
Siegfried R. Krebs (2. v. l.) mit dem aktuellen Vorstand des HVD Thüringen: Tobias Dietzel, Yvonne Lautenschläger und Frank Roßner (v.l.n.r.) Mit dabei: HVD-Bundesschatzmeister und Vorsitzender des HVD Nürnberg Helmut Fink (2. von rechts) Foto: A.Roßner
Siegfried R. Krebs (57) ist gebürtiger Mecklenburger aus Plau am See, lebt seit 27 Jahren in Thüringen und ist seit sechs Jahren in Weimar zu Hause. Der Kultur- und Theaterwissenschaftler ist seit 1992 als freier Journalist tätig und gehört den Redaktionen des Humanistischen Pressedienstes und des Verbandsmagazins “diesseits” des Humanistischen Verbandes Deutschland an. Seit 2008 vertritt er die Thüringer Humanisten im Vorstand des hiesigen Landesverbandes des HVD.

Foto: Evelin Frerk
wissenrockt.de: Herr Krebs, eine Frage ist eigentlich immer interessant: Wie sind Sie zum HVD gekommen?
Siegfried R. Krebs: Schon während des Studiums an der Humboldt-Universität bin ich in Lehrveranstaltungen bei Dr. Horst Groschopp mit dem Thema Freidenker in Berührung gekommen. Als der Freidenker-Verband in der DDR gegründet wurde, bin ich dort Mitglied geworden. Doch die Gruppe in meiner Region zerfiel in den Wendewirren bald. 2008 kam ich dann zwar mit dem Deutschen Freidenkerverband in Verbindung und wurde dort auch Mitglied. Doch ich stellte bald fest, dass dessen Bundesführung auf mich den Eindruck einer Polit-Sekte macht. So bin ich nach kurzer Zeit wieder ausgetreten. Schließlich kam ich im Sommer 2008 wieder mit Horst Groschopp, dem damaligen Präsidenten des HVD, in Kontakt. Da wir einander ja bereits aus Studienzeiten kannten, bestärkte er mich in meinem Vorhaben, den HVD in Thüringen zu gründen.
wissenrockt.de: Sie hatten damals nun einen einzigen weiteren Interessenten an Ihrer Seite. Wie ging es dann weiter?
Krebs: Wir hatten zunächst unterschiedliche Sichten. Horst Groschopp schlug den konventionellen Weg einer Gründung eines eingetragenen Vereins vor. Dafür waren jedoch sieben Gründungsmitglieder nötig, die wir damals noch nicht gefunden hatten. Also haben wir Thüringer uns für einen weniger bekannten Weg entschlossen. Denn bereits mit zwei Mitgliedern kann man einen sogenannten nichtrechtsfähigen Verein gründen. Das taten wir am 12. Oktober 2008 mit der Bildung einer Humanistischen Landesgemeinschaft. In der Woche darauf gingen wir dann auch schon mit einer eigenen Internetseite an die Öffentlichkeit. Ein Satzungsentwurf und eine Beitragsordnung waren relativ schnell erstellt, schon konnten wir mit eigenen „Papieren“ für uns werben. Zum Jahresende 2008 waren wir dann bereits neun Mitglieder und hatten auch bereits einen arbeitsfähigen Vorstand bilden können. Damit hatten wir eigentlich all die Unwägbarkeiten einer Gründungsversammlung eines eingetragenen Vereins vorweggenommen. Dank weiterer Zugänge waren wir bis März 2009 schon 13, so dass wir auf der zweiten Mitgliederversammlung die Umwandlung in einen eingetragenen Verein mit dem Namen HVD Thüringen beschließen konnten. Statt endlose Zeit mit Formalien zu vergeuden, wie leider bei solchen Versammlungen zu oft üblich, konnten wir uns da ganz auf Inhaltliches konzentrieren und gestärkt an die praktische Arbeit gehen. Zur Mitgliederversammlung im März dieses Jahres waren wir nun schon 32 Mitglieder.
wissenrockt.de: Das ist eine vergleichsweise schnelle Entwicklung. Warum hat der HVD in Thüringen so viel Zulauf?
