Partner
hpd.de: humanistischer pressedienst
EVO-MAGAZIN. Die Website zur Erforschung des Menschen.
Anzeigen

Ein Verfassungsbruch im Kulturkampf?

16. März 2010 13:11 6 comments Von Arik Platzek

Rudolf Ladwig. Foto: Evelin Frerk.

Eine erste Stellungnahme zum vorläufigen Ergebnis der Auseinandersetzung um Kreuze in Gerichten hat nun Rudolf Ladwig, zweiter Vorsitzender des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA), abgegeben. Rudolf Ladwig sieht in der Entscheidung zugunsten eines Kreuzes im neuen Düsseldorfer Gericht einen Verfassungsbruch, der den Rechtsstaat beschädigt hat. Er erklärt ausführlich seine Interpretation in der Zielsetzung von kirchennahen Politikern und klerikalen Funktionären: die Unterminierung des Rechtsstaats und die Etablierung einer christlichen Naturrechtslehre.

Wir veröffentlichen angesichts der aktuellen Ereignisse die Stellungnahme in voller Länge.

Rudolf Ladwig: Evidenterweise haben Kruzifixe als eklatante Verletzung der weltanschaulichen Neutralität des Staates weiterhin nichts in staatlichen Gerichtsgebäuden verloren. All die das Gegenteil legitimieren sollenden Argumentationsattrappen sind völlig substanzlos. Das Grundgesetz fußt nicht auf einer Religion. Gesellschaftliche Mehrheitsfragen sind  gleichfalls irrelevant, sonst müssten ja in Berlin-Kreuzberg die Gerichtsgebäude unter dem Halbmond firmieren. Der aktuelle Vorgang hat zwei Ebenen.

Die Landesregierung hat den Verfassungsbruch erzwungen und den Rechtsstaat beschädigt. Der Vorgang zeigt, dass entweder die FDP in der Landesregierung nichts zu melden hat, oder ihre bürgerrechtliche Substanz sich inzwischen der Nullmarke nähert. Die CDU will im bestehenden Landtagswahlkampf NRW 2010 ihre klerikalkonservative Kernklientel bedienen. Kirchenlobbyisten in der CDU-geführten Landesregierung haben die Düsseldorfer Gerichtsverwaltung dazu genötigt, sich mit Kirchenvertretern zu treffen und diesen ein Kruzifix prominent im Gerichtsgebäude – aber nicht in Gerichtssälen  – “zuzugestehen”. Die gefundene ‘Lösung’ ist scheinbar raffiniert, da gegen ein Kruzifix im Gerichtssaal jeder Richter, Schöffe, Rechtsanwalt, oder Angeklagte erfolgreich Einspruch erheben könnte.  Aber wer wird sich dagegen verwahren, das Gerichtsgebäude generell unter das Kruzifix gezwungen zu sehen? Hinter all dem bemühten christlichen Kulturkampf um vereinnahmende Kreuzessymbolik steckt aber noch mehr.

Die moderne Rechtsauffassung geht davon aus, dass alle Normen des Rechts von Institutionen bzw. von dafür berechtigten Personen gesetzt werden und damit für die Rechtsgesellschaft Verbindlichkeit erlangen. In einem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat wird sein Fundament aus dem Gewohnheitsrecht abgeleitet und in parlamentarischen Entscheidungen der Legislative festgelegt sowie mit Methoden der Vertragstheorie abgesichert. Recht und Moral sind dabei getrennte Kategorien. So soll verhindert werden, dass geltendes Recht in religiös-weltanschauliche Abhängigkeit gerät.

Indem ein Gerichtsgebäude unter das Kruzifix gestellt wird, ist die zuvor skizzierte Grundlage des Rechtsstaates unterminiert. Denn es geht den christlichen Kulturkämpfern implizit um mehr, als nur das Kruzifix. Sie möchten klammheimlich die christliche Naturrechtslehre zur Grundlage des Rechts deklarieren, also einer christlich-scholastischen Ableitung des ‘Sollens’ (Moral) aus dem ‘Sein’. Beispiel: “Homosexualität sei ‘widernatürlich’. Was angesichts homosexueller Tiere nicht mal in so einer falschen  Binnenlogik triftig ist!

