“The Tribulations of an African Humanist” by NORM R. ALLEN JR.
Leo Igwe ist der leitende Direktor des nigerianischen „Center for Inquiry“ und der dortigen Humanisten-Bewegung. Es fiele wohl schwer, irgendwo in der Welt einen humanistischen Aktivisten mit größerem Mut, größerer Entschlossenheit und Ausdauer zu finden. Bei mehr als einer Gelegenheit wurde Igwe physisch durch religiöse Extremisten angegriffen. Er wurde von Möchtegern-Banditen in Lagos, einer der gefährlichsten Städte der Welt, verfolgt, während er sich um ein Visum bewarb. Er stellte sich heldenhaft Homophobie, Sexismus, Theokratie, Frauenhass, Kindesmissbrauch, Wunderheilungen, Alternativmedizin, Pseudowissenschaften, der Genitalverstümmelung an Frauen und anderen schädlichen Ideen und Praktiken entgegen. Er hat mutig und ohne nennenswerte finanzielle Mittel dafür gekämpft, sich für humanistische Ideale und Skepsis im Widerstreit mit ungeprüften Behauptungen in ganz Afrika einzusetzen und diese zu fördern. Igwe ist nicht durch finanzielle Vorteile motiviert, vielmehr spornt ihn die positive Veränderung des Lebens für die Bewohner des afrikanischen Kontinents an.
Center for Inquiry (CFI, Zentrum für Untersuchung – ähnlich der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften GWUP) ist eine Non-Profit-Organisation mit Zentralen in den Vereinigten Staaten von Amerika, deren primäre Zielsetzung die Förderung und Verbreitung von Untersuchungen zu paranormalen und grenzwissenschaftlichen Thesen ist. Das CFI fühlt sich der Verbreitung und Verteidigung der Wissenschaft, Vernunft und freien Aufklärung in jeder Hinsicht verpflichtet.

Ein säkularer Humanist, auch unter widrigsten Umständen: Leo Igwe. Foto: privat
Im Mai 2009 initiierte Igwe eine Kampagne des „Center for Inquiry“ gegen Aberglauben in Accra, Ghana. An dem Ereignis nahmen Christen, Moslems, traditionelle Gläubige, Repräsentanten von Menschenrechtsorganisationen, Kinderrechtsaktivisten und andere teil. Später verbreitete er die Kampagne bis nach Malawi, Kenia, Nigeria und weitere Länder. Das „Center for Inquiry“ in Uganda beabsichtigt nun, die Kampagne aufzugreifen und sie jungen Menschen im ganzen Land vorzustellen. Das „Center for Inquiry“ in Senegal und Gruppen in anderen afrikanischen Staaten planen ebenfalls, sich zu beteiligen.
Im Mittelpunkt der Kampagne steht hauptsächlich der Glaube an die Hexerei und ihre Praxis. Igwe verficht dabei die Position, dass es nicht ausreichend ist, durch Bildung die Menschen davon abzubringen, vermeintliche Hexen zu bedrohen, zu stigmatisieren, zu verletzen oder gar zu töten. Auch dem Glauben an die Macht der Hexerei allgemein muss man entgegentreten.
Als Teil der Kampagne verstärkte Igwe seine Kritik an Nigerias berühmt-berüchtigter Hexenjägerin und Leiterin der „Liberty Gospel Church“, Helen Ukpabio. Mitglieder vom Ukpabios Kirche haben wiederholt ihre Zöglinge der Hexerei beschuldigt, aus denen psychologische und physische Verletzungen hervorgingen. Bei einer Konferenz über Hexerei und Kinderrechte am 29. Juli 2009 wurde Igwe von einer Bande aus rund 150 Mitgliedern der „Liberty Gospel Church“ angegriffen. Sie zerbrachen seine Brille und stahlen seine Kamera, sein Handy, seine Tasche und den Abdruck seiner Rede. Ukpabio versuchte, Igwe auf wahnwitzige 1,3 Milliarden US-Dollar für die vermeintliche Verletzung religiöser Überzeugungen zu verklagen, weil er diese lediglich in Frage gestellt und angeblich zwei Kirchenmitglieder gegen ihren Willen festgehalten hatte. Der Oberste Gerichtshof der nigerianischen Hafenstadt Calabar wies die die Klage ab.