Krebs: Vorab, vielleicht deshalb weil wir eine Gründung “von unten” sind. Einen entscheidenden Grund sehe ich in unserer intensiven Öffentlichkeitsarbeit, gerade über unsere Internetseite, den Humanistischen Pressedienst oder openPR. Aber wir sprechen auch Menschen einfach an und sagen ihnen, dass wir sie brauchen. Und wir sagen zu vielen Dingen unsere Meinung, gerade auch mit Blick auf das politische Alltagsgeschehen. Ich glaube, dass es viele Menschen anspricht, wenn sie feststellen “hier ist jemand, der für uns das Wort ergreift.” Für mich ist es von größter Wichtigkeit, sich als Interessenvertreter der Konfessionsfreien zu Wort zu melden. So steht es ja eigentlich im Humanistischen Selbstverständnis des HVD und in unseren Satzungen. Der HVD ist hier auf Bundesebene viel zu schüchtern. Wir Thüringer trauen uns Stellungnahmen zu und vielleicht haben wir gerade deshalb so viel Zulauf.
wissenrockt.de: Und wer ist nun das typische HVD-Mitglied in Thüringen?
Krebs: Das gibt es nicht. Wir sind ganz unterschiedliche Menschen. Auszubildende, Studenten, Arbeiter, Angestellte, Akademiker und Pensionäre oder Rentner finden sich bei uns wieder. Was mich besonders freut ist, dass über die Hälfte der Mitglieder bei uns Frauen sind. Unser Altersdurchschnitt liegt unter 50 und ich finde, das ist ein guter Schnitt.
wissenrockt.de: Trotzdem sind 32 Mitglieder auch für ein Bundesland wie Thüringen noch relativ wenig. Wie schaffen Sie es, in Kontakt zu bleiben?
Krebs: Also auf jeden Fall möchten wir kein solcher Versammlungsverein sein, der sich nur ein- oder zweimal im Jahr trifft. Deshalb haben wir schon 2009 ein Sommerfest veranstaltet, was wir zum Welthumanistentag auch in diesem Jahr wieder tun werden. Außerdem wollen wir zukünftig stärker mit Angeboten in die Öffentlichkeit treten, wie zum Beispiel in Form von öffentlichen Vorträgen oder Diskussionsabenden. Entscheidendes Kommunikationsmittel ist für uns alle das Internet. Bis auf ältere Mitglieder haben alle einen internetfähigen Computer, so dass wir alle untereinander per E-Mail korrespondieren können. Aktuelle Informationen und Nachrichten gibt es auf unserer gut gepflegten Homepage. Und nicht zuletzt gibt es auf der Homepage einen Mitgliederbereich mit verschiedenen Diskussionsforen. Aber das ist es nicht allein, wir halten durchaus auch persönlichen Kontakt und sei es nur übers Telefon.
wissenrockt.de: Aber Probleme gibt es doch sicherlich auch?
Krebs: Aber klar doch. Zuerst stellen wir fest, dass der HVD Thüringen einfach mehr Menschen bräuchte, um noch stärker aktiv zu werden und in die Öffentlichkeit zu treten. Unsere Mitgliedsbeiträge reichen zwar im Augenblick für das Notwendigste, aber mehr Unterstützung durch mehr Mitglieder wäre nötig, wenn wir noch stärker aktiv sein wollen. Hier wäre auch ein Länderfinanzausgleich innerhalb des HVD eine Sache, die uns helfen könnte. Wir hoffen darauf, dass so etwas kommt.
wissenrockt.de: Wofür wird das Geld denn benötigt?
Krebs: Geld wird an vielen Stellen benötigt. Nicht nur für die notwendigen Verwaltungsaufgaben eines gemeinnützigen Vereins. Seit diesem Jahr können wir auch eigene HVD-typische Angebote unterbreiten, wie Lebensabschnittsfeiern und Vorträge. Das muss beworben werden, da fallen auch Honorar- und Reisekosten an. Gerade Reisekosten innerhalb Thüringens finanzieren wir privat. Wenn wir wirklich vorankommen wollen, brauchen wir aber mindestens auch ein Büro, als Arbeitsplatz und feste Adresse um als Ansprechpartner da sein zu können. Nahezu die Hälfte unserer Einnahmen geht für die Beiträge an den Bundesverband und die Reisekosten für die jährliche Sitzung des Bundeshauptausschusses drauf. Mehr Mitglieder und vor allem ein Länderfinanzausgleich könnten hier wesentliche Erleichterung bringen. Es geht doch auch um Chancengleichheit im Bundesverband und demokratische Teilhabe an bundesweiten Sitzungen. Aus Geldmangel können wir nach wie vor an Arbeitskreistagungen und ähnlichen Veranstaltungen nicht teilnehmen. Obwohl wir sicherlich über all unseren Sachverstand einbringen könnten.
wissenrockt.de: Es gibt also noch viele Hürden zu meistern. Wie ist denn dabei die Stimmung in Thüringen?
