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Politiker in christlicher Mission

“Für mich persönlich ist die Bibel das wichtigste Buch, das ich kenne.” Nicht erst seit der deutsche Bundespräsident Horst Köhler diese Worte im Dezember 2009 äußerte wird klar, wie Politiker zunehmend offener mit ihrem Glauben werben. “Damit ihr Hoffnung habt” heißt nun getreu dem Slogan des Ökumenischen Kirchentages 2010 eine demnächst erscheinende Aufsatzsammlung, in der prominente Politiker den Einfluss ihres Glaubens auf ihre Politik beschreiben.

Während schon SPD-Chef Frank-Walter Steinmeier in der “Pro Reli”-Kampagne der Kirchen gegen den Ethikunterricht in Berlin klar Stellung für die Interessen der christlichen Kirche bezogen hat, beschreiben in dem rund 250 starken Buch nun zahlreiche weitere politische Funktionsträger, welchen Einfluss ihr Glaube auf ihre Politik hat. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, Innenminister Thomas de Maizière und Familienministerin Kristina Schröder sind nur eine Auswahl, die in dem kostenlos verteilten Buch offenbaren, wie weit sie von einer naturalistischen und kritisch-rationalen Weltsicht entfernt sind. Glaube und Religion werden dabei konsequent vermischt und unkritische Leserinnen und Leser über die Wahrheit des C im Namen der beiden großen Kirchenparteien getäuscht.

Wolfgang Schäuble erklärt dort laut einer Meldung des christlichen Magazins “Pro”, dass für ihn der Bezug auf seinen Gott grundlegend sei. Er nennt es sein politisches Fundament. “Dabei kommt es aus meiner Sicht entscheidend darauf an, dass wir Menschen wissen, dass wir mit unserem eigenen Leben und Tun in der Verantwortung vor einer Autorität stehen, die wir nicht selbst eingesetzt haben.” Einer Autorität, die laut der christlichen Zehn Gebote erklärte: “Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation.”

Christliche Politiker haben entweder keine Ahnung von ihrer Religion – oder sie täuschen

Und für Norbert Lammert, Bundestagspräsident seien christliche Werte die “wesentliche Quelle jener gemeinsamen Überzeugungen und Orientierungen unserer Gesellschaft, ohne die auch die Regeln dieser Gesellschaft und ihre gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auf Dauer keinen Bestand hätten.” Eche christliche Werte sind tatsächlich die erst mühsam abgeschaffte Entrechtung der Frauen, die bis vor wenigen Jahrzehnten noch in zentralen Gesetzen festgeschrieben war. Zu echten christlichen Werte gehören weiterhin gewaltsame Kindererziehung und extreme Homophobie. So heißt es in der Bibel: “Und wenn ein Mann bei einem Mann liegt, wie man bei einer Frau liegt, dann haben beide eine Gräuel verübt. Sie müssen getötet werden, ihr Blut ist auf ihnen.” Und dabei sind es nur kleine Einblicke in die wahre Bedeutung des hohen “C” im Namen von Lammerts Partei.

Für was genau christliche Politiker mit samtweichen Wendungen und der für kritische Beobachter grotesk wirkenden Vereinnahmungen von zentralen Begriffen wie der Menschenwürde werben, ist eine christliche Gesellschaft in einer “entkirchtlichten” Postmoderne. Verraten wird dem unbefangenen Beobachter dabei jedoch nicht, zu welchen Folgen diese christliche Gesellschaften für Nicht-Christen führen. Über diese erfährt man mehr an anderer Stelle.

