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"Es ist auch sexy, Humanist zu sein"

Säkulare Medienmenschen: Carsten Frerk, Philipp Möller, Fiona Lorenz und Michael Schmidt-Salomon (v.l.) Foto: A. Platzek

Am vergangenen Wochenende trafen sich die Mitarbeiter des Humanistischen Pressedienstes hpd und Regionalgruppenvertreter der Giordano Bruno Stiftung am Stiftungssitz in Mastershausen. Die rund 30 Humanistinnen und Humanisten zogen ein Resümee der bisherigen Arbeit, tauschten Erfahrungen aus und entwickelten Ideen für die Aktivitäten im kommenden Jahr. Im Interview erklärt Michael Schmidt-Salomon, warum es nicht ausreicht, als Humanist gute Argumente zu haben.

"Anchorman" der gbs: Michael Schmidt-Salomon.

wissenrockt.de: Was ist das Fazit des Treffens der Regionalgruppenvertreter?
Michael Schmidt-Salomon: Zunächst ist es schön, zu sehen, dass auch in der gbs „alles in Evolution“ ist: es entstehen immer mehr Regionalgruppen, immer mehr Menschen engagieren sich vor Ort. Das finde ich sehr positiv. Schließlich vertreten wir kein zentralistisches Gesellschaftsbild, sondern eines, das auf Netzwerken und auf dem Engagement von Individuen aufbaut. Der Förderkreis umfasst mittlerweile über 2200 Menschen und viele davon bringen sich wirklich großartig in die Stiftung ein.

wissenrockt.de: Wie bringen sie sich denn ein?
Schmidt-Salomon: Zunächst einmal dadurch, dass sie unsere Arbeit mit finanziellen Beiträgen fördern. Die Stiftung ist ja nicht so reich, wie es die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” suggerierte. Die Formulierung das „Neue am neuen Atheismus“ sei „das Geld, das aus Mastershausen fließt“, war wirklich grotesk! In Wahrheit haben wir einen sehr kleinen Etat und der wird im Wesentlichen durch Spenden der Förderkreismitglieder aufgebracht. Das ist es aber nur ein Aspekt: Die Menschen bringen sich auch dadurch ein, dass sie Informationsstände in den Städten oder Veranstaltungen organisieren. Fotografen helfen uns, indem sie Bilder für uns schießen, Grafiker, indem sie Plakate entwerfen, IT-Spezialisten, indem sie uns bei technischen Dingen unter die Arme greifen. Ein schönes Beispiel war auch das Engagement des gbs-Mitglieds Walter Gontermann, der im letzten Jahr als erfahrener Schauspieler für uns in die Rolle des Charles Darwin schlüpfte. Wir haben da ein großes, kreatives Potential im Förderkreis, das künftig noch besser zur Geltung kommen sollte.

wissenrockt.de: Du sprachst vorhin von Ideen, die hier in der Evolution begriffen sind. Was sind nun die neuen Ziele und Pläne für das nächste Jahr?
Schmidt-Salomon: Wir werden natürlich auch dieses Jahr einige größere Veranstaltungen organisieren, etwa eine Veranstaltung mit Richard Dawkins im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr. Aber darüber haben wir an diesem Wochenende kaum gesprochen. Hier ging es vor allem um die Kommunikation innerhalb der Stiftung und ihrer Kooperationspartner. Dabei ist deutlich geworden, wie wichtig es ist, dass wir noch intensiver mit den Gruppen vor Ort zusammenarbeiten. Ideen und Einfälle, die in lokalen Gruppen entstehen, sollten auch anderen Gruppen zugute kommen. Wir werden daher versuchen, die einzelnen Regionalgruppen besser miteinander zu vernetzen und im Förderkreis der Stiftung eine effizientere, interne Kommunikation herzustellen. Das werden vor allem Philipp Möller und Robert Maier übernehmen, die nun als direkte Ansprechpartner des Förderkreises aktiv werden. Davon werden wir auch als Stiftung profitieren: Wir haben im Zuge der Heimkinder-Demo in Berlin festgestellt, wie wichtig es ist, dass es vor Ort Menschen gibt, die helfen und die Gegebenheiten kennen. So war es mit relativ bescheidenen Mitteln möglich in die Tagesschau oder die „heute“-Sendung zu kommen. Unsere „Prügelnonne vor dem Brandenburger Tor“ war sogar in Indien, Lateinamerika oder Russland zu sehen! Ohne die tolle Unterstützung der Evolutionären Humanisten in Berlin und Brandenburg hätte dies alles nicht funktioniert.

