
HVD-Schulen ja oder nein? Nach nur wenigen Tagen schon im Streit mit dem Humanistischen Verband: Mitglieder des Vorstandes des neuen IBKA-Landesverbandes Niedersachsen-Bremen bei der Gründung am 27. März 2010. Foto: IBKA
Hannover. “Wir werden die Anliegen des konfessionslosen Bevölkerungsanteils in den Bundesländern Niedersachsen und Bremen vertreten”, erklärte Hans-Jürgen Rosin vergangenen Samstag. Rosin, frisch gewählter Landessprecher des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA), meldete damit die Gründung eines neuen Landesverbandes Niedersachsen-Bremen. “In erster Linie sind wir Ansprechpartner zu den Themen Bildung, Kirchenaustrittsgebühr und Subventionen des Landes an die Religionsgemeinschaften”, fuhr er fort. Neben Rosin wurden fünf weitere Mitglieder in den neuen Landesvorstand der politischen Interessenvereinigung gewählt: Irene Nickel, Jens Stenzel, Andreas Dietz, Werner Gräsle und Dietmar Michalke.
Zu den konkreten Zielen erklärte Rosin, dass sich der neugebildete Landesverband gegen die Integrierte Gesamtschule in evangelisch-kirchlicher Trägerschaft in Wunstorf einsetzen werden. Zu weiteren politischen Engagements erklärte er, dass solche umgesetzt werden, “wie wir uns organisieren können.” Weitere Details konnte er noch nicht verraten.
Neben dem Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) in Niedersachsen und Bremen ist im Stadtstaat Bremen und dem Flächenland Niedersachsen nun eine weitere Organisation religionsfreier Menschen aktiv. Auf die Frage nach Gemeinsamkeiten mit dem HVD in Niedersachsen und Bremen erklärte Rosin: “Ich denke, dass wir viele gemeinsame Ziele haben.” Er erinnerte an das Engagement der Humanisten in Niedersachsen zur Einführung des Unterrichtsfaches “Werte und Normen” an niedersächsischen Schulen. Werte und Normen ist heute ein ordentliches Lehrfach an niedersächsischen allgemeinbildenden Schulen und Ersatzfach zum Religionsunterricht. Rosin betonte: “Das war ein wichtiger, richtiger Schritt in Richtung Trennung von Staat und Kirche.” Rosin meinte weiter, der neu gegründete IBKA würde sich freuen, mit den Landesverbänden des HVD zu einem Austausch zu kommen. Und dieser scheint auch dringend nötig.
Denn im Streit zwischen dem HVD Bremen und der dortigen Bildungssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) um die Zulassung einer Humanistischen Schule zeichnet sich ein erster Konflikt auch zwischen IBKA und HVD ab. Während der HVD Bremen in Zusammenarbeit mit dem Verein “Freie Schule Bremen” händeringend Unterstützung sucht, um die christliche Bildungssenatorin Bremens von ihrer Blockade einer Humanistischen Schule mit Hilfe einer Petition an die Bürgerschaft abzubringen versucht, machen derzeit IBKA-Mitglieder im Internetforum des Vereins “Freigeisterhaus” Stimmung gegen die Mitzeichnung der Petition. Ein IBKA-Mitglied des religionskritischen Arbeitskreises Wiesbaden erklärte dort: “Privatschulen fördern die Entwicklung von Parallelgesellschaften.” Und forderte wiederholt den Boykott der Petition. “Wer gegen Konfessionsschulen ist (…), sollte sich auch entschieden gegen private HVD-Schulen wehren. Auf diese Schulen gehen nur noch Kinder einer Weltanschauung. Darum: Nein zur HVD-Petition in Bremen.”
Eine unwahre Behauptung, denn der Besuch von Schulen in Trägerschaft des HVD ist nicht an ein Bekenntnis zum weltlichen Humanismus in Form einer Taufe oder Mitgliedschaft gebunden. Und im Gegensatz zu christlich-konfessionsgebundenen Schulen werden an Humanistischen Schulen Lehrkräfte beschäftigt, die nicht im HVD Mitglied sind. Erste Leser des Internetforums erklärten trotzdem, nach anfänglicher Sympathie mit dem Ziel des HVD die Petition doch nicht mitzeichnen zu wollen. Und auch Rudolf Ladwig, zweiter Vorsitzender des IBKA, bestätigt: “Wir sind für weltanschaulich neutrale Schulen und gegen konfessionelle Schulen. Die Trennung der Schüler nach Weltanschauung führt nicht zur Integration.”