So unglaublich es auch klingen mag, war das ein verhältnismäßig milder Konflikt für Igwe. Er versuchte auch, einen mutmaßlichen Vergewaltiger vor Gericht zu bringen. Dr. Edward Uwa, ein 55-jähriger Universitätsdozent wurde beschuldigt, die zehnjährige Daberechi Anongam missbraucht zu haben. Daraufhin bezichtigte ein Kollege Uwas, Ethelbert Ugwu, Igwe und seine Familienmitglieder des Mordes an einem Mann, dessen Totenschein AIDS als Sterbeursache ausweist. Ein Ergebnis des Vorwurfs war, dass Igwe und einige Familienmitglieder in Haft kamen, von der Polizei bedroht und von der staatlichen Sicherheitsbehörde ausgefragt wurden. Sie wurden ebenfalls der Verschwörung, des Mordes und versuchter Verdeckung von Mord angeklagt. Ugwu erschien jedoch wiederholt nicht auf der Polizeistation in Umuahia, um Zeugen zu präsentieren. Währenddessen zwangen für ihre Korruptheit berüchtigte Polizisten Igwe und seine Familienmitglieder, eine für nigerianische Verhältnisse exorbitante Summe an Bürgschaften aufzubringen.
Trotz dieser Probleme konzentriert sich Igwe weiterhin auf seine Ziele. Den Plan des „Center of Inquiry“ in Nigeria, den Darwin-Tag zu feiern, hat er nie aus den Augen verloren. Er schreibt und spricht immer noch für die Verteidigung humanistischer Ideale. Und hält die Förderung des Humanismus in einem Land, in dem es keine soziale, ökonomische oder juristische Gerechtigkeit gibt, weiterhin für schwierig.
In seinem Aufsatz „Humanismus und das Bestreben nach Gerechtigkeit für Afrika“ schreibt Igwe: „Gerechtigkeit, sagt man, ist die erste Bedingung für Humanität. Das bedeutet, dass Gerechtigkeit für eine menschliche Existenz und Koexistenz unbedingt geboten ist. Gerechtigkeit ist für jede Gesellschaft notwendig, um zu wachsen, sich zu entwickeln und zu gedeihen. Jede Bewegung, welche die Betrachtung des Menschen in den Vordergrund stellt, muss das Streben nach Gerechtigkeit – die Inthronisierung einer gerechten Gesellschaft – ernst nehmen.“
Im Besonderen afrikanische Amerikaner beklagen sich oft über polizeiliche Korruption und Brutalität – und sie tun es zu Recht. Korruption ist gerade in Afrika heimisch, zum größten Teil einer verzehrenden Armut geschuldet. Polizei und Militär quetschen gesetzestreue Bürger finanziell aus. Sicherheitsbehörden erwarten oft, von Bürgern bezahlt zu werden, bevor sie jemanden in Haft nehmen. Gerichtliche „Gerechtigkeit“ wird an den Meistbietenden verkauft. In einem Beitrag einer humanistischen Diskussionsgruppe schreibt Igwe: „In Fällen böswilliger Anschuldigungen verschwinden die Kläger normalerweise sobald die Verdächtigen inhaftiert, geschlagen, gequält und ihnen finanzielle Bürgschaften abgezwungen wurden. Die Kläger kehren zurück, sobald sie sich unter Druck gesetzt fühlen und bewegen die Polizei dazu, die Akte wieder zu eröffnen, neue Untersuchungsbeamte zu berufen, welche die Verdächtigen erneut vorladen und erneut inhaftieren. Diese böswilligen Anschuldigungen sind Verfahrensweisen, welche die Polizeikräfte dazu benutzen, um sich ein Einkommen zu verschaffen.“
Dies sind nicht exakt die gleichen sozialen Rahmenbedingungen, welche die sehr politische Rap-Gruppe „Public Enemy“ kritisierte, als sie ihre Fans 1989 anspornte, die Staatsmacht zu bekämpfen. Trotzdem glaubt Igwe, dass die Ungerechtigkeit nicht nur ein weißes Gesicht hat; er erkennt an, dass für Afrikas Probleme nicht nur die Weißen, der Westen, der Imperialismus und so weiter verantwortlich gemacht werden können. In „Humanismus und das Bestreben nach Gerechtigkeit für Afrika“ schreibt er: „Sicherlich sind Unrecht und Ungerechtigkeit vor und nach dem Kolonialismus vorhanden gewesen. Unrechte und ungerechte Handlungen fanden in Afrika zu jeder Zeit statt.“
Igwe ist ein ausdauernder Gegner des kulturellen Relativismus. Er legt an afrikanische Menschen denselben hohen Maßstab an, welchen er an jeden anderen anlegt. Er empfindet „den soften Rassismus der geringen Erwartungen“ beleidigend, auf den sich George W. Bush gegenüber dunkelhäutigen Menschen und anderen niedergedrückten Gruppen, bezogen hat.