Es handelt sich bei der Naturrechtslehre um eine transzendente Vorstellung, der Natur seien Recht und Moral immanent (qua Schöpfergott). Daraus resultiert die idealistische Hoffnung, in der Natur – unter Ignoranz dessen, dass Natur ein System von Fressen und Gefressen werden ist – nicht nur ein Fundament für Rechtsnormen, sondern auch für ethische Normen finden zu können und damit folgerichtig die Annahme einer Zusammengehörigkeit von Recht und Moral abzuleiten. Dieser Fiktion fehlt jegliches Begründungsfundament und ist ein naturalistischer Fehlschluss, der direkt in das Münchhausen-Trilemma führt (bei dem Versuch einer Letztbegründung gibt es drei Alternativen: ein infiniter Regress, einen logischen Zirkel, oder Abbruch des Verfahrens. Da der erste unpraktikabel ist, der zweite einen Fehler enthält und der dritte eine dogmatische Setzung nach sich zieht, spricht Hans Albert von einem Trilemma).

Die Debatte könnte an Substanz gewinnen, wenn die Säkularen sich kritisch mit der christlichen Naturrechtslehre auseinandersetzen würden. Bislang scheint jedoch die problematische Grundlage des Denkansatzes der Gegenseite vielerorts nicht mal erkannt worden zu sein.

Mehr Informationen zur Frage eines “Rollbacks” der Aufklärung Benedikts Kreuzzug

Empfehlen

6 Kommentare

  • Ja! Wenn schon Kreuze, dann Klorollenhalter a la Titanic!

  • Kruzifixe auf dem Klo? Da bekommt der Begriff “Donnerbalken” eine ganz neue Bedeutung…

  • Mir tun solche Diskussionen weh: Es gibt so viele Orte, wo Kreuze hängen, wo sie nichts zu suchen haben! Traurig, dass da so ein harter Kampf geführt werden muss.

  • Lutz Martin

    Du willst diesen geheiligten Ort mit einem obszönen Symbol entweihen? SCHÄM DICH!

  • Angela Hörmann

    Schlimm, schlimm, wenn ein Folter- und Hinrichtungsgerät aus dem Alten Rom die Gerichtssäle in einem modernen Rechtsstaat “zieren” müssen.

  • Ursula Hollwedel

    Wenn im Gebäude unbedingt ein Kreuz hängen muss, wäre das Klo der passende Ort!

Einen Kommentar verfassen


Weitere Nachrichten

  • Aktuell Nachrichten Top-Themen Wissenschaft Hawking: Das Universum hat keinen Schöpfer

    Hawking: Das Universum hat keinen Schöpfer

    Das Universum hat keinen Schöpfer, denn dieser wäre überflüssig. Stephen Hawking stellt in seinem neuen Buch „The Grand Design“ klar, dass die moderne Physik keinen Raum für die Annahme einer übernatürlichen Macht übrig lässt. Auszüge des Buches wurden gestern erstmals den Medien zugänglich gemacht. Stephen Hawking erklärt darin, die Entstehung des Universums sei eine unausweichliche Konsequenz physikalischer Gesetzmäßigkeiten. Die Existenz eines Gottes anzunehmen, ist für die Erklärung der Welt “nicht erforderlich”.

    Weiterlesen →
  • Aktuell Kultur Top-Themen Theologe: Religionen schuld an Tiermissbrauch

    Theologe: Religionen schuld an Tiermissbrauch

    Der Theologe Eugen Drewermann vertrat auf dem Kirchentag „Mensch und Tier“ die Position, dass Umweltzerstörung und die alltägliche Grausamkeit gegenüber Tieren auf die jüdisch-christlichen Religionen zurückzuführen sei. Drewermann ist zudem überzeugt, dass auch Bevölkerungsexplosionen und viele Kriege auf das Konto der biblischen Ideologie gehen. Er sagte, es gebe kein „fataleres Gebot“ in der Bibel als die Aufforderung, sich die Erde untertan zu machen. Rund 1000 Menschen besuchten am Sonntag den Kirchentag in Dortmund.

