf den Kopf oder wie den Nebel des Grauens, der mir bei lebendigem Leib die Haut abnagt. Wie kommen Sie dazu, darüber zu richten, wie die Weltanschauung der Bürger eines freien Landes auszusehen hat?
Weiter erklärt Herr Schäuble: „Dabei kommt es aus meiner Sicht entscheidend darauf an, dass wir Menschen wissen, dass wir mit unserem eigenen Leben und Tun in der Verantwortung vor einer Autorität stehen, die wir nicht selbst eingesetzt haben (…) Der Bezug auf Gott nötigt uns dazu, unsere eigenen Grenzen zu bedenken und zu respektieren.“ Für Herrn Schäuble ist es also von entscheidender Bedeutung, dass wir uns vor einer Autorität verantworten, die wir nicht eingesetzt haben – vor einem Diktator, mit anderen Worten. Und wer nicht vor dem unsichtbaren Diktator von Herrn Schäuble auf die Knie fällt, der ist nicht in der Lage, seine Grenzen zu bedenken und sie zu respektieren. Herr Schäuble dagegen ist sich vollauf bewusst über seine Grenzen, wie man daran erkennt, wie er seinen Glauben an einen allgegenwärtigen und allwissenden Diktator politisch umsetzt: Durch die Überwachung möglichst vieler Bürger.
Mich belügst du nicht
Norbert Lammert, der Präsident des Bundestages, warnt vor einer „Politisierung religiöser Überzeugungen“, heißt es bei pro, nur um sogleich seine religiösen Überzeugungen zu politisieren, wenn er schreibt, die christlichen Werte wären „wesentliche Quelle jener gemeinsamen Überzeugungen und Orientierungen unserer Gesellschaft, ohne die auch die Regeln dieser Gesellschaft und ihre gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auf Dauer keinen Bestand hätten“. Ich dachte immer, die wesentlichen Grundüberzeugungen unserer Gesellschaft wären Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit, die Werte der Aufklärung, die Werte der bürgerlichen Revolutionen des 18. Jahrhunderts, die Werte, die gegen das Christentum durchgesetzt werden mussten, indem man den Klerus politisch entmachtete und Staat und Kirche voneinander trennte. Ich dachte, die Begründer des modernen Staates wären Aufklärer wie Thomas Hobbes, John Locke und Baron de Montesquieu?
Aber ich will den Herren ja nicht Unrecht tun. Vielleicht folgen sie nur Montesquieus Erkenntnis: „Unbedingter Gehorsam setzt Unwissenheit bei den Gehorchenden voraus“. Und die Unwissenheit will ja gepflegt werden durch ständige Wiederholungen christlicher Lügen wie jener von der Bedeutung ihres Glaubens für die Grundlagen der freien Welt, die im Übrigen darum „frei“ heißt, weil sie befreit wurde von den Theokratien, die zuvor die Welt beherrschten.
Seelenfänger
Bundesinnenminister Thomas de Maizière stellt lapidar fest: „Die Kooperation zwischen Staat und Religionsgemeinschaften ist notwendig und erwünscht“. Nein, das ist sie nicht. Erwünscht ist es, Staat und Kirche mit einer gigantischen Axt auseinanderzuschlagen, damit wir niemals auch nur annähernd etwas zu tun haben mit theokratischen Regimen wie jenem im Iran oder wie jenen in der gesamten Welt vor dem vorrübergehenden Sieg der Aufklärung, den wir momentan noch genießen dürfen.
Wenn wir unsere Politiker weiterhin damit durchkommen lassen, dass sie ihre religiösen oder ideologischen Wahnideen als notwendige Überzeugung „ihrer“ Bürger darstellen, anstelle ihrem Job zu machen und uns das freie Streben nach Glück, ob mit oder ohne Glaube, zu garantieren, dann können wir uns bald auf einen bundesdeutschen Vorbeter freuen. Jeden Sonntag gibt es dann im Staatsfernsehen eine Predigt zu hören wie im Iran von Hojatoleslam Kazem Sedighi, der uns davon in Kenntnis setzt, dass unverdeckte weibliche Brüste Erdbeben auslösen. Wenigstens könnten wir dann einmal über unsere Politiker lachen, anstatt immer nur zu weinen und zu fluchen, wann immer sie ihren Mund aufmachen.















Also ich finde das Buch prima und schon lange notwendig. Es hat nur den falschen Titel.
Ich wäre für: Schwarzbuch der dt. Politik. :-)
Warum lassen Politiker in Sachen Religion ihren Geist zurück? Sie geben vor, von einer Sache überzeugt zu sein, von der sie definitiv nichts wissen, da sie nichts wissen können. Gibt es für solch ein Verhalten noch andere Erklärungen? Dazu zwei kurze Ausschnitte aus meinem Buch “Warum glaubst Du noch? – Lehren der christlichen Kirchen unter dem Gesichtspunkt der Logik”.
…..Ferner gibt es für ein religiöses Verhalten noch rein äußerliche Gründe. Einige Politiker etwa gehen gerne öffentlichkeitswirksam in die Kirche, um sich dabei ihren Wählern zu zeigen. Denn sie sind überzeugt, das wäre gut für ihr Image und damit für ihre Wiederwahl……
Sie vergessen dabei, dass Atheisten auch wählen dürfen.
…..Außerhalb religiöser Fragestellungen würde niemanden ein Standpunkt, der nur auf der Basis des Glaubens beruht, ernsthaft interessieren, er würde als völlig aus der Luft gegriffen zurückgewiesen werden……