Krebs: Wir sind natürlich alle weiterhin optimistisch, denn bisher hatten wir ja eine erfreuliche Entwicklung. Vor allem: es muss weiter gehen. Im Gegensatz zu anderen Landesverbänden mit 100-jähriger Tradition existiert unser Verband ja gerade mal erst zwei Jahre.
wissenrockt.de: Es soll weitergehen. Was sind da die dringendsten Anliegen aus Ihrer Sicht?
Krebs: Vor allem möchten unsere Mitglieder mehr vom Bundesverband hören. Wir bedauern es sehr, dass wir seit Monaten, seit dem Rücktritt Horst Groschopps, von dort nichts hören und lesen konnten. Es hat in der Zwischenzeit Anlässe genug gegeben, aber der HVD-Bundesverband schweigt, schweigt, schweigt. Und das verstehen wir hier in Thüringen nicht. Neben den oben angesprochenen Themen zu unserem Landesverband würden wir gern sehen, dass die weißen Flecken im Bundesgebiet verschwinden, so dass der HVD endlich in jedem Bundesland vertreten ist.
wissenrockt.de: Und wie soll das umgesetzt werden?
Krebs: Zum einen bräuchten wir einen gemeinsamen Fonds, um Neugründungen in den verbliebenen Bundesländern zu unterstützen und um neuen und kleinen Verbänden demokratische Teilhabe zu ermöglichen. Ganz wichtig: Wir brauchen unbedingt eine gut besetzte und täglich erreichbare Bundesgeschäftsstelle. Also eine richtige und professionelle Bundesgeschäftsführung unter Leitung eines in der Satzung vorgesehenen Generalsekretärs. Außerdem braucht der HVD eine eigene Medien-, Verlags- und Vertriebsgesellschaft. Hier müssten alle publizistischen Projekte von Bund und Ländern gebündelt werden, um endlich eine effiziente Öffentlichkeitsarbeit betreiben zu können; auch betriebswirtschaftlich effizient.
wissenrockt.de: Was ist Ihnen bisher eigentlich positiv in Erinnerung geblieben?
Krebs: Eigentlich habe ich viele gute Erinnerungen aus den vergangenen zwei Jahren. Als schön empfinde ich es auf jeden Fall, wenn mich auf der Straße Menschen auf unseren Verband ansprechen und man einfach so ins Gespräch kommt. Und mich freut besonders die große Resonanz von der Giordano Bruno Stiftung und dem Humanistischen Pressedienst. Wenn man Unterstützung, wie die Kostenübernahme für Vorträge von Carsten Frerk jetzt im März und Michael Schmidt-Salomon dann im September, erfährt, dann spürt man: Wir haben ein gemeinsames Ziel. Das freut mich sehr.
wissenrockt.de: Wenn Sie jetzt mit Blick auf die Verbandsarbeit einen Wunsch frei hätten…?
Krebs: Ich wünsche mir, dass es in Zukunft eine bessere Öffentlichkeitsarbeit des gesamten HVD gibt. Öffentlichkeitsarbeit ist doch heutzutage das A und O, wenn wir etwas erreichen wollen. Schließlich sind wir Teil der Gesellschaft, also müssen wir mit Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft umfassend kommunizieren. Das geht aber mit der gegenwärtigen Verfassung des HVD gar nicht…
wissenrockt.de: Was steht nun in Thüringen als nächstes an?
Krebs: Wie gesagt wird es wieder ein Sommerfest der Thüringer Humanisten geben und wir haben nun damit begonnen, erste öffentlichen Veranstaltungen außerhalb unserer Mitgliederversammlungen anzubieten. Die Angebote für Humanistische Feiern nannte ich bereits. Das Thema Patientenverfügung gehört übrigens bereits seit Verbandsgründung zu unserem Leistungsangebot. Erste soziale Projekte werden derzeit ausgelotet. Wichtigstes Vorhaben ist jedoch die Gründung einer Humanistischen Akademie Thüringen. Aber das alles braucht Zeit, Geld und vor allem Menschen, Mitstreiter. Wir sind deshalb selber noch gespannt, was da alles wohl kommen wird.
Mehr Informationen auf der Internetseite des HVD Thüringen: http://www.hvd-thueringen.de/















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