Viel kritisches Potential, dass sich also derzeit zwischen dem neuen IBKA Landesverband und den teils sehr traditionsreichen Humanistischen Verbänden in Niedersachsen und Bremen zeigt. Hans-Jürgen Rosin meinte in seiner Stellungnahme gegenüber wissenrockt.de anlässlich der Verbandsgründung abschließend, “dass es sich sicher positiv auswirken würde, wenn die beiden Organisationen sich in unserem Bereich austauschen.” Und er hofft: “Ein solches Treffen würde sicher sehr fruchtbar sein.” Besonders diejenigen Menschen mit Mitgliedschaften sowohl im HVD wie auch beim IBKA dürften die Entwicklung dieses aktuellen Konflikts nun mit einiger Spannung verfolgen.
Mehr Informationen zu den Zielen und Positionen des IBKA: www.ibka.org

















Naja. Man darf gespannt auf die segensreichen Aktivitäten dieser Gruppe, die sicher den Nicht-Religiösen im Norden viele neue Rechte bescheren wird, wie z.B. das, keine Schule zu gründen. Keine Szene kann zu klein dafür sein, dass sie sich nicht in noch kleinere Sekten aufspalten liesse. Und wenn es nur zwei Konfessionsfreie gäbe – sie wären in zwei verschiedenen Organisationen, wetten? Salve te, Judäische Volksfront an der Waterkant! Und freue Dich, oh Christenheit – Deine Vorherrschaft wird noch lange währen.
Unter http://www.ibka.org/node/972 ist eine Richtigstellung des IBKA Landesverbandes Niedersachsen-Bremen zu der vorstehenden Berichterstattung veroeffentlicht.
Ich sehe das Geschehen um die Zulassung einer Humanistischen Schule in Bremen als Unbeteilgter ziemlich klar und weiß nicht, warum man da noch zynisch herum-eiern muss. Der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) hat folgendes richtig erkannt: IBKA, wie auch prinzipiell der Humanistische Verband (HVD) sind für Säkularität, für “weltanschaulich neutrale Schulen”, somit auch indirekt für Religionsunterricht raus aus den Schulen, stattdessen Ethik-Unterricht rein, Werte und Normen oder wenigstens religionskundlicher Unterricht auf den Unterrichtsplan, in welchem Bundesland auch immer oder in anderen Orten der Welt. IBKA unterstützt nicht die Flucht in die Parallelgesellschaft sprich “Privatschule” (wie Konfessionsschulen einiger Religionen oder der Esoterik, Waldorfschulen…).
Der HVD mischt da gern mit und wünscht in Bremen durch MitHilfe vom Verein “Freie Schule Bremen” und einer Petition, die Zulassung einer Humanistischen Schule zu bekommen. Ich frage mich, wie frei denn da alle agieren? Privatschulen werden z.T. gesponsert durch Steuergelder, die Ausbildungsstätten für Lehrer, z. T. deren Arbeitslohn und die staatliche Überwachung des Lehrplanes usw. Der HVD hat längst erkannt, dass die Trennung von Staat und KIrche nicht so schnell (wenn überhaupt) klappt und hat bereits in Berlin das Fach “Lebenskunde” eingeführt, was auch aus Steuergeldern mitfinanziert wird. Der HVD-Status “Körperschaft des Öffentlichen Rechts” ermöglicht staatliches Sponsoring. Steuergelder von Christen und anderer Religiösen finanzieren Humanisten oder Atheisten, diese finanzieren wiederum die Frommen und ihre Organisationen in dieser “Solidargemeinschaft”.
Wie sollte es de facto dann aussehen, wenn der HVD in Bremen den Zuschlag bekäme? Wäre der HVD der alleinige Vertreter für Schulkinder von Vätern und Müttern aller Konfessionsfreien, von Freigeistern, von Brights, von Giordano Bruno Stiftung-Fördermitgliedern, von IBKA-Mitgliedern? Wäre er einverstanden damit, dass Scientology, Bahai, Osho, ProChrist, die Zeugen Jehovas, Union progressiver Juden, Muslime, Ex-Muslime, Kalifatsstaat, Schiiten, Sunniten, Aleviten, Jesiden, Rosenkreuzer, Buddhisten oder Hinduisten das gleiche Recht beanspruchten und dann schließlich die staatliche Schule schließen müsste mangels Schülerzahlen? Gleiches Recht für alle, die auf dem Boden der Verfassung stehen, wobei nicht gesagt ist, dass alle vorher genannten treu demokratischen Grundsätzen folgen! Sagen wir nicht, die spielten keine Rollen, weil sie die Kinder/Schülerzahlen nicht hätten. Man sollte sich schon die Prognosen des Bevölkerungswachstums anschauen und damit die steigenden Zahlen einiger Religionsgruppierungen.