224 Seiten. Preis 8,95 Euro. ISBN 3499624737.

Schilderungen über andere Erfahrungen mit christlicher Religion

“Mein erster Schritt bestand darin, die Bibel zu lesen. Bis dahin kannte ich nur wenige, offensichtlich „gut“ ausgewählte Bibelstellen. Überrascht und erschrocken musste ich feststellen, dass der Gott der Nächstenliebe Eroberungskriege befiehlt, Frauen, Kinder und Greise erschlagen lässt, eine grausame Blutjustiz einfordert, die Ausrottung Andersgläubiger befiehlt usw. Selbst einem Heer von Interpretationsakrobaten kann es nicht gelingen, mir dieses Verhalten schön zu reden bzw. schön zu schreiben.” In dem Buch “Wozu brauche ich einen Gott? – Gespräche mit Abtrünnigen und Ungläubigen”  beschreibt ein einst christlicher Schulleiter, wie er die erste intensivere Auseinandersetzung mit den Grundlagen der christlichen Religion erlebte, als er sich zum ersten Mal darauf vorbereitete, den Religionsunterricht zu vertreten. In dem 2009 erschienen und rund 200 Seiten starken Buch der Sozialwissenschaftlerin Fiona Lorenz sind über 20 Berichte zusammengefasst, in denen sehr unterschiedliche Menschen ihre Erfahrungen mit christlicher Religiösität schildern.

So schreibt ein 16-jähriger Gymnasiast aus Duisburg: “Ein Beispiel für irreführenden Religionsunterricht werde ich aber wohl nie vergessen: Ich weiß nicht mehr, ob es in der 5., 6. oder sogar 7. Klasse war. Jedenfalls war unser Thema „Martin Luther“. Wir fertigten Mappen über ihn an, sprachen nur positiv über ihn und bewunderten nebenher den christlichen Glauben – von seinem Judenhass war nie die Rede. Als ich älter wurde, erfuhr ich schließlich, dass Martin Luther ein Antisemit war. Ich fand und finde es immer noch absolut manipulierend, Kinder zu belügen, indem man unangenehme Wahrheiten schlichtweg nicht erzählt.”

“Gott ist mit Sicherheit nicht der, den die Kirchen lehren”

Aber auch drastischere Schicksale werden in dem Buch wiedergegeben. So schildert eine Nachhilfelehrerin aus dem Münsterland ihr Leben nach einem Umzug nach Stadtlohn in Nordrhein-Westfalen: “Uns selbst ist mehrfach nicht nur damit gedroht worden, sondern es ist auch versucht worden, meine Selbstständigkeit als Nachhilfelehrerin zu unterbinden. Behördliche Genehmigungen wurden jahrelang verschleppt (man kennt sich eben), Nachbarn hielten Kunden an und berichteten, wir seien unmögliche Menschen, zu denen man seine Kinder besser nicht in die Nachhilfestunde bringe. Sie schickten uns mehrfach unbegründet das Jugendamt auf den Hals und bedeckten uns mit haltlosen Anzeigen bezüglich Kindesmisshandlung. Die Leiterin des Jugendamtes fand unsere Familie aber immerhin so ungefährlich, dass ihre eigene Tochter Nachhilfeunterricht von mir bekam. Meine Nachbarn ließen nichts aus, um uns zu diskreditieren und zu vertreiben.”

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Diskussion - Bisher 2 Kommentare - Kommentar schreiben
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    Also ich finde das Buch prima und schon lange notwendig. Es hat nur den falschen Titel.
    Ich wäre für: Schwarzbuch der dt. Politik. :-)

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    Warum lassen Politiker in Sachen Religion ihren Geist zurück? Sie geben vor, von einer Sache überzeugt zu sein, von der sie definitiv nichts wissen, da sie nichts wissen können. Gibt es für solch ein Verhalten noch andere Erklärungen? Dazu zwei kurze Ausschnitte aus meinem Buch “Warum glaubst Du noch? – Lehren der christlichen Kirchen unter dem Gesichtspunkt der Logik”.

    …..Ferner gibt es für ein religiöses Verhalten noch rein äußerliche Gründe. Einige Politiker etwa gehen gerne öffentlichkeitswirksam in die Kirche, um sich dabei ihren Wählern zu zeigen. Denn sie sind überzeugt, das wäre gut für ihr Image und damit für ihre Wiederwahl……

    Sie vergessen dabei, dass Atheisten auch wählen dürfen.

    …..Außerhalb religiöser Fragestellungen würde niemanden ein Standpunkt, der nur auf der Basis des Glaubens beruht, ernsthaft interessieren, er würde als völlig aus der Luft gegriffen zurückgewiesen werden……

 
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