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Der Religionskrieg in Nigeria

17. März 2010 01:52 4 comments Von der Redaktion

Beobachteten wir bei dem Massaker in Jos einen ökonomischen Konflikt oder einen Religionskrieg zwischen Christen und Muslime? Illustration: NASA / morguefile.com

Die Massaker um Jos (Nigeria) und ihr Widerhall in der deutschen Presse

Eine Analyse von Dr. Frank Berghaus. Mitarbeit: Leo Igwe, IHEU

Die Berichte über erneute Massaker in Nigeria begannen in der hier ausschließlich betrachteten deutschsprachigen Presse am 8. März 2010. Am 9. und 10. März liefern die Redaktionen „Begründungen“ für das Abschlachten nach, seit dem 11. März findet sich kaum noch ein die Hintergründe analysierender Text. Das Geschehene ist wohl zu weit weg – Westerwelles Südamerikareise mit seinen angeblich skandalösen Begleitumständen ist offenbar ein ergiebigeres Thema als 500 mit Messern und Macheten zerstückelte Frauen und Kinder.

Am Anfang stand der Verfassungsbruch

Nigeria ist ein föderaler demokratischer Staat mit je nach Schätzung zwischen 140 und 150 Millionen Einwohnern. Dieses bevölkerungsreichste Land Afrikas enthält ein buntes Gemisch verschiedener Ethnien und Religionen, wobei nach den Statistiken etwa 50 Prozent Christen, 40 Prozent Moslems und die verbliebenen Teile der Bevölkerung Anhänger von Naturreligionen (abwertend  Animisten) sind. Menschen ohne transzendentale Anwandlungen werden wie üblich nicht erfasst. Anders als etwa im Kongo oder in Ruanda lebten diese seit langer Zeit friedlich miteinander. Plateau, der Bundesstaat an der Grenze zwischen „islamischem Norden“ und „christlichem Süden“, in dem sich das jüngste Massaker abspielte, galt geradezu als Paradebeispiel für Toleranz und Harmonie. Was hat sich geändert, was ist geschehen, dass es zu einem solchen Ausbruch von Hass und Gewalt kommen konnte?

Leo Igwe, Humanist und Menschenrechtsaktivist der IHEU. Foto: privat

Da unsere deutsche Presse offensichtlich über keinerlei Hintergrundkenntnisse der Situation in Nigeria verfügt und allenfalls wie üblich so genannte „Experten“ zitiert, berufe ich mich in meinen Ausführungen auf die Analyse eines neutralen – weil humanistischen – Beobachters vor Ort: Leo Igwe hat mir einen ausführlichen Bericht zugesandt, der sich hier im englischen Original wiederfindet. Leo Igwe ist Regionaldirektor der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union (IHEU) für Westafrika und wohnt in Ibadan, Oyo State, Nigeria. Er ist Menschenrechtsaktivist und wurde wegen seiner Aktionen bereits mehrfach verhaftet. Deutsche Humanisten machen sich nur selten klar, wie einfach sie es doch haben, ihre Ideen in einem relativ säkularen Umfeld zu vertreten. In weniger aufgeklärten Ländern kann eine solche Tätigkeit für die Freiheit des Geistes bis hin zur physischen Bedrohung führen.

Im Jahr 1999 verabschiedete Nigeria nach westlichem Vorbild eine weitgehend liberale und laizistische Verfassung. In Absatz II, Kap. 10 heißt es:  „The Government of the Federation or of a state shall not adopt any religion as State Religion.” Das ist eindeutig und klar. Dessen ungeachtet erklärten die nördlichen „muslimischen“ Bundesländer noch im selben Jahr, dass für sie ab sofort die Scharia als Rechtsgrundlage gelte – ein eklatanter Verfassungsbruch, dem die schwache Zentralregierung in Abuja nichts entgegen zu setzen wusste. Eine Durchsetzung des verfassungsmäßigen Bundesrechts fand nicht statt.