    Weiterlesen →
  • Aktuell Gesellschaft Top-Themen “ProChrist” täuscht junge Menschen

    “ProChrist” täuscht junge Menschen

    Jesus Christus ist der Retter aller Menschen. Das erklärte Ulrich Parzany am Sonntag vor Hunderten junger Menschen. Parzany ist Chef der evangelikalen Missionierungskampagne „ProChrist“. Er widersprach auch klar der Auffassung, dass alle Religionen letztlich denselben Gott hätten. Parzany täuscht damit viele junge Menschen bei ihrer philosophischen Suche nach dem Verständnis der Welt. Aber mit seinen irrationalen Ideen ist der Theologe nicht allein, denn auch Bundespräsident Christian Wulff und viele weitere Persönlichkeiten sympathisieren stark mit den fundamentalistischen Ideen von „ProChrist“. Sogar das ZDF spielt mit.

    Weiterlesen →
  • Nachrichten Top-Themen Frank Schirrmacher: Sarrazins Konsequenz “fataler Irrweg”

    Frank Schirrmacher: Sarrazins Konsequenz “fataler Irrweg”

    Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, hat heute in einem ausführlichen Essay Stellung zur heftigen Debatte um Thilo Sarrazin und sein neues Buch veröffentlicht. Dieser sei „der Ghostwriter einer verängstigten Gesellschaft“, schreibt Schirrmacher. Sarrazins Thesen laufen zudem auf eine vollständige Neudefinition des Kulturbegriffs hinaus.

    Weiterlesen →
  • Aktuell Nachrichten Politik Top-Themen SPD-Laizisten: "Einfach nur auf der Höhe der Zeit"

    SPD-Laizisten: "Einfach nur auf der Höhe der Zeit"

    Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse witterte in ihrem Programm einen "kämpferischen Atheismus", der Thüringer SPD-Chef und Theologe Christoph Matschie beurteilte sie als in jeder Hinsicht überflüssig: die Laizisten in der SPD. Ein roter Teppich wurde den sozialdemokratischen Laizisten bisher jedenfalls nicht ausgerollt. Nils Opitz-Leifheit, Sprecher des künftigen Arbeitskreises, nahm im Interview zur Entwicklung in den letzten Wochen Stellung. Reaktionen von Kirchenangehörigen auf die Initiative bezeichnet er als "aggressiv".

    Weiterlesen →
  • Nachrichten Top-Themen Wissenschaft Religion von Ärzten: Wichtig am Lebensende

    Religion von Ärzten: Wichtig am Lebensende

    Todkranke Patienten sind gut beraten, sich über die religiösen Ansichten ihres Arztes zu informieren. Laut einer Studie wirken sich die religiösen Ansichten von Medizinern auf die Entscheidungen aus, welche das Lebensende ihrer Patienten beschleunigen könnten. Das medizinische Fachblatt “Journal of Medicin Ethics” berichtet, dass religiöse Mediziner seltener bereit sind, lebensverkürzende Maßnahme mit ihren Patienten zu diskutieren. Nichtreligiöse Ärzte sehen sich hingegen hier häufiger mit ethisch kontroversen Entscheidungen konfrontiert.

    Weiterlesen →
  • Gesellschaft Nachrichten Top-Themen Sarrazin und das Ende der Geduld

    Sarrazin und das Ende der Geduld

    Thilo Sarrazin empört mit seinem neuen Buch viele Menschen. Und viele bejubeln seine Feststellungen. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. So ist er im Augenblick wohl die umstrittenste Person in Deutschland. Zurecht. Doch vieles was Sarrazin schreibt ist nicht neu. Seine Polemik auch nicht. Aber das Entsetzen groß. Der Kampf der Kulturen lässt jedoch sich nicht dadurch meistern, dass man ihn leugnet. Und er steht mit seinen Analysen nicht allein. Beginnt nun die überfällige Debatte? Wer versucht, Sarrazin wieder zu integrieren?

    Weiterlesen →
  • Gesellschaft Titelthema Top-Themen Duisburg: Ein unfreiwilliges Plädoyer

    Duisburg: Ein unfreiwilliges Plädoyer

    Nach der Katastrophe auf der Duisburger Loveparade waren Interpreten der Ursachen und Hintergründe schnell gefunden. Das Unglück, bei dem mindestens 21 Menschen ihr Leben verloren, ist zweifelsohne durch menschliches Versagen verursacht worden. Religiöse Menschen fühlen sich bemüßigt und berufen, Überlegungen zur Theodizee, mit besonderem Blick auf die Toten der Loveparade, öffentlich anzustellen. Sie lieferten ein unfreiwilliges Plädoyer für den Laizismus.

    Weiterlesen →