Ich unterstütze gedanklich IBKA! Alles andere in Richtung Privatisierung der Erziehung zieht einseitige Indoktrination der Schulkinder nach sich, wenn nicht direkt dann unterschwellig. Auch der HVD würde sich davon nicht freimachen können. Für mich gilt, den nicht-konfessionsgebundenen Unterricht zu befürworten: Ethik-Unterricht (oder Werte und Normen) ermöglicht dazu, dass durch Dialoge unter Schülern Pluralismus gefördert werden könnte, Andersgläubigkeit nicht durch darübersprechen sondern durch miteinanderreden rational erkannt würde, um Parallel- oder Abschottungsgesellschaften versuchen zu verhindern. Wie sagt Rudolf Ladwig, zweiter Vorsitzender des IBKA doch ganz richtig: “Die Trennung der Schüler nach Weltanschauung führt nicht zur Integration.” Ich wage umstritten zu erweitern: …..“auch nicht zu besseren PISA-Plätzen!”
Schön wär’s Alexander.
Allerdings kommt im Lehrplan WuN der Atheismus m.W. nicht vor. Die verschiedenen Religionsgemeinschaften werden besprochen und philosophische Standpunkte, die auch jahrhundertelang von Gottesvorstellungen nicht los kamen. Nichtgläubige Schüler können zwar ihre Ansichten in den Unterricht einfliessen lassen, aber wo sollen sie es denn gelernt haben gegen religiöse Thesen zu argumentieren? Das Elternhaus ist meist schlicht religionsfrei und nicht religionswissenschaftlich fundiert antireligiös.
Gut Marthel. Richtig. Wenn die Weltanschauung von Humanismus und Atheismus denn nicht im Lehrplan WuN vorkommt, schreiben wir doch Briefe, unterschreiben Petitionen solange, bis es vorkommt, wird wohl lange dauern. Und in der Schule kommt auch nicht die vor, die durch Grundgesetz und Neutralitätsverpflichtung schon lange garantiert sein sollte. Trotzdem setzen sich IBKA, GBS, HU und der HVD eigentlich auch wie viele andere ein für die Trennung. Wenn der HVD-Bremen den Zuschlag bekäme für die Errichtung einer humanistischen Schule, warum dann nicht auch Zuschlag für Privatschulen von “ProChrist”, Sekten oder Esoteriker, die sich heutzutage organisieren und übermorgen die notwendigen Schülerzahlen hätten?
Nein, IBKA überzeugt! Die Lehrer im Ethik-Unterricht (Werte und Normen) müssen so religions/weltanschaulich “pluralistisch” ausgebildet werden und schließlich so unterrichten, dass sie keinem Missionierungsauftrag irgendeiner Kirche oder Weltanschauung folgen im Unterricht. Privat können sie machen, was ihrer unantastbaren Würde entspricht. Die Schule ist auch Lernort für Lernzuwachs. Zu Marthel: Argumente gegen “religiöse Themen” und für eine religionsfreie Selbstbestimmung zu äußern, das können auch Schüler lernen, die aus einem religionsfreien Hause kommen. Wir haben keine Schule für diejenigen, die alles “können”, sondern für alle, die lernen sollen, z. B. mit Andersgläubigen und (weltanschaulich) Andersdenkenden sogar auf dem Schulhof friedlich und gewaltfrei sich als eine Schülerschaft und Gemeinschaft zu verstehen, einer Voraussetzung für eine funktionierende Gesellschaft. Gut, es sind ferne Ziele, aber akzeptable Ziele!
Warum haben wir nicht Allgemeinbildende Schulen wie etwa folgt?: Eine “regenbogenfarbene” (Zitat aus TV) deutsche Fussballnationalmannschaft war gerade super erfolgreich, eine … und nicht vier oder sieben National-Mannschaften: Es sind Fussballspieler aus unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlichem Glauben, Nicht-Glauben, Sitten und Gebräuchen, alle mit deutschem Pass! Wir waren immer schon eine Einwanderungsgesellschaft (früher: französische, prostestantische Hugenotten, holländische Mennoniten, katholische Polen..) – unterschiedlich kulturell, multireligiös und seit der Aufklärung z. T. konfessionsfrei – und können Parallelgesellschaften schlecht verkraften, wenn wir friedlich miteinander auskommen wollen. Zurück in die Religions-“Kleinstaaterei” – ja, der Vergleich stimmt nicht und kann kritisiert werden – mit privaten Konfessionsschulen oder humanistischen Schulen schadet dazu der Forderung nach Säkularität, nach Trennung von Staat und Kirche, nach Trennung von politisierter Religion oder politisierter Weltanschauung. Anders wäre es mit Privatschulen, die nicht die Religionstrennung als Grundsatz ihres Bestehens hätten wie z. B. internationale Schulen (französische, englische, kanadische, australische, japanische), deren Schüler später vielleicht wieder zurückgehen würden in ihre Herkunftsländer oder deren deutsche Schüler Sprache, Mentalität oder Landesbräuche kennenlernen wollten. IBKA argumentiert da schon vollkommen einsichtig.