Mit der Einführung der Scharia im Norden, die einer Unabhängigkeitserklärung vom Rest Nigerias gleichkommt, begannen die ersten „Säuberungen“. Betroffen waren alle Nicht-Muslime, also nicht etwa nur bestimmte Ethnien. Das muss deshalb so betont werden, weil sich damit jede Einordnung des Konflikts als „ethnische Auseinandersetzung“, so etwa die französische Tageszeitung „Le Monde“ vom 9. März 2010, verbietet. Es handelt sich also vielmehr um einen Religionskrieg.

Der Widerhall in der Presse

Schauen wir uns darauf hin die „Begründungen“ in der deutschen Online-Presse auszugsweise an: „Die Zeit“ titelt am 10. März 2010: „Vergeltung in Nigeria“ und zitiert einen „Experten“, der zu dem Schluss kommt, es handele sich um „politisch-ökonomische Konkurrenz verschiedener ethnischer Gruppen“. „Vergeltung“ rekurriert auf die Vorfälle im Januar 2010, als bei ähnlichen Auseinandersetzungen neben Christen auch einige Muslime ums Leben kamen. Weiter zurück als zwei Monate kann dieses Blatt offenbar nicht schauen. Nach „idea.de“, einer der Herrenhuther Brudergemeine nahe stehenden Publikation ist „der Kolonialismus […] schuld“ und die „Christen büßen für das jahrhundertealte Unrecht des Kolonialismus und das wirtschaftlich-moralische Zerrbild des westlichen Lebensstils“. Laut „Focus“ vom 8. März 2010 sieht der Vatikan in Person seines Sprechers Federico Lombardi „soziale Unruhen“, nicht etwa religiöse.

„Vergeltung für die religiös motivierte Gewalt in Jos“, der Hauptstadt des Bundesstaates Plateau, sieht  der „Spiegel“ am 8. März 2010 ähnlich wie auch „die Zeit“, gibt aber immerhin zu, dass die Religion der Auslöser für die Untaten war. Auch die „FAZ“ bestreitet am 8. März 2010 „religiöse Differenzen“ und schiebt alles auf den „Streit um die Landnutzung“ und weiter: „Ob militante Islamisten am Massaker beteiligt waren, ist noch unklar“.
Das Organ der fundamentalistischen Katholiken „kath.net“ zitiert am 10. März 2010 Bischof Kaigama aus Nigeria, der die Mörder als „Gruppe von Leuten – wir kennen ihre Identität nicht“ bezeichnet. Und „es wäre stark vereinfacht, wenn wir die Situation nur als Religionskrieg bezeichnen würden“.
Laut Deutschlandradio am 10. März 2010 ist der Klimawandel schuld, er zwinge die muslimischen Nomaden dazu, den Norden zu verlassen und in letzter Konsequenz christliche Siedler zu massakrieren.
Ahlu-sunna.de ist  eine Website, die offen für die Taliban Partei ergreift und den verhinderten Unterhosenbomber von Chicago als Märtyrer verehrt. Erwartungsgemäß wird die Gewalt gerechtfertigt, schließlich seien die  Christen als Überbleibsel des Kolonialismus „Fremde“, die als Bedrohung des Islam und seiner Freiheit vernichtet oder zumindest vertrieben gehören. Einzig die „TAZ“ erklärt am 9. März 2010 korrekt: „Religionskrieg neuer Qualität“ und vermutet nach dem Hilfsangebot von al-Qaida an die muslimischen Brüder, dass auf ihren Einfluss hin die Planung und Durchführung an Darfur erinnert.