wissenrockt.de: In den vergangenen sechs Jahren ist der Förderkreis der Giordano Bruno Stiftung schnell gewachsen – es scheint also leicht voranzugehen. Woran kann das liegen und was braucht es, um sich als Humanist in einer Regionalgruppe zu engagieren?
Schmidt-Salomon: Zunächst einmal gibt es ein großes Bedürfnis der Menschen, sich einzubringen. Viele haben offenbar das Gefühl, dass es an der Zeit ist, dass eine säkulare Alternativ- und Gegenbewegung entsteht, die einigermaßen selbstbewusst nach Außen auftritt. Immerhin sind die konfessionsfreien Menschen mittlerweile die größte weltanschauliche Gruppierung in Deutschland, eine größere und auch weltanschaulich homogenere Gruppe als die Katholiken oder die Protestanten. Bislang gibt es jedoch keine Institution, die diese große Gruppe vertreten kann. Bis vor einigen Jahren haben viele darin noch gar kein Problem gesehen. Warum? Weil die Konfessionsfreien zwar eine Gruppe „an sich“ waren, aber eben noch keine Gruppe „für sich“, das heißt sie haben sich selbst lange Zeit nicht als eigenständige Gruppe verstanden. Das scheint sich im Moment zu ändern.
Daran ist die gbs sicherlich nicht unschuldig, denn durch unsere Kampagnen konnten wir die Anliegen der Konfessionsfreien in die Medien bringen. Wir haben deutlich gemacht, dass man sich für Aufklärung und Humanismus engagieren muss, dass die Werte und Errungenschaften der Moderne nicht für alle Zeiten gesichert sind. Ich habe den Eindruck, dass die Stiftung eine Art geistige Heimat für viele Menschen geworden ist, die sich den Werten von Humanismus und Aufklärung verpflichtet fühlen. Das merke ich nicht zuletzt bei meinen Vorträgen. Denn wo immer ich auch hinkomme, überall treffe ich Menschen, die Freunde und Förderer oder zumindest starke Sympathisanten der Stiftung sind.

wissenrockt.de: Also humanistische Werte, Aufklärung und eine kritisch-rationale Weltanschauung sind Dinge, die ständig neu erkämpft und erhalten werden müssen?
Schmidt-Salomon: Zweifellos. Doch der Kampf sollte kein Krampf werden. Wir sollten zwar bissig, aber keineswegs verbissen auftreten. Für viele werden wir erst dann interessant, wenn es heißt: Es ist nicht nur klug, sondern auch sexy, Humanist zu sein! Gerade als Vertreter einer evolutionären Weltanschauung sollte man das anerkennen. Es reicht eben nicht aus, gute Argumente zu haben, es sollte auch Spaß machen, sich zu ihnen zu bekennen.

wissenrockt.de: Also es scheint ganz klar vielen Menschen Spaß zu machen, wie man hier beobachten konnte. Was konkret muss man denn nun tun, wenn man selber aktiv werden will?
Schmidt-Salomon: Im gbs-Förderkreis ist man nicht verpflichtet, irgendeinen festen Beitrag zu leisten. Alle, die kein Geld haben, müssen auch nichts zahlen, sie unterstützen die Stiftung in ideeller Weise. Andere spenden dann dafür vielleicht etwas mehr, um die Aufwendungen zu decken und weitere Projekte zu realisieren. Für jeden, der die Ziele der Stiftung unterstützt, ist der Kreis der Freunde und Förderer der Giordano Bruno Stiftung offen. Man muss nur das Formular auf der Internetseite ausfüllen. Und wenn es vor Ort schon eine Regionalgruppe gibt, dann gibt es dort auch Ansprechpartner bei Veranstaltungen oder Stammtischen.

wissenrockt.de: Und wenn es keine Regionalgruppe gibt?
Schmidt-Salomon: Dann kann man eine gründen, wenn man möchte. Um andere gbs-Mitglieder aus der Umgebung zu finden, kann man sich an die Geschäftsführung in Mastershausen wenden. Außerdem findet man vielleicht im internen Forum der Stiftung Mitstreiter aus der eigenen Region.

wissenrockt.de: Spielen hier auch soziale Netzwerke im Internet eine Rolle?
Schmidt-Salomon: Wir werden die virtuellen sozialen Netzwerke in Zukunft stärker nutzen. Da wird sich einiges beim Relaunch unserer Website tun. Bisher sind wir noch nicht wirklich im Web 2.0 angekommen. Wir haben zwar eine Menge Portale erstellt wie Darwin-Jahr oder den hpd, aber uns zu wenig um unser eigenes Auftreten als Stiftung im Internet gekümmert.

wissenrockt.de: Welche Rolle spielt das Manifest des evolutionären Humanismus heute noch?
Schmidt-Salomon: Es ist ganz gewiss keine Bibel, an die sich jemand sklavisch halten muss. Es ist nur ein Vorschlag, ein Angebot, das sich zwangsläufig ändern wird. Wir haben bisher die zweite Auflage in erstaunlich hoher Menge immer wieder nachgedruckt, aber es wird irgendwann eine verbesserte, dritte Fassung geben. Dazu gibt es im internen Forum der gbs bereits zahlreiche Verbesserungsvorschläge.