Als ein Gegner des Unrechts und der Ungerechtigkeit in Nigeria ist Igwe nicht allein. Der vormalige nigerianische Musical-Superstar und soziale Aktivist Fela Kuti wurde mehrfach inhaftiert und protestierte oft gegen polizeiliche Brutalität und staatliche Unterdrückung. Der vormalige säkulare Humanist Tai Solarin wurde ins Gefängnis geworfen und kämpfte gegen die militärische Herrschaft. Der von der Internationalen Akademie für Humanismus geehrte Wole Soyinka, Kutis Cousin, widmete sein Leben dem Kampf gegen das Militärregime in Nigeria und der Forderung, dass die nigerianische Regierung menschliche Grundrechte anerkennt.
Angesichts dessen, wofür Igwe und andere afrikanische Humanisten eintreten, erscheint es traurig, dass so viele Humanisten in den USA immer noch Angst haben, aus der Deckung zu kommen. Es gibt Bestseller über Atheismus und Humanismus im Überfluss. Nichtreligiöse Websites und Diskussionsgruppen sind reichlich vorhanden. Die Nichtreligiösen in den USA haben nicht zu befürchten, dass sie von religiösen Fanatikern aufgrund ihrer Ansichten schikaniert, geschlagen, gefoltert und getötet werden. Viele afrikanische Humanisten würden es hervorragend finden, es so gut zu haben. Und doch weigern sich immer noch so viele amerikanische Ungläubige, aufzustehen und sich dazu zu zählen.
Igwe hat große Unterstützung in seiner Notlage von Humanisten in der ganzen Welt erhalten. Jede unterstützende Person und Organisation hat jedoch ihre finanziellen Begrenzungen. Igwe sieht sich einer überwältigenden finanziellen Belastung gegenüber und braucht auch in dieser Beziehung Hilfe. Noch wichtiger aber ist, was er in dem vorgenannten Aufsatz schreibt: “Humanisten müssen sich einbringen, ungerechte Institutionen, Bräuche und Traditionen zu ändern und heraus zu fordern. Humanisten müssen daran arbeiten, Mechanismen der Unterdrückung, Ausbeutung und Entmenschlichung in Afrika aufzudecken. Die humanistische Bewegung muss eine starke Lobby bei Regierungen bilden oder vermittels Petitionen bei internationalen Einrichtungen vorstellig werden, so dass diese gegen die Ungerechtigkeit agieren.”
Humanisten müssen in der Tat die ersten auf dem Wege sein, der zu einem universellen Maßstab der Gerechtigkeit für alle führt. Humanisten in den USA leben in einer Zeit, in der der Präsident ihre Existenz bestätigt und sie als Teil des Gemeinwesens begrüßt hat. Man könnte argumentieren, dass es nie vorher eine bessere Gelegenheit gegeben hat, ein säkularer Humanist zu sein.
Es hat viele ermutigende Entwicklungen in der ganzen Welt gegeben. Freidenker stellten in Italien das Anbringen von Kreuzen in öffentlichen Schulen in Frage und gewannen die Unterstützung vieler in der Europäischen Union. Menschen in Malawi lernten den säkularen Humanismus infolge einer Debatte mit George Thindwa von der Association of Secular Humanists in Malawi kennen, die auf dem nationalen Radiosender ausgestrahlt wurde. James A. Haught und andere berichten, dass Glauben überall in der Welt, einschließlich der angeblich so religiösen USA, schwächer wird (siehe Haught: “Fading Faith“, FI, Februar/März 2010).
Igwe möchte, dass Befürworter der Gerechtigkeit die nigerianischen Behörden an ihre Verantwortung erinnern, Gerechtigkeit für alle nigerianischen Bürger sicher zu stellen. Er möchte, dass die Vereinten Nationen, die Afrikanische Union, die Europäische Union und andere einflussreiche Institutionen hervortreten und Gerechtigkeit für alle in Nigeria fordern. In der Zwischenzeit wird er sich weiterhin in humanistischen Aktionen engagieren und alles tun was er nur kann, um diese Welt zu einem besseren Ort zu machen.
Originaltext: The Tribulations of an African Humanist, übersetzt von Arik Platzek (Deutschland) und Dr. Frank Berghaus (Tunesien)















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