Viele Begründungen – kein Lösungsansatz

Huntington sagt vorher, dass das 21. Jahrhundert vom „Clash of Civilizations“ geprägt sein werde. Ist dieser Ansatz falsch, könnten wir uns zufrieden noch einmal im Bett umdrehen und weiterschlafen. Es hat aber den Anschein, dass wir uns bereits mitten in der Auseinandersetzung befinden. Wir werden uns wohl daran gewöhnen müssen, dass wir noch häufiger mit Geschehnissen wie in Nigeria konfrontiert werden. Irgendwann werden dann Begründungen, die sich vom Kern der Sache entfernen (Klimawandel, Kolonialismus, sozial-ökonomische Spannungen) nicht mehr ausreichen, den „Clash“ zu umschreiben oder ihn formulatorisch zu umgehen.

Den Religionskrieg, und um einen solchen handelt es sich offensichtlich, haben sich die Religionen dabei selbst zuzuschreiben. Er liegt in der Natur ihrer Ideologien begründet. Wer wie Christen und Moslems – anders als etwa Juden oder Buddhisten – auf seinen Universalitätsanspruch pocht und glaubt, jeweils exklusiv im Besitz der allein seligmachenden Wahrheit zu sein, muss sich nicht wundern, wenn dieses Verhalten unüberwindlichen Hass produziert. Hass, der wie wir sehen, immer an der Grenze zur körperlichen Gewalt bis hin zur physischen Vernichtung des Gegners führt.

Religionen neigen dazu, ihre eigenen „Wahrheiten“ als verbindlich zu erklären, vor allem dann, wenn sie mit staatlicher Macht im Rücken operieren können. Verständnis oder gar Empathie für die Nichtüberzeugten ist dabei in der Praxis nicht vorgesehen. Seit ihrer Anerkennung als Staatsreligion im zerfallenden weströmischen Reich hat die römisch-katholische Kirche für mehr als 1000 Jahre diesen Anspruch mit allen Mitteln durchgesetzt. Erst die Aufklärung setzte dem Treiben ein Ende. Das Zähneknirschen über den Machtverlust ist aber vor allem bei Katholiken noch deutlich zu hören. Der Islam hat seine eigenen Ansätze zur Aufklärung, die lange vor der europäischen stattfanden, zurückgewiesen und als Gefahr für die reine Lehre gebannt.  Es bleibt die Aufgabe der Religionen, diese inhärente Gefahr des Religionskriegs im Dialog auszuschalten. Sonst wird Huntington unweigerlich Recht behalten.

Und wir Humanisten? Können wir zur Mäßigung beitragen? Es steht zu befürchten, dass unser Einfluss viel zu gering ist, und dass wir eher aufpassen müssen, bei dem stattfindenden Kampf nicht zwischen den Fronten zerrieben zu werden. Höchste Aufmerksamkeit ist allerdings geboten, wenn wir die bürgerlichen Freiheitsrechte gegen den Anspruch der Religionen stark und aufrecht verteidigen wollen.

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4 Kommentare

  • Frank Berghaus

    @andi
    Was Sie sagen ist völlig richtig – so wie Sie formulieren. “Universalitätsanspruch” bei Christen und Muslimen sagt aber mehr: er ist nach aussen gerichtet und will letztlich die ganze Welt missionieren. Juden (selbst die fanatischen) kennen aber weder Mission noch Jihad.

  • wieso wird hier unterstellt, juden hätten keinen universalitätsanspruch an ihre religion? gerade orthodoxe juden stehen dem fanatismus der anderen beiden monotheistischen weltreligionen doch in nichts nach. ich bitte um aufklärung

  • Das wird auch noch so weitergehen! Wer soll sie denn aufhalten?!

  • Frank Berghaus

    Soeben lese ich in “Le Monde”, dass es heute am frühen Morgen zu erneuten Massakern an christlichen Frauen und Kindern ca. 20 km südlich von Jos gekommen ist. Für diejenigen, die Französisch beherrschen hier die Quelle: http://www.lemonde.fr/afrique/article/2010/03/17/nigeria-un-nouveau-massacre-pres-de-jos_1320601_3212.html
    Meine Vorhersage, dass wir in Zukunft immer wieder von solchen Untaten im Namen der Religion hören werden, bewahrheitet sich schneller als ich gedacht habe.

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