wissenrockt.de: Was wünschst Du dir von den jungen, säkularen Humanistinnen und Humanisten, die es bisher gibt?
Schmidt-Salomon: Ob ich mir etwas wünsche, weiß ich gar nicht so genau. Aber ich erwarte von uns als Stiftung, dass wir mehr tun, um junge Menschen zu erreichen. Bisher hatten wir in vieler Hinsicht eine zu akademische Ansprache und das werden wir verändern. Erstaunlicherweise haben dennoch recht viele Studierende und auch einige Schülerinnen und Schüler den Weg zur Stiftung gefunden. Gerade durch den Streit um das Ferkelbuch, das Darwin-Jahr und die Buskampagne sind viele junge Leute zu uns gekommen, worüber ich mich sehr freue.

wissenrockt.de: Macht es zufrieden, dass die gbs so viele Menschen bewegt?
Schmidt-Salomon: Es ist immer schön, wenn sich etwas bewegt, aber ich gehöre nicht zu den rosaroten Optimisten, die felsenfest davon überzeugt sind, dass sich die Dinge zum Positiven hin ändern werden. Andererseits habe ich im Moment schon den Eindruck, dass wir langsam in der Gesellschaft ankommen. So haben wir als Stiftung einen nicht unerheblichen Beitrag dazu geleistet, dass das Problem des sexuellen Missbrauchs und der schwarzen Pädagogik in Heimen oder Internaten so stark thematisiert wird. Auch bei anderen Themen bin ich momentan optimistisch, dass unsere Position mehr Gehör in den Medien und der Politik finden. Ob das von Dauer ist, wird sich zeigen…

wissenrockt.de: Worauf freust du dich nun im nächsten halben Jahr am meisten?
Schmidt-Salomon: Auf die Fertigstellung meines nächsten Buchs! Das ist eines der Projekte, die an mich immer wieder herangetragen wurden: „Schreib doch mal etwas, das für viele Menschen verständlich ist und für das man keine Stapel an Lexika braucht, um es nachvollziehen zu können.“ Ich schreibe das Buch zusammen mit meiner 19-jährigen Tochter und da liegt nun eine ziemliche Menge Arbeit vor mir. Schreiben ist ein spannender Prozess und er macht auch Spaß, dennoch ist das Ganze immer auch eine Qual. Ich werde von diesem Sommer definitiv nicht viel mitbekommen, werde das Haus kaum verlassen können und manche Nächte durcharbeiten müssen. Deshalb freue ich mich jetzt schon auf den Moment, indem ich das verdammte Ding beim Verlag abgebe. Es ist wirklich schön, ein Buch schreiben zu dürfen, noch schöner ist es aber, es endlich hinter sich zu haben….

wissenrockt.de: Gibt es eigentlich einen Hype um deine Person?
Schmidt-Salomon: Ich weiß nicht. Manchmal ist der Rummel schon etwas seltsam. Mich erinnert das Phänomen an Michael Endes Kinderbuch „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“. Dort gibt es den Scheinriesen Herrn Tur Tur, der aus der Ferne unermesslich groß erscheint, doch je näher man heran kommt, desto kleiner ist er. Ich finde, das ist ein sehr treffendes Bild. All die großkopferten Professoren und großen Künstler sind natürlich auch bloß Menschen, die ihre Nöte im Leben haben und zusehen, wie sie die paar Jahre auf diesem blauen Planeten halbwegs vernünftig über die Runden bringen. Sie sind eigentlich völlig normal, nur aus der Entfernung wirken sie überdimensional groß. Wir neigen einfach dazu, fremde Menschen, die uns bewegen, unglaublich groß zu machen. Aber in Wirklichkeit sind auch sie bloß Trockennasenaffen wie du und ich.

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Diskussion - Bisher 7 Kommentare - Kommentar schreiben
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    Gibt es schon eine regionale Gruppe für Oldenburg?

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    Nein, aber wende dich an uns wenn Du eine gründen möchtest: p.moeller@giordano-bruno-stiftung.org

    Wahrscheinlich wäre es am besten, wenn ihr euch mit den Bremern zusammentut!

    Viele Grüße aus Berlin,

    Phil, gbs )))

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    In Oldenburg findet am 12.5.2010 um 19.00 Uhr der nächste Gesprächskreis im PFL statt. Wir Oldenburger Humanisten treffen uns dort einmal im Monat. Aus Bremen besuchen uns dort auch gbs Mitglieder.
    Letzes Jahr sprach dort auch M. Schmidt-Salomon vor ca. 100 Menschen.
    Wir Oldenburger und ich glaube auch die Bremer arbeiten gerne mit der gbs zusammen. Der Bericht aus Mastershausen ist sehr ermutigend.

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    Ich wäre gerne mitverantwortlich für eine Regionalgruppe Rostock und Umgebung!
    Werd mich mal bei dir melden.

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    Eine Regionalgruppe Schweiz ist in Gründung. Bei Interesse bitte bei Andreas Leber oder Patrik Eschle melden, z. B. über meine Mailadresse aleb2@web